04 – Die Seleukiden und die Ptolemäer

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Werner Rieß
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CC-BY-NC-SA

Griechische Geschichte III: Der Hellenismus

04 – Die Seleukiden und Ptolemäer

Ich möchte heute versuchen, die Reiche der Seleukiden und Ptolemäer in aller Kürze etwas zu charakterisieren. Bei den Seleukiden gibt es drei Kategorien von Untertanen:
1. Die Dynasten, hohe weltliche und geistliche Herren, die faktisch unabhängig sind.
2. Die griechischen Poleis (de facto sind sie relativ autonom, sie stehen außerhalb der Territorialverwaltung, ihr Verhältnis zum Reich regelt formal ein Vertrag).
3. Die Völkerschaften; nur sie unterstehen den Seleukiden direkt (durch Statthalter).
Alle drei Gruppen sind aber steuerpflichtig. Die Größe des Gesamtgebiets schwankte enorm zwischen 312, als Seleukos I. Baylon an sich riss und 129, als nur noch ein kleines Gebiet in Nordsyrien übrig war. Das Seleukidenreich zeichnet sich durch eine enorme Vielfalt an Völkern und Kulturen aus, ganz im Unterschied zum Reich der Antigoniden und Ägypten, wo nur zwei Kulturen aufeinander prallten. In Kleinasien lebten an den Küsten die Griechen in ihrer Poliskultur, im Zentrum die Kelten, mehr oder weniger in Clans organisiert. In Palästina lebten die Juden mit ihrer ganz eigenen, distinkten Kultur und Religion, im Süden die Araber; das Zweistromland war immer noch von den uralten Hochkulturen geprägt. Im Osten lebten iranische Reiternomaden, aber es gab auch vereinzelt griechische Neugründungen, die gewissermaßen isoliert im Niemandsland lagen.
Auch die Seleukdien regieren mit ihren philoi, Freunden, und einer griechisch-makedonischen Oberschicht. Zwei Generationen lang waren Einheimische ganz von Verwaltungsämtern ausgeschlossen, dann machen sie im Verwaltungspersonal nur 2,5% aus. Alexanders Idee einer Verschmelzung war von seinem direkten Umfeld wohl nie verstanden worden.
Das Seleukidenreich war in 25-30 Satrapien gegliedert, darunter gab es Hyparchien und Toparchien. Die Satrapen regierten wie kleine Könige. Den makedonischen kam die volle Militärgewalt zu, den einheimischen wurde ein makedonischer Militärbefehlshaber zur Seite gestellt (so in Babylonien, Kappadokien, Kilikien).
An der Spitze der Finanzverwaltung stand ein epi ton prosodon, ihm unterstanden Finanzfunktionäre in den Satrapien und deren Untergliederungen, also auch hier gab es ein großes Interesse am Füllen der Staatskasse, aber nicht so einheitlich und durchgeplant wie im Ptolemäerreich. Bei den Seleukiden gibt es einen Stellvertreter des Königs, einen Großwesir, epi ton pragmaton, also Geschäftsführer. Diese Struktur spiegelte sich auf der Ebene der Satrapien wieder. Der Satrap war also ziviles und militärisches Oberhaupt seiner Provinz und stand damit ganz in der Tradition des Achaimenidenreiches. Antiochos III. war dann der große Reorganisator, er stellte das gesamte Reich auf Strategien um. Der Stratege ist deren oberster Militär- u Zivilbefehlshaber. Ihm zur Seite steht ein Finanzminister, der dioiketes.
Die Könige hatten riesige Domänen, auf denen Scharen von „hörigen“ Bauern (laoi) und Sklaven (oiketai) arbeiteten, allerdings war die Sklaverei auf dem Land nicht weit verbreitet. Die laoi lebten in Dörfern und unterstanden manchmal einem Komarchen oder einem Grundherren, um dessen Wehrturm herum sie siedelten. Sie mussten dem Grundherren Abgaben und Dienste leisten. Bei einem Besitzwechsel der Ländereien gehörten sie einfach mit zum Inventar, selbst wenn sie schon weggezogen waren. Den Verpflichtungen am alten Wohnort war aber immer noch nachzukommen.
Aus inschriftlich erhaltenen Briefen wissen wir, dass es verschiedene Rechte an Grundstücken gab: Privateigentum, Erbpacht, Schenkungen vom König. Offenbar gab es viele Formen und Möglichkeiten des Grundbesitzes. Der Seleukidenkönig wuchs hier in die gewachsenen orientalischen Strukturen hinein, d.h. theoretisch gehört alles Land ihm, weil speergewonnen, aber faktisch kann er dann doch Land in unterschiedlicher Art und Weise vergeben. Letztendlich lag jedoch der Vorbehalt eines letzten Eigentumsrechts beim König.

