Höchstpreisedikt

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Laktanz
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Lact. De mort. pers. 7,2 – Original

[7] Diocletianus, qui scelerum inventor et malorum machinator fuit, cum disperderet omnia, ne a deo quidem manus potuit abstinere. Hic orbem terrae simul et avaritia et timiditate subuerit. Tres enim particeps regni sui fecit in quattuor partes orbe diviso et multiplicatis exercitibus, cum singuli eorum longe maiorem numerum militum habere contenderent, quam priores principes habuerant, cum soli rem publicam gererent. Adeo maior esse coeperat numerus accipientium quam dantium, ut enormitate indictionum consumptis viribus colonorum desererentur agri et culturae verterentur in silvam. Et ut omnia terrore conplerentur, provinciae quoque in frustra concisae: multi praesides et plura officia singulis regionibus ac paene iam civitatibus incubare, item rationales multi et magistri et vicarii praefectorum, quibus omnibus civiles actus admodum rari, sed condemnationes tantum et proscriptiones frequentes, exactiones rerum innumerabilium non dicam crebrae, sed perpetuae, et in exactionibus iniuriae non ferendae. Haec quoque tolerari non possunt quae ad exhibendos milites spectant. Idem insatiabili avaritia thesauros numquam minui volebat, sed semper extraordinarias opes ac largitiones congerebat, ut ea quae recondebat, integra atque inviolata servaret. Idem cum variis iniquitatibus inmensam faceret cupiditatem, legem pretiis rerum venalium statuere conatus est. Tunc ob exigua et vilia multus sanguis effusus, nec venale quicquam metu apparebat et caritas multo deterius exarsit, noc lex necessitate ipsa post multorum exitium solveretur. Huc accedebat infinita quaedam cupiditas aedificandi, non minor provinciarum exactio in exhibendis operariis et artificibus et plaustris omnibusque quaecumque sint fabricandis operibus necessaria. Hic basilicae, hic circus, hic moneta, hic armorum fabrica, hic uxori domus, hic filiae.
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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Übersetzung: Aloys Hartl
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Übersetzung

[7] Diokletian, groß in Erfindung von Verbrechen und im Anstiften von Unheil, konnte bei dem allgemeinen Verderben, das er verbreitete, auch von Gott die Hand nicht zurückhalten. Zweu Eigenschaften wirkten bei ihm zusammen, um den Erdkreis zu verderben: seine Habsucht und seine Furchtsamkeit. Er teilte das gesamte Reich in vier Teile und nahm drei Mitregenten an. Die Heere wurden vervielfältigt; jeder trachtete danach, eine weit größere Anzahl Soldaten zu besitzen, als die früheren Herrscher zur Zeit der Alleinherrschaft gehabt hatten. So ser stieg allmählich die Zahl der Empfänger über die Zahl der Geber, daß bei der Maßlosigkeit der Auflagen die Kräfte der Landsleute sich erschöpften, die Ländereien verlassen wurden und die Saatfelder sich in Wald verwandelten. Und um alles mit Schrecken zu erfüllen, wurden auch die Provinzen in Stücke geteilt. Statthalter in Menge mit zahlreichen Unterbeamten übten den Druck ihrer Herrschaft aus über jedes Gebiet und fast schon über jede Stadt. Dazu kam noch eine Menge von Schatzmeistern, Verwaltungsbeamten, Unterbefehlshabern, und bei all diesen gab es gar selten Verhandlungen in bürgerlichen Rechtssachenm sondern nur Verurteilungen und Gütereinziehungen. Die Einforderungen unzähliger Dinge kehrten nicht bloß häufig wieder, sondern dauerten immerfort, und bei der Einhebung kam es zu unerträglichen Ungerechtigkeiten. Doch das hätte man noch ertragen können, was zum Unterhalt der Soldaten notwendig ist. Aber Diokletian wollte zugleich in unersättlicher Habsucht seine Schatzammern nie vermindert sehen, sondern unaufhörlich raffte er auf außerordentlichem Wege Schätze und Gaben zusammen, um das, was er hinterlegt hatte, unversehrt und ungeschmälert zu bewahren. Durch mannigfaltige Ungerechtigkeiten hatte er eine ungeheure Teuerung hervorgerufen, und nun unternahm er es, den Preis der Lebensmittel durch Gesetz zu bestimmen. Jetzt kam es wegen geringfügiger und unbedeutender Dinge zu vielem Blutvergießen. Aus Furcht brachte man nichts Verkäufliches mehr auf den Markt, und die Teuerung nahm in weit schlimmerem Grade zu, bis die Notwendigkeit selbst das Gesetz nach dem Untergange wieder außer Gebrauch setzte. Zur Habsucht gesellte sich eine grenzenlose Baulust und eine nicht minder schrankenlose Ausplünderung der Provinzen, von denen Werkleute, Künstler, Lastwagen und alle Erfordernisse zur Herstellung der Bauten zu liefern waren. Hier gab es Gerichtshallen zu errichten, hier eine Rennbahn, hier eine Münzstätte, hier eine Waffenwerkstätte, hier ein Haus für die Gemahlin, hier eines für die Tochter.
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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Tobias Nowitzki
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Lact. De mort. pers. 7,2

