Burghartz, S., Historische Anthropologie […]

Burghartz, S., Historische Anthropologie/Mikrogeschichte, in: J. Eibach – G. Lottes (Eds.), Kompass der Geschichtswissenschaft. Ein Handbuch, Göttingen 2002, 206-218.

 

Leitfragen

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

1) Skizzieren Sie die Entwicklung der historischen Methode ‚Historische Anthropologie‘ und definieren Sie sie (Textseiten 206-208).

2) Burghartz führt in ihrem Artikel in verschiedene Themenfelder der Historischen Anthropo-logie ein (Textseiten 209-213). Wählen Sie zwei dieser Themenfelder aus und erläutern Sie, wie sich die Historische Anthropologie mit ihnen beschäftigt.

3) Unter den Stichwörtern ‚Dezentrierung der Perspektive‘ (Textseite 215) und ‚’Eingeborene Theorien‘ statt Modernisierung‘ (Textseiten 215-216) arbeitet Burghartz zwei Gemeinsamkei-ten der historischen Methoden ‚Historische Anthropologie‘ und ‚Mikrogeschichte‘ heraus. Geben Sie diese in eigenen Worten wieder.

4) An mehreren Stellen benennt Burghartz die Herausforderung der Geschichtswissenschaft, eine makroperspektivisch ausgerichtete mit einer mikroperspektivischen Sichtweise zu verbin-den (Textseiten 216, 218). Erläutern Sie die Versuche, beide Sichtweisen zu vereinen.

Kommentar

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Forschungstradition des Autors

Prof. Dr. Susanna Burghartz ist Professorin für die Geschichte des Spätmittelalters und der Renaissance an der Universität Basel. Nach ihrer Promotion über Kriminalität im Spätmittelal-ter in Basel habilitierte sie sich ebenda in einer Untersuchung über Ehe und Sexualität wäh-rend der Frühen Neuzeit. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem in der Geschich-te städtischer Gesellschaften in Renaissance und Früher Neuzeit (15.-18. Jh.), der frühen eu-ropäischen Expansion, der historischen Kriminalitätsforschung und der Frauen- und Ge-schlechtergeschichte. Burghartz ist seit 2004 ebenfalls Mitherausgeberin der Zeitschrift ‚Histo-rische Anthropologie‘.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

In ihrem Artikel liefert Susanna Burghartz verschiedene Definitionsversuche und einen kom-pakten Überblick über die Entwicklung der geschichtswissenschaftlichen Methode ‚Histori-sche Anthropologie‘ in Beziehung zur verwandten Methode der ‚Alltagsgeschichte‘.

In den 1970er-Jahren habe es eine Abkehr von der Strukturgeschichte gegeben, die stärker den Menschen als handelnde Entität sowie dessen „Erfahrungen und Wahrnehmungen im Wandel der Zeit“ (Textseite 206) thematisierte. Sei die Entwicklung zunächst in Frankreich angestoßen worden, deren Vertreter (z.B. Jacques Le Goff) eine ‚nouvelle histoire‘ im Sinne einer ‚anthropologie historique‘ forderten (Textseite 206), so hätten einige deutsche Historiker seit Thomas Nipperdey die Fokussierung von menschlichen Elementar- und Grunderfahrungen postuliert, „wie Geburt und Tod, Krankheit, Geschlechterrollen, Familie, Arbeit, Mangel, Überfluss“ (Textseite 207). Nach weiteren Entwicklungen der Methode, insbesondere in Aus-einandersetzung mit der Schule der Annales (1929) zeige sich, dass die ‚Historische Anthropo-logie‘ keine allzeit gültigen Universalia menschlichen Lebens herausarbeiten wolle, sondern sich durch die Untersuchung von Brüchen, Veränderungen und Entwicklungen identitärer menschlicher Erfahrungen, sowohl singulärer als auch gesellschaftlicher Natur, auszeichne (Textseite 208).

Veranschaulichen ließe sich das nach der Meinung der Autorin beispielsweise am Themenfeld ‚Familie und Sozialisation‘: Die Historische Anthropologie untersuche „die Familiengeschichte als wesentliches Prinzip der Vergesellschaftung“ (Textseite 209), womit bereits die anthropo-logische Natur des Untersuchungsfelds deutlich wird. Etwa die Rolle von „Haus“, „Familie“, „Verwandtschaft“ (alle Textseite 209) würden in ihrer Wandelbarkeit und ihrer Bedeutung als Institutionen für historische Akteure analysiert. Darüber hinaus seien ebenso ethnologische und volkskundliche Theorien in die Betrachtungsweise einbezogen worden, die wie die Be-trachtung der ‚rites de passage‘ (Schwellenrituale) zur Erforschung von „Übergangssituationen wie Geburt, Heirat und Tod“ (Textseite 209) angeregt hätten.

Eine Herausforderung in Bezug zur verwandten Methode der ‚Alltagsgeschichte‘ stelle jedoch weiterhin die Beziehung zwischen Mikro- und Makroperspektive dar. Durch die „Betrachtung aus der Nähe“ (Textseite 216), was der Mikroperspektive entspricht, würden andere histori-sche Sachverhalte sichtbar und der übergreifende strukturelle Blick ermögliche seinerseits Er-kenntnisse, die eine Mikroperspektive nicht biete. Neben dem Versuch Kracauers, diese zwei Erkenntniswege zu vereinen (Textseite 216), erhebt die Autorin die Forderungen, weiter an einer Kombination beider Methoden zu arbeiten sowie in Auseinandersetzung mit anderen Forschungsdisziplinen, etwa der Kultur- und Literaturwissenschaft, die theoretische Grundla-ge der Historischen Anthropologie weiter zu entwickeln (Textseite 218).

Text zum downloaden

Gotenfoedus von 382 n. Chr.

Link zur Original

Link zur Übersetzung

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Nathalie Klinck
Lizenz: CC-BY-NC-SA

16. Rede Themisius 12-14

Leitfragen:

1.) Was war der Auslöser für die Entstehung dieses Vertragsbündnisses?
2.) Was ist das Besondere an diesem foedus?
3.) Was bedeutete dieses Bündnis für die germanisch-römischen Beziehungen?

Kommentar:

Der Auszug der vorliegenden Rede stammt von einem gewissen Themistius, der Senator und Stadtpräfekt von Konstantinopel war. Die Rede wurde wahrscheinlich 383 n. Chr. in Konstantinopel anlässlich des Friedensschlusses mit den Goten und der Ernennung des Saturninus zum Konsul gehalten.

Unter Theodosius I. hatte das Römische Reich erhebliche Schwierigkeiten bei der Aushebung neuer Rekruten. Als Konsequenz und um Fälle von Selbstverstümmelungen o.ä. zur Vermeidung des Kriegsdienstes einzuschränken, wurden die Grundbesitzer verpflichtet, einen bestimmten Geldbetrag an den Staat abzugeben, damit dieser aus diesen Mitteln selbst Soldaten ausheben konnte. Dies führte allerdings dazu, dass immer mehr „Nicht-Römer“ in die Armee aufgenommen wurden, was zu einer zunehmenden „Barbarisierung“ des römischen Militärs führte. Als Folge dessen standen sich auf den Schlachtfeldern immer öfter Angehörige derselben Ethnie gegenüber, was der Moral des – zumindest nominell römischen – Heeres abträglich war.

Besonders deutlich zeigte sich diese Problematik, als 380 n. Chr. einige Westgoten unter der Führung ihres Königs Frigitern gefährlich weit nach Makedonien vorstießen. In dieser Sitution sah sich Theodosius I. vor dem Problem, dass sich sein Heer, welches vornehmlich aus Goten bestand, für diese Auseinandersetzung als unbrauchbar erwies. Aus diesem Grund bat er den Westkaiser Gratian um Hilfe. Dieser schickte ebenfalls (Söldner)truppen unter dem Kommando von Argbogast und Bauto, zweier Franken, zur Unterstützung. Diese waren in der Lage, die Westgoten zurückzuschlagen. Dennoch konnte von keinem ausreichenden Sieg gesprochen werden, denn die Situation des Römischen Reiches war weiterhin geprägt von verschiedenen germanischen Stämmen, die auf römischem Gebiet umherzogen und plünderten. Auch der große Anteil germanischer Mitglieder und Gruppenverbände in der Armee wurde mehr und mehr zu einem ernstzunehmenden Problem.

