08 – Die große Kolonisation / Der Orient

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in:
Werner Rieß
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CC-BY-NC-SA

Griechische Geschichte I: Die Archaische Zeit

08 – Die Große Kolonisation / Der Orient

Das Hauptereignis der Archaischen Zeit war mit Sicherheit die Kolonisation (750-580 v. Chr.), die den Griechen nicht nur neue Welten, sondern auch neue geistige Horizonte erschloss. Sie erklärt sich hauptsächlich, wie die Krise der Archaischen Zeit insgesamt, durch die enorme Bevölkerungszunahme, die zu Landnot führte und somit viele Menschen zur Auswanderung zwang. Schon vor der eigentlichen Kolonisation folgten die Griechen den phönizischen Handelswegen und tauschten Keramikprodukte und Sklaven gegen Metall und Luxusgüter aus dem Orient. Die frühesten uns bekannten Niederlassungen sind Al Mina an der nordsyrischen Küste und Pithekussai auf der Insel Ischia.
An beiden Orten wohnen Griechen mit Phöniziern zusammen, wobei Al Mina eher eine Handelsniederlassung als eine Kolonie, wie Pithekussai, war. Der Ablauf war immer ähnlich: Man fragte zuerst beim Orakel von Delphi oder bei Zeus in Olympia nach, wohin man Kolonisten entsenden sollte. Delphi und Olympia wurden damit zu Koordinationszentren und Informationsbörsen für die ganze Kolonisations-bewegung. Meist zogen junge, waffenfähige Männer, wohl meist nicht mehr als 200, unter der Führung eines Adeligen los. Man nannte ihn Oikistes oder Archegetes. Der Oikistes wurde nach seinem Tode als Heros verehrt. Er bekam seinen eigenen Kult. Sein Grab befand sich nicht außerhalb der Stadt, sondern oftmals auf der Agora. Frauen nahm man sich dann aus der einheimischen Bevölkerung vor Ort; manchmal zogen Frauen aber auch aus der Mutterstadt nach. Schutzgott war meist Apollon, dem man dann den Beinamen Archegetes gab, aber auch Zeus und Hera. Die Einrichtung eines Kultes am Siedlungsort war dann der konstitutive Akt der Koloniegründung. Durch die damit verbundenen Rituale konnte des Gründungsakts dann regelmäßig gedacht werden. Das Land wurde unter den Erstsiedlern gleichmäßig verteilt, rechtliche, politische und religiöse Institutionen gegründet.
Obwohl es sich bei den Neugründungen um selbständige Poleis handelte, blieben sie natürlich den jeweiligen Mutterstädten politisch, religiös, aber vor allem kulturell eng verbunden. Vor allem Korinth übte über seine Kolonien eine strenge Kontrolle aus. Die egalitäre und vor allen Dingen geplante Stadteinteilung führte in den Kolonien zu regelmäßigen Stadtplänen, z. B. in Megara Hyblaia auf Sizilien. Auch hier sieht man wieder den Willen zur Rationalität und Logik bei den Griechen. Diese Gestaltbarkeit, gerade im politischen Bereich, in dem Verfassungen ausgehandelt und sozusagen auf dem Reißbrett entworfen werden konnten, wirkten auf das Mutterland zurück. Die Griechen lernten, dass Verhältnisse nicht naturgegeben und unabänderlich, sondern von Menschenhand verändert und auch neu geschaffen werden konnten.
Am Anfang spielten die Euböer die Vorreiterrolle bei der Kolonisation. Sie legten Al Mina und auch Pithekussai an. Vor allem Chalkis wurde auf Sizilien aktiv. Chalkis und Korinth dominierten bald die Kolonisationsbewegung im Westen, Megara und Milet die im Osten, v.a. im Schwarzmeergebiet. Das Beispiel, das wir am besten kennen, ist die Gründung Kyrenes um 630 durch Thera. Dieser Bericht liegt uns in drei Fassungen vor: Die theraische und die kyrenische Version überliefert uns Herodot; außerdem haben wir einen epigraphischen Text aus dem 4. Jh., der mehr oder weniger auf ältere Texte aus der Kolonisationszeit zurückgeht. In diesem Fall sehen wir, dass die Auswanderung nicht freiwillig war. Es musste gelost werden; wer sich der Verlosung zu entziehen versuchte, wurde hingerichtet. Den Kolonisten wurde die Rückkehr streng verboten. Wir sehen hier also eine Gemeinschaft, deren Ressourcen so knapp waren, dass sie ums Überleben kämpfen musste.

