Liturgie

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Thukydides
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Thuk. 6,16,3 – Original:

‘καὶ προσήκει μοι μᾶλλον ἑτέρων, ὦ Ἀθηναῖοι, ἄρχειν (ἀνάγκη γὰρ ἐντεῦθεν ἄρξασθαι,ἐπειδή μου Νικίας καθήψατο), καὶ ἄξιος ἅμα νομίζω εἶναι. Ὧν γὰρ πέρι ἐπιβόητός εἰμι,τοῖς μὲν προγόνοις μου καὶ ἐμοὶ δόξαν φέρει ταῦτα,τῇ δὲ πατρίδι καὶ ὠφελίαν. [2] οἱ γὰρ Ἕλληνες καὶ ὑπὲρ δύναμιν μείζω ἡμῶν τὴν πόλιν ἐνόμισαν τῷ ἐμῷ διαπρεπεῖ τῆς Ὀλυμπίαζε θεωρίας, πρότερον ἐλπίζοντες αὐτὴν καταπεπολεμῆσθαι, διότι ἅρματαμὲν ἑπτὰ καθῆκα, ὅσα οὐδείς πω ἰδιώτης πρότερον, ἐνίκησα δὲ καὶ δεύτερος καὶ τέταρτος ἐγενόμην καὶ τἆλλα ἀξίως τῆς νίκης παρεσκευασάμην. Νόμῳ μὲν γὰρ τιμὴ τὰ τοιαῦτα, ἐκδὲ τοῦ δρωμένου καὶ δύναμις ἅμα ὑπονοεῖται. [3] καὶ ὅσα αὖ ἐν τῇ πόλει χορηγίαις ἢ ἄλλῳ τῳ λαμπρύνομαι, τοῖς μὲν ἀστοῖς φθονεῖται φύσει, πρὸς δὲ τοὺς ξένους καὶ αὕτη ἰσχὺς φαίνεται. Καὶ οὐκ ἄχρηστος ἥδ᾽ ἡ ἄνοια, ὃς ἂντοῖς ἰδίοις τέλεσι μὴ ἑαυτὸν μόνον ἀλλὰ καὶ τὴν πόλιν ὠφελῇ. [4] οὐδέ γε ἄδικον ἐφ᾽ ἑαυτῷ μέγα φρονοῦντα μὴ ἴσον εἶναι, ἐπεὶ καὶ ὁ κακῶς πράσσωνπρὸς οὐδένα τῆς ξυμφορᾶς ἰσομοιρεῖ: ἀλλ᾽ ὥσπερ δυστυχοῦντες οὐ προσαγορευόμεθα, ἐντῷ ὁμοίῳ τις ἀνεχέσθω καὶ ὑπὸ τῶν εὐπραγούντων ὑπερφρονούμενος, ἢ τὰ ἴσα νέμων τὰ ὁμοῖα ἀνταξιούτω. [5] οἶδα δὲ τοὺς τοιούτους, καὶ ὅσοι ἔν τινος λαμπρότητι προέσχον, ἐν μὲν τῷ καθ᾽ αὑτοὺς βίῳ λυπηροὺς ὄντας, τοῖς ὁμοίοις μὲν μάλιστα, ἔπειτα δὲ καὶ τοῖς ἄλλοις ξυνόντας, τῶν δὲ ἔπειτα ἀνθρώπων προσποίησίν τε ξυγγενείας τισὶ καὶ μὴ οὖσαν καταλιπόντας, καὶ ἧς ἂν ὦσι πατρίδος, ταύτῃ αὔχησιν ὡς οὐ περὶ ἀλλοτρίων οὐδ᾽ ἁμαρτόντων, ἀλλ᾽ ὡς περὶ σφετέρων τε καὶ καλὰ πραξάντων. [6] ὧν ἐγὼ ὀρεγόμενος καὶ διὰ ταῦτα τὰ ἴδια ἐπιβοώμενος τὰ δημόσια σκοπεῖτε εἴ του χεῖρον μεταχειρίζω. Πελοποννήσου γὰρ τὰ δυνατώτατα ξυστήσας ἄνευ μεγάλου ὑμῖν κινδύνου καὶ δαπάνης Λακεδαιμονίους ἐς μίαν ἡμέραν κατέστησα ἐν Μαντινείᾳ περὶ τῶν ἁπάντων ἀγωνίσασθαι: ἐξ οὗ καὶ περιγενόμενοι τῇ μάχῃ οὐδέπω καὶ νῦν βεβαίως θαρσοῦσιν.

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Übersetzung: E.C. Marchant
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Übersetzung

‘Athenians, I have a better right to command than others—I must begin with this as Nicias has attacked me—and at the same time I believe myself to be worthy of it.The things for which I am abused, bring fame to my ancestors and to myself, and to the country profit besides.[2] The Hellenes, after expecting to see our city ruined by the war, concluded it to be even greater than it really is, by reason of the magnificence with which I represented it at the Olympic games, when I sent into the lists seven chariots, a number never before entered by any private person, and won the first prize, and was second and fourth, and took care to have everything else in a style worthy of my victory. Custom regards such displays as honourable, and they cannot be made without leaving behind them an impression of power. [3] Again, any splendour that I may have exhibited at home in providing choruses or otherwise, is naturally envied by my fellow-citizens, but in the eyes of foreigners has an air of strength as in the other instance. And this is no useless folly, when a man at his own private cost benefits not himself only, but his city:[4] nor is it unfair that he who prides himself on his position should refuse to be upon an equality with the rest. He who is badly off has his misfortunes all to himself, and as we do not see men courted in adversity, on the like principle a man ought to accept the insolence of prosperity; or else, let him first mete out equal measure to all, and then demand to have it meted out to him. [5] What I know is that persons of this kind and all others that have attained to any distinction, although they may be unpopular in their lifetime in their relations with their fellow-men and especially with their equals, leave to posterity the desire of claiming connection with them even without any ground, and are vaunted by the country to which they belonged, not as strangers or ill-doers, but as fellow-countrymen and heroes.[6] Such are my aspirations, and however I am abused for them in private, the question is whether any one manages public affairs better than I do. Having united the most powerful states of Peloponnese, without great danger or expense to you, I compelled the Lacedaemonians to stake their all upon the issue of a single day atMantinea; and although victorious in the battle, they have never since fully recovered confidence.

