Christliche Nächstenliebe

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Sulpicius Severus
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Sulp.Sev.vit.Mart. 3 – Original:

Quodam itaque tempore, cum iam nihil praeter arma et simplicem militiae vestem haberet, media hieme, quae solito asperior inhorruerat, adeo ut plerosque vis algoris exstingueret, obvium habet in porta Ambianensium civitatis pauperem nudum: qui cum praetereuntes ut sui misererentur oraret omnesque miserum praeterirent, intellegit vir Deo plenus sibi illum, aliis misericordiam non praestantibus, reservari. (2) quid tamen ageret? nihil praeter chlamydem, qua indutus erat, habebat: iam enim reliqua in opus simile consumpserat. arrepto itaque ferro, quo accinctus erat, mediam dividit partemque eius pauperi tribuit, reliqua rursus induitur. interea de circumstantibus ridere nonnulli, quia deformis esse truncatus habitu videretur: multi tamen, quibus erat mens sanior, altius gemere, quod nihil simile fecissent, cum utique plus habentes vestire pauperem sine sui nuditate potuissent. (3) nocte igitur insecuta, cum se sopori dedisset, vidit Christum chlamydis suae, qua pauperem texerat, parte vestitum. intueri diligentissime Dominum vestemque, quam dederat, iubetur agnoscere. mox ad angelorum circumstantium multitudinem audit Iesum clara voce dicentem: Martinus adhuc catechumenus hic me veste contexit. (4) vere memor Dominus dictorum suorum, qui ante praedixerat: quamdiu fecistis uni ex minimis istis, mihi fecistis, se in paupere professus est fuisse vestitum: et ad confirmandum tam boni operis testimonium in eodem se habitu, quem pauper acceperat, est dignatus ostendere. (5) quo viso vir beatissimus non in gloriam est elatus humanam, sed bonitatem Dei in suo opere cognoscens, cum esset annorum duodeviginti, ad baptismum convolavit. nec tamen statim militiae renuntiavit, tribuni sui precibus evictus, cui contubernium familiare praestabat: etenim transacto tribunatus sui tempore renuntiaturum se saeculo pollicebatur. qua Martinus exspectatione suspensus per biennium fere posteaquam est baptismum consecutus, solo licet nomine, militavit.

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Übersetzung: J.Kösel
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Übersetzung

Einmal, er besaß schon nichts mehr als seine Waffen und ein einziges Soldatengewand, da begegnete ihm im Winter, der ungewöhnlich rauh war, so daß viele der eisigen Kälte erlagen, am Stadttor von Amiens ein notdürftig bekleideter Armer. Der flehte die Vorübergehenden um Erbarmen an. Aber alle gingen an dem Unglücklichen vorbei. Da erkannte der Mann voll des Geistes Gottes, daß jener für ihn vorbehalten sei, weil die andern kein Erbarmen übten. Doch was tun? Er trug nichts als den Soldatenmantel, den er umgeworfen, alles Übrige hatte er ja für ähnliche Zwecke verwendet. Er zog also das Schwert, mit dem er umgürtet war, schnitt den Mantel mitten durch und gab die eine Hälfte dem Armen, die andere legte er sich selbst wieder um. Da fingen manche der Umstehenden an zu lachen, weil er im halben Mantel ihnen verunstaltet vorkam. Viele aber, die mehr Einsicht besaßen, seufzten tief, daß sie es ihm nicht gleich getan und den Armen nicht bekleidet hatten, zumal sie bei ihrem Reichtum keine Blöße befürchten mußten. In der folgenden Nacht nun erschien Christus mit jenem Mantelstück, womit der Heilige den Armen bekleidet hatte, dem Martinus im Schlafe. Er wurde aufgefordert, den Herrn genau zu betrachten und das Gewand, das er verschenkt hatte, wieder zu erkennen. Dann hörte er Jesus laut zu der Engelschar, die ihn umgab, sagen: „Martinus, obwohl erst Katechumen, hat mich mit diesem Mantel bekleidet“. Eingedenk der Worte, die er einst gesprochen: „Was immer ihr einem meiner Geringsten getan, habt ihr mir getan“, erklärte der Herr, daß er im Armen das Gewand bekommen habe. Um das Zeugnis eines so guten Werkes zu bekräftigen, würdigte er sich in dem Gewände, das der Arme empfangen hatte, zu erscheinen. Trotz dieser Erscheinung verfiel der selige Mann doch nicht menschlicher Ruhmsucht, vielmehr erkannte er in seiner Tat das gütige Walten Gottes und beeilte sich, achtzehnjährig, die Taufe zu empfangen. Er entsagte jedoch dem Heeresdienst noch nicht sogleich, da er den Bitten seines Tribuns nachgab, mit dem er in vertrauter Kameradschaft zusammenlebte. Denn jener versprach, nach Ablauf seiner Dienstzeit als Tribun der Welt den Rücken zu kehren. Durch diese Zusage ließ sich Martinus bestimmen, noch ungefähr zwei Jahre lang nach seiner Taufe, freilich nur dem Namen nach, zu dienen.

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Nathalie Klinck
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Sulp.Sev.vit.Mart. 3

Leitfragen:

1) Welche Problematik entstand durch Martins Zeit als Soldat?

2) Wie werden Martins (christliche) Tugenden dargestellt?

3) Welche Rolle spielt die Mantelteilung für die Verehrung Martins?

