De Libero, L., Die archaische Tyrannis […]

De Libero, L., Die archaische Tyrannis, Stuttgart: Steiner 1996, 44-78.

 

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Der vorliegende Ausschnitt stammt aus der überarbeiteten Habilitation von de Libero aus dem Jahr 1996. Das Werk setzt sich über Athen hinaus mit dem Phänomen der archaischen Tyrannis in griechischen Stadtstaaten auseinander. Der Fokus liegt auf den individuellen Phänomenen der Tyrannis in den einzelnen Poleis. De Libero setzt sich auf mikrogeschichtlicher Ebene mit dem Thema auseinander. Die Monographie wurde einerseits teilweise wegen mangelnden Erkenntnisgewinns und andererseits wegen partiell fehlender Tiefe hinsichtlich der Quelleninterpretation kritisch betrachtet. Gleichzeitig wird jedoch hervorgehoben, dass das Werk den ersten modernen Versuch darstellt, das veraltete, aber immer noch grundlegende Standardwerk von Helmut Berve „Die Tyrannis bei den Griechen“ aus dem Jahr 1967, zu ergänzen. Trotz der Kritik an der Habilitation, bietet das Werk einen guten Überblick und vor allem eine verständliche und nachvollziehbare Einführung in die Thematik der „archaischen Tyrannis“.
Leitfragen

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Josephine Lesniak
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1) Athen kennt mehrere Aristokraten, die versuchten eine Vormachtstellung als Tyrannen zu erlangen. Nennen Sie die zwei Tyrannenaspiranten Athens vor Peisistratos und kennzeichnen Sie deren Versuche, die Vormachtstellung im Stadtstaat Athen zu erlangen (Textseiten 45-50).

2) Peisistratos bemühte sich mehrmals darum, die Tyrannis zu erlangen. De Libero beschreibt insbesondere zwei Aspekte im Leben des Peisistratos, die wegweisend waren, um die Tyrannis erlangen zu können (Textseiten 52-55). Fassen Sie diese beiden Aspekte in wenigen Sätzen zusammen.

3) Wie erreichte es Peisistratos 561/560 und 546/45 v. Chr., Tyrann von Athen zu werden (Textseiten 56-62)? Beschreiben Sie in Stichpunkten den Verlauf der Ereignisse.

4) Warum ist Peisistratos beim ersten Versuch laut de Libero gescheitert und was machte den zweiten Versuch effektiver?

5) Analysieren Sie die Mittel der Machterhaltung von Peisistratos (Textseiten 67-78). Welches politische Handeln stärkte seine persönliche Macht und welches die Strukturen der Polis, die in Richtung einer größeren Bürgerbeteiligung zielten? Welches Handeln wirkte stärker auf die Machterhaltung? Begründen Sie Ihre Entscheidung!

Kommentar

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Autor_in: Josephine Lesniak
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Forschungstradition des Autors

Prof. Dr. Loretana de Libero ist seit 2006 außerplanmäßige Professorin an der Universität Potsdam. Weiterhin lehrt sie in Hamburg an der Führungsakademie der Bundeswehr. Libero ist außerdem Mitglied der SPD und war von 2012 bis 2015 Mitglied der Hamburger Bürgerschaft. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Verfassungs- und Militärgeschichte.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Den archaischen Begriff „Tyrannis“ erläutert de Libero bereits zu Beginn ihrer Habilitation (Textseiten 23-38). Der Begriff „Tyrannos“ war kein offizieller Titel mit dem der Herrscher angesprochen wurde. Ebenso war die „Tyrannis“ kein offizielles Amt zu dem jemand gewählt wurde. Vielmehr beschrieb der Begriff „Tyrannis“ eine uneingeschränkte Herrschaft eines einzelnen bzw. eine herausragende Stellung einer Person innerhalb des bestehenden Herrschaftssystems. In der archaischen Zeit hat der Begriff sowohl eine positive als auch eine negative Konnotation. Positiv meint der Begriff eine beneidenswerte Stellung, sagenhaften Reichtum und enorme militärische Potenz. Negativ umfasst er aber auch Machtbesessenheit, Extravaganz und Besitzgier.

Die „Tyrannis“ war eine Herrschaftsform, die aus einem verworrenen politischen Klima entstanden war. In Athen herrschte eine Rivalität der Aristokraten. Insbesondere junge Aristokraten sammelten sich zu beständig fluktuierenden Stasis-Gruppen. Als „Stasis“ werden Auseinandersetzungen mehrerer sozialer Gruppen in einer Gemeinde bezeichnet. Die Gruppierungen verbinden sich durch ein gemeinsames Ziel, z.B. die Erlangung oder den Sturz einer Tyrannis. Innerhalb dieser Rivalitäten schaffte es Peisistratos, in mehreren Anläufen seine Vormachtstellung zu erhalten, ohne dabei das bestehende System weitreichend zu beschränken (Textseiten 72-78). Insbesondere wegen dieser Art der Machtausübung konnten sich unter Peisistratos teilweise politische Strukturen verfestigen.
Peisistratos ermöglichte es, dass Ämter wie die der Archonten turnusmäßig besetzt werden konnten und nicht aufgrund aristokratischer Machtstreitigkeiten vakant blieben. Ebenso blieb auch der Rat, später der Areopag, wieder beschlussfähig. Jedoch muss selbstverständlich darauf hingewiesen werden, dass Peisistratos ihm nahe stehende Aristokraten förderte und ihnen zu diesen Ämtern verhalf. Dabei handelte es sich vor allem um Angehörige des niederen Adels. Seinen Gegnern hingegen soll er die Kinder entführt haben, um sie so zum Schweigen zu bringen.

Das Versagen seiner Söhne Hippias und Hipparchos führte zum Sturz der Tyrannen in Athen Ende des 6. Jhs. v. Chr. Durch politische und möglicherweise private Streitigkeiten kam es zur Ermordung des Hipparchos. Sein Bruder Hippias versuchte anschließend ohne Rücksicht auf das bestehende System, die Macht offen durch ein Söldnerheer zu erhalten. Die Athener holten sich jedoch militärische Unterstützung aus Sparta und vertrieben den Tyrannen.

In der Forschung wird die tragende Säule der archaischen Tyrannis unterschiedlich definiert. Zusammenfassend ist zu sagen, dass sowohl die soziale Vormachtstellung und das beständige Ringen um eine hohe Zahl an Befürwortern, als auch die permanente Präsenz von Söldnern und einer Leibgarde wichtige Elemente der Herrschaft waren. Zusätzlich war es von Bedeutung, dass neben dem bestehenden politischen System auch eine breite bzw. geregelte politische Teilhabe anderer Aristokraten gewährleistet wurde. Dies galt natürlich nur für die dem Tyrannen wohlgesinnten Aristokraten. Das wichtige Amt des Archon eponymos war für die Fälle, die uns überliefert sind, in drei von vier Fällen von Aristokraten besetzt, die mit Peisistratos sympathisierten.

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Stein-Hölkeskamp, E., Das Archaische Griechenland […]

Stein-Hölkeskamp, E., Das archaische Griechenland. Die Stadt und das Meer, München: Beck 2015, 96-119.

 

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1) Stein-Hölkeskamp erörtert die unterschiedlichen Gründe für die Kolonisation von Mittelmeergebieten durch griechische Poleis. Nennen Sie die Gründe, die auf den Textseiten 100-103 erläutert werden.

2) Nennen Sie drei grundlegende archäologische Quellen, auf die sich Stein-Hölkeskamp bei ihrer Untersuchung stützt. Beschreiben Sie in wenigen Sätzen, welche Schlüsse sich aus den Quellen für die Charakterisierung der Kolonisation ziehen lassen.