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Tobias Nowizki
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Thuk. 6,16,3

Leitfragen:

1) Welche Leistungen seinerseits für die Polis Athen führt Alkibiades in seiner Rede an?

2) Warum führt er gerade diese Leistungen an?

3) Welche Rückschlüsse lassen sich aus dieser Rede auf das in den Liturgien organisierte „Wohltätigkeitswesen“ der athenischen Oberschicht ziehen?

Kommentar:

Die vorliegende Rede des Alkibiades gegen Nikias wird uns von Thukydides überliefert. Es handelt sich hierbei wahrscheinlich nicht um den tatsächlichen Wortlaut der Rede; in der antiken Geschichtsschreibung war es üblich, Reden selbst zu ergänzen, jedoch in einer Art und Weise, die nachvollziehbar und stringent war. Und da Thukydides durch seine hervorragende Beobachtungsgabe an vielen Punkten besticht, kann man dem generellen Duktus der Rede durchaus folgen.

Alkibiades zählt hier eine Reihe von gemeinnützigen Tätigkeiten für die Polis Athen auf. Zuerst einmal erwähnt er, dass er mehrere Gespanne bei den Olympischen Spielen eingebracht hat, so viele wie niemand zuvor. Interessant ist, dass er die Siege für sich beanspruchte, obwohl er nicht selbst die Wagen lenkte: Der Sponsor war mindestens ebenso wichtig wie der Sportler selbst, eine Praxis, die heute noch ähnlich zu finden ist, man denke nur an die mit Werbung überzogenen Rennwagen bei Autorennen. Des Weiteren gibt Alkibiades an, Chöre für die Heimatstadt gestiftet zu haben. Diese Liturgie, die Choregie, gehörte zu den beiden wichtigsten Liturgien Athens. Wohlhabende Bürger finanzierten die Ausbildung und Ausstattung eines Chores für eines der tragischen oder komischen Stücke, die während der Dichterwettbewerbe an den Dionysien oder den Lenäen, großen attischen Festen, aufgeführt wurden. Je pompöser man diesen Chor ausstaffierte, nicht nur in Bezug auf die Stimmen, sondern auch auf die Kostüme und das Bühnenbild, desto größer der Ruhm, den der Chorege damit erwarb – darauf weist auch Alkibiades in seiner Rede hin. Die andere große Liturgie, die er hier nicht namentlich erwähnt, war die Trierarchie, die im langen Peloponnesischen Krieg besonders wichtig war: Sie beinhaltete die Ausstattung und Bemannung einer Triere auf Kosten des Privatmannes, eine Art Militärsteuer für die Oberschicht. Da Athens Macht auf seiner Flotte beruhte, ist es verständlich, dass diese Liturgie zu den wichtigsten und prestigeträchtigsten zählte. Bei der Choregie war es ähnlich, denn die Athener legten immensen Wert auf ihre Theater; sie bezahlten den Bürgern sogar Diäten für den Besuch des Theaters, damit auch diejenigen, die sich einen Verdienstausfall nicht leisten konnten, wie Tagelöhner oder Kleinbauern, an den Aufführungen teilhaben konnten. Alle diese Liturgien, sei es das Stellen eines Chores, die Ausrüstung einer Triere oder auch die Entsendung eines Rennwagengespannes zu den Olympischen Spielen, waren mit enormen Kosten für die Oberschicht verbunden. Insbesondere die Trierarchie wurde mit der Zeit zu teuer, sodass man eine gemeinsame Trierarchie einführen musste.

Wurde man als Trierarch oder Chorege ausgewählt, so war man dazu verpflichtet, es sei denn, man konnte eine Person benennen, die reicher als man selbst war; in dem Fall wurde diese Person zur Liturgie verpflichtet. Um Betrug zu vermeiden, gab es das System der Antidosis: Der zuerst Veranlagte bot dem anderen an, entweder seinen größeren Reichtum zuzugeben und die Liturgie zu übernehmen, oder auf seinem geringeren Reichtum zu beharren und mit dem ersten Mann das Vermögen zu tauschen.

Bedeutsam ist, dass die Oberschicht, wie an Alkibiades‘ Rede deutlich wird, großen Wert auf diese Liturgien legte und einen enormen Stolz darauf entwickelte. Dies ist insbesondere bemerkenswert, da die Mitglieder der politisch aktiven Oberschicht immer auch Gefahr liefen, beim Volk in Ungnade zu fallen und entweder exiliert oder getötet zu werden. Einen Erklärungsversuch für diesen Widerspruch fand man in der extrem kompetitiven Haltung der athenischen Eliten.

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Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Die athenische Demokratie“. Um einen breiteren Einblick in die griechische Klassik  zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Griechische Geschichte II – Klassik“.
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Siehe zum Verhältnis des Athenischen Volkes zu seinen Amtsträgern auch den Ostrakismos des Themistokles (http://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/ostrakismus-des-themistokles/), zu Reden vor der Ekklesia auch die des Kleon (http://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/kleons-rede-vor-der-ekklesia/).