Sprache und Bildung

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Übersetzung: Pius Knöll
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Übersetzung

[13] Wie es aber eigentlich kam, daß mir die griechische Literatur verhaßt war, ist mir selbst nicht ganz klar. Denn die lateinische Literatur gewann ich lieb, freilich nicht, wie sie die Elementarlehrer, sondern die sogenannten Grammatiker lehrten; denn jener Elementarunterricht war mir nicht weniger lästig und peinlich als alles Griechische. Woher jedoch stammte dies, wenn nicht aus der Sünde und der Eitelkeit des Lebens, wodurch ich Fleisch war und ein Wind, der dahinfährt und nicht wiederkommt? Denn jene Anfangsgründe, durch welche es mir möglich wurde und ist, durch welche ich es innehabe, sowohl Geschriebenes lesen als auch selbst alles nach Willen schreiben zu können, waren weit besser, weil sie zuverlässiger waren als jene, vermittels deren ich gezwungen wurde, die Irrfahrten eines Äneas meinem Gedächtnisse einzuprägen, während ich meine eigenen Irrfahrten vergaß, und den Tod der Dido zu beweinen, weil sie, von Liebesgram übermannt, sich selbst den Tod gab, während ich, Tiefunglücklicher, es tränenlosen Auges ertrug, daß ich vertieft in diese, von dir, Gott mein Leben, abstarb. (…)

Ebenso, gesetzt ich früge, was von beiden wohl zum größeren Nachteil für das Leben vergessen würde, Lesen und Schreiben oder jene poetischen Erfindungen, weiß wohl jeder die Antwort, der sich nicht gänzlich vergessen hat. ich fehlte also, da ich als Knabe jene unnützen Dinge diesen nützlichen eifrig vorzog oder vielmehr diese haßte, jene aber liebte. Nun aber war mir das eins und eins ist zwei, zwei und zwei ist vier ein Lied von gar verhaßtem Klang und das angenehmste Schauspiel für meine Eitelkeit das hölzerne Pferd von Bewaffneten, der Brand Trojas und der Schatten Creusas.

[14] Warum haßte ich denn aber die griechische Literatur, die doch solches besang? Denn auch Homer verstand es, das Gewebe solcher Märlein, und ist in seiner Eitelkeit so süß und doch mir Knaben so bitter. Ich glaube, auch den griechischen Knaben wäre es mit Vergilius also ergangen, wenn man sie zwänge, ihn auf solche Art verstehen zu lernen wie mich jenen. Natürlich vergällte die Schwierigkeit, eine gänzlich fremde Sprache zu erlernen, mir alle Schönheiten der griechischen Mythen. Ich verstand die Worte nicht und wurde dennoch mit harten Drohungen und Strafen gewaltsam dazu angetrieben, sie zu erlernen. Freilich kannte ich als Kind einst die lateinische Sprache noch nicht und doch lernte ich sie mit Aufmerksamkeit ohne jegliche Furcht und Qual unter den Liebkosungen meiner Ammen, unter den Scherzen derer, die mir zulachten, und unter fröhlichen Spielen. (…)

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Heidi Heil
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Aug. conf. 1,13-14

Leitfragen:

1) Wie beschreibt Augustinus sein Verhältnis zur lateinischen und griechischen Sprache/zum Schulbesuch allgemein?

2) Welche Rückschlüsse lassen sich aus Augustinus‘ Text über den spätantiken Bildungsweg ziehen?

3) Kann Augustinus in seinem Verhältnis zum Lateinischen und Griechischen als exemplarisch für eine allgemeine Entwicklung angesehen werden?

Kommentar:

Augustinus, Bischof von Hippo Regius (Nordafrika), war der bedeutendste lateinische Kirchenvater der Antike. 354 n. Chr. in Thagaste geboren, starb er 430 n. Chr. in Hippo, während der Belagerung der Stadt durch die Vandalen. Er stammte aus relativ einfachen Verhältnissen, als begabtester Sohn wurde ihm jedoch eine umfassende Ausbildung ermöglicht. Seine Arbeit als Grammatik- und Rhetoriklehrer führte ihn u.a. nach Karthago, Rom und Mailand. Durch seine Mutter war er schon früh christlichen Einflüssen ausgesetzt, ließ sich aber erst 387 n. Chr. in Mailand durch Bischof Ambrosius (* um 340, † 397 n.Chr.) taufen. Nach seiner Rückkehr nach Afrika empfing er 391 n. Chr. die Priesterweihe und wurde 395 n. Chr. zum Bischof von Hippo Regius geweiht. Augustinus war gelehrt und hoch angesehen, so dass man ihn schon als einfachen Priester zu Konzilien einlud und die Bischöfe ihn um seine Auslegungen von Bibelstellen baten.