Um dieser Problematik Herr zu werden, beschloss Theodosius I. 382 n. Chr. einen Vertrag (foedus) zwischen den Goten und Römern abzuschließen, der Frieden mit den Westgoten schließen und gleichzeitig die außenpolitische Situation stabilisieren sollte. Dieser wurde auf römischer Seite von dem Heermeister Saturninus und auf gotischer Seite von einem unbenannten König (vielleicht Fritigern) geschlossen. Verträge sind von den Römern schon immer geschlossen worden, um Frieden oder Bündnisse zwischen den Vertragspartnern zu sichern. Das Novum der spätantiken foedera war die Zuschreibung von Reichsgebiet an den Vertragspartner und die Zahlung bestimmter Jahresgehälter. Der Vertragstext des eigentlichen Gotenfoedus von 382 n. Chr. ist nur fragmentarisch überliefert. Der Inhalt lässt sich allerdings durch die vorliegende Rede teilweise rekonstruieren; Die Goten erhielten in den Provinzen Dacien und Thracien steuerbefreites Siedlungsgebiet. Dieses Land blieb offiziell römisches Territorium, in dem die Goten, als reichsangehörige Foederaten unter ihren eigenen Königen lebten. Im Gegenzug waren die Goten den Römern zur Waffenhilfe verpflichtet und wurden im Kriegsfall als Teil der römischen Armee betrachtet. Sie durften allerdings in geschlossenen Verbänden unter eigenen Anführern kämpfen. Zudem wurde ihnen eine Art Jahresgehalt gezahlt. Damit erlaubte ihnen diese Vereinbarung sozusagen einen Staat im Staat.

Dieses Konzept kann ohne Frage als epochemachend bezeichnet werden, da zum ersten Mal ein großes Volk auf dem Territorium des Römischen Reiches einen halbautonomen Status zugesprochen bekam. Nichtsdestoweniger brachte dieses Halbbürgerrecht, welches einen Schwebezustand zwischen Autonomie und Reichsangehörigkeit beinhaltete, in den Folgejahren eigene Probleme mit sich.

Im Falle der Westgoten war die Vertragsbeziehung der beiden Parteien immer noch von der gelegentlichen Kriegs- und Raublust der Goten geprägt. Einige Jahre lang konnte Theodosius I. diese allerdings einigermaßen in Schranken halten, bis schlussendlich 391 n. Chr. der Frieden gebrochen wurde und sich nach mehreren Auseinandersetzungen zwischen Goten und Römern, auf gotischer Seite ein gewisser Alarich hervortat, der für die Geschichte des Römischen Reiches noch eine wichtige Rolle einnehmen sollte.

Text zum downloaden

Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Kaiser, Hof, Verwaltung, Heer“. Um einen breiteren Einblick in die Spätantike zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Römische Geschichte III – Spätantike“.
Hier geht’s zum Podcast

Bischöfe als Fürsprecher der Bevölkerung

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Constantius von Lyon
Lizenz: CC-BY-NC-SA

                               Constantius Vita. Germ. 28

(28) Vixdum domum de transmarina expeditione remeaverat, et iam legatio Armoricani tractus fatigationem beati antistitis ambiebat. Offensus enim superbae insolentia regionis vir magnificus Aetius qui tum rem publicam gubernabat, Gochari ferocissimo Alanorum regi loca illa inclinanda pro rebellionis praesumptione permiserat, quae ille aviditate barbaricae cupiditatis inhiaverat. Itaque genti bellicosissimae regique idolorum monistro obictur senex unus, sed tamen omnibus Christi praesidio maior et fortior. Nec mora, festinus egreditur, quia imminebat bellicus apparatus. Iam progressa gens fuerat totumque iter eques ferratus impleverat, et tamen sacerdos noster obvius ferebatur, donec ad regem ipsum qui subsequebatur accederet. Occurrit in itinere iam progresso et armato duci inter suorum catervas opponitur medique interprete primum precem supplicem fundit, deinde increpat differentem, ad extremum, manu iniecta, freni habenas invadit atque in eo universum sistit exercitum. Ad haec rex ferocissimus admirationem pro iracundia, Deo imperante, concepit; stupet constantiam, veneratur reverentiam, auctoritatis pertinacia permovetur. Apparatus bellicus armorumque commotio ad consilii civilitatem deposito tumore, descendit, tractaturque, qualiter non qoud rex voluerat, sed quod sacerdos petierat conpleretur. Ad stationis quietem rex exercitusque se recipit; pacis securitatem fidelissimam pollicetur, ea conditione, ut venia, quam ipse praestiterat, ab imperatore vel ab Aetio peteretur. Interea per intercessionem et meritum sacerdotis rex conpressus est, exercitus revocatus, provinciae vastationibus absolutae.

Text zum downloaden

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Übersetzung: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Übersetzung

(28) Gerade war Germanus von seiner jenseits des Meeres befindlichen Mission zurückgekehrt, da wandte sich bereits eine Gesandtschaft der Armorikanergegend an den müden seligen Bischof. Denn der hochedle Mann Aetius, der damals den Staat leitete, wurde durch die Unverschämtheit der stolzen Region beleidigt und hatte dem äußerst wilden König der Alanen, Goar, jene Gegenden überlassen, die diese in seiner Gier barbarischer Sucht begehrt hatte und die zum Verdacht einer Rebellion Anlass gaben. So stellte sich der Greis allein dem äußerst kriegerischen Volk und götzendienenden König entgegen, war aber durch den Schutz Christi größer und stärker als alle. Ohne Aufschub brach er eilig auf, denn die Kriegsrüstungen drohten zu beginnen. Bereits das ganze Volk war aufgebrochen und mit Eisen beschlagene Reiter füllten den ganzen Weg. Und dennoch wurde unser Bischof ihnen entgegen gebracht, bis er zum König selbst gelangte, der folgte. Er trat ihm auf dem Weg entgegen, nachdem er bereits herangeschritten war, und er wurde dem bewaffneten König zwischen seinen Scharen entgegengestellt, und durch einen vermittelnden Dolmetscher brachte er ihm als erstes seine Fürbitte vor. Danach schalt er den Abweichler und ergriff, mit ausgestreckter Hand, die Riemen der Zügel und brachte das ganze Heer vor ihm zum Stillstand. Infolge dessen empfand der äußerst wilde König auf Gottes Befehl Bewunderung anstelle von Zorn; er bestaunte seine Beharrlichkeit, verehrte seine Erhabenheit und war bewegt ob des Nachdrucks seines Willens. Die Kriegsrüstungen und das Erheben der Waffen sank, nachdem sich die Wut gelegt hatte, zu einer Bürgerversammlung herab und es wurde so verhandelt, dass nicht das, was der König beabsichtigt hatte, sondern das, worum der Bischof gebeten hatte, erfüllt wurde. Der König und das Heer zogen sich in die Ruhe des Lagers zurück; er versprach die äußerst verlässliche Sicherheit des Friedens unter der Bedingung, dass die Nachsicht, die er selbst gewährleistet hatte, vom Kaiser oder von Aetius erbeten werde. Unterdessen wurde durch das Einschreiten und den Verdienst des Bischofs der König zurückgehalten, das Heer zurückgerufen und Provinzen von Verwüstungen befreit.

Text zum downloaden

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Nathalie Klinck
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Constantius Vita. Germ. 28

Leitfragen:

1.) Was ist eine (Heiligen)vita?
2.) Wie wird der Bischof Germanus beschrieben?
3.) Was lässt sich daraus über die gesellschaftliche Rolle der Bischöfe im späten 5. Jahrhundert entnehmen?

