Luwisches Bronzesiegel

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Agnes von der Decken
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Luwisches Bronzesiegel

Leitfragen:

1) Worum handelt es sich bei dem luwischen Bronzesiegel?
2) Wurde in Troja luwisch gesprochen?
3) Woher konnte das Siegel stammen?

Kommentar:

Dieses Bronzesiegel wurde 1995 bei Grabungen in der Zitadelle in Troja entdeckt. Es ist das bisher einzige bekannte Schriftzeugnis, das in Troja gefunden wurde. Es datiert in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts und gehört damit vermutlich der Schicht Troja VIIb an. Bei dem Siegel handelt sich um ein beidseitig nach außen gewölbtes (also bikonvexes) Bronzesiegel, das hethitisch-luwische Schriftzeichen trägt. Luwisch ist dabei eine Sprache der indogermanisch-anatolischen Sprachgruppe und mit dem Karischen, Lydischen und Lykischen verwandt. Neben zwei Eigennamen bedeuten die Logogramme auf dem Siegel SCHREIBER, GUT und FRAU. Das Siegel gehörte also vielleicht einmal einem Schreiber und seiner Frau.

Der Altphilologe Joachim Latacz nahm das in Troja gefundene luwische Bronzesiegel zum Anlass, seine These, dass es sich bei Troja um die bronzezeitliche Stadt Wilusa handelte und Troja/Wilusa damit eine Vasallenstadt der Hethiter gewesen ist, zu bestärken. Sie sei Handels- und Residenzstadt gewesen und habe eine enge Verbindung zum Hethiter-Reich gepflegt. Latacz nimmt an, dass die luwische Sprache hier, wenn nicht als Umgangssprache, zumindest als Diplomaten- oder Amtssprache verwendet wurde. Auch der Tübinger Archäologe Manfred Korfmann hat den Fund des luwischen Bronzesiegels als Hinweis darauf gedeutet, dass die Trojaner die Kunst des Schreibens sowie die luwische Sprache beherrschten, und glaubte, der These Lataczs folgend, dass Troja eher dem anatolischen als dem griechischen Kulturkreis zugerechnet werden müsse.

Hier sollte allerdings Vorsicht geboten werden, da der Aussagewert des luwischen Bronzesiegels nicht all zu hoch eingeschätzt werden darf – es handelt sich bei dem Siegel um den einzigen trojanischen Siegelfund überhaupt. Der Archäologe Dieter Hertel gibt deswegen zu bedenken, dass bisher jegliches Indiz dafür fehle, dass die Trojaner der Schichte VI und VIIa überhaupt schreiben konnten, da keinerlei Spuren eines Tontafelarchivs oder Siegel(abdrücke) in Ton gefunden wurden. Zudem könnte das Kulturniveau der Trojaner dieser Zeit gering gewesen sein. Und auch der Tübinger Althistoriker Frank Kolb steht Korfmanns und Lataczs Thesen skeptisch gegenüber und verweist nachdrücklich darauf, dass es zur Zeit des Siegels, also am Ende des 12. Jh. v. Chr., weder eine Herrscherresidenz noch überhaupt eine bedeutende Siedlung in Troja gegeben habe.

Doch woher könnte das Siegel dann stammen? Hier sind einige Möglichkeiten denkbar. So könnte das Siegel als Andenken oder Geschenk einer Reise in luwische Länder von einem Trojaner nach Troja gebracht worden sein. Oder andersherum könnte es von einem Luwier als Gastgeschenk in Troja zurückgelassen worden sein. Verschiedene vorderorientalische Siegel sind an unterschiedlichsten Orten in der ägäischen Welt gefunden worden, die aufgrund ihres Metall- oder Kunstwertes als Beute oder Geschenk dort hingelangt sind. Denkbar ist zudem, dass das Bronzesiegel auf Handelswegen nach Troja gelangte. Und so ist wohl wahrscheinlicher, dass das luwische Bronzesiegel aus dem 12. Jh. v. Chr. gar nicht aus Troja selbst, sondern vielmehr von außen in die Stadt gelangt ist.

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Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Der Untergang Mykenes, Troja“. Um einen breiteren Einblick in die Archaik zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Griechische Geschichte I – Archaik“.
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