Sein literarisches Werk umfasst zahllose Briefe und Predigten, Schriften gegen Donatisten, Manichäer und Pelagianer u.v.m. Die vorliegenden Quellenstellen stammen aus Augustinus` Bekenntnissen (confessiones), einer autobiographischen Schrift in 13 Büchern, geschrieben ca. 397-400 n. Chr. Hauptthema ist seine Suche nach der Wahrheit, von frühester Kindheit an bis zu seiner Bekehrung.

Seine ersten Schuljahre, den Elementarunterricht, hat Augustinus in keiner guten Erinnerung. Das Erlernen von Lesen, Schreiben und Rechnen war ihm „lästig“, wogegen danach, im Grammatikunterricht, die Liebe zur lateinischen Muttersprache in ihm erwachte, besonders beim Lesen von Vergils Aeneis. Warum er gleichzeitig das Griechische hasste, das ja mit Homers Ilias ebensolche fesselnden Erzählungen zu bieten hatte, ist ihm ein Rätsel. Er erklärt es sich mit dem Zwang, der beim Erlernen der fremden Sprache herrschte, die nicht wie seine Muttersprache Latein von klein auf durch Ermutigung und auf natürliche Weise erlernt wurde. Körperliche Züchtigung durch Lehrer war im Römischen Reich Alltag, ein Alltag, über den Augustinus sich als Kind bei seinen Eltern beschwerte, die ihren Sohn jedoch lachend abtaten und die Striemen eher als Kompetenzbeweis des Lehrers ansahen (Aug. conf. 1,9). Rückblickend, aus der Sicht des Bischofs, sieht Augustinus das Erlernen von Grundkenntnissen, wie Lesen und Schreiben, als viel Wichtiger an als die Beschäftigung mit den (heidnischen!) Klassikern, die ihn nur von Gott entfernt hatten. Seine Begeisterung für die Epen und seine Verachtung des Elementarunterrichts schreibt er seiner eigenen Eitelkeit und Sündhaftigkeit als Kind zu.

Augustinus erwähnt in den Quellenstellen zwei Unterrichtsstufen. Beginnend mit dem Elementarunterricht, den Mädchen und Jungen ab 6/7 bis 11 Jahren besuchten, um Lesen, Schreiben und Rechnen zu erlernen. Es folgte für Söhne sozial besser gestellter Familien der zweisprachige Grammatik-Unterricht bis sie ca. 15/16 Jahre alt waren. Er bestand vor allem aus der Sprachlehre und dem Lesen von Dichtern, wie Homer, Menander, Horaz, Terenz und Vergil. Die dritte Stufe, die Augustinus hier nicht erwähnt, aber in Karthago selbst durchlaufen hat, ist die Rhetorik. Diese höchste Bildungsstufe beschäftigte sich mit der Prosalektüre und Deklamationsübungen.

Augustinus` schlechte Griechischkenntnisse sind in der Spätantike kein Einzelfall. War die Beherrschung des Griechischen im Westen des Reiches während des Principats noch das Merkmal höherer Bildung, drifteten die beiden Reichshälften in der Spätantike auch sprachlich auseinander. Als Symptom und Konsequenz dieser Entwicklung ist auch die wachsende Übersetzungstätigkeit zu sehen, wobei mehr aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt wurde als umgekehrt. Für eine Karriere in der kaiserlichen Verwaltung war das Erlernen der lateinischen Sprache inzwischen unerlässlich und für griechischsprachige Reichsbewohner auch einer der Gründe sie zu lernen. Possidius, ein Schüler und Freund des Augustinus und dessen Biograph, nennt als einen Grund für die Ernennung seines Freundes zum Mitbischof in Hippo 395 n. Chr. das schlechte Latein des griechischstämmigen Amtsinhabers Valerius (Poss. 5,2). Der Grieche versteht und spricht kaum Latein, umgekehrt geht es der lateinischen Bevölkerung mit dem Griechischen genauso. Mag Possidius hier vielleicht auch übertreiben und der Hauptgrund für Augustinus` Bischofsweihe eher dem Umstand geschuldet gewesen sein, dass Valerius befürchtete, sein angesehener Gehilfe könnte abgeworben werden, stehen Possidius` Bemerkung und Augustinus eigenes Zeugnis für eine allgemeine Entwicklung in der Spätantike.

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Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Die Gesellschaft in der Spätantike“. Um einen breiteren Einblick in die Spätantike zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Römische Geschichte III – Spätantike“.
Hier geht’s zum Podcast

 

Siehe zum Christentum und Augustinus auch die Podcasts „Religiöse Strukturen – Die Entwicklung des Christentums“ (https://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/6-religioese-strukturen-die-entwicklung-des-christentums/) und „Religiöse Strukturen – Judentum und Christentum“ (https://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/07-religioese-strukturen-judentum-und-christentum/) .

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