3) Die Kolonisation verlief in zwei Phasen. Wie unterscheiden sich diese zwei Phasen für die Orte Metapont, Siris und Incoronata voneinander (Textseiten 110-119)?

4) Was unterscheidet nach Stein-Hölkeskamp die Kolonisation in der Archaik maßgeblich von den Kolonisationsbewegungen der frühen Neuzeit (Textseite 116)? Erläutern Sie den Unterschied in wenigen Sätzen.

5) Stein-Hölkeskamp erörtert zu Beginn und zu Anfang des Kapitels den Zusammenhang zwischen der archaischen Kolonisation und dem Epos „Odyssee“ von Homer. Fassen Sie in eigenen Worten zusammen, welche Aspekte der literarischen Darstellung für die Charakterisierung der archaischen Kolonisation übernommen werden können und warum.

Kommentar

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Forschungstradition des Autors

Apl. Prof. Dr. Elke Stein-Hölkeskamp lehrt seit 2016 als außerplanmäßige Professorin an der Universität Duisburg-Essen das Fach Alte Geschichte. Ihre Forschungsschwerpunkte sind insbesondere die Sozialgeschichte der griechischen Archaik und Klassik, wobei Sie sich vor allem der Adelskultur widmet. Weiterhin forscht sie zur Kultur- und Erinnerungsgeschichte Griechenlands und Roms. Sie ist zusammen mit ihrem Mann Karl-Joachim Hölkeskamp Trägerin des Karl-Christ-Preises, welcher herausragende wissenschaftliche Verdienste für die Alte Geschichte prämiert und auszeichnet.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Stein-Hölkeskamp erörtert zu Beginn des Kapitels, dass die Beschreibungen in der Odyssee von Homer in der heutigen Forschung in das 8. Jh. v. Chr. datiert werden (Textseite 97). Diese Datierung basiert auf folgenden Überlegungen: Überliefert ist uns, dass die Epen unter dem Tyrannen Peisistratos Mitte des 6. Jhs. v. Chr. in Athen von Sängern vorgetragen wurden. Gesungen wurde von Odysseus und seinen Abendteuern aber nicht so, als seien es Zeitgenossen, sondern gesungen wurde von grauen Vorzeiten. Antike Autoren wie Diodor haben uns überliefert, dass es sich dabei vermeintlich um das 12. Jh. v. Chr. handle. Diese These gilt aber weithin als revidiert. Die Lebensbeschreibungen der Akteure in den Epen stimmen mit denen im 8. Jh. v. Chr. überein. Allgemein wird daher das 8., teilweise auch das 7., Jh. v. Chr. als zu datierender Zeitraum für die Handlung angenommen. Aufgrund dieser Datierung werden die Epen von Stein-Hölkeskamp als literarische Quellen für die Untersuchung der archaischen Kolonisation genutzt. Die Epen sind damit die wichtigsten schriftlichen Quellen. Selbstverständlich werden Sie durch die archäologischen Quellen ergänzt.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der im vorliegenden Auszug nicht weitreichend erörtert wird, betrifft die grundsätzliche Begrifflichkeit von „Kolonisation’“. Als „Kolonisation“ wird eine Besiedlung bezeichnet, die über den angestammten Lebensraum hinaus erfolgt. Der Begriff ist nicht inhärent mit einer Form von gewaltsamer Landnahme verbunden, jedoch kann eine Kolonisation auch gewaltsam vorgenommen werden. Einen Sonderfall der Kolonisation umschreibt der Begriff „Kolonialisierung“. Er umfasst die durch eine moderne Staatsmacht vollzogene gewaltsame Landnahme in der Frühen Neuzeit, welche mit Columbus Ende des 15. Jhs. n. Chr. begann. Hinter dem Begriff „Kolonisierung“ steht vor allem eine gewaltsame Unterdrückung, Umerziehung oder Ausrottung der indigenen Bevölkerung. Die Legitimation zur Unterdrückung findet sich vor allem in der Vorstellung einer kulturellen Überlegenheit seitens der Unterdrücker. Der Begriff „Kolonialisierung“ ist folglich nicht zutreffend für die archaischen Kolonisationsbewegungen. Sie können nicht als protostaatliche, geplante, gewaltsame und ideologisch begründete Landnahme bezeichnet werden (Textseite 116).

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Pfeilschifter, R., Die Spätantike […]

Pfeilschifter, R., Die Spätantike. Der eine Gott und die vielen Herrscher, München: Beck 2014, 121-149.

 

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Der vorliegende Textausschnitt stammt aus Pfeilschifters Einführungswerk „Spätantike. Der eine Gott und die vielen Herrscher“. Als Überblicksdarstellung ist das Werk informativ, leicht verständlich und unterhaltsam geschrieben. Es bietet für Interessierte und Studenten einen hervorragenden Einblick in die Thematik. Für tiefer gehende Analysen oder zu Forschungszwecken ist das Werk aus der Natur der Sache als Einführungswerk verständlicher Weise weniger geeignet
Leitfragen

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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1) Pfeilschifter erörtert mehrere Einfälle von barbarischen Stämmen in das Römische Reich. Versu-chen Sie, die Einfälle chronologisch zu ordnen (Textseiten 121-133). Erstellen Sie eine knappe Über-sicht in Stichpunkten. Nutzen Sie zur Übersicht auch die Karte auf Textseite 122.

2) Auf der Textseite 123 stellt Pfeilschifter die leitende Fragestellung des Kapitels. Warum konnte Rom den feindlichen Heeren nicht Stand halten? Mögliche Antworten liefert er auf den Textseiten 123-141. Fassen Sie die Antworten zusammen. Unterteilen Sie dabei in die drei folgenden Katego-rien: 1. militärische Leistungsfähigkeit der Barbaren; 2. militärische Leistungsfähigkeit des römi-schen Heeres; 3. Herrschaftsstrukturen im Römischen Reich.

3) Erläutern Sie in wenigen Sätzen,warum der Begriff „Völkerwanderung“ nach Pfeilschifter nicht zutreffend ist (Textseite 133).

4) Die Westgoten hatten es als erster germanischer Stamm erreicht, dass ihnen Land im Römischen Reich zugesprochen wurde, welches sie besiedeln durften (Textseiten 139-144). Was waren Ihrer Meinung nach die größten Konfliktfelder bei der Integration eines riesigen wandernden Heeres mit Tross in die bestehende römische Ordnung? Nennen Sie die Konfliktfelder nach Pfeilschifter und wählen Sie zwei besonders problematische Felder aus. Begründen Sie Ihre Entscheidung.

5) Fassen Sie in Stichpunkten die Kernelemente der beiden uns überlieferten Gesetzescodices Roms, Codex Iustinianus und Codex Theodosianus, in wenigen Sätzen zusammen (Textseiten 146-149). Heben Sie dabei auch die Unterschiede hervor.