Die archaische Epoche wird aufgrund ihrer intensiven Kontakte zum Orient auch als orientalisierende Epoche bezeichnet. In vielerlei Hinsicht kennen wir heute die Abhängigkeit der Griechen von den Orientalen besser als früher, aber wir gewinnen auch immer mehr Einsicht, wie die Griechen sich die Errungenschaften des Orients fruchtbar und eigenständig anverwandelten. Ich kann hier nur einige, wenige Phänomene kurz ansprechen: In der Kunst sind die archaischen Jünglingsstatuen, die Kouroi, unverkennbar an ägyptischen Statuen orientiert. Der orientalisierende Vasenstil mit Ornamenten und Pflanzen, Voluten, Rosetten, Palmetten und Lotosblüten löst den geometrischen Stil ab. Nun gibt es auch Tierdarstellungen, wie Löwen und Panther, also Tiere, die die Griechen nie sahen. Das Haushuhn wird jetzt eingeführt. Anders als bei den Verdienstfesten der homerischen Zeit beginnen die zum Gastmahl, zum Symposien, Geladenen, jetzt zu liegen. Es geht nun nicht mehr nur ums Essen: In komplizierten Trinkritualen, bei Spielen, Wettbewerben in Rede und Dichtung, Gesang und Tanz und in Begleitung von Hetären feiern wohlhabend gewordene Schichten, die nach aristokratischen Idealen streben, sich selbst. Viele semitische Lehnwörter für Dinge der materiellen Kultur, wie Gefäßformen, Kleidung, Fischfang und Schifffahrt finden nun Eingang ins Griechische. Griechische Söldner kämpfen in ägyptischen und babylonischen Diensten. Von den Lydern lernen die Griechen wahrscheinlich die Geldwirtschaft kennen.
Der entscheidendste Impuls aus dem Osten war jedoch die Übernahme der Schrift von den Phöniziern. Wer auch immer sie vornahm, muss perfekt zweisprachig und ein großes Gefühl für beide Sprachen gehabt haben. Als Ort der Übernahme wird man sich Al Mina vorstellen dürfen. Die Griechen verwenden einige Buchstaben der reinen Konsonantenschrift der Phönizier, die sie in ihrer Sprache nicht brauchen, nun als Vokalzeichen, die im Griechischen so wichtig sind, und kreieren sich damit ein sehr subtiles Schriftsystem, das sehr bald nicht nur zur Magazinierung und zu Handelszwecken eingesetzt wird, sondern auch zum Niederschreiben von bis dato mündlicher Epik, von Lyrik, Gesetzestexten und Geschichtsschreibung. Dieser Medienwechsel stellt tatsächlich einen Quantensprung im Geistesleben der Griechen dar.
Die Schrift fand zwischen 750 und 650 durch den Handel rasche Verbreitung in allen Gesellschaftsschichten, womit der Alphabetisierungsgrad im klassischen Griechenland höher als im römischen Kaiserreich war. Das früheste griechische Schriftzeugnis ist eine Hexameterzeile auf einer Dipylonkanne aus Athen und der Nestorbecher aus Pithekussai. Erinnern wir uns auch daran, dass die olympischen Sieger seit 776 v. Chr. bezeugt sind, dass man also die Sieger aufzeichnete, sobald man das neue Medium zur Verfügung hatte. Die Gründungsdaten der sizilischen Kolonien werden ab 734 aufgezeichnet, die athenischen Archonten seit 683.
Die mentalen Folgen dieses revolutionären Medienwechsels sind gar nicht zu überschätzen. Die Entstehung der griechischen Philosophie und des Verfassungsdenkens war nun möglich. Dadurch, dass es sich beim griechischen Alphabet um eine säkulare Schrift handelte, die nicht z.B. an eine Priesterkaste gebunden war, konnte es auch nicht zu einer Monopolisierung der Schriftlichkeit durch einige Wenige kommen. Dieser demokratische Grundzug der griechischen Schrift erklärt, warum sie zum Katalysator für viele gesellschaftliche Entwicklungen werden konnte: Durch die Förderung des logischen und rationalen Denkens, die Förderung des Individualismus und die schriftlich fixierte Rechtsprechung war es schließlich möglich, den Weg hin zur Demokratie zu beschreiten.

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