Leitfragen:

1) Wie beschreibt Laktanz das Höchstpreisedikt?

2) Welche Position nimmt er zu Diokletian, seinem Edikt und dessen Folgen ein?

3) Wie kann man aus heutiger Sicht die Erfolgsaussichten eines derartigen Ediktes beurteilen?

Kommentar:

Laktanz ist einer der wichtigsten christlichen Schriftsteller des dritten und vierten Jahrhunderts. Er erlebte die Christenverfolgungen am eigenen Leib mit und wurde um 315 der Hoflehrer für Crispus, den Sohn des Kaisers Konstantin. In dieser Stelle aus seiner Schrift De mortibus persecutorum („Über die Todesarten der Verfolger“) berichtet er uns von einer wirtschaftlichen Maßnahme Diokletians: dem Höchstpreisedikt.

Laut Laktanz hatte der Kaiser durch eigene Fehler für eine hohe Inflation gesorgt, weswegen er ein Edikt herausgab, mit dem er Höchstpreise für bestimmte Dinge des täglichen Bedarfs und Dienstleistungen festlegte. Das Edikt hatte jedoch nicht den gewünschten Effekt, sondern führte zu Aufständen, bis man das Gesetz schließlich ignorierte und verwarf.

Laktanz nimmt dabei eine ausgesprochen negative Position gegenüber Diokletian ein, was aufgrund seiner eigenen Erfahrungen in den Christenverfolgungen nicht verwundert. Er lastet Diokletian sowohl die Inflation, als auch die Fehler des Ediktes und die Verantwortung für dessen Folgen an. Einen Vorschlag, was Diokletian hätte besser machen können, bringt er dabei jedoch nicht.

Aus heutiger Sicht sind die Dinge differenzierter zu sehen. Die Inflation und die Geldentwertung waren mehreren Ursachen geschuldet, die aber nicht unbedingt beim Kaiser liegen. Eine große Menge an Münzen mit geringem Edelmetallgehalt war in Umlauf gebracht worden, was ihren Wert schmälerte und so die Preise nach oben trieb, eine Wirtschaftskrise im Reich tat ihren Teil. Natürlich war aus heutiger wirtschaftswissenschaftlicher Sicht eine Festlegung von Höchstpreisen von vornherein zum Scheitern verurteilt. Aber in Ermangelung dieser wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnisse ist die Vorgehensweise Diokletians durchaus logisch: Wieso sollte es nicht möglich sein, Preise festzulegen? Immerhin hatte der Kaiser doch auch überall sonst die absolute Verfügungsgewalt. Diokletians Edikt mag nicht funktioniert haben, stellte aber damals eine innovative Idee dar, mit der wirtschaftlichen Problematik umzugehen. Nicht zu handeln wäre womöglich eine noch schlechtere Option gewesen.

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Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Diokletian, Konstantin und die konstantinische Dynastie“. Um einen breiteren Einblick in die Spätantike zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Römische Geschichte III – Spätantike“.
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Siehe zu dieser Stelle auch den Bericht Laktanz‘ über Diokletian (http://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/laktanz-zur-tetrarchie/), zur Münzprägung der Spätantike auch die Münze Konstantins (http://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/muenze-sol-invictus/). Zu anderen Dekreten Diokletians siehe auch sein Opfergebot (http://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/opfergebot-und-heftigkeit-der-verfolgungen/).