Kommentar:

Martin von Tours kann wohl zu Recht als einer der bedeutendsten Heiligen Galliens bezeichnet werden. Der ausführliche Bericht über sein Leben und Wirken – die Vita Sancti Martini – wurde ca. 396/7 n.Chr. von einem gewissen Sulpicius Severus verfasst. Dieser war ein Zeitgenosse und Bewunderer von Martin und gibt dem Leser in seiner Vita ein vielschichtiges Bild des Heiligen, zudem vermeidet sie einen, direkten Bezug auf das Zeitgeschehen zu nehmen, was ihr einen überzeitlichen Rahmen verleiht. Wichtige Bezugspunkte der hagiographischen Schrift sind die Wunder, die Missionierung und die christliche Nächstenliebe und Tugendhaftigkeit des Mönchs und Bischofs.

Die Vita beginnt mit der Beschreibung der Herkunft und Jugend Martins, der wahrscheinlich um 316/17 n.Chr. in Sabaria (heute Ungarn) als Sohn eines Militärtribuns geboren wurde. Es folgen die Beschreibungen seines Militärdienstes und seines mönchischen Lebens bis zu seiner Wahl zum Bischof. An diese schließen sich die Aufzählungen seiner Wundertaten, wie die Zerstörung paganer Tempel und Götzenbilder sowie Episoden über Wunderheilungen und Totenerweckungen. Martin starb im Jahre 397 in Candes – von den Gläubigen bereits als Heiliger verehrt. Martin starb eines natürlichen Todes und wird als Heiliger dadurch nicht zu den Märtyrern (martyres), sondern zu den Bekennern (confessores) gezählt. Das besondere an der hagiographischen Lebensbeschreibung des Heiligen Martin ist, dass diese vor seinem Tod endet, was – wie bei jedem hagiographischem Text – dazu führt, dass man sich zwingend der Intention des Autors gewahr werden muss.

Die Episode der Mantelteilung ist die bekannteste Geschichte über den Heiligen Martin und gleichzeitig auch das am meisten vorkommende ikonographische Element in der Martinsverehrung. Die Teilung des Mantels steht dabei symbolisch für das moralische Handeln
im Sinne des Gebotes Christi: „Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan (Mt. 25,4).“ Dabei war das Bild von Martin als Soldat für das Christentum immer schon per se schwierig. Sulpicius Severus versucht ihn aus diesem Grund in dem vorliegenden Quellenabschnitt zu einem miles christi – einem Soldaten Christi – zu stilisieren. Martin wird in der vorliegenden Szene eben nicht als römischer Soldat beschrieben, sondern sein „Soldat-sein“ wird genutzt, um seine Fürsorge und Tugendhaftigkeit in den Mittelpunkt zu stellen. Somit vereinen sich in ihm die Gegensätze der militärischen paganen Umwelt mit der des friedvollen Christentums. Dieser Gedanke wird noch einmal in der Verwendung des „weltlichen“ Schwertes deutlich, das Martin benutzt, um seine christliche Tat der Nächstenliebe auszuführen.

Die Weiterführung Martins militärischer Dienstzeit nach seiner Taufe mit 18 Jahren entwickelte sich zu einer weiteren Problematik. Das Problem, welches dies mit sich brachte, lag darin, dass Papst Siricius (384-399 n.Chr.) all denjenigen kirchliche Ämter verwehrte, die nach ihrer Taufe noch Militärdienst leisteten. Es zeigt sich, dass diese Thematik zu dieser Zeit eine hohe Brisanz inne hatte, sodass sich vor diesem Hintergrund die Aussagen von Sulpicius Severus einordnen lassen können; Sulpicius ist in diesen Passagen der Vita besonders bemüht, ein tadelloses Bild von Martin zu zeichnen – was ihm ohne Frage auch gelingt. Er versteht es geschickt, nicht nur die christliche caritas in das militärische Leben und Handeln Martins zu integrieren, sondern auch seine Bereitschaft, sich ohne Waffen den feindlichen Truppen zu stellen, als Bereitschaft zum Martyrium zu stilisieren. Dieses Bild von Martin als Märtyrer wird nochmal in der späteren Beschreibung seines asketischen Lebens genutzt. Hier wird die Askese als unblutiges Martyrium beschrieben. Dieser selbstauferlegte Lebensstil entwickelte sich in einigen Teilen des Römischen Reiches, wie z.B. in Syrien zu Extremformen, wie den Säulenheiligen. Bei Martin war die strenge Askese auch verantwortlich dafür, dass er diverse Wunder vollbringen konnte. In der Vita wird also das Bild von Martin als tugendhafter Christ, als Märtyrer, Asket, Mönch und als Bischof gezeichnet, damit vereint der literarische Martin alle anerkannten Formen von Heiligkeit in einer Person – und das zu Lebzeiten.

Ein weiterer Grund für die hohe Popularität der Szene der Mantelteilung, obwohl auch andere prägnante Eigenschaften Martins zur Auswahl gestanden hätten – man denke an den Heiligen Martin, der sich im Gänsestall versteckte, um dem Bischofsamt zu entgehen – könnte in der ikonographisch einfachen Darstellungsmöglichkeit liegen. Die Szene lässt sich auf Siegeln, in der Malerei und der Plastik besonders gut darstellen. Besonders im Mittelalter und der Frühen Neuzeit wird verstärkt auf dieses Bild von Martin und der Mantelteilung zurückgegriffen, um auf
seine Nächstenliebe und die Nähe zum Volk zu verweisen. Noch heute ist die Szene das am meisten rezipierte Bild des Heiligen Martin – und wird vielerorts am 11. November bei St. Martins- oder Laternenumzügen wieder aufgegriffen.

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Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Religiöse Strukturen, Judentum und Christentum“. Um einen breiteren Einblick in die Kaiserzeit zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Römische Geschichte II – Kaiserzeit“.
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