Katoikiai sind Militärsiedlungen für Soldaten und Reservisten. Kleroi heißen die Parzellen, die dafür vorgesehen sind. Manchmal sind diese kleroi erblich. Katoikiai sind ganze Siedlungen von Veteranen auf kleroi. Katoikoi sind die Soldaten, die dort siedeln. Katoikoi sind also die Inhaber von kleroi. Die katoikoi haben drei Funktionen:
Reservisten für den Notfall
Wehrbauern als eine Art Garnison, die die Ordnung aufrechterhielt.
Landbebauung.

Städte:
Bei Städtegründungen wurde das Stadtland aus dem Königsland herausgenommen; hier war dann wirklich Erwerb von Grundeigentum möglich. Die Städtegründungen bleiben in griechischer Tradition, die die Herrscher nicht nur respektieren, sondern immer wieder implementieren. D.h. es gibt völlig verschiedene Eigentumsstrukturen und damit auch verschiedene Untertanengruppen. An eine Vereinheitlichung war überhaupt nicht gedacht. Städte wurden bis an den Indus gegründet, eine große zivilisatorische Leistung des Seleukidenreiches. Vor allem die ersten drei Seleukiden betätigten sich als Städtegründer, Seleukos I. (312-281), Antiochos I. (281-261) und Antiochos II. (261-246). Die meisten Städtenamen sind makedonisch oder nordgriechisch. Von diesen Orten im Mutterland kamen wohl die meisten neuen Einwohner, die eben zur Erinnerung an die alte Heimat den Namen mitnahmen, wie viele Europäer, die als Auswanderer in den USA ihr Glück suchten.
Es gibt vier Großstädte in Nordsyrien, das Seleukos sich als Kernland wählte: Antiochia am Orontes, Seleukeia in Pierien (am Anfang die zweitwichtigste Stadt nach Seleukeia am Tigris), Laodikeia am Meer und Apameia am mittleren Orontes, wo die Reiterei und die Kriegselefanten stationiert waren. Wir sehen also ein großes Bemühen um die Infrastruktur und Förderung des Handels. Dabei gab es sehr unterschiedliche Typen von Städten:
Alte griechische Städte an der kleinasiatischen Westküste, wie Smyrna oder Ephesos.
Neugründungen wie Seleukeia am Tigris.
Einheimische Städte, die dynastische Namen bekamen; Jerusalem heißt dann auch einmal Antiocheia.
Einheimische Städte, die völlig hellenisiert wurden, werden zu Verwaltungszentren und Garnisonen.
Selbst die Neugründungen waren mehr oder weniger makedonisch, je nachdem wie viele einheimische Orientalen die Könige dort ansiedelten.
Alle Städte hatten Beamte und die typischen Verfassungsorgane einer griechischen Stadt, Phylen, Rat, Volksversammlung, Magistrate, Demen, Stadtrecht, Finanzverwaltung sowie eine Stadtmauer.
Nach außen agierten sie frei, erließen Dekrete und schickten Gesandte hin und her, doch waren sie in Wirklichkeit ganz von den Herrschern abhängig, die in absolutistischer Manier schalteten und walteten. Dennoch pochten sie immer wieder auf ihre Befreierrolle und betonten die Freiheit der Städte, was meist lediglich Propaganda war. Die Schlagworte „Freiheit“, „Demokratie“ und „Selbständigkeit“, die immer wieder in den Dekreten auftauchen, sind austauschbar und sagen nicht mehr viel, auf alle Fälle weniger als im 5. und 4. Jh. v. Chr. Normalerweise übten die Herrscher unumschränkte Macht über die Städte aus. Nur der Grad an Abhängigkeit variierte. Wenn eine Stadt keine Steuern zahlen musste und auch keine Garnison hatte, dann war sie am besten dran. Andere Städte zahlten Steuern, hatten aber keine Garnison. Ganz arm dran waren die Städte, die tributpflichtig waren und eine Garnison beherbergen mussten. Das Verhältnis zwischen König und Stadt ist sehr komplex. Der König brauchte den goodwill der Städte, um überhaupt regieren zu können; es gibt gegenseitige Verpflichtungen und Loyalitäten. Er finanziert viel, die Städte erweisen sich im Gegenzug loyal und dankbar und errichten ihm Ehrenstatuen und richten Kulte für ihn ein. Antiochos III. bat die Städte sogar, alle seine Anordnungen zu ignorieren, falls sie mit den städtischen Gesetzen in Widerspruch stünden. Seine Anordnung wäre dann nur aus Unkenntnis der lokalen Gegebenheiten erlassen worden, nach dem Prinzip „Stadtrecht bricht Reichsrecht“. Hier sehen wir wieder, in welchem Ausmaß die hellenistische Monarchie ein Akzeptanzsystem war. Die Könige respektieren bewusst die lokale Vielfältigkeit, sie machten aus der Not eine Tugend, anders wäre der Vielvölkerstaat mit sehr disparaten Kulturen nicht zu regieren gewesen.
Da die Hellenisierung ein urbanes Phänomen war, wurde die Kluft zwischen hellenisierten Städten und dem flachen Land, wo die oben beschriebenen Katöken oder Periöken saßen, immer tiefer. Diese Bauern gehörten noch dazu meist anderen Ethnien an. Dazu kommt eine zunehmende Aristokratisierung der Reichen in den Städten, die immer reicher wurden, indem sie vom zunehmenden Handel profitierten und immer mehr Land an sich brachten. Die soziale Schere ging also auseinander. Ein dringendes Forschungsdesiderat ist die Untersuchung der Kommunikation zwischen den Königen und der Bevölkerung der Hauptstädte (ähnlich wie bei Rom zwischen Kaiser und plebs von Rom).