Kommentar:

Der Quellenauszug ist Teil der umfangreichen Bischofsvita des Germanus von Auxerre (auch: Saint Germain), die von Constantius von Lyon im 5. Jahrhundert n. Chr. verfasst worden ist.

Bei dem Autor der Vita sancti Germani handelt es sich um den gallischen Kleriker Constantius von Lyon. Sein Schreibstil verrät rhetorische Bildung und literarisches Können und zeichnet Constantius dadurch als spätantiken gelehrten Aristokraten aus. Es ist wenig über sein Leben und Wirken bekannt. Die Vita verfasste er wahrscheinlich eher an seinem Lebensende, um das Jahr 494 n. Chr.

Der Text beschreibt das Leben und die Taten des gallorömischen Bischofes Germanus von Auxerre und liefert damit, neben zwei Widmungsbriefen und vier Briefen des Sidonius Apollinaris (432-488 n. Chr.), die Hauptquelle über das Leben des Heiligen. Auffallend ist, dass der Text der Vita Sancti Germani – im Gegensatz zu vielen anderen Heiligenviten, wie z.B. der von Martin von Tours (Siehe Kommentar: Nächstenliebe im Christentum) – nicht verfasst wurde, um einem Zeitgenossen zum Ruhm zu verhelfen, sondern Constantius vielmehr einen Bericht über eine bereits „berühmte“ Persönlichkeit verfasste. In erster Linie wollte Constantius – nach eigener Aussage – versuchen, einen Bericht über die Frömmigkeit des Bischofes und dessen zahllose Wundertaten zu verfassen. Dabei handele es sich um eine Aufgabe, der er eigentlich nicht würdig und fähig sei. Der Autor bedient sich damit bereits in der Einleitung eines gängigen Topos der hagiographischen Literatur.

Heiligenviten zählen, wie die Prozessakten der Märtyrer (actae) und ihre Leidensdarstellungen (passiones) zur Gattung der Hagiographie. In den Viten wird der Heilige und Gottes Wirken an und durch ihn dargestellt. Sie geben i.d.R. Aufschluss über das Leben der Heiligen, ihren Kult und besonders über die bewirkten Wunder. Diese fungieren als ein beliebtes Mittel, um den Glauben der Menschen durch Staunen und Loben über Gottes Wundertaten zu festigen; Ziel dieser Textgattung ist oftmals die Erbauung der Gemeinde. Dennoch ist es wichtig festzuhalten, dass es sich bei den Texten um äußerst individuelle Darstellungen handelt, welche sich durch Ähnlichkeiten im Aufbau und in Formulierung von anderen abgrenzen lassen, im selben Moment allerdings immer mit einer ganz eigenen Intention verfasst worden sind.

Der vorliegende Textausschnitt stellt die besonderen Aufgaben des Bischofes Germanus im 5. Jahrhundert dar. Nachdem dieser gerade von einer Reise zurückgekehrt war, erwartete ihn schon die nächste Gesandtschaft. Sie baten den Bischof darum, mit dem „wilden“ Alanenkönig Goar zu verhandeln. Umgehend machte sich Germanus auf den Weg und stellte sich dem König ohne Furcht entgegen, um ihm sein Anliegen vorzubringen. Dieser zeigte sich dem Bischof gegenüber nicht feindselig, sondern bewunderte „die Standhaftigkeit, verehrte die Erhabenheit und war verwirrt ob der Kühnheit solcher Autorität.“ Er verhandelte mit dem Bischof und gab schließlich seiner Bitte nach. Besonders deutlich wird hierbei, dass Germanus diese politische Konfliktsituation allein durch seine (gottgegebene) Autorität zu lösen vermöchte und so in der Lage war, der Provinz den Frieden zu sichern.

Er wurde sogar gebeten, das Anliegen der Amorikaner noch weiter an den Kaiserhof zu tragen, wobei er auf dem Weg nach Ravenna vielzählige Wunder vollzog. Dort angekommen erreichte er beim Kaiser für die Gesandtschaft Vergebung und beständige Sicherheit. Am Ende war allerdings die Fürsprache des Bischofes, aufgrund eines betrügerischen Zwischenfalles, vergebens. Die Vita endet mit dem „natürlichen Tod“ des Bischofes. Im starken Gegensatz zu den Märtyrerberichten erleidet Germanus also keinen gewaltvoll herbeigeführten Tod, dennoch wurden seine Überreste unter allerlei Ehrungen in seine Heimatstadt überführt und dort – wo sie auch noch lange weitere Wunder wirkten – verehrt.

Die teilweise unkritische und idealisierte Darstellung des Bischofes präsentiert dem Rezipienten die Lebensbeschreibung eines vorbildhaften Menschen, der ihm als sittliches Vorbild sowie der kultischen Verehrung würdig präsentiert wird.

Zudem wird in der Vita Sancti Germani auch die politische Rolle des Bischofes deutlich; er empfängt Gesandtschaften und reist sogar persönlich an den Kaiserhof, um als Fürsprecher zu fungieren – und wird dort angehört. Insbesondere im Gallien des 5. Jahrhunderts n. Chr. nahmen Bischöfe als sog. defensores civitates die Rolle als Fürsprecher für das Volk ein. Diese Tätigkeit wird auch dem Heiligenbild und dem hagiographischen Diskurs hinzugefügt.

Germanus wird als Heiliger vor allem als Schutzpatron gegen diverse Krankheiten verehrt, sein Gedenktag in der katholischen Kirche ist der 31.7.

Text zum downloaden

Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Der Untergang des Westreiches“. Um einen breiteren Einblick in die Spätantike zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Römische Geschichte III – Spätantike“.
Hier geht’s zum Podcast

 

Sehen Sie hierzu auch den Beitrag zur christlichen Nächstenliebe.

Plünderung Karthagos

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Victor von Vita
Lizenz: CC-BY-NC-SA

                                           Vict.Vit. 1, 8-10

(8) In aedificiis nonnullis magnarum aedium vel domorum, ubi ministerium ignis minus valuerat, tectis admodum despicatis pulcritudinem parietum solo aequabant, ut nunc antiqua illa speciositas civitatum nec quia fuerit prorsus appareat. Sed et urbes quam plurimae aut raris aut nullis habitatoribus incoluntur; nam et hodie si qua supersunt, subinde desolantur. Sicut ibi Carthagine odium, theatrum, aedem Memoriae et viam, quam Caelestis vocitabant, funditus deleverunt. (9) Et, ut de necessariis loquar, basilicam Maiorum, ubi, corpora sanctarum martyrum Perpetuae atque Felicitatis sepulta sunt, Celerinae vel Scilitanorum et alias, quas non destruxerant suae religioni licentia tyrannica mancipaverunt. Ubi vero munitiones aliquae videbantur, quas hostilitas barbarici furoris obpugnare nequiret, congregatis in circuitu castrorum innumerabilibus turbis, gladiis feralibus cruciabant, ut putrefactis cadaveribus, quos adire non poterant arcente murorum defensione, corporum liquescentium enecarent foetore. (10) Quanti et quam numerosi tunc ab eis cruciati sunt sacerdotes, explicare quis poterit? Tunc enim et nostrae civitatis venerabilis Panpinianus antistes candentis ferri lamminis toto adustus est corpore. Similiter et Mansuetus Uriciatanus in porta incensus est Fornitana. Qua tempestate Hipporegiorum obsessa est civitas, quam omni laude dignus beatus Augustinus, librorum multorum confector pontifex gubernabat.