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Forschungstradition des Autors

Prof. Dr. Rene Pfeilschifter wurde 1971 geboren und lehrt seit 2012 als ordentlicher Professor das Fach Alte Geschichte an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen zeitlich betrachtet insbesondere in der Römischen Republik und der Spätantike. Inhaltlich befasst er sich u.a. mit den sich verändernden Herrschaftsstrukturen sowie auch mit dem Einfluss des Christentums auf eben diese Strukturen. Wie auch in dem vorliegenden Kapitel zieht er die Grenze der Spätantike nicht abrupt im Jahre 500, sondern greift weiter bis ins Frühmittelalter des 6. und 7. Jahrhunderts.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Pfeilschifter beschreibt in dem vorliegenden Kapitel unterschiedliche Einfälle von Stämmen in das Römische Reich. Er bezeichnet die Stämme grundsätzlich als „Barbaren“. Mit diesem Begriff greift Pfeilschifter auf den von den Römern selbst genutzten Begriff, der bereits von den Griechen für Völker verwendet wurde, die nicht mit dem eigenen identisch waren. Den Unterschied machte vor allem die fehlende griechisch-römische Bildung, durch welche sich Griechen und später die Römer definierten. Wenn Pfeilschifter folglich von Barbaren in der Spätantike spricht, so meint er Völker und Stämme, welche außerhalb der Römischen Reichsgrenzen lagen.

Besonders bedrohlich für das Römische Reich waren die Germanen (Goten, Sueben, Vandalen) und die Hunnen, wobei Hunnen aus Zentralasien nach Rom drangen. Die Germanen kamen aus heutigen osteuropäischen Gebieten (Polen, Ungarn, Kroatien, Rumänien), aus südwestlichen Teilen Russlands sowie aus der Ukraine (Schwarzes Meer). Beide Einfälle sind jedoch voneinander zu trennen. Die Hunneneinfälle in die Gebiete der Germanen bis an die Grenze des Römischen Reiches waren selbst eine Mitursache für den Einfall der Germanen in das Römische Reich (Textseite 121).

Auf den Textseiten 123-125 erläutert Pfeilschifter die Bedingungen für germanische Soldaten innerhalb der Römischen Armee. Er weist er darauf hin, dass bereits in der Römischen Republik Germanen als Hilfstruppen, u.a. unter Caesar, Teil der Römischen Armee waren. Pfeilschifter erörtert hier Strukturen, die seit der Republik bis in die Spätantike gewachsen waren. Einem Nichtrömer war es möglich, durch einen Armeedienst von 25 Jahren römischer Bürger zu werden. Wenn nicht von Geburt an das Bürgerrecht vererbt wurde, so konnte es zumindest durch den Armeedienst erlangt werden. Die Germanen waren damit wie viele andere Nichtrömer über mehrere Jahrhunderte ein gewachsener Teil des römischen Heeres.

Ein weiter wichtiger Punkt hinsichtlich der rechtlichen Strukturen im Römischen Reich, ist die Rechtsprechung und Gesetzgebung, die Pfeilschifter auf den Textseiten 144 bis 149 erörtert. Pfeil-schifter erklärt, dass lediglich der Kaiser die Institution darstellt, die bestehendes Recht interpretieren und neues Recht schaffen durfte. Der Kaiser erließ Gesetze, sogenannte Kaiserkonstitutionen in Form von allgemeinen Erlassen, Dienstanweisungen, Gerichtsentscheidungen und Rechtsgutachten für den Einzelfall. Entgegen der Darstellung bei Pfeilschifter, dass all diese Gesetze nicht allgemein kund getan wurden, sondern nur einzelnen Amtsträgern zugingen, ist zu betonen, dass Kopien angefertigt und verteilt wurden. Die sogenannten Prätorianerpräfekten, die obersten Verwaltungsbeamten des Römischen Reiches, waren häufig Adressaten der verschiedenen Codices, sodass ein Kommunikationsweg für Gesetz und Recht allgemein gegeben war. Den Präfekten oblag nach dem Kaiser die höchste richterliche Instanz für die Ihnen zugeteilten Reichsteile.

Zuletzt sollte erörtert werden, dass der religiöse Unterschied zwischen Homöern und Nizänern (Textseite 142-143) historisch gewachsen war. Die Goten waren bereits im 4. Jh. n. Chr. durch den Bischof Wulfia im Sinne der homöischen Theologie christianisiert worden. Diese Glaubensrichtung war während der Missionierung der Goten auch im römischen Kaiserhaus populär. Sie hielt sich jedoch nicht im gesamten Römischen Reich. Bereits Ende des 4. Jh. n. Chr. wurde auf dem zweiten ökumenischen Konzil das nicänische Dogma festgelegt, wonach Gottvater und Gottes Sohn wesensgleich seien. Die Homöer hingegen nahmen an, dass sie nur wesensähnlich seien. Entsprechend unterschied sich die Glaubensrichtung der germanischen Christen von der Glaubensrichtung der römischen Bürger in den gallischen und hispanischen Provinzen erheblich.

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Nolte, P., Was ist Demokratie? […]

Nolte, P., Was ist Demokratie. Geschichte und Gegenwart, München: Beck 2012, 9-49.

Gelzer, M., Cicero […]

Gelzer, M., Cicero. Ein biographischer Versuch. Mit einer Einleitung von W. Riess, Stuttgart: Steiner 2014², 9-27, 67-96.

 

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Matthias Gelzer stellte sich mit seinen Forschungen zu Cicero erstmals gegen das durch Theodor Mommsen rein negativ geprägte Urteil über Cicero. Gelzer analysierte unter zur Hilfenahme aller verfügbaren Quellen Cicero sowohl als Philosoph als auch als Redner und Politiker. Insbesondere den Briefen von Cicero an seinen Bruder Atticus und den philosophischen Schriften schenkte Gelzer neben Ciceros Reden große Aufmerksamkeit. Gelzer trug maßgeblich zum heute noch vorherrschenden Bild Ciceros bei. Der Redner und Philosoph Cicero, als die am besten bekannte Persönlichkeit der Antike, wird durchweg positiv bewertet. In den zahlreichen Biographien und Spezialabhandlungen wird hingegen noch heute sein politisches Schaffen kontrovers diskutiert.
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1) Rieß erläutert im Vorwort drei große Forschungstendenzen zur Person Cicero, die rein negative, die abwägende und die überhöhende Forschungspostion (Textseiten XV-XXVII). Fassen Sie den Inhalt der drei Tendenzen in wenigen Stichpunkten zusammen. Nennen Sie dabei für jede Tendenz mindestens einen Autor und ein Beispiel.

2) Rieß erläutert, dass Ciceros Karriere immer an der von Caesar gemessen wird (u.a. Textseiten, XII-XV). Erläutern Sie, warum Ihrer Meinung nach insbesondere diese beiden Personen einander permanent gegenüber gestellt werden.

3) Nennen Sie drei wichtige politische Auseinandersetzungen, denen sich Cicero während seines Konsulats stellen musste. Nennen Sie den Streitpunkt und die Akteure.

4) Beschreiben Sie Ciceros Konfliktlösung der Catilinarischen Verschwörung in wenigen Sätzen (Textseiten 76-96).

5) Was war nach Gelzer Ciceros größter Fehler während seines Konsulats (Textseiten 93-96)? Teilen Sie die Meinung von Gelzer? Erläutern Sie Ihre Position!

Kommentar

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Forschungstradition des Autors

Prof. em. Dr. Matthias Gelzer (*1886; †1974) lehrte in Greifswald, Straßburg und von 1919 bis 1955 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/M.. Er habilitierte sich zu den Treueverhältnissen und dem Klientelwesen der späten Republik. Gelzer erforschte 1912 damit erstmals die Funktionsweise der römischen Republik unter dem Blickpunkt von Personenkreisen und nicht von Einzelpersönlichkeiten.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Rieß fasst in der forschungsgeschichtlichen Einleitung die Kritikpunkte von Gelzer an Cicero als Politiker und Staatsmann zusammen (Textseite XXVII). Im vorliegenden Kapitel widmet sich Gelzer dem Höhepunkt einer Karriere als römischer Politiker, dem Konsulat. Das Konsulat Ciceros zeichnet Gelzer als ein beständiges Abwägen und Gegeneinaderausspielen von Interessen. Wichtig war es immer, nicht nur als Konsul, über Informationen und Kontakte zu verfügen, um die politischen Bemühungen anderer Politiker zu verhindern oder zu unterstützen.