Das Ptolemäerreich
Ptolemaios I. wollte Ägypten zu seiner Basis ausbauen und hatte offenbar, anders als Antigonos, nie das Ziel, das Gesamtreich für sich zu gewinnen. Der Ptolemäer sah sich als Nachfolger des Pharao, Ägypten als seinen persönlichen oikos. Das Ptolemäerreich war viel einheitlicher als das Seleukidenreich, viel straffer organisiert. Eine makedonisch-griechische Oberschicht herrschte über die einheimischen Fellachen. Die griechische Bürokratie verband sich sehr erfolgreich mit pharaonischen Traditionen. Städtegründung waren kaum nötig, nur in Oberägypten, in der Thebais, gründet Ptolemaios I. Ptolemais, das Verwaltungszentrum für die Thebais wurde. Er selbst verlegt die Hauptstadt von Memphis nach Alexandria und schließt hier sehr bewusst an das Erbe Alexanders an.
Die Verwaltung war ganz auf die Generierung von Geld ausgerichtet: „Zentralismus“ und „Merkantilismus“, extreme „Planwirtschaft“ sind die besten Termini, um das wirtschaftliche Verhalten der Ptolemäer zu beschreiben. In Ägypten durften nur ptolemäische Münzen benutzt werden. Ziel war ein geschlossenes monetäres System. Es gab eine strenge Produktions- und Steuerkontrolle, um die Schatzkammern des Königs zu füllen. Die Steuerpacht wurde hier im großen Stil eingesetzt und später von den Römern übernommen (publicani, die Zöllner stehen im Neuen Testament für „Sünder“). Sie war neu in Ägypten und gegen dieses neue System der Steuerpacht regte sich auch massiver Widerstand von Seiten der Fellachen.
Verwalter des Reiches war an der Spitze der dioiketes. Das Land war in ca. 40 Gaue (nomoi) unterteilt, an der Spitze jeden Nomos´ steht der Stratege (militärischer Befehlshaber, später waren die epistrategoi fürs Militär verantwortlich; die Strategen unterstanden direkt dem König, hatten auch Aufgaben in der Rechtspflege, wurden im 2. Jh. v. Chr. zu den Häuptern der Nomos-Verwaltung und waren dann fast nur noch mit zivilen Dingen befasst) mit dem oikonomos, der für die Finanzen verantwortlich ist, und dem nomarch, der die Aufsicht über das Ackerland hat. Neben ihnen stehen der antigrapheus (ein Kollege des oikonomos) und der basilikos grammateus (verantwortlich für Registrierung und Buchführung), jeder mit einer Vielzahl von Untergebenen.
Es gab jede erdenkliche Art von Steuern, Ägypten war wohl die am besten organisierte Region der Antike.
Unter den Gauen waren die Toparchien (toparchos, topogrammateus) und darunter die Dörfer (komarchos, komogrammateus). Die unteren Ämter waren alle von Ägyptern besetzt, da sie ja mit den Fellachen in deren Muttersprache kommunizieren mussten.
Zwei Rechsordnungen waren parallel in Kraft: Es gab Gerichtshöfe für die Einheimischen und die Griechen.
Das Heer bestand aus Makedonen und Söldnern. Starke Garnisonen standen in Alexandria, Pelusion und Elephantine (Grenzen). Um die Söldner ans Land zu binden, hat man sie als Kolonisten im Fajum angesiedelt (als Kleruchen, später katoikoi genannt). Erst Ende des 3. Jahrhunderts werden auch Einheimisch aufgeboten. Sie werden selbstbewusster, so dass im 2. Jh. die Eingeborenenaufstände nicht mehr abreißen.
Diese Aufstände liegen wohl nicht in ethnischen oder gar „nationalen“ partikularen Tendenzen begründet, sondern haben meist soziökonomische Ursachen; die meisten Armen waren eben einheimische Ägypter, die meisten Reichen waren Griechen, so dass diese soziökonomischen Ursachen dann auch von ethnischen Ressentiments überlagert werden konnten.

