Die Kontorniaten

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Heidi Heil
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Kontorniat Nero, 355-95/423 n. Chr.

Leitfragen:

1) Was ist auf der Vorder- und Rückseite des Kontorniats zu sehen?

2) Wer kommt als Urheber der Kontorniaten infrage?

3) Welchen Zweck erfüllten die Kontorniaten?

Kommentar:

Der Begriff Kontorniat kommt vom italienischen contorno und bedeutet „Rand/Umrandung“. Der Name bezieht sich auf den erhabenen Rand und die an der Innenseite eingetiefte Rille, welche die Kontorniaten von den meisten anderen antiken Münzen und Medaillons unterscheidet. Sie waren nicht als Zahlungsmittel gedacht und wurden fast immer geprägt, einige gegossen, wenige graviert. Bei den Abbildungen wurde oft auf alte Münzvorbilder zurückgegriffen, wobei Vorder- und Rückseiten neu zusammengestellt wurden, auch ohne Bezug zueinander. Die größte Gruppe, die der geprägten Kontorniaten, lässt sich in drei Serien unterteilen:

  1. Die Kaiserserie (379-472 n. Chr.) mit Kaisern des 4. und 5. Jahrhunderts n. Chr. auf der Vorderseite. Wahrscheinlich von den Kaisern geprägt, als Fortsetzung der regulären Bronzemedaillons, die als Geschenke dienten.
  2. Die Reparatio-Muneris-Serie (um ca. 400 n. Chr.), die sich auf eine Erneuerung von Spielen bezieht. Sie feiert ein Hilfsprogramm der Senatoren für die Ausrichtung der stadtrömischen Spiele durch die Quästoren. Relativ kleine Serie, bei der Senatoren Urheber und Empfänger sind.
  3. Die regulären Kontorniaten (355/360-395/423 n. Chr.), die alle anderen geprägten Kontorniaten umfassen.

Das vorliegende Kontorniat gehört zur Serie der regulären Kontorniaten. Auf der Vorderseite ist der Kopf des Kaisers Nero (54-68 n. Chr.) abgebildet. Er trägt einen Lorbeerkranz und schaut nach rechts. Im rechten Feld ist ein nachträglich eingravierter Palmzweig zu erkennen. Die Inschrift IMP NERO CAESAR AVG P MAX lässt sich als die Kaisertitulatur Imperator Nero Caesar Augustus Pontifex Maximus auflösen. Auf der Rückseite ist in der Vorderansicht ein Kutscher in einem Viergespann zu sehen. In der rechten Hand hält er eine Peitsche, in der linken einen Palmzweig. Über seiner linken Schulter ist ein Helm zu erkennen. Im unteren Teil der Abbildung wird ein Kranz von Palmzweigen flankiert. Die Inschrift gibt den Namen E-VT-VMIV-S = Euthymius an.

Sah man die Kontorniaten anfangs noch als Eintrittsmarken für den Circus oder Brettspielsteine, vertrat Andreas Alföldi die Meinung, dass sie den heidnischen stadtrömischen Senatoren als Propagandamittel gegen das christliche Kaisertum gedient hatten. Herstellungsort war für ihn die staatliche Münze in Rom, zu der nicht viele Menschen Zugriff hatten. Außerdem begründete er seine Meinung mit den Abbildungen, wie denen von heidnischen Kaisern, Philosophen, Autoren, Mythen und Schauspielen.  In diesem Fall würden die Kontorniaten einen Einblick in das Selbstverständnis der Senatoren geben, das noch lange  den alten Kulten und Traditionen verhaftet blieb.

Wie aber passt das vorliegende Kontorniat dazu? Nero war zwar ein heidnischer Kaiser und bekannt als der erste Christenverfolger, aber in senatorischen Kreisen trotzdem nicht besonders beliebt. Zu seiner Zeit war er sogar gegen den Senat vorgegangen und hatte einige Mitglieder hinrichten lassen. Über ihn wurde nach seinem Tod die damnatio memoriae verhängt, die Auslöschung der (öffentlichen) Erinnerung an eine Person, und in der senatorisch geprägten Literatur wird er fast durchgehend negativ beschrieben. Trotzdem ist er nach dem „Idealkaiser“ Trajan der am zweithäufigsten abgebildete Kaiser. Eine Erklärung dafür ergibt sich, wenn man an die Empfänger der Kontorniaten denkt. Bei der plebs urbana war Nero nämlich durchaus beliebt. Die stadtrömische Bevölkerung verband mit ihm wahrscheinlich auch in der Spätantike noch den Bau von Thermen, die Liebe zu Wagenrennen, die Senkung des Festpreises für Getreide u.v.m. Das macht auch die Verbindung mit der Wagenlenker-Abbildung auf der Rückseite noch plausibler. Viele der regulären Kontorniaten hatten einen Bezug zum Circus und gerade diese waren wohl am beliebtesten.

Verzichteten die Senatoren hier auf Selbstdarstellung, um den Wünschen bzw. dem Geschmack der Empfänger zu entsprechen und so eine größere Wirkung zu erzielen? Da das eine ungewöhnliche Abweichung vom sonstigen Verhalten wäre, nämlich der durchgehenden Darstellung der eigenen Vorstellungen, ist eine senatorische (und auch kaiserliche) Urheberschaft für das vorliegende Kontorniat und auch die anderen regulären Kontorniaten unwahrscheinlich. Auch die Annahme, dass nur die staatliche Münze als Herstellungsort infrage kommt, kann nicht bewiesen werden. Es kommen damit noch vermögende Nichtsenatoren und Handwerker als Urheber infrage, die die Mittel zur Herstellung von Kontorniaten hatten.

Einige Indizien verweisen darauf, dass die regulären Kontorniaten wahrscheinlich als glückverheißende Amulette dienten, die die magiegläubige stadtrömische Bevölkerung gerne zu Feiertagen verschenkte und die sich nahezu jeder leisten konnte. Schon seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. wurden alte Münzen, die meist noch als Zahlungsmittel einsetzbar waren, geschätzt und gerne verschenkt. Nachdem aber alte Münzen aus dem Umlauf genommen wurden, musste Abhilfe geschaffen werden.  Dies erklärt auch den Rückgriff der Kontorniaten auf alte Münzvorbilder. Einige weisen nachträglich angebrachte Löcher auf, die es ermöglicht haben könnten, sie als Amulett direkt am Körper anzubringen. Auch die nachträglich angebrachten Sieges- und Glückszeichen, in diesem Fall der Palmzweig auf der Vorderseite, unterstützen diese These. Wagenlenker galten außerdem als magiekundig, wurden aber aufgrund ihrer Beliebtheit und Stellung nicht dafür belangt. Auch die meist dargestellten „einfachen“ Themenwelten von der Verherrlichung Roms und den Spielen passen zur stadtrömischen Bevölkerung als Empfänger und unterstreichen die Eignung der Kontorniaten als Geschenke innerhalb dieser Gruppe.

Damit erfüllten die regulären Kontorniaten keinen politischen Zweck, sondern waren ein einfaches, privat hergestelltes Handelsgut, das sich in der Bildsprache gerne auf die „bessere“ Vergangenheit und glückbringende Zeichen stützte, um den Geschmack der Abnehmer zu erfüllen.

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Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Die Gesellschaft in der Spätantike“. Um einen breiteren Einblick in die Spätantike zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Römische Geschichte III – Spätantike“.
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Siehe zur Münzprägung in der Spätantike auch die Münze des Diokletian (https://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/462-2/) und Konstantins Sol Invictus-Münze (https://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/muenze-sol-invictus/).