Ein Beispiel von vielen ist ein erneutes Ackergesetz, rogatio agraria, eingebracht 64 v. Chr. von Servilius Rullus. Es sollte von den Volkstribunen in der Volksversammlung, dem zweiten großen gesetzgebenden Organ in der Römischen Republik, durchgesetzt werden. Gezler schildert jedoch geheime Absprachen und Manipulationen des republikanischen Systems, um die eigentliche Intention des Gesetzes vor der Öffentlichkeit und dem Senat zu verschleiern (Textseiten 67-70). Das Gesetz war dem äußeren Anschein nach zur Versorgung von Veteranen mit Ackerland gedacht. Großgrundbesitzern sollte zu einem fairen Preis Land abgekauft werden, ohne, dass es einer Enteignung gleich käme. Hinter diesem Gesetz stand jedoch nach Gelzer ein großer Plan von Ciceros Gegenspieler Caesar, der dann 59 v. Chr. nach dem Scheitern des Gesetzes, selbst ein Gesetz, die lex Iulia agraria, im Senat durchbrachte. Ziel war es, durch staatliche Mittel die eigene Anhängerschaft, die zum großen Teil aus einem Heer bestand, zu sichern. Die große militärische Schlagkraft, über die Caesar, Pompeius und Crassus verfügten, machten diese Personen einerseits gefährlich, aber andererseits für die Sicherheit der Republik auch unabdingbar.

Vor allem an einer Entscheidung wird Cicero bis heute gemessen. Die sogenannte Catilinarische Verschwörung schildert Gelzer ganz aus den chronologischen Ereignissen (Textseiten 77-96). Lucius Sergius Catilina war einer der vielen jungen Aristokraten, die in der Politik das oberste Amt erreichen wollten. Cicero hatte Glück, er wurde gleich beim ersten mal zum Konsul gewählt. Catilina war jedoch, nach mehrmaligen Misserfolgen bei den Wahlen verzweifelt, denn ohne das Amt des Konsuls war eine politische Karriere nie vollendet. Catilina griff zu militärischen Mitteln und bemühte sich um eine eigene Armee. Er plante zunächst einen Putsch oder zumindest wollte er damit drohen; ein Krieg war nicht zwingend erforderlich. Catilina sah in Cicero jedoch einen sehr ernsten Gegner und wollte ihn und einige weitere daher ermorden lassen.

Die Reaktion Ciceros auf den Anschlag, d.h. die Hinrichtung Catilinas und seiner Anhänger ohne Gerichtsverfahren, machte Cicero angreifbar und schwächte dauerhaft seine politische Handlungsfähigkeit. Catilina und seine Mitverschwörer entstammten hoch angesehen Familien. Sie waren Adlige, die nicht ohne weiteres zur Todesstrafe hätten verurteilt werden dürfen. Zwar stimmte der Senat der Hinrichtung zu, jedoch ersetzte dies im Fall der Todesstrafe für einen adligen Römer keinesfalls ein Gerichtsverfahren.

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Aristoteles: Über die Ursachen der Tyrannis

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Autor_in: Aristoteles
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Original:

Aristot. Pol. 5. 1310b

φανερὸν δ᾽ ἐκ τῶν συμβεβηκότων. σχεδὸν γὰρ οἱ πλεῖστοι τῶν τυράννων γεγόνασιν ἐκ δημαγωγῶν ὡς εἰπεῖν, πιστευθέντες ἐκ τοῦ διαβάλλειν τοὺς γνωρίμους. αἱ μὲν γὰρ τοῦτον τὸν τρόπον κατέστησαν τῶν τυραννίδων, ἤδη τῶν πόλεων ηὐξημένων, αἱ δὲ πρὸ τούτων ἐκ τε τῶν βασιλέων παρεκβαινόντων τὰ πάτρια καὶ δεσποτικωτέρας ἀρχῆς ὀρεγομένων, αἱ δὲ ἐκ τῶν αἱρετῶν ἐπὶ τὰς κυρίας ἀρχάς (τὸ γὰρ ἀρχαῖον οἱ δῆμοι καθίστασαν πολυχρονίους τὰς δημιουργίας καὶ τὰς θεωρίας), αἱ δ᾽ ἐκ τῶν ὀλιγαρχιῶν, αἱρουμένων ἕνα τινὰ κύριον ἐπὶ τὰς μεγίστας ἀρχάς. πᾶσι γὰρ ὑπῆρχε τοῖς τρόποις τούτοις τὸ κατεργάζεσθαι ῥᾳδίως, εἰ μόνον βουληθεῖεν, διὰ τὸ δύναμιν προϋπάρχειν τοῖς μὲν βασιλικῆς ἀρχῆς τοῖς δὲ τὴν τῆς τιμῆς:

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Übersetzung: H. Rackham
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Übersetzung:

Aristot. Pol. 5. 1310b

And this is manifest from the facts of history. For almost the greatest number of tyrants have risen, it may be said, from being demagogues, having won the people’s confidence by slandering the notables. For some tyrannies were set up in this manner when the states had already grown great, but others that came before them arose from kings departing from the ancestral customs and aiming at a more despotic rule, and others from the men elected to fill the supreme magistracies (for in old times the peoples used to appoint the popular officials and the sacred embassies for long terms of office), and others from oligarchies electing some one supreme official for the greatest magistracies. For in all these methods they had it in their power to effect their purpose easily, if only they wished, because they already possessed the power of royal rule in the one set of cases and of their honorable office in the other, […]

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Agnes von der Decken
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Leitfragen:

1) Wovon handelt die Quellenstelle?

2) Welche Ursachen nennt Aristoteles für die Entstehung einer Tyrannis?

3) Welche Aussagen lassen sich über eine Tyrannis im Allgemeinen treffen?

Kommentar:

Nach dem Zusammenbruch der mykenischen Welt war das Königtum in Griechenland keine weit verbreitete Institution mehr. Seit der Mitte des 7. Jh. v. Chr. gelang es Usurpatoren in verschiedenen Poleis (Stadtstaaten) die Macht zu ergreifen und für eine kurze Dauer Dynastien einzurichten. Später, als sich die Demokratie in einigen Poleis als Staatsform entwickelte, bestand bei den Griechen, insbesondere den Menschen des demokratischen Athens, ein großes Interesse an dieser frühen Form der Herrschaft, was sich in der Literatur des 5. und 4. Jh. v. Chr. niederschlug. Immer wieder wurde hier nach den Gründen für die Entstehung der Tyrannenherrschaft in der archaischen Zeit gesucht. So auch bei Aristoteles, zu dessen Lebzeiten es in Griechenland schon seit Generationen keine Tyrannenherrschaft mehr gegeben hat. In seinem Werk Politik, in welchem er über den Staat, seine Verfassung und seine ökonomischen Grundlagen schreibt, thematisiert der Philosoph im fünften Buch den Wandel und den Erhalt von Verfassungen. In der oben angeführten Quellenstelle beschreibt Aristoteles dabei, auf welch unterschiedliche Weise sich eine Tyrannenherrschaft durchsetzen konnte.