Es gibt sechs Kategorien von Land; der König betrachtet alles Land als sein persönliches Eigentum; das machen auch die anderen hellenistischen Herrscher so.
Pachtland, das königliche Bauern (Kronbauern) bestellen; sie wirtschaften unter Aufsicht königlicher Funktionäre, meist ist dieses Land nur kurzfristig verpachtet.
Konzediertes Land, dort waren keine Abgaben an die Krone nötig, es handelte sich also um geschenktes Land an Tempel, aber auch an verdiente Einzelpersonen.
Tempelland: Priester verhalten sich wie bodensässige Adelige, ab dem 2. Jh. wurden sie immer mächtiger, konnten ihr Tempelland sogar vergrößern. Der König war immer auf den goodwill der Priester angewiesen, denn sie verkörperten die alten, indigenen Eliten, sie hatten das kulturelle Gedächtnis Ägyptens gespeichert; es war unmöglich, ohne einen Konsens mit ihnen über Ägypten zu regieren.
Kleruchenland für Reservesoldaten und Veteranen (ab 217 wurden sie als katoikoi bezeichnet). Sie mussten das Land bebauen und im Notfall auch im Heer dienen. Der Kleruch konnte seine Parzelle auch wieder verpachten, v.a. wenn er zum Kriegsdient einberufen wurde. Allmählich wurden die Landparzellen (kleroi) erblich, blieben also innerhalb der Familie. Das Kleruchenland wird also immer mehr zum Privateigentum. Auch die Kleruchen zahlen natürlich dieselben Steuern und Abgaben wie die Kronbauern. Allerdings zahlen die Kleruchen, die ja meist Griechen waren, kaum Pacht, weil sie Militärdienst leisteten; sie hatten wohl ein etwas erträglicheres Los als die Kronbauern, die Fellachen waren.
Lehnsland für hohe Würdenträger des Königs.
Privatland.
Alle Kategorien werfen reiche Erträge für den König ab; die Ptolemäer sind daher die reichste Dynastie im Osten (Landwirtschaft, Wirtschaft, Handel). Beschwerden der arbeitenden Bevölkerung an die Behörden sind überliefert: Es gab also massive Probleme und drückende Armut. Durch die Papyri gewinnen wir hier einen besseren Einblick in das Alltagsleben antiker Menschen als in jeder anderen Region der antiken Welt. Der rigorose Zentralismus interessierte sich nicht für diese Menschen, sondern nur für das Füllen der Staatskasse, so dass die kostspieligen Kriege finanziert werden konnten.