Text zum downloaden

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Übersetzung: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

                                              Übersetzung

(8) Bei manchen Bauten großer Gebäude oder Wohnhäuser, wo der Dienst des Feuers weniger stark gewesen war, machten sie, nachdem sie die Dächer im wahrsten Sinne des Wortes entrupft hatten, die Schönheit der Wände dem Boden gleich, sodass jetzt jene alte Schönheit der Städte gänzlich unsichtbar ist, als habe es sie nicht gegeben. Aber auch viele Städte werden entweder von wenigen oder keinen Bewohnern besiedelt; denn auch wenn heute noch einige übrig bleiben, werden sie allmählich verlassen. So vernichteten sie in Karthago vollständig das Odeion, das Theater, die Aedes Memoriae und die Straße, die Caelestis genannt wird. (9) Auch haben sie, um nur über die schlimmsten Zwangslagen zu sprechen, die Basilica Maiorum, wo die Gebeine der heiligen Märtyrer Perpetua und Felicitas begraben sind, sowie die Kirche der Celerina und die der Scilitanischen Märtyrer und andere, die sie nicht zerstört haben, mit tyrannischer Frechheit ihrem eigenen Kult übergeben. Wo aber irgendwelche Befestigungen so schienen, dass die Feindseligkeit der barbarischen Wut nicht fähig war sie zu erobern, metzelten sie, nachdem im Umkreis der Mauern zahlreiche Mengen versammelt waren, diese mit tödlichen Schwertern nieder, um nach dem Verfaulen der Leichname diejenigen, an die sie wegen der schützenden Verteidigung der Mauern nicht herankommen konnten, durch den Gestank der verwesenden Körper langsam hinzumorden. (10) Wie bedeutende und wie viele Bischöfe wurden dann von ihnen gefoltert, wer könnte dies darlegen? Denn damals wurde auch der verehrte Vorsteher unserer Stadt, Panpinianus, am ganzen Körper mit einer glühenden Eisenplatte verbrannt. Ebenso wurde Mansuetus Uricitanus an der Porta Fornitana in Brand gesetzt. In dieser stürmischen Zeit wurde auch die Stadt Hippo Regius belagert, die der allem Lob würdige und selige Augustinus als Bischof regierte, welcher der Vollender zahlreicher Schriften war.

Text zum downloaden

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Nathalie Klinck
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Vict.Vit. 1, 8-10

Leitfragen:

1.) Mit welcher Intention verfasste Victor den vorliegenden Text?
2.) Was erfahren wir über die Situation in Karthago unter den Vandalen?
3.) In welcher Beziehung standen die Vandalen zur karthagischen Kirche?

Kommentar:

Der vorliegende Quellenausschnitt stammt von dem spätantiken Kirchenhistoriker Victor von Vita. Er verfasste um das Jahr 487/89 sein Werk, die Historia persecutionis Africanae provinciae, eine Geschichte, die allen voran die Leiden der Katholiken unter der vandalischen Verfolgung und ihre Standhaftigkeit darstellen sollte. Victor selbst war Kleriker, Bischof von Vita und Zeitzeuge der beschriebenen Ereignisse. Bei seinem Werk handelt es sich um eine der wenigen narrativen Quellen über die Zeit der Vandalen in Nordafrika – die schriftliche Überlieferung dieser Periode dominiert klar die Hagiographie – in der Informationen über das tägliche Leben und an einigen Stellen sogar Archivalien überliefert wurden.

Im Jahr 429 n. Chr. überquerte der vandalische König Geiserich mit seiner gesamten gens die Straße von Gibraltar und setzte nach Nordafrika über. Auf ihrem dortigen Eroberungszug zerstörten die Vandalen viele nordafrikanische Städte und vertrieben ihre Bewohner, wie im Fall von Hippo Regius. Im Jahr 439 n. Chr. erreichten sie schließlich Karthago, die Hauptstadt der Proconsularis und legten diese als ihren neuen Königssitz fest. In dem vorliegenden Ausschnitt hebt Victor vor allem die Grausamkeiten vor, mit der die Vandalen Karthago einnahmen; nicht nur zerstörten sie viele Gebäude des öffentlichen Lebens, sondern sie gingen sogar so weit, dass sie versuchten, die Menschen innerhalb der Mauern durch den Verwesungsgeruch von aufgestapelten Leichen herauszutreiben.

Im Mittelpunkt seiner Beschreibungen stehen allerdings die Verbrechen der Vandalen gegenüber der katholischen Kirche. Dies wird auch in der Erwähnung der beiden Märtyrerinnen Perpetua und Felicitas deutlich, die im lokalen Kult eine herausragende Rolle einnahmen. Die Vandalen zerstörten die großen extra urbanen Basiliken, wie die Basilica Maiorum zwar nicht, aber sie belegten diese für ihren arianischen Glauben – eine ebenfalls christliche, theologische Lehre, die allerdings seit dem Konzil von Nicäa von einem Großteil der (Reichs)Kirche als häretisch angesehen wurde. Victor verweist wahrscheinlich bewusst auf die Märtyrerinnen, um nochmals die Ignoranz der Vandalen gegenüber der katholischen Kirche deutlich zu machen und durch die Erwähnung der karthagischen Heiligen an das kollektive Gedächtnis der lokalen Gemeinde zu appellieren. Victor beschreibt weiter, dass viele katholische Bischöfe gefangen und gefoltert wurden. Nichtsdestoweniger war es zu keinem Zeitpunkt das erklärte Ziel der Vandalen, die katholische Kirche auszulöschen. Bei der gezielten Verfolgung handelte es sich vielmehr um eine politische als um eine theologische Entscheidung. Im Großen und Ganzen wurden wohl nur wenige Bischöfe hingerichtet, die Mehrzahl wurde ins Exil geschickt. Die lokale Kirche in Karthago sollte in erster Linie in ihrem Einfluss auf die Bevölkerung, ferner in ihrer engen Beziehung zu Konstantinopel eingeschränkt werden.

Text zum downloaden

Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Der Untergang des Westreiches“. Um einen breiteren Einblick in die Spätantike zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Römische Geschichte III – Spätantike“.
Hier geht’s zum Podcast

Anfänge einer “Reichskirche“

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Eusebius von Caesarea
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Euseb. de.vit.Const. 3,6 – Original:

Εἶθ’ ὥσπερ ἐπιστρατεύων αὐτῷ φάλαγγα θεοῦ σύνοδον οἰκουμενικὴν συνεκρότει, σπεύδειν ἁπανταχόθεν τοὺς ἐπισκόπους γράμμασι τιμητικοῖς προκαλούμενος. οὐκ ἦν [δ’] ἁπλοῦν τὸ ἐπίταγμα, συνήργει δὲ καὶ αὐτῇ πράξει τὸ βασιλέως νεῦμα, οἷς μὲν ἐξουσίαν δημοσίου παρέχον δρόμου, οἷς δὲ νωτοφόρων ὑπηρεσίας ἀφθόνους. ὥριστο δὲ καὶ πόλις ἐμπρέπουσα τῇ συνόδῳ, νίκης ἐπώνυμος, κατὰ τὸ Βιθυνῶν ἔθνος ἡ Νίκαια. ὡς οὖν ἐφοίτα πανταχοῦ τὸ παράγγελμα, οἷά τινος ἀπὸ νύσσης οἱ πάντες ἔθεον σὺν προθυμίᾳ τῇ πάσῃ. εἷλκε γὰρ αὐτοὺς ἀγαθῶν ἐλπίς, ἥ τε τῆς εἰρήνης μετουσία, τοῦ τε ξένου θαύματος τῆς τοῦ τοσούτου βασιλέως ὄψεως ἡ θέα. ἐπειδὴ οὖν συνῆλθον οἱ πάντες, ἔργον ἤδη θεοῦ τὸ πραττόμενον ἐθεωρεῖτο. οἱ γὰρ μὴ μόνον ψυχαῖς ἀλλὰ καὶ σώμασι καὶ χώραις καὶ τόποις καὶ ἔθνεσι πορρωτάτω διεστῶτες ἀλλήλων ὁμοῦ συνήγοντο, καὶ μία τοὺς πάντας ὑπεδέχετο πόλις· ἦν οὖν ὁρᾶν μέγιστον ἱερέων στέφανον οἷόν τινα ἐξ ὡραίων ἀνθέων καταπεποικιλμένον.