Die Quellenpassage wird mit den Worten eingeleitet, dass sich die Zustände in der Geschichte zeigten. Grundsätzlich, so Aristoteles, seien alle Tyrannen dabei ursprünglich Führer des Volkes gewesen. Im Folgenden differenziert Aristoteles jedoch. So unterscheidet er systematisch zwischen unterschiedlichen Ursachen der Entstehung einer Tyrannenherrschaft. Dabei lassen sich vier verschiedene von Aristoteles genannte Ursachen aus der angeführten Quellenstelle herauslesen: So seien Männer zu Tyrannen aufgestiegen, die ursprüngliche Volksführer gewesen sind, indem sie durch die Bekämpfung von Angesehenen das Vertrauen des Volkes gewannen. Eine andere Ursache für die Entstehung einer Tyrannis sieht Aristoteles darin, dass Könige die alten Traditionen verletzt und eine Despotenherrschaft angestrebt hätten. Eine weitere Variante, sich zum Tyrannen aufzuschwingen, sei der Missbrauch eines Amtes innerhalb der Polis gewesen, dass jemand für eine lange Dauer innehatte. Eine letzte Ursache sieht Aristoteles darin, wenn einem Einzelnen innerhalb eines oligarchischen Systems die höchste Gewalt übertragen werde.

In dieser Quellenpassage erklärt Aristoteles also, auf welche Weise ein Tyrann die Macht erlangen konnte. So ist der Tyrann nach Aristoteles zumeist ein gewöhnlicher Volksführer, der das Volk vor der zuvor herrschenden Klasse schützt. Oft ist er sogar selbst Teil dieser alten Regierungsschicht. Dabei ergreift der Tyrann die Macht meist wider die Verfassung. Daraus lässt sich ein gewisses Muster in der Entwicklung einer Tyrannenherrschaft ablesen: Die Tyrannis war demnach ursprünglich eine volksverbundene Regierungsform, die sich gegen die alte Aristokratie stellte. Insofern deckten sich die Interessen des Tyrannen anfänglich mit denen des Volkes. Im Laufe der Zeit und mit steigendem Selbstvertrauen verlor der Tyrann jedoch oftmals seine Basis, zumal er außerhalb der verfassungsgemäßen Institutionen wie Volksversammlung oder Rat regierte, die es in vielen großen Poleis in Griechenland gab. Aufgrund des mangelnden Rückhaltes und etwaiger neu geschlossener Allianzen gegen ihn kam es mit der Zeit häufig zu stärker werdender Willkür und brutalerer Machtausübung durch den Tyrannen oder seinen Sohn. Dies führte wiederrum schlussendlich nicht selten zum Sturz des Tyrannen.

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Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Neue Kriegstechnik und Tyrannis“. Um einen breiteren Einblick in die Archaik zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Griechische Geschichte I – Archaik“.
Hier geht’s zum Podcast

Tyrtaios über das Kämpfen

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Autor_in: Tyrtaios
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Original:

οὔτ᾽ ἂν μνησαίμην οὔτ᾽ ἐν λόγῳ ἄνδρα τιθείμην
οὐδὲ ποδῶν ἀρετῆς οὔτε παλαιμοσύνης,
οὐδ᾽ εἰ Κυκλώπων μὲν ἔχοι μέγεθός τε βίην τε,
νικῴη δὲ θέων Θρηΐκιον Βορέην,
οὐδ᾽ εἰ Τιθωνοῖο φυὴν χαριέστερος εἴη,
πλουτοίη δὲ Μίδεω καὶ Κινύρεω μάλιον,
οὐδ᾽ εἰ Τανταλίδεω Πέλοπος βασιλεύτερος εἴη,
γλῶσσαν δ᾽ Ἀδρήστου μειλιχόγηρυν ἔχοι,
οὐδ᾽ εἰ πᾶσαν ἔχοι δόξαν πλὴν θούριδος ἀλκῆς:
οὐ γὰρ ἀνὴρ ἀγαθὸς γίγνεται ἐν πολέμῳ,
εἰ μὴ τετλαίη μὲν ὁρῶν φόνον αἱματόεντα
καὶ δηίων ὀρέγοιτ᾽ ἐγγύθεν ἱστάμενος.
ἥδ᾽ ἀρετή, τόδ᾽ ἄεθλον ἐν ἀνθρώποισιν ἄριστον
κάλλιστόν τε φέρειν γίγνεται ἀνδρὶ νέῳ.
ξυνὸν δ᾽ ἐσθλὸν τοῦτο πόληϊ τε παντί τε δήμῳ,
ὅστις ἂν εὖ διαβὰς ἐν προμάχοισι μένῃ
νωλεμέως, αἰσχρῆς δὲ φυγῆς ἐπὶ πάγχυ λάθηται,
ψυχὴν καὶ θυμὸν τλήμονα παρθέμενος,
θαρσύνῃ δ᾽ ἔπεσιν τὸν πλησίον ἄνδρα παρεστώς.
οὗτος ἀνὴρ ἀγαθὸς γίγνεται ἐν πολέμῳ:
αἶψα δὲ δυσμενέων ἀνδρῶν ἔτρεψε φάλαγγας
τρηχείας, σπουδῇ δ᾽ ἔσχεθε κῦμα μάχης:
[…]

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Übersetzung: J. M. Edmonds
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Übersetzung:

I would neither call a man to mind nor put him in my tale for prowess in the race or the wrestling, not even had he the stature and strength of a Cyclops and surpassed in swiftness the Thracian Northwind, nor were he a comelier man than Tithonus and a richer than Midas or Cinyras, nor though he were a greater king than Pelops son of Tantalus, and had Adrastus‘ suasiveness of tongue, nor yet though all fame were his save of warlike strength; for a man is not good in war if he have not endured the sight of bloody slaughter and stood nigh and reached forth to strike the foe. This is prowess, this is the noblest prize and the fairest for a lad to win in the world; a common good this both for the city and all her people, when a man standeth firm in the forefront without ceasing, and making heart and soul to abide, forgetteth foul flight altogether and hearteneth by his words him that he standeth by. Such a man is good in war; he quickly turneth the savage hosts of the enemy, and stemmeth the wave of battle with a will;

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Agnes von der Decken
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Leitfragen:

1) Worum geht es in dem Ausschnitt dieses tyrtäischen Fragments?

2) Welche Absicht verfolgt Tyrtaios mit seinem Gedicht?

3) Was kann das Gedicht über den Zusammenhang von Hoplitenphalanx und gesellschafts-politischen Entwicklungsprozessen in Sparta sagen?

Kommentar:

Der archaische Dichter Tyrtaios, der Mitte des 7. Jh. v. Chr. in Sparta lebte und wirkte, verfasste dieses Gedicht in einer Zeit, in der sich Sparta in einem Krieg mit seinem westlichen Nachbarn Messenien befand. In diesem sogenannten Zweiten Messenischen Krieg mussten die Spartaner sich gegen die im Ersten Messenischen Krieg unterworfenen Messenier wehren, die nun einen Aufstand gegen ihre Unterdrücker initiierten. In dem obigen Fragment spricht Tyrtaios, der möglicherweise als eine Art Feldherr fungierte, zu den spartanischen Soldaten und vermittelt ihnen die für ihn wichtigen Werte im Kampf. Dabei betont der Dichter, dass ein Kämpfer nicht wegen seiner Geschicklichkeit im Ringkampf, seiner Kraft, Größe und Schnelligkeit, nicht wegen seines Reichtums oder seiner Wortgewandtheit achtenswert und erinnerungswürdig sei, sondern allein aufgrund seiner Bewährung im Gefecht. Diese zeige sich, wie Tyrtaios fortfährt zu erklären, in der Standhaftigkeit im Kampf, in dem Mut, dem Feinde ins Angesicht zu blicken und in der Bereitschaft, dem Gefährten im Kampf zur Seite zu stehen. Dadurch erlange der Soldat nicht nur den Stolz der Stadt und des Volkes, was der schönste Preis eines Jünglings sei, sondern erreiche auch die Flucht der feindlichen Truppen.

