Ausrufung Konstantins zum Kaiser

Originalquelle

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Übersetzung: Andreas Bigelmair
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Übersetzung

[22] Nach der Bestattung des Konstantius rufen die Heere Konstantin zum Kaiser aus.
Es blieb auch das Reich nicht ohne Kaiser; schon mit dem Purpur des Vaters geschmückt trat Konstantin aus dem väterlichen Palaste hervor und er schien allen das treue Abbild seines Vaters zu sein, wie wenn dieser, wieder zum Lebene erstanden, nun in seinem Sohne regierte. Dann gab er an der Spitze des Leichenzuges mit allen Freunden seines Vaters, die sich um ihn gesammelten hatten, dem Vater das Geleit zum Grabe. Eine unabsehbare Menge Volkes und Abteilungen von Soldaten begleiteten, teils voranziehend, teils nachfolgend, den gottgeliebten Herrscher mit allem Gepränge zur letzten Ruhestätte und alle ehrten den dreimal seligen Kaiser mit feierlichen Lobgesängen; einmütig stimmten sie darin überein, daß der Tote in der Herrschaft seines Sohnes wieder zum Leben erstanden sei, und unter jubelndem Beifall riefen sie den Jüngling sogleich schon mit dem ersten Zuruf zum Herrscher und Augustus aus. So ehrte auch den Verstorbenen der freudige Beifall, den der Sohn fand, wie auch dieser glücklich gepriesen wurde, daß er zum Nachfolger eines solchen Vaters erwählt worden sei. Und alle Provinzen seines Reiches waren voll der Freude und unsagbaren Jubels, weil sie auch nicht einen einzigen Augenblick der Ordnung hatten entbehren müssen, die die kaiserliche Regierung mit sich bringt. Daß ein solches Ende dem frommen und gottliebenden Leben beschieden sei, das zeigte Gott unserem Geschlechte zur Lehre an Kaiser Konstantius.
[…] [24] Konstantin hat die kaiserliche Würde durch den Willen Gottes erhalten.
So hat also Gott selber, der höchste Herrscher der ganzen Welt, Konstantin, den Sohn eines solchen Vaters, zum Herrn und Führer aller erwählt, so daß kein Mensch sich rühmen kann, ihn dazu erhoben zu haben, und dies war nur bei ihm der Fall, da ja die übrigen alle durch die Wahl anderer ihrer Würde teilhaftig geworden waren.
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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Tobias Nowitzki
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Euseb. De vita Constantini, 1,22

Leitfragen:

1) Wie beschreibt Eusebius die Ausrufung Konstantins zum Kaiser?

2) Welche Einstellung Eusebius‘ zu Konstantin wird hierbei deutlich?

3) Wie ordnet sich dieser Herrschaftsantritt in die übliche Praxis der Spätantike ein und welche Rückschlüsse lässt dies auf das System der Tetrarchie zu?

Kommentar:

Eusebius von Cäsarea, Bischof und Zeitgenosse Konstantins, hat uns mit seiner Lebensbeschreibung des Kaisers eine der wichtigsten Quellen zu diesem bedeutenden Herrscher der Spätantike hinterlassen. In diesem Abschnitt beschreibt er die Ausrufung Konstantins zum Kaiser.

Beim Leichenzug seines Vaters Konstantius ist Konstantin bereits in den Purpur eines Kaisers gekleidet. Die Beliebtheit des Konstantius überträgt sich hier offenbar auf den Sohn, denn Volk und Soldaten begrüßen ihn nach dem Bericht des Eusebius begeistert. Er wird nicht nur zum Kaiser, sondern gleich zum Augustus ausgerufen, also einem der beiden oberen Kaiser im System der Tetrarchie. Laut Eusebius habe sich schon in dieser Ausrufung gezeigt, dass Konstantin in besonderer Weise vom christlichen Gott begünstigt gewesen sei. Es wird auch deutlich, dass Eusebius eine höchst positive Ansicht von Konstantin hat. Auch wenn dies bei einem Biographen der Spätantike, der über seinen eigenen, christlichen Kaiser schreibt, nicht verwunderlich ist, so fallen doch einige Dinge auf; zuerst einmal die Tatsache, dass in diesem Abschnitt keiner der anderen drei Kaiser oder überhaupt das System der Tetrarchie zur Sprache kommt. Man könnte beim Lesen dieses Abschnittes denken, Konstantin wäre von Anfang an Alleinherrscher gewesen, was definitiv falsch ist. Auch widerspricht sich Eusebius in gewisser Weise selbst, wenn er erst sagt, das Volk habe durch Jubel Konstantin zum Augustus gemacht, aber Menschen hätten damit eigentlich nichts zu tun. Er denkt dabei wahrscheinlich an eine Lenkung der Menge durch den Heiligen Geist, aber es ist im Wesen kein anderer Vorgang als diverse Akklamationen des 3. Jahrhunderts durch Soldaten.

Bemerkenswert ist hier das Verhältnis zum System der Tetrarchie. Denn diese Ausrufung unterläuft massiv das eigentlich geplante Vorgehen. Diokletian hatte vorgesehen, dass alle Augusti nach einer bestimmten Zeit zurücktreten und dass, was besonders wichtig war, der nächste Kaiser nach Fähigkeit ausgewählt werden sollte und nicht, wie in diesem Falle, nach Geburt. Diokletian hatte versucht, das dynastische Prinzip zu durchbrechen. Dies war verständlich, denn die besten Zeiten hatte das Reich erlebt, als die Adoptivkaiser von Trajan bis Marc Aurel herrschten. Doch man sieht an diesem Beispiel, dass das System sofort zusammenbrach, sobald ein leiblicher Sohn vorhanden war. Die Absicht zu herrschen macht Konstantin bereits deutlich, indem er sich Volk und Heer sofort im Kaiserpurpur zeigt. Somit wird klar, dass schon die erste Generation der Tetrarchen, zu der Konstantius gehörte, mit dem System fremdelte und es keinen langen Bestand hatte, da Konstantin es schließlich nach seinem Sieg in den Bürgerkriegen in die Herrschaft der konstantinischen Dynastie umwandeln sollte.

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Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Diokletian, Konstantin und die konstantinische Dynastie“. Um einen breiteren Einblick in die Spätantike zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Römische Geschichte III – Spätantike“.
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Zu Konstantins Vision im Bürgerkrieg gegen Maxentius siehe die Berichte von Laktanz (http://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/laktanz-zu-konstantins-vision/) und Eusebius (http://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/443-2/).