Text zum downloaden

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Übersetzung: P. Schaff
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Übersetzung:

THEN as if to bring a divine array against this enemy, he convoked a general council, and invited the speedy attendance of bishops from all quarters, in letters expressive of the honorable estimation in which he held them. Nor was this merely the issuing of a bare command but the emperor’s good will contributed much to its being carried into effect: for he allowed some the use of the public means of conveyance, while he afforded to others an ample supply of horses for their transport. The place, too, selected for the synod, the city Nicæa in Bithynia was appropriate to the occasion. As soon then as the imperial injunction was generally made known, all with the utmost willingness hastened thither, as though they would outstrip one another in a race; for they were impelled by the anticipation of a happy result to the conference, by the hope of enjoying present peace, and the desire of beholding something new and strange in the person of so admirable an emperor. Now when they were all assembled, it appeared evident that the proceeding was the work of God, inasmuch as men who had been most widely separated, not merely in sentiment but also personally, and by difference of country, place, and nation, were here brought together, and comprised within the walls of a single city, forming as it were a vast garland of priests, composed of a variety of the choicest flowers.

Text zum downloaden

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Nathalie Klinck
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Euseb. de.vit.Const. 3,6

Leitfragen:

1) Was waren die Ursprünge für die Einberufung des Konzils?

2) Was bedeutete dieses für Konstantin?

3) Was waren die Folgen des Konzils?

Kommentar:

Der hier dargestellte Quellenausschnitt stammt von Eusebius von Caesarea und beschreibt die Einberufung des ersten christlichen Konzils in Nicäa 325 n. Chr. Eusebius von Caesarea (ca. 260-339 n. Chr.) war ein spätantiker Gelehrter und Theologe. Der Bischof und Kirchenvater ist vor allem durch seine historischen Schriften bekannt geworden; die Chronik, die Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica) und ein Werk über das Leben Konstantins (Vita Constantini), aus welchem auch der hier vorliegende Abschnitt stammt.

Eusebius berichtet, dass das Konzil von Kaiser Konstantin in Nicäa, in der Nähe von Konstantinopel in Kleinasien einberufen wurde. Das Besondere an diesem Konzil war, dass es sich dabei um das erste „ökumenische“ Konzil in der Kirchengeschichte handelte. Bereits vor dieser Einberufung gab es immer wieder Synoden oder Konzilien, die allerdings lokal begrenzt blieben. In diesem Fall rief der Kaiser alle Bischöfe des Reiches zusammen, um einige der wichtigsten innerkirchlichen Streitfragen, wie die Festlegung des Ostertermins oder die dogmatische Auslegung der Trinitätslehre zu klären. Er erlaubte den Bischöfen, für eine schnelle und sichere Anreise sogar auf den kaiserlichen cursus publicus zurückzugreifen. Die herausgehobene Stellung Konstantins innerhalb dieses Konzils wird noch einmal unterstrichen, wenn Eusebius schreibt, dass die Bischöfe nicht nur um des (innerkirchlichen) Friedens willen anreisten, sondern auch um die strahlende Gestalt des Kaisers einmal sehen zu können.

Kaiser Konstantin hatte verschiedene Gründe, ein ortsübergreifendes Konzil einzuberufen u.a. war dies der Versuch, Ordnung in die unterschiedlichen christlichen Strömungen zu bringen, die sich im Römischen Reich entwickelt hatten. Hierbei stand wohl der Streit um den Arianismus, der vor allem in Alexandria geführt worden war, im Mittelpunkt. Zudem machte der Kaiser hiermit seine Vorrangstellung gegenüber den anderen Bischöfen deutlich. Die Neuerung, die sich hierbei im Gegensatz zu den paganen Kulten anbahnt, ist die, dass der Herrscher hier nicht nur eine weltliche Komponente der Machtausübung und eine religiöse Komponente (im Sinne des Gottesgnadentums) in sich vereint – in Rom wurden seit Augustus die Kaiser durch einen Staatskult auch als Götter verehrt – sondern, dass der Kaiser hier aktiv in religiös-sakrale Fragen eingreift und schwerwiegende Entscheidungen für die Kultausübung trifft. Konstantin nutzt zudem die im Römischen Reich weit verbreiteten christlichen Strukturen und Institutionen als provinzübergreifende friedenstiftende Maßnahmen und um die Bedeutung seines Kaisertums und seiner Stellung im Römischen Reich deutlich zu machen. An der Versammlung im bithynischen Nicäa nahmen ca. 270 Bischöfe teil. Die hierbei verfassten Kanones wurden von allen anwesenden Bischöfen unterschrieben – und von den meisten – als Gesetze einer sich entwickelnden „Reichskirche“ anerkannt.

Text zum downloaden

Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Valentinian bis Theodosius“. Um einen breiteren Einblick in die Spätantike zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Römische Geschichte III – Spätantike“.
Hier geht’s zum Podcast

Arianerstreit

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Athanasius
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Athan. or.adv.Arian. 1,1 – Original:

Text zum downloaden

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Übersetzung: J. Kösel
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Übersetzung:

Alle Häresien, die durch Abfall von der Wahrheit entstanden, haben offenbar ein Wahngebilde sich ausgesonnen, und ihre Gottlosigkeit ist längst allen offenkundig geworden. Daß ja die, die solches ausgeheckt haben, von uns geschieden sind, ist doch wohl klar, wie ja der selige Johannes geschrieben hat: Die Anschauung solcher Leute hätte mit der unsrigen nie harmoniert noch auch harmoniere sie heute. Deshalb zerstreuen sie auch, wie der Heiland gesagt hat, mit dem Teufel, sie, die nicht mit uns sammeln, und warten, bis die Leute schlafen, um dann ihr eigenes tödliches Gift auszusäen und so Genossen im Tode zu gewinnen. Eine von den Irrlehren nun und zwar die jüngste, die eben erst als Vorläuferin des Antichrist ausgezogen ist, die sogenannte arianische, — listig und verschlagen — sieht, wie ihre älteren Schwestern, die andern Irrlehren, vor aller Welt gebrandmarkt wurden. Deshalb sucht sie sich heuchlerisch mit den Aussprüchen der Schrift zu decken wie schon ihr Vater, der Teufel, und will sich den Wiedereintritt in das Paradies der Kirche erzwingen, um unter der Maske des Christentums durch ihre verführerischen Fehlschlüsse — etwas Vernünftiges ist ja bei ihr nicht zu finden — den einen und andern zu einer falschen Vorstellung von Christus zu verleiten. Und sie hat ja wirklich schon einige Unbesonnene irregeführt und zwar so, daß deren Schädigung nicht auf das Anhören beschränkt blieb, sondern daß sie, der Eva gleich, auch nahmen und kosteten und nunmehr in ihrer Verblendung das Bittere süß wähnen und die abscheuliche Irrlehre schön nennen. Ich erachtete es daher, von euch dazu ermuntert, für nötig, den geschlossenen Panzer dieser häßlichen Irrlehre zu öffnen und euch deren übelriechende Torheit nachzuweisen, damit die ihr ferne Stehenden sie noch mehr fliehen, die von ihr bereits Betrogenen aber zu besserer Einsicht kommen, die Augen ihres Herzens öffnen und erkennen, daß, wie die Finsternis nicht Licht und die Lüge nicht Wahrheit ist, so auch die arianische Irrlehre nicht schön ist, daß aber auch die, welche diese Leute noch Christen nennen, in gar schwerer Täuschung befangen sind, da sie weder die Schrift verstehen noch überhaupt das Christentum und seinen Glauben kennen.

Text zum downloaden

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Nathalie Klinck
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Athan. or.adv.Arian. 1,1

Leitfragen:

1) Was ist der Arianismus?

2) Welche Gegenargumente nennt Athanasius in seiner Rede?

3) Was war die Ausgangslage für diesen Konflikt?

Kommentar:

Bei dem hier vorliegenden Quellenauszug handelt es sich um den Anfang einer Rede, die von dem Kirchenvater Athanasius im 4. Jh. n. Chr. verfasst wurde.