Dieses Gedicht des Tyrtaios, welches er den Soldaten möglicherweise unmittelbar vor dem Kampf vortrug, ist eines von vielen sogenannten kampfparänetischen Gedichten des Tyrtaios. Bei der Kampfparänese geht es darum, mangelnde Kampfbereitschaft aufzuheben oder bestehende Kampfbereitschaft zu verstärken. Eben dies will Tyrtaios hier mit seinen Worten erreichen: Er möchte die Soldaten auf den bevorstehenden Kampf gegen die Messenier einschwören. Dabei will er die Soldaten jedoch nicht davon überzeugen, überhaupt in den Krieg zu ziehen, sondern sie vielmehr zu einer bestimmten Verhaltensweise im Kampf motivieren. Wie oben beschrieben, geht es Tyrtaios dabei hauptsächlich darum, standhaft im Verbund der Schlachtenreihe zu bleiben. Das höchste Lob erhalten diejenigen, die als Hopliten in der Schlachtenreihe Zuverlässigkeit und Verantwortungsgefühl gegenüber ihren Mitstreitern zeigen. Bei Tyrtaios finden sich damit erstmals in Form literarischer Überlieferung wesentliche Aussagen zur Phalanxtaktik.

Auffällig ist, dass Tyrtaios in diesem Fragment klar zwischen individuellen Ambitionen im Kampf und der Nützlichkeit für die gesamte Mannschaft unterscheidet. Nicht derjenige, der adlige Vorzüglichkeitsmerkmale im Kampf aufweist, sondern derjenige, der aufopferungsvoll für die Gemeinschaft und die heimatliche Polis zu sterben bereit ist, zählt zu den wahren agathoi, den Guten. Tyrtaios bewertet hier also die Eigenschaften und das Verhalten eines Mannes nach „bürgerlichem“ Maßstab und seinem Nutzen für die Polis. Dieses Gedankengut muss aus dem gesellschaftlichen Umfeld, in welchem sich Tyrtaios Mitte des 7. Jh. v. Chr. in Sparta befand, erwachsen sein. Dabei steht offenbar nicht mehr die Ehre des einzelnen Helden im Zentrum, wie vielfach noch bei Homer, sondern das Individuum als fester Bestandteil der Polisgemeinschaft. In dem tyrtäischen Fragment wird damit der gesellschafts- und geistesgeschichtliche Umbruch widergespiegelt, der sich im archaischen Griechenland im 7. Jh. v. Chr. vollzog: Durch die Entwicklung eines aus Polisbürgern zusammengesetzten Hoplitenheeres in Phalanxformation erfuhr der einzelne Hoplit eine neue Bedeutung. Jeder einzelne Soldat der Phalanx war nun tragendes Element des Bürgerheeres, weil innerhalb dieser neuen Kampfformation alle aufeinander angewiesen waren. Dadurch stieg die Bedeutung des einzelnen Hopliten auch in gesellschaftlicher Hinsicht, während die der adligen Heerführer sank. Aus der militärischen Gleichheit erwuchs damit eine politische Gleichheit. Gleichzeitig entwickelte sich ein neues ethisches Prinzip, das in der Pflicht des Einzelnen gegenüber dem Staat bestand. Die neue Kampfesweise führte also zu einer Neuerung in der sozialen Ethik sowie im politischen System, weswegen die Polisentwicklung häufig mit der gleichzeitigen Entwicklung der Hoplitenphalanx in Verbindung gebracht wird. In der Forschung wird dieser Zusammenhang jedoch nach wie vor kontrovers diskutiert und sicherlich muss insgesamt von einer heterogenen Entwicklung ausgegangen werden, bei welcher zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Erneuerungsprozesse in Gang gesetzt wurden. Nichtsdestoweniger greifen wir in den Versen des Tyrtaios durch die Betonung der Wichtigkeit des einzelnen Hopliten im Gesamtverbund erstmals eine neue Vorstellung von Polisgemeinschaft.

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Thukydides über die Phalanx

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Thukydides
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Original:

Thuk. 5, 71, 1

τὰ στρατόπεδα ποιεῖ μὲν καὶ ἅπαντα τοῦτο: ἐπὶ τὰ δεξιὰ κέρατα αὐτῶν ἐν ταῖς ξυνόδοις μᾶλλον ἐξωθεῖται, καὶ περιίσχουσι κατὰ τὸ τῶν ἐναντίων εὐώνυμον ἀμφότεροι τῷ δεξιῷ, διὰ τὸ φοβουμένους προσστέλλειν τὰ γυμνὰ ἕκαστον ὡς μάλιστα τῇ τοῦ ἐν δεξιᾷ παρατεταγμένου ἀσπίδι καὶ νομίζειν τὴν πυκνότητα τῆς ξυγκλῄσεως εὐσκεπαστότατον εἶναι: καὶ ἡγεῖται μὲν τῆς αἰτίας ταύτης ὁ πρωτοστάτης τοῦ δεξιοῦ κέρως, προθυμούμενος ἐξαλλάσσειν αἰεὶ τῶν ἐναντίων τὴν ἑαυτοῦ γύμνωσιν, ἕπονται δὲ διὰ τὸν αὐτὸν φόβον καὶ οἱ ἄλλοι.

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Übersetzung: J. M. Dent
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Übersetzung:

Thuk. 5, 71, 1

All armies are alike in this: on going into action they get forced out rather on their right wing, and one and the other overlap with this their adversary’s left; because fear makes each man do his best to shelter his unarmed side with the shield of the man next him on the right, thinking that the closer the shields are locked together the better will he be protected. The man primarily responsible for this is the first upon the right wing, who is always striving to withdraw from the enemy his unarmed side; and the same apprehension makes the rest follow him.

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Agnes von der Decken
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Leitfragen:

1) Worum geht es in dieser Quellenstelle?

2) Welche Besonderheiten fallen bei der Beschreibung der Phalanxformation auf?

3) Welche Rückschlüsse können im Allgemeinen über die Phalanx gezogen werden?

Kommentar:

Der attische Historiker Thukydides beschreibt in dieser Quellenstelle eine Szene aus der Schlacht bei Mantinea, die 418 v. Chr. stattfand. Diese Schlacht war eine der Schlachten im Peloponnesischen Krieg, bei welcher die Großmacht Sparta auf verbündete Truppen aus Argos, Mantinea und Athen traf. Thukydides berichtet darüber, wie beide Heere bei Mantinea aufeinanderstießen und es zur größten offenen Feldschlacht des Peloponnesischen Krieges kam. In der hier angeführten Quellenstelle beschreibt der Historiker die spartanische Heeresaufstellung, wobei er lediglich die Vorgänge in der ersten Schlachtenreihe darstellt. Durch seine objektive Erzählweise suggeriert Thukydides dabei eine gewisse Authentizität, was ihm, wie er in dem dem Werk vorangestellten Methodenkapitel erklärt, besonders wichtig gewesen ist. So stellt er dar, wie allen Heeren in der Phalanxtaktik das Gleiche widerfahre: Der rechte Flügel des Heeres schwenke beim Aufeinandertreffen weit aus, sodass die Linke des Gegners mit der eigenen Rechten überflügelt werde. Dies passiere, da jeder einzelne Hoplit Schutz hinter dem Schild des rechten Nebenmannes suche, in der Annahme, in diesem dichten Zusammenschluss am besten geschützt zu sein. Dadurch bleibe die rechte Seite des vordersten rechten Flügelmannes ungeschützt, sodass dieser bestrebt sei, mit der eigenen ungeschützten rechten Seite über den Gegner hinauszukommen. Ihm würden aus der gleichen Angst heraus die Anderen folgen.

