interpretatio graeca

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Herodot
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Hdt. 2.41-42 – Original:

[41] τοὺς μέν νυν καθαροὺς βοῦς τοὺς ἔρσενας καὶ τοὺς μόσχους οἱ πάντες Αἰγύπτιοι θύουσι, τὰς δὲ θηλέας οὔ σφι ἔξεστι θύειν, ἀλλὰ ἱραί εἰσι τῆς Ἴσιος: [2] τὸ γὰρ τῆς Ἴσιος ἄγαλμα ἐὸν γυναικήιον βούκερων ἐστὶ κατά περ Ἕλληνες τὴν Ἰοῦν γράφουσι, καὶ τὰς βοῦς τὰς θηλέας Αἰγύπτιοι πάντες ὁμοίως σέβονται προβάτων πάντων μάλιστα μακρῷ. […] [42] ὅσοι μὲν δὴ Διὸς Θηβαιέος ἵδρυνται ἱρὸν ἤ νομοῦ τοῦ Θηβαίου εἰσί, οὗτοι μέν νυν πάντες ὀίων ἀπεχόμενοι αἶγας θύουσι. [2] θεοὺς γὰρ δὴ οὐ τοὺς αὐτοὺς ἅπαντες ὁμοίως Αἰγύπτιοι σέβονται, πλὴν Ἴσιός τε καὶ Ὀσίριος, τὸν δὴ Διόνυσον εἶναι λέγουσι: τούτους δὲ ὁμοίως ἅπαντες σέβονται. ὅσοι δὲ τοῦ Μένδητος ἔκτηνται ἱρὸν ἢ νομοῦ τοῦ Μενδησίου εἰσί, οὗτοι δὲ αἰγῶν ἀπεχόμενοι ὄις θύουσι. [3] Θηβαῖοι μέν νυν καὶ ὅσοι διὰ τούτους ὀίων ἀπέχονται, διὰ τάδε λέγουσι τὸν νόμον τόνδε σφίσι τεθῆναι. Ἡρακλέα θελῆσαι πάντως ἰδέσθαι τὸν Δία, καὶ τὸν οὐκ ἐθέλειν ὀφθῆναι ὑπ᾽ αὐτοῦ: τέλος δέ, ἐπείτε λιπαρέειν τὸν Ἡρακλέα, τάδε τὸν Δία μηχανήσασθαι: [4] κριὸν ἐκδείραντα προσχέσθαι τε τὴν κεφαλὴν ἀποταμόντα τοῦ κριοῦ καὶ ἐνδύντα τὸ νάκος οὕτω οἱ ἑωυτὸν ἐπιδέξαι. ἀπὸ τούτου κριοπρόσωπον τοῦ Διὸς τὤγαλμα ποιεῦσι Αἰγύπτιοι, ἀπὸ δὲ Αἰγυπτίων Ἀμμώνιοι, ἐόντες Αἰγυπτίων τε καὶ Αἰθιόπων ἄποικοι καὶ φωνὴν μεταξὺ ἀμφοτέρων νομίζοντες. [5] δοκέειν δέ μοι, καὶ τὸ οὔνομα Ἀμμώνιοι ἀπὸ τοῦδε σφίσι τὴν ἐπωνυμίην ἐποιήσαντο: Ἀμοῦν γὰρ Αἰγύπτιοι καλέουσι τὸν Δία. τοὺς δὲ κριοὺς οὐ θύουσι Θηβαῖοι, ἀλλ᾽ εἰσί σφι ἱροὶ διὰ τοῦτο. [6] μιῇ δὲ ἡμέρῃ τοῦ ἐνιαυτοῦ, ἐν ὁρτῇ τοῦ Διός, κριὸν ἕνα κατακόψαντες καὶ ἀποδείραντες κατὰ τὠυτὸ ἐνδύουσι τὤγαλμα τοῦ Διός, καὶ ἔπειτα ἄλλο ἄγαλμα Ἡρακλέος προσάγουσι πρὸς αὐτό. ταῦτα δὲ ποιήσαντες τύπτονται οἱ περὶ τὸ ἱρὸν ἅπαντες τὸν κριὸν καὶ ἔπειτα ἐν ἱρῇ θήκῃ θάπτουσι αὐτόν.

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Übersetzung:: A.D.Godley
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Übersetzung

[41] All Egyptians sacrifice unblemished bulls and bull-calves; they may not sacrifice cows: these are sacred to Isis. [2] For the images of Isis are in woman’s form, horned like a cow, exactly as the Greeks picture Io, and cows are held by far the most sacred of all beasts of the herd by all Egyptians alike. […] [42] All that have a temple of Zeus of Thebes or are of the Theban district sacrifice goats, but will not touch sheep. [2] For no gods are worshipped by all Egyptians in common except Isis and Osiris, who they say is Dionysus; these are worshipped by all alike. Those who have a temple of Mendes or are of the Mendesian district sacrifice sheep, but will not touch goats. [3] The Thebans, and those who by the Theban example will not touch sheep, give the following reason for their ordinance: they say that Heracles wanted very much to see Zeus and that Zeus did not want to be seen by him, but that finally, when Heracles prayed, Zeus contrived [4] to show himself displaying the head and wearing the fleece of a ram which he had flayed and beheaded. It is from this that the Egyptian images of Zeus have a ram’s head; and in this, the Egyptians are imitated by the Ammonians, who are colonists from Egypt and Ethiopia and speak a language compounded of the tongues of both countries. [5] It was from this, I think, that the Ammonians got their name, too; for the Egyptians call Zeus “Amon”. The Thebans, then, consider rams sacred for this reason, and do not sacrifice them. [6] But one day a year, at the festival of Zeus, they cut in pieces and flay a single ram and put the fleece on the image of Zeus, as in the story; then they bring an image of Heracles near it. Having done this, all that are at the temple mourn for the ram, and then bury it in a sacred coffin.