Athanasius (ca. 295-373 n. Chr.) war Bischof von Alexandria und galt als starker Gegner des sog. „Arianismus“, einer theologischen Strömung im frühen Christentum, die spätestens seit dem Konzil von Nicäa (325 n. Chr.) als Häresie – als eine Lehre, die den Glaubensgrundsätzen der („Reichs“)Kirche widerspricht – angesehen wurde.

Diese Position wird auch in dem einleitenden Teil seiner Rede deutlich; Athanasius bezeichnet den Arianismus als häretisch und führt aus, dass dieser Irrglaube lediglich den Anschein machen würde, als handle es sich dabei um einen Teil des Christentums, allerdings sei dies keinesfalls der Fall. Aus diesem Grund sei dieser Glaube als falsch anzusehen. Zudem seien die Menschen, die dieser Position anhängen, keine wirklichen Christen.

Die Problematik, die hinter diesem Konflikt, dem sog. „Arianerstreit“ steckte, begann schon vor dem Konzilsbeschluss von Nicäa und wirkte noch lange danach. Der Presbyter Arius, nach welchem diese Strömung benannt wurde, befand sich Anfang des 4. Jh. n. Chr. wohl schon längere Zeit in einem Dissens mit Alexander von Alexandria, dem Bischof der Stadt und Vorgänger des Athanasius. Es handelte sich bei dieser dogmatischen Frage von Anfang an auch um eine Frage der bischöflichen Autorität und des Kirchenrechts.

Kern dieser Auseinandersetzung war der theologische Ansatz von Arius, welcher das Trinitätsverständnis von Vater, Sohn und Heiligem Geist grundsätzlich hinterfragte. Arius war der Meinung, dass die Idee von einem Gott, der sich in dreifacher Weise manifestierte, nicht mit der Idee eines christlichen Monotheismus vereinbar sei. Der Sohn und der Heilige Geist waren aus seiner Sicht nur in untergeordneter Position denkbar.

Athanasius wiederum setzte sich stark für diese Wesensgleichheit ein, vor allem um die theologische Position von Jesus als Erlöser zu bekräftigen.
318 n. Chr. wurde Arius nach einem alexandrinischen Konzil aus Alexandria verbannt. Nach der Verbannung verbreitete er seine Ideen weiter vor allem im Osten des Römischen Reiches, unterstützt von anderen einflussreichen Kirchenvätern, wie Eusebius von Caesarea.

Das bereits erwähnte Konzil von Nicäa wurde u.a. als Reaktion auf diesen Streit von Kaiser Konstantin einberufen. Dafür wurden unter dem Vorsitz des Kaisers ca. 250 römische Bischöfe nach Nicäa bestellt, um verschiedene Fragen zu diskutieren. Das Konzil von Nicäa widersprach den Ansätzen des Arianismus – wohl auch um einen allgemeinen Frieden und Festigung einer entstehenden „Reichskirche“ zu gewähren.

Der Streit setzte sich auch nach Beendigung des Konzils weiter fort. Im Zuge dessen wurden nicht nur die Vertreter der arianischen Trinitätslehre als Arianer bezeichnet, sondern vielmehr alle Gegner des nicänischen Bekenntnisses. Offiziell beendet wurde der Konflikt erst im Jahr 381 n. Chr. durch das Konzil von Konstantinopel.

Text zum downloaden

Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Valentinian bis Theodosius“. Um einen breiteren Einblick in die Spätantike zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Römische Geschichte III – Spätantike“.
Hier geht’s zum Podcast

Senatorenstand

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Nathalie Klinck
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Senatorenstand

Leitfragen:

1.) Welche Bedeutung hatte der Senatorenstand?
2.) Wodurch zeichneten sich die römischen Senatoren aus?
3.) Welche Rolle spielte der Senat während der Kaiserzeit?

Kommentar:

Seit der Republik galt der Senatorenstand (ordo senatorius) als die gesellschaftliche Elite des Römischen Reiches. Zudem handelte es sich bei dem Senat oder „Ältestenrat“ um eine der ältesten und langlebigsten politischen Institutionen. Dieser bildete das zentrale Regierungsorgan und lenkte die wichtigsten Bereiche der Politik und Verwaltung; der Senat konnte u.a. Kriege erklären, Gesetzte veranlassen, Gesandte empfangen, die Staatskasse verwalten und Entscheidungen in sakralen Fragen treffen.

Die Mitglieder dieses exklusiven Ordo setzten sich zu einem großen Teil aus der alteingesessenen aristokratischen Oberschicht zusammen. Diese wurde nur selten durch sog. homines novi, wie z.B. Cicero, ergänzt. Um Senator zu werden, musste mindestens ein Teil des Cursus honorum durchlaufen worden und ein gewissen Vermögen vorhanden sein – auch innerhalb des Senatorenstandes genossen die ehemaligen Konsuln das größte Ansehen. Im Gegensatz zu den jährlich wechselnden Magistraturen galt die Mitgliedschaft zum Senatorenstand praktisch lebenslang. Nur äußerst schwere Verfehlungen konnten zu einer Entfernung führen, dadurch wies dieses Organ eine große Kontinuität und z.T. auch Stabilität auf.

Senatoren hoben sich von den übrigen Bewohnern der Stadt durch besondere Standesinsignien ab. Sie trugen die besonders gewickelte Toga mit den charakteristischen Purpurstreifen und spezielle Schuhe.

Diese Statussymbole lassen sich auch bei der hier gezeigten Statue wiederfinden. Bei dem sog. Togatus Barberini handelt es sich um eine kaiserzeitliche Marmorstatue, die eine lebensgroße männliche Figur zeigt. Diese ist mit der typischen Tracht eines Senators gekleidet und hält zwei Totenmasken, wahrscheinlich die seiner Ahnen in den Händen. Damit verweist die Skulptur auf das hohe soziale Kapital des Dargestellten, der durch seine Kleidung auf seine soziale Stellung und durch die Totenmasken auf seine traditionsreiche Familie und gute Herkunft verweist. Die genaue Identität des dargestellten Mannes lässt sich allerdings nicht mehr rekonstruieren, zudem wurde – wie bei vielen Statuen – der Kopf nicht zusammen mit dem Körper ausgearbeitet, sondern separat hergestellt und aufgesetzt, was auch eine Wiederverwendung nicht ausschließt.

Die Anzahl der Senatoren änderte sich im Laufe der Geschichte des Römischen Reiches mehrfach und damit auch ihr Einflussbereich; aus den anfänglich 300 Senatoren wurden unter Sulla 600 und am Ende der Republik unter Caesar sogar 900. Während des Principats unter Augustus wurde der Senat wieder auf 600 Senatoren reduziert – buchstäblich, da viele Mitglieder aufgrund der Proskriptionen unter Augustus ihr Leben verloren. Durch das sich anbahnende monarchische Herrschaftssystem der frühen Kaiserzeit verlor der Senat zudem an praktischer Bedeutung und Einfluss, nicht aber an Sozialprestige.

Der Senat hatte in der Kaiserzeit eine mehr oder weniger repräsentative Rolle, so spielte er z.B. eine Schlüsselrolle bei der Inszenierung der Rückgabe aller Ämter und außerordentlichen Gewalten des jungen Oktavian an die res publica (restituta) und ebenso bei seinen Ehrungen, die allen voran den Ehrentitel „Augustus“ miteinschlossen.

Mit der Zeit veränderte sich die Zusammensetzung weiter, da es kaum noch Mitglieder aus den alteneingesessenen Patrizierfamilien gab und die freien Plätze mit weniger aristokratischen Teilnehmern aufgefüllt wurden. Unter den Flaviern schließlich gab es auch Senatoren aus den entfernteren Provinzen, wie Nordafrika und den östlichen Provinzen und nicht mehr nur aus Rom und Italien.