Durch Thukydidesʼ Bericht erhalten wir an dieser Stelle eine der ausführlichsten Beschreibungen einer Phalanxformation. So erfahren wir etwa, dass der Schild des Hopliten ein entscheidenden Teil der Hoplitenausrüstung, die daneben aus Beinschienen, einem Brustharnisch (-panzer), einem Helm sowie einer Lanze und einem kurzen Schwert für den Nahkampf bestand, war. Der Schild war normalerweise aus Holz gefertigt und wurde mit dem Unterarm in einer Schlaufe in der Schildmitte (dem sogenannten Schildband) getragen. Der Schild spielte vor allem deswegen eine wichtige Rolle, da der Hoplit mit ihm, wie Thukydides anschaulich beschreibt, seinen linken Nebenmann abschirmte. Jeder einzelne Schild eines Hopliten ragte dabei offenbar so weit nach links, dass die ungeschützte rechte Seite des Nachbarmannes gedeckt wurde. In dieser dichten Formation waren die einzelnen Hopliten gut geschützt. Die so entstandene Kampfaufstellung glich dabei den Nachteil der durch die Ausrüstung gegebenen geringen Beweglichkeit aus. Andrerseits entstand aufgrund des Abschirmens des linken Nebenmannes auch der (so erstmals von Thukydides beschriebene) Rechtsdrall der Phalanx, denn der äußerste rechte Phalangit versuchte, seine ungeschützte rechte Seite über den Gegner hinauszubringen, was den Rest der Reihe nach sich zog, da jeder Hoplit so eng wie möglich hinter den Schild des rechten Nebenmannes drängte.

An der Beschreibung der Phalanxtaktik durch Thukydides wird ersichtlich, auf welche Weise ein Angriff in Phalanxformation vonstattenging: Attackiert wurde vom rechten Flügel, der die linke Seite des Gegners zu überflügeln und den Rest der Armee aufzurollen versuchte. Auf diese Weise besiegten die Spartaner in der Schlacht von Mantinea ihre Gegner. Die bei Thukydides beschriebene Phalanxformation zeigt zudem, dass eine solche Formation für unebenes Gelände kaum geeignet war. Die meisten Schlachten in Hoplitenformation wurden daher in Ebenen geschlagen. Zudem zeigt sich an Thukydidesʼ Bericht, wie sehr die Soldaten innerhalb der Phalanx aufeinander angewiesen waren. Ein Ausbruch aus der Phalanx nach vorne oder hinten hätte den Zusammenhalt und die Geschlossenheit des Heeres bedroht. Dies zeigt, dass Ordnung, Disziplin und kontrollierter Mut die wesentlichen Tugenden eines Hopliten sein mussten. Diese Ideale werden schon in der Kriegslyrik des Spartaners Tyrtaios (7. Jh. v. Chr.) besungen oder zeigen sich an der Darstellung der sogenannten Chigi-Kanne (um 650 v. Chr.).

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Sehen Sie zu diesem Beitrag auch die Kommentare zur Chigi-Kanne und zu Tyratios Fr. 70.

Die Chigi-Kanne


Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Agnes von der Decken
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Die Chigi-Kanne

Leitfragen

1) Was ist die „Chigi-Kanne“?

2) Was kann uns die Phalanx-Darstellung auf der Chigi-Kanne sagen?

3) Welche Botschaft transportiert die Phalanx-Darstellung auf der Chigi-Kanne?

Kommentar:

Die sogenannte Chigi-Kanne stammt von einem korinthischen Maler und kann nach stilistischen Gesichtspunkten auf etwa 650 v. Chr. datiert werden. Die Kanne wurde in der etruskischen Stadt Veji gefunden, ein genauerer Fundkontext ist aber nicht bekannt. Die 26,2 cm hohe Weinkanne (Olpe) im protokorinthischen Stil, die heute in der Villa Giulia in Rom ausgestellt ist, ist in drei bebilderte Zonen unterteilt. Der Maler der Chigi-Kanne wollte offenbar eine Geschichte illustrieren. Für eine Gesamtinterpretation der Kanne, die hier nicht geleistet werden kann, müssen alle Darstellungen auf der Kanne, wenn möglich, in Zusammenhang gebracht werden. Die oberste Zone besteht aus einem einzigen, lediglich durch den Henkel unterbrochenen Fries und zeigt zwei gegeneinander anrückende Schlachtreihen. Die mittlere Zone, das Bauchfries, zeigt das Parisurteil, einen Reiterzug mit Wagen, eine Doppelsphinx und eine Löwenjagd. Auf der schmalen untersten Zone ist eine Hasen- und Fuchsjagd abgebildet. Die Kanne könnte im griechischen Symposion Verwendung gefunden haben. Die Bilder sprachen vornehmlich Aristokraten an, da sie die aristokratische Lebensweise und Gedankenwelt widerspiegeln. Dafür spricht auch die sorgfältige Arbeit der Kanne. Die Chigi-Kanne ist eine der am reichsten und feinsten bemalten Exemplare ihrer Art. Besonders ist dabei auch ihr polychromer Charakter: Der Tongrund ist elfenbeinfarben, darüber finden sich die Farben Purpur, Weiß, Gelb, Braun und Glanzton. Besonderes Augenmerk soll hier auf das oben abgebildete Schulterfries der obersten Zone der Kanne geworfen werden, auf welchem zwei Armeen dargestellt sind, die in engen Reihen gegeneinander marschieren. Vom Henkel aus gegen den Uhrzeigersinn betrachtet, sind zwei sich rüstende Kämpfer zu erkennen. Links daneben marschieren sieben Kämpfer mit geschulterten Speeren in dichter Formation. Dahinter ist ein schwarzgekleideter Flötenspieler, ein Aulet, zu erkennen, der die marschierenden Soldaten im Gleichschritt hält. Er wirft seinen Kopf in den Nacken und bläst einen Doppelaulos, eine Oboenart. In der Mitte des Frieses begegnen sich zwei Formationen (etwa vier bis fünf Kämpfer). Die Soldaten in den vordersten Reihen treffen bereits aufeinander und kreuzen ihre Speere. Die Schilde der von links anrückenden Soldaten sind von innen zu sehen, die der Gegner von außen. Diese Schilde sind reich verziert. Hinter der rechten Formation rücken weitere Krieger nach. Die Rüstung der Kämpfer besteht aus Helmen, Panzern und Beinschienen sowie Speeren und Rundschilden. Der Künstler hat also zeitlich verschiedene Vorgänge in einem Bild vereinigt. Wichtig war es ihm dabei wohl, die dichte Formation der Kämpfer darzustellen, da es keine Kampfszene gibt, in welcher diese Formation aufgelöst gewesen wäre.