Griechenstädte: Alexandria, Naukratis, Ptolemais (in der Thebais), später Antinuopolis.
Alexandria: Die herrschende Schicht bestand aus Griechen und Makedonen. In Ägypten gab es sowieso nur wenige Städte. Alexandria wurde durch die Verlagerung der Hauptstadt durch Ptolemaios I. zur kosmopolitischen Weltstadt, einer Verwaltungszentrale und zu einem Handelsknotenpunkt, wo sich Menschen aus aller Herren Länder ansiedelten, Griechen, Makedonen, einheimische Ägypter, Juden und andere. Die Verkehrssprache war Griechisch. Alexandria wurde durch den Hof auch zum geistigen, literarischen und kulturellen Zentrum der östlichen Mittelmeerwelt. Hier konzentrierten sich die Intellektuellen, hier entstand die antike Philologie in der Auseinandersetzung mit den alten Homertexten und den Texten der athenischen Tragiker und Redner, die hier zum ersten Mal ediert und kommentiert wurden. All dies geschah im Umfeld der großen und in der Antike einzigartigen Bibliothek von Alexandria. Ptolemaios war ein Buchbesessener, er ließ jedes ankommende Schiff in Ägypten auf Bücher hin untersuchen. Wenn welche gefunden wurden, wurden sie sofort konfisziert und der Bibliothek einverleibt.
Naukratis war eine alte Griechenstadt, über die die Pharaonen mit der Mittelmeerwelt Handel trieben.
Ptolemais in Oberägypten ist die einzige ptolemäische Stadtgründung, insgesamt gab es also nur drei wirkliche griechische Städte.

Ein grundsätzliches Problem stellte das Miteinander der beiden großen Volksgruppen der einheimischen Ägypter und der zugewanderten Griechen und Makedonen dar, die immer in der Minderheit waren. Die Ägypter behielten ihre eigenen Gesetzte und Gerichte. Die Griechen gingen vor griechische Gerichte. Es ist interessant zu sehen, wie hier zwei Rechtskreise und Rechtskulturen nebeneinander bestanden.
Im Laufe der Zeit konnten Ägypter auch die Verwaltungslaufbahn einschlagen, wenn sie Griechisch konnten; es gab also eine verstärkte Integration des einheimischen Elements. Trotz Konflikten und Reibungsflächen kann man schon in einem gewissen, begrenzten Maße von einem Zusammenwachsen der Kulturen sprechen. Die Inschriften zeigen auch, dass verstärkt griechische und ägyptische Götter gleichgesetzt wurden, also eine interpretatio graeca stattfand. Nun kam es auch verstärkt zu Mischehen, die aber eher begrenzt auf die Unterschichten blieben. Die Oberschichtgriechen hielten sich nach wie vor von Ägypterinnen fern. Kleopatra VII., die letzte ptolemäische Herrscherin, war eine große Ausnahme: Sie war die erste Ptolemäerin, die die einheimische Sprache beherrschte, was nicht verwundert, da sie angeblich neun Sprachen gesprochen haben soll.

Schon früh gab es massive Auflösungstendenzen. Die Korruption blühte, und die einheimische Bevölkerung lehnte den makedonischen Zwangsapparat immer ab. Die Könige verloren immer mehr Macht an die Priester und an lokale strongmen, die den Armen Schutz geben konnten. Der Untergang hat viele Gründe:
Eine verfehlte Außenpolitik mit ständigen Kriegen und, damit verbunden, katastrophalen ökonomischen Folgen.
Zu wenige auswärtige Märkte, der Staatsdirigismus war eine große Fessel für die Wirtschaft.
Innere Unruhen und Bürgerkriege, wie der Abfall von Oberägypten und die Unruhen im Delta. Es handelte sich nicht nur um ethnische Konflikte, sondern sie wurden immer auch von sozio-kulturellen Konflikten überlagert.
Eine repressive Regierung, die auch aus einem kulturellen Überlegenheitsgefühl heraus die Mehrheit der Bevölkerung beinahe in einen Hörigenstatus hinabdrückte.
Korrupte Beamte.
Inflation.

Mit dem Selbstmord Kleopatras nach der Schlacht von Actium (31 v. Chr.) und der Einverleibung Ägyptens in das römische Reich durch Octavian war die Geschichte des letzten hellenistischen Teilreiches beendet.

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