Die verschiedenen Kaiser unterhielten jeweils unterschiedlich enge Beziehungen zum Senat – mit wechselndem Erfolg. Einige suchten Unterstützung in der römischen Elite und andere handelten fast vollständig autark. Auch der Senat bemühte sich seinerseits um die Gunst des Kaisers und handelte dabei während der Kaiserzeit keinesfalls immer als geschlossene Gruppe, gerade wenn es darum ging, die Sympathie eines Kaisers zu gewinnen oder nicht, spalteten sich die Meinungen allzu oft.

In der Spätantike blieb der Senat zwar formal bestehen, allerdings bemühten sich die Kaiser immer weniger darum in Abstimmung mit dem Senat zu handeln. Am Ende der Antike war der Senat nur noch der formale Hüter der kulturellen Tradition Roms.

Text zum downloaden

Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Die Gesellschaft der Kaiserzeit“. Um einen breiteren Einblick in die Kaiserzeit zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Römische Geschichte II – Kaiserzeit“.
Hier geht’s zum Podcast

Euergetismus

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Nathalie Klinck
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Euergetismus

Leitfragen:

Géza, Alföldy: Städte, Eliten und Gesellschaften in der Gallia Cisalpina,  (=Heidelberger althistorische Beiträge und epigraphische Studien, Bd. 30), Steiner, Stuttgart 1999, 243.

1.) Mit welcher Intention wurde die Inschrift aufgestellt?
2.) Was ist der Inhalt der Inschrift?
3.) Was bedeutet Euergetismus?

Kommentar:

Der sog. Euergetismus ist ein geläufiges Phänomen der griechisch-römischen Welt und bezeichnet die größeren oder kleineren öffentlichen Wohltaten, die der Gemeinschaft einer Stadt von Individuen erwiesen wurden.

Dabei war der wechselseitige Austausch von Wohltätigkeiten und dem damit verbundenem Dank dafür ein Kernelement des sozialen gesellschaftlichen Lebens, wie etwa auch das römische Klientel- respektive Patronageverhältnis deutlich macht. Grundsätzlich stand es Personen aus allen sozialen Gruppen offen, Stiftungen und testamentarische Verfügungen aller Art vorzunehmen. In der Kaiserzeit zielte der Euergetismus allerdings besonders darauf ab, die Sympathien der Mitbürger oder fremder Mächte zu gewinnen, andere Bewegründe wären Frömmigkeit und der Wunsch nach Andenken.

Die hier gezeigte epigraphische Quelle macht dies Konzept besonders deutlich. Es handelt sich um eine Inschrift, die zu Ehren Plinius d.J. nach seinem Tod in seiner Heimatstadt Como aufgestellt wurde.

Die Inschrift listet zum einen auf beeindruckende Weise die einzelnen Etappen des Cursus honorum, der politischen Laufbahn von Plinius d.J. auf. Zum anderen verweist sie auf die testamentarischen Verfügungen, die er vor seinem Tod veranlasst hatte. Plinius d.J. ließ nach seinem Tod u.a. (öffentliche) Bäder errichten und stiftete zudem eine Geldsumme für deren Unterhalt. Außerdem sorgte er für eine Versorgung der Bürger von Como mit kostenlosen Speisen.

Auch die Wohltaten, die er zu Lebzeiten vollbracht hatte, führt die Inschrift auf; er hatte eine Geldsumme für die Versorgung und evtl. auch für die Ausbildung bedürftiger Kinder beiderlei Geschlechtes gestiftet und eine Bibliothek errichten lassen und dieser wiederum eine hohe Geldsumme für deren Unterhalt überschrieben.

Damit fällt diese Inschrift grundsätzlich in den Bereich der sozialen Stiftungen, die im Gegensatz zu den religiösen oder kultischen Weihungen oder den kaiserlichen politisch-öffentlichen Weihinschriften stehen.

Diese dem Gemeinwohl zuträglichen Stiftungen waren Teil eines komplexen sozialen Konstruktes, welches tief in das kollektive Gedächtnis der kaiserzeitlichen Gesellschaft eingebrannt war und aus diesem Grund auch eine gewisse Erwartungshaltung bei den Zeitgenossen hervorrief. Seinen Ursprung hatte dieses Konzept in der besonderen Wertschätzung des Alten und Traditionsreichen und darf unter keinen Umstanden mit der Idee einer grundsätzlichen Versorgung von Armen und Bedürftigen verwechselt werden, eine solche taucht erst in der Spätantike mit der Etablierung des frühen Christentums auf.

Vielmehr hing die politische und gesellschaftliche Stellung eines Individuums und seiner Familie vom Einhalten eben dieses Konzeptes ab. Die Teilhabe am politischen Leben Roms war zum einen an bestimmte Geldsummen gebunden, die der Bewerber aufbringen musste, um eines der öffentlichen Ämter bekleiden zu dürfen. Der Ruf eines Kandidaten spielte hierbei auch in der Kaiserzeit mindestens eine genauso wichtige Rolle. Nach dem Leitspruch Panem et Circenses (Iuv. 10,81) waren die Ausrichtung pompöser Spiele, die Versorgung der Bevölkerung mit Getreide oder die gezielte Errichtung oder Wiederherstellung bestimmter Bauwerke oftmals entscheidende Elemente im politischen Machtkampf. Dies wird u.a. auch am Bauprogramm des Augustus deutlich.

Die Freigebigkeit, die sich in Leistungen für die Gemeinschaft äußerte, war auch hier die Basis gesellschaftlicher Reputation und Macht. Nicht nur der Kaiser, sondern auch Privatpersonen, die öffentliche Ämter innehatten, wie eben Plinius, machten davon Gebrauch. Insgesamt trugen die unterschiedlichen Stiftungen nicht unwesentlich zur Lebensqualität in den Städten des römischen Reiches bei. Die Stifter und ihre Nachkommen genossen ein soziales Prestige bzw. Kapital, welches sich wiederum in öffentlichen Dankesbekundungen der Stadt niederschlug und damit das Andenken und die Taten bestimmter Bewohner wahrten sowie das Ansehen einer Familie weiter steigern konnte.

Text zum downloaden

Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Die Gesellschaft der Kaiserzeit“. Um einen breiteren Einblick in die Kaiserzeit zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Römische Geschichte II – Kaiserzeit“.
Hier geht’s zum Podcast

Rolle der Frau in der Gesellschaft

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Nathalie Klinck
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Rolle der Frau in der Gesellschaft

Leitfragen:

1.) Was stellt das Mosaik dar?
2.) Welche Rolle spielte die Frau in der römischen Gesellschaft?
3.) Inwiefern konnte sie sich am öffentlichen Leben beteiligen?

Kommentar:

Der Thermenbesuch im Römischen Reich spielte bei Männern und Frauen gleichermaßen eine wichtige Rolle. Dieser hatte dabei weniger mit dem reinen Badevergnügen als vielmehr mit der Teilhabe am öffentlichen Leben zu tun. Die Bäder boten neben der Möglichkeit unterschiedlicher Badegänge, Massagen und Schönheitspflege auch Bibliotheken und den Raum für – insbesondere im Römischen Reich lediglich leichte – sportliche Aktivitäten; es ging vielfach einzig um das Sehen und gesehen Werden, damit gehörten diese Institutionen fest zum gesellschaftlichen öffentlichen Leben.

Das hier dargestellte Fußbodenmosaik aus der Villa Romana del Casale in Sizilien zeigt zehn weibliche Figuren, die allesamt in sportliche Aktivitäten – dem Diskuswerfen, dem Wettlauf, den Ballspielen oder der Ehrung einer erfolgreichen Siegerin mit dem Palmzweig – eingebunden sind. Alle Frauen tragen eine Art Zweiteiler, der namensgebend für dieses sog. „Bikinimädchenmosaik“ ist. Diese einzigartige Darstellung weiblicher Freizeitgestaltung steht allerdings im starken Kontrast zu dem sonstigen Frauenbild der Kaiserzeit.