Die Rüstung der Soldaten und ihre Formation zeigen eindeutig, dass es sich bei den Dargestellten um Hopliten (Schwerbewaffnete) handelt, die in der Phalanx (Schlachtreihe) aneinanderrücken. Neben ihrem besonderen ästhetischen Wert ist die Chigi- Kanne vor allem wegen dieser Phalanx-Darstellung von großer Bedeutung, denn hier ist die älteste bekannte Darstellung einer Hoplitenphalanx zu sehen. Die Chigi-Kanne ist damit eines der wichtigsten nichtschriftlichen Quellenzeugnisse im Zusammenhang mit der Erforschung der Hoplitenphalanx. Die Hoplitenphalanx war zwar schon in Ansätzen bei Homer bekannt, wurde jedoch erst später (besonders in Sparta) taktisch verbessert. Der Erfolg der Phalanx lag dabei im Zusammenhalt der Schlachtenreihen während des Aufmarsches und im Kampf, wobei die Feinde durch die Wucht des Zusammenpralles zurückgedrängt und in die Flucht geschlagen werden sollten. Wahrscheinlich greifen wir bei der Darstellung auf der Vase noch eine Frühform der Phalanx, bei welcher die Kriegsreihen noch nicht so eng geschlossen sind, wie es später der Fall war. Dies könnte jedoch auch auf den Versuch des Künstlers zurückgehen, die Reihen der Phalanx und die Verzierung der Schilde bildlich darzustellen. Interessant sind darüber hinaus eben jene verzierten Schilde der Kämpfer. Hierbei kann es sich um Embleme zur Identifizierung und Hervorhebung der durch die Rüstung anonymisierten Träger handeln. Dies könnte aufzeigen, dass in dem hier repräsentierten Frühstadium der Phalanx vorrangig Aristokraten kämpften. Auch wenn die Vasendarstellung der Hoplitenphalanx also vermutlich nicht identisch ist mit späteren antiken literarischen Beschreibungen einer Phalanx, werden die wesentlichen Elemente der Phalanx von dem Vasenmaler aufgegriffen. Es kann also davon ausgegangen werden, dass die Phalanx zum Zeitpunkt der Herstellung der Vase, also spätestens 650 v. Chr., in Griechenland schon eingeführt war und die Betrachter der Vase insofern die Darstellung verstehen konnten.

Die Chigi-Kanne gibt dem modernen Betrachter damit einen Einblick in die antike griechische Militärorganisation zur Zeit der Herstellung der Vase. Vielleicht hatte der Vasenmaler einen bestimmten, eben geführten Krieg vor Augen, schließlich lassen sich zwei gegnerischen Parteien der Schlachtenreihen erkennen. Jedoch ist völlig unklar, wer hier abgebildet ist. Auch zusätzliche Informationen, wie sie durch die Darstellung von Landschaften gegeben werden könnten, fehlen auf der Kanne. Wir können heute also (und wahrscheinlich konnte man es ebenso wenig in der Antike) auf Grundlage der Darstellung auf der Vase nicht mehr sagen, als dass hier Hopliten gegen Hopliten kämpfen. Dies ist typisch für die Darstellung von Schlachtenreihen auf Vasen. Selten sind diese individuell oder geben Auskunft über eine bestimmte historische Szene. Insofern ist die Chigi-Kanne ein Beispiel für die Darstellung eines im Wesentlichen sich wiederholenden Geschehens. Die Botschaft der Darstellung auf der Chigi-Kanne liegt daher vermutlich vielmehr im Aufzeigen der Prinzipien einer guten Phalanx: Eine dichte Formation, Gleichschritt und Gleichklang (wie der Flötenbläser zeigt), Zusammenhalt im Kampf und Disziplin.

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Fresko eines Barden


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Fresko eines Barden

Leitfragen

1) Was stellt das Fresko dar?

2) Welche Funktion hatte der Barde am pylischen Hof?

3) Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Fresko und der Überlieferungsgeschichte der homerischen Epen?

Kommentar:

Dieses Fresko stammt aus dem mykenischen Palast in Pylos, der auf Grundlage des legendären Königs Nestor des „sandigen Pylos“ bei Homer unter dem Namen „Palast des Nestor“ bekannt geworden ist. Der Palast hatte nur kurz Bestand: Er wurde wohl um 1300 v. Chr. erbaut, brannte jedoch um 1200 v. Chr. nieder. Das hier abgebildete Fresko entstammt der östlichen Ecke des Thronsaales (Megarons) des Palastes. Es zeigt eine männliche Figur ohne Kopfbedeckung vor rotem Hintergrund, deren gelocktes Haar auf seine Schultern fällt. Der Mann trägt ein weißes, bodenlanges Gewand und spielt auf einer fünfsaitigen Lyra, einer antiken Leier. Der Lyra-Spieler sitzt auf einem mit blauen und roten Mustern verzierten Felsen.

In den Thronräumen mykenischer Paläste wurden vermutlich religiöse Rituale oder auch festliche Bankette veranstaltet. Dass das Fresko an die Wand des Megaron des Palastes gemalt wurde, führt zu der Vermutung, dass hier ein Barde abgebildet ist, der bei einem zeremoniellen Bankett für die anwesende Festgesellschaft sang, wie es bei solchen Festbanketten im Megaron vielleicht üblich war. Schon Jahrhunderte vor der Entwicklung des griechischen Alphabets, das wohl zu Beginn des 8. Jh. v. Chr. entstand, besaßen die mykenischen Griechen eine Wortkunst. Diese wurde im Medium der Mündlichkeit realisiert. Das Fresko des Barden zeugt von dieser Mündlichkeit. Vielleicht handelte es sich bei dem abgebildeten Barden um einen Vorgänger der sogenannten Aoiden, Dichtern aus vorhomerischer und auch homerischer Zeit, welche mythische Stoffe von Göttern oder Helden vortrugen. Heldenepik wurde von Aoiden aus einem großen Repertoire traditioneller Geschichten und Sagen memoriert und rezitiert. Im Mittelpunkt standen aristokratische Ideale und Lebensweisen. Es ist deswegen denkbar, dass die Sänger ihre Gedichte vorrangig an Königshöfen, wie etwa im Palast von Pylos, vortrugen. Es sind aber auch religiöse Feste oder Dichteragone als Anlass für die Sagenkunst denkbar.

In den Epen Ilias und Odyssee stehen aristokratische Ideale und Lebensweisen im Mittelpunkt. Es ist insofern ist nach Ansicht der älteren Forschung, etwa Latacz, denkbar, dass die beiden homerischen Epen auf die oben beschriebene Art mündlich improvisierter Heldendichtung zurückgehen. Die Bewahrung sprachhistorisch älterer Merkmale sowie bestimmte Erzählschemata, die sehr alt sind und bis auf die mykenische Zeit zurückgehen, zeugen von einer Tradition der mündlichen Überlieferung. Insbesondere die formelhafte Sprache der Epen, die sprachliche Einheit und Zusammenhalt schaffen, seien Indizien dafür, dass man in der Lage gewesen sei, die Texte über Jahrhunderte hinweg mündlich zu tradieren. Vielleicht nahmen die homerischen Texte also ihren Ursprung tatsächlich in der mykenischen Heldenepik, die von Aoiden in mykenischen Palästen vorgesungen wurde, und sind dann im Laufe der Jahrhunderte durch eine Anpassung an die je aktuelle Zeit verändert worden. Probleme wirft dieser These jedoch auf, wenn man berücksichtigt, dass es sich bei den homerischen Epen um die einzigen tradierten Texte von so großem Umfang und so großer Qualität handelt. Zudem hat sich gezeigt, dass mündliche tradierte Erinnerungen meist nicht weiter als drei Generationen zurückreichen. Insofern ist nach Ansicht der neueren Forschung viel eher denkbar, dass die Ilias und die Odyssee das Werk eines Dichters sind, der zwar auf eine kulturspezifische Sagentradition zurückgreift, jedoch nur der unmittelbar vorausgehenden drei bis vier Generationen.

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Sehen Sie zu diesem Beitrag auch den Kommentar zum Megaron in Pylos.