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Niklas Rempe
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Hdt. 2.41-42

Leitfragen:

1) Geben Sie Herodots Beschreibung der ägyptischen Götter und deren Verehrung wieder.

2) Welche Gründe hat Herodot für die Übertragung der griechischen Bezeichnung für die ägyptischen Götter?

3) Beurteilen Sie diese interpretatio graeca im Kontext des Hellenismus.

Kommentar:

Herodot – der griechische Geschichtsschreiber aus dem fünften Jahrhundert v. Chr. – beschreibt in der vorliegenden Quellenpassage einige Götter der Ägypter seiner Zeit und deren Kulte. So würden alle Ägypter allein männliche Rinder für Opferungen verwenden. Kühe würden hierfür nicht herangezogen, da die weiblichen Rinder der Göttin Isis heilig seien; sowieso würden sowohl Bullen als auch Kühe von den Ägyptern verehrt. Andere derartige Regelungen in Ägypten seien z.B. das Verbot der Opferung von Schafen im Kontext des thebanischen Zeus-Kultes, wobei Ziegen wiederum sehr wohl geopfert werden dürften. Anders soll es nach Herodot im Mendes-Kult gehandhabt werden. Hier verhalte es sich bzgl. der Schafe und Ziegen genau umgekehrt. Die Erklärung für das Verhalten der Thebaner liege im Zeus-Mythos begründet. Dieser habe sich vor seinem Sohn Herakles verstecken wollen und sich deswegen mit Fell und Kopf eines Schafbocks verkleidet. Deswegen würden sich die Ägypter Zeus mit einem Schafskopf vorstellen und ihm keine Schafe opfern – mit einer Ausnahme während eines bestimmen Festtages.

Es ist auffällig, dass der griechische Geschichtsschreiber die ägyptischen Götter mit seinen eigenen griechischen gleichsetzt und sie entsprechend benennt. So sei die Göttin Isis von den Ägyptern genau so dargestellt worden, wie die griechische Io – als weibliches Rind. Die ägyptische Darstellung der Götter wurde also von Herodot auf seinen eigenen Pantheon übertragen und die jeweiligen göttlichen Wesen miteinander gleichgesetzt sowie entsprechend bezeichnet. Diese interpretatio graeca, d. h. die Gleichsetzung anderer Götter mit denen der Griechen, konnte aber auch auf anderweitige Weise geschehen. Die Quellenpassage zeigt dies durch die Analogie des griechischen Zeus mit dem ägyptischen Amun. Anscheinend verwechselt Herodot hier den thebanischen Stadtgott Amun – ein Fruchtbarkeitsgott – mit Amun-Re. Letzterer ist in der ägyptischen Mythologie der König der Götter; dieselbe Rolle spielt Zeus in der griechischen Religion. Demnach führte also auch eine Überschneidung der Eigenschaften und Aufgaben zwischen den ägyptischen und griechischen Göttern zu einer interpretatio graeca.

Die interpretatio graeca wurde in den folgenden Jahren bzw. Jahrhunderten oft von den Griechen angewandt. Im Zeitalter des Hellenismus, wo weite Teile der des östlichen Mittelmeerraums nunmehr von Griechen erobert und beherrscht wurden, begünstigte diese Gleichsetzung von Gottheiten den religiösen Synkretismus. Neue Kulte entstanden, wie der des in der Quellenpassage nachzuvollziehenden Zeus-Amun bzw. Zeus-Ammon. Für ihn sind Tempel in Griechenland – im boiotischen Theben und Sparta – in anderen Quellen bezeugt. Auch soll ein Orakel des Gottes in der Oase Siwa angesiedelt gewesen sein. Alexander der Große soll von diesem Orakel zum Sohn des Amun erklärt worden sein. Man erkennt, wie wenig Probleme die Griechen durch diese interpretatio graeca mit anderen Religionen hatten. Obwohl es auf den ersten Blick stur oder sogar fundamentalistisch anmutet, allein die eigenen Götternamen anzuerkennen, konnten so fremde Kulte assimiliert werden. Dies wiederum verringerte die kulturellen Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Völkern und half den Griechen als Fremdherrscher im Hellenismus sicherlich, die einheimische Bevölkerung zu befrieden bzw. an sich zu binden.

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Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Religiöse Entwicklungen im Hellenismus“. Um einen breiteren Einblick in den Hellenismus zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Griechische Geschichte III – Hellenismus“.
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