Bei einer Betrachtung der Frauengeschichte muss allerdings immer betont werden, dass aufgrund der schwierigen Quellenlage lediglich Rückschlüsse über die römische Oberschicht getroffen werden können.
Nur äußerst selten haben Frauen eigene Schriften verfasst. In den meisten Fällen treten Frauen in der antiken Literatur in Extrempositionen zwischen übermenschlichem Heldenmut und tiefer Verderbnis auf und geben dadurch kein akkurates Bild ihrer realen Zeitgenossinnen wieder.

Im Gegensatz zu den Sportlerinnen auf dem hier gezeigten Mosaik, war die ideale römische Matrona (verheiratete römische Frau) sehr sittlich gekleidet; mit langer Tunika und einem Manteltuch. Der Aufgabenbereich der verheirateten Frau war in erster Linie die Kindererziehung und die Organisation des übrigen Haushaltes. Dabei unterstanden Frauen in der Antike fast kontinuierlich der Vormundschaft männlicher Autoritäten. Als Kind und junge Frau der ihres Vaters, des pater familias und später derjenigen ihres Ehemannes.

Anders als die Frauen in der griechischen polis waren die Römerinnen allerdings keinesfalls allein auf die häusliche Sphäre beschränkt. Sie nahmen rege am gesellschaftlichen Leben teil – so eben auch an den oftmals nach Geschlechtern getrennten Thermenbesuchen.

Frauen sind zudem in unterschiedlichen Berufsfeldern vertreten; einige Grabinschriften geben Auskunft über Frauen, die als Händlerinnen oder Handwerkerinnen gearbeitet hatten. Deutlich negativ konnotiert war dagegen die Arbeit als Musikerinnen, Schauspielerinnen und Prostituierte und natürlich als Sklavin. Im Großen und Ganzen erstrecken sich die bekannten beruflichen Tätigkeitsfelder der Frauen auf die soziale Mittel- und Unterschicht. Am öffentlichen-politischen Leben konnten sich Frauen allerdings nur bedingt beteiligen. Sie konnten lediglich indirekten Einfluss auf das politische Geschehen nehmen, z.B. durch Eheschließungen oder dem Zureden ihrer Männer bei bestimmten Themen, die aktive Einbindung durch das Bekleiden öffentlicher Ämter blieb ihnen verwehrt.

Eine deutliche Ausnahme dazu bilden die Vestalinnen, die als Priesterinnen der Göttin Vesta einen besonderen sakralen Status und einige herausgehobene Privilegien genossen und in der Öffentlichkeit vor allem ihre Keuschheit betonten.

Diese forcierte Sittlichkeit schlug sich während der Kaiserzeit nicht nur in der Berufs- und Kleiderwahl von Frauen nieder, sondern wird u.a. auch durch die erneuerten Ehegesetze unter Kaiser Augustus betont. Diese sahen strenge Strafen bei Ehebruch und allgemein bei unsittlichem Verhalten vor sowie Eheverbote zwischen bestimmten sozialen Gruppen, wie z.B. römischen Bürgern und Prostituierten. Augustus zielte damit darauf ab, den in republikanischer Zeit oft bemängelten Abfall vom mos maiores einzudämmen, was auch in der Behandlung seiner Tochter Iulia deutlich wird – wobei die Realität oftmals anders aussah, denn auch der Princeps hatte sich insbesondere in Bezug auf seine eigene Eheschließung mit Livia eher konträr zu diesem Konzept verhalten.

Text zum downloaden

Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Die Gesellschaft der Kaiserzeit“. Um einen breiteren Einblick in die Kaiserzeit zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Römische Geschichte II – Kaiserzeit“.
Hier geht’s zum Podcast

Urbanismus in Nordafrika

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Nathalie Klinck
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Urbanismus in Nordafrika

Leitfragen:

1.) Um welche Art Monument handelt es sich hier?
2.) Welche Rolle spielte Leptis Magna für Severus?
3.) Mit welcher Intention wurde dieses Bauwerk errichtet?

Kommentar:

Bei Leptis (teilweise auch Lepcis) Magna handelte es sich um eine der bedeutendsten Städte Nordafrikas und später Hauptstadt der römischen Provinz Tripolitana. Die Stadt, die ursprünglich auf eine phönizische Gründung zurückzuführen ist, spielte in der Kaiserzeit vor allem als Handelszentrum eine wichtige Rolle. Das Haupthandelsgut war Getreide, weshalb Nordafrika auch häufig als „Kornkammer“ des Römischen Reiches bezeichnet wird. Zudem bezog Rom einen Großteil der exotischen Tiere für die in der urbs beliebten Spiele aus Leptis Magna.

Unter Septimius Severus, der von 193-211 n. Chr. römischer Kaiser war, erreichte die Stadt ihre Blüte, denn der gebürtige Nordafrikaner ließ seine Heimatstadt prächtig ausbauen und sorgte zudem dafür, dass der bereits unter Trajan zur colonia erhobenen Stadt durch das ius Italicum weitere – vor allem steuerliche – Freiheiten gewährt wurden.

Auch der hier gezeigte Triumphbogen wurde im Zuge dieser umfassenden Baumaßnahmen um ca. 203 n. Chr. am Eingang zur Stadt errichtet. Dieses marmorne Ehrenmonument, ein sog. Quadrifrons oder Tetrapylon, ist so konzipiert, dass es keine definierte Vorder- oder Rückseite gibt, sondern die vier Bögen eine gleichwertige Bedeutung innehaben.

Das Gewölbe des Bogens wurde von den vier Pfeilern mit ausgearbeiteten Säulen mit korinthischen Kapitellen getragen, über diesem Gebälck erhoben sich spitze Giebel, wie Akrotere. Darüber befanden sich prächtige figürliche Bildfriese und Reliefs, die besonders hervorzuheben sind.

Die Reliefverzierungen zeigen Ehrendarstellungen der Götter und der kaiserlichen Familie. An den Giebelansätzen befindet sich z.B. ein umlaufender Frieß, der die kaiserliche Familie als Teil eines Triumphzuges – ungewohnt einträchtig – darstellt. Desweiteren schmücken Darstellungen eines Stieropfers, der Siegesgöttin Nike, Kampfszenen mit Barbaren und Gefangenen den Bogen.

Alle göttlichen Darstellungen sind stark mit der kaiserlichen Familie verbunden. Ein Relief zeigt z.B. die Stadtgöttin von Leptis Magna Tyche, die der kapitolinischen Trias mit den Portaitköpfen des Kaisers und Iulia Domnas beigestellt wird. Der Kaiser wird hier im Sinne des Kaiserkultes als Herrscher und Gott verehrt. Zusätzlich dazu wird die severische Dynastie bildlich unter den Schutz der lokalen Gottheiten und der wichtigsten römischen Götter gestellt, dadurch wird ihre Bedeutung hervorgehoben und ihr Herrschaftsanspruch legitimiert. Das Besondere hierbei ist eben die Verbindung der fast omnipräsenten römischen Gottheiten mit der lokalen Stadtgottheit von Leptis Magna, der dadurch eine bedeutende Stellung eingeräumt wird.

Mit der Verehrung von Septimius Severus als Kaiser und Bewohner Leptis Magnas wurde auch die Bedeutung dieser Provinzstadt aufgewertet. Die enge Beziehung zu seiner Heimatstad wird auch in der Beschreibung des Kaisers in der Historia Augusta (Vita Severi 19,9) verdeutlicht, denn hier heißt es, dass seine Stimme einen klaren Klang hatte, diese allerdings bis ins hohe Alter einen afrikanischen – vermutlich punischen – Einschlag behielt.

Leptis Magna nimmt damit in diesem Bauwerk – zumindest ikonographisch – einen Platz an der Seite Roms oder sogar darüber ein.

Text zum downloaden

Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Das 3. Jh. n. Chr.“ Um einen breiteren Einblick in die Kaiserzeit zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Römische Geschichte II – Kaiserzeit“.
Hier geht’s zum Podcast