Riess, W., Apuleius und die Räuber […]

Riess, W., Apuleius und die Räuber: ein Beitrag zur historischen Kriminalitätsforschung, Stuttgart 2001, 45-94.

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Leitfragen

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

1) Rieß legt im Kapitel dieses Auszuges das Sozialprofil derjenigen Gruppe dar, die er als die antiken Räuber (latrones) bezeichnet. Hierfür nimmt der Autor insbesondere zwei soziologische Theorien zu Hilfe, die Anomietheorie (Textseiten 46-47) und die Theorie des ‚labeling approach‘ (Textseiten 48-49). Beschreiben Sie diese beiden Theorien in eigenen Worten in jeweils höchstens drei Sätzen.

2) Auf den Folgeseiten benennt Rieß auf der Grundlage des ‚labeling approach‘ verschiedene Gruppen der als Räuber Etikettierten (Textseiten 52-62). Erklären Sie, was man unter den Gruppen der Boukoloi (Textseiten 55-58) und Hirten (Textseiten 58-62) versteht und wie sie in den Augen der Römer als Räuber bezeichnet werden konnten.

3) Schließlich gibt es laut Rieß auch Räuber aus Anomiegründen, die also aus Verzweiflung Eigentumsdelikte begingen. Der Verfasser zählt als sozialgeschichtliche Gründe hierfür Armut (Textseiten 63-64), Verschuldung (Textseiten 64-67), Hunger (Textseiten 67-72), sowie die Gruppen der Deserteure (Textseiten 72-76) und der Gladiatoren (Textseite 76) auf. Wählen Sie zwei dieser Felder aus und legen Sie dar, inwiefern sie das Räuberwesen hervorriefen.

4) Erläutern Sie, wie sich die sesshaften Randgruppen (Textseiten 83-85) von den mobilen Randgruppen (Textseiten 85-88) unterschieden.

5) Am Ende dieses Auszugs postuliert Rieß zwei Großgruppen von latrones (Textseiten 89-91). Skizzieren Sie in jeweils höchstens drei Sätzen diese Gruppen.

Kommentar

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Forschungstradition des Autors

Prof. Dr. Werner Rieß ist seit 2011 Professor für Alte Geschichte an der Universität Hamburg. Nach seiner Promotion in Heidelberg lehrte und forschte er von 2004 bis 2011 am Department of Classics an der University of North Carolina at Chapel Hill (USA). Rieß‘ Schwerpunkte liegen vor allem im Bereich der römischen Sozialgeschichte, v.a. der Randgruppen- und Außenseiterforschung, mit der er sich in diesem Auszug aus seiner veröffentlichten Dissertationsschrift auseinandersetzt, und in der Erforschung Athens im vierten Jahrhundert v. Chr. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt in der Gewaltforschung, die Rieß sowohl für die Antike als auch epochenübergreifend betreibt.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Mit seiner veröffentlichten Dissertationsschrift schließt Werner Rieß eine Lücke in der Alten Geschichte: Die umfassende Erforschung der antiken Räuber (latrones) innerhalb der historischen Randgruppen- und Außenseiterforschung wurde lange für unmöglich gehalten, da die antiken Quellen meistens von Eliten, zum Beispiel Senatoren, verfasst wurden und die Sichtweise der am Rande der Gesellschaft Stehenden selten abbilden. Rieß gelingt es nun, mithilfe soziologischer Theorien, eines Kulturvergleichs mit der Epoche der Frühen Neuzeit und des Einbezuges der Metamorphosen, eines Romans des lateinischen Schriftstellers Apuleius, ein umfassendes Bild der antiken Räuber zu zeichnen. Sein Buch ist in vier Großkapitel geteilt; der hier wiedergegebene Abschnitt ist der Beginn des zweiten Kapitels (II.1), das das Sozialprofil der Räuber darlegt.

Zentral für das Vorgehen des Autors ist dabei der Rückgriff auf die soziologischen Theorien der Anomietheorie und des ‚labeling approach‘, die sich im späteren Verlauf des Kapitels in ihrer Aussagekraft für das Bild der antiken Räuber gegenseitig ergänzen (vgl. bes. die Textseiten 89-91). Die Anomietheorie frage nach den „Ursachen des abweichenden Verhaltens“ (Textseite 46) und werde durch den amerikanischen Soziologen Merton in eine kulturelle Struktur, die die kulturell bestimmten Ziele einer Gesellschaft beschreibt, und eine soziale Struktur, die die Zugangschancen sozialer Gruppen zu diesen Zielen bedeutet, gegliedert (vgl. ebd.). Dahingegen thematisiere die Theorie des ‚labeling approach‘ die ‚Etikettierung‘ sozialer Gruppen, die von den Machthabenden einer Gesellschaft aufgrund existierender Normvorstellungen vollzogen wird (vgl. Textseiten 48-49). Einige Gruppen bekämen so durch die Deutungshoheit der römischen Reichsaristokratie von Vornherein das Prädikat ‚Räuber‘ verliehen und seien damit gewissermaßen a priori stigmatisiert.

Das Verständnis dieser Theorien ist für diesen Textausschnitt von großer Bedeutung, da Rieß auf dieser Grundlage den Weg von Randgruppen in die Kriminalität wechselseitig darstellen kann. Zieht man die Theorie des ‚labeling approach‘ heran, so seien nicht nur als mögliche „Sonderfälle“ (Textseite 58) erscheinende Gruppen der Isaurier, Dardaner, Juden und Boukoloi als Räuber ‚gelabelt‘, sondern auch Hirten im Allgemeinen, denen oft Viehdiebstähle zur Last gelegt wurden (Textseite 58): Rieß zeigt, dass in den Augen der römischen Machthaber das Umherziehen der Hirten, also das Abweichen von der römischen Norm der Sesshaftigkeit, bereits verdächtig war und ein Vorwurf des Räuberwesens dadurch bereits hinreichend erschien.

Berücksichtigt man daneben die Anomietheorie, so führt Rieß dem Leser vor Augen, dass gerade Bevölkerungsgruppen aus der Unterschicht nahezu in die Kriminalität getrieben wurden: Betrachte man die ausgeprägte Armut (Textseiten 63-64) in diesem Teil der römischen Bevölkerung (oftmals hätten sich große Teile der Bevölkerung lediglich ein Kleidungsstück pro Jahr leisten können), seien die Gründe eines sozialen Abstiegs etwa aufgrund von Arbeitsunfähigkeit oder Arbeitslosigkeit leicht nachvollziehbar. Von hier sei es mit Blick auf ähnliche Verhältnisse in der Frühen Neuzeit vermutlich nur ein verhältnismäßig kleiner Schritt in die Kriminalität gewesen (Textseiten 71-72). Abweichendes Verhalten, also in diesem Kontext das Begehen von Eigentumsdelikten, ist nach Rieß vor dem Hintergrund der Anomietheorie also als die fehlende Zugangschance römischer Unterschichten am aristokratischen Konsens römischer Werte (Reichtum, eine große Klientel) zu erklären.

Die Differenzierung in die als Räuber ‚Gelabelten‘ und die aus Anomiegründen Kriminellen sowie seine Unterscheidung von sesshaften und mobilen Randgruppen (Textseiten 83-88) führt Rieß schließlich zu zwei Typen von Großgruppen, die er als römische ‚Räuber‘ postuliert (Textseiten 89-91).