Solon zu den Kodifikationen

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Plutarch
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Plut. Sol. 25, 1-2 – Original:

ἰσχὺν δὲ τοῖς νόμοις πᾶσιν εἰς ἑκατὸν ἐνιαυτοὺς ἔδωκε: καὶ κατεγράφησαν εἰς ξυλίνους ἄξονας ἐν πλαισίοις περιέχουσι στρεφομένους, ὧν ἔτι καθ᾽ ἡμᾶς ἐν Πρυτανείῳ λείψανα μικρὰ διεσώζετο: καὶ προσηγορεύθησαν, ὡς Ἀριστοτέλης φησί, κύρβεις. καὶ Κρατῖνος ὁ κωμικὸς εἴρηκέ που:
πρὸς τοῦ Σόλωνος καὶ Δράκοντος οἷσι νῦν
φρύγουσιν ἤδη τὰς κάχρυς τοῖς κύρβεσιν.
[2] ἔνιοι δέ φασιν ἰδίως ἐν οἷς ἱερὰ καὶ θυσίαι περιέχονται, κύρβεις, ἄξονας δὲ τοὺς ἄλλους ὠνομάσθαι, κοινὸν μὲν οὖν ὤμνυεν ὅρκον ἡ βουλὴ τοὺς Σόλωνος νόμους ἐμπεδώσειν, ἴδιον δ᾽ ἕκαστος τῶν θεσμοθετῶν ἐν ἀγορᾷ πρὸς τῷ λίθῳ, καταφατίζων, εἴ τι παραβαίη τῶν θεσμῶν, ἀνδριάντα χρυσοῦν ἰσομέτρητον ἀναθήσειν ἐν Δελφοῖς.

Text zum downloaden

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Übersetzung: Bernadotte Perrin
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Übersetzung

All his laws were to have force for a hundred years, and they were written on ‘axones,’ or wooden tablets, which revolved with the oblong frames containing them. Slight remnants of these were still preserved in the Prytaneium when I was at Athens, and they were called, according to Aristotle, ‘kurbeis.’ Cratinus, also, the comic poet, somewhere says:—
By Solon, and by Draco too I make mine oath,
Whose kurbeis now are used to parch our barley-corns.
[2] But some say that only those tablets which relate to sacred rites and sacrifices are properly called ‘kurbeis,’ and the rest are called ‘axones.’ However that may be, the council took a joint oath to ratify the laws of Solon, and each of the ‘thesmothetai,’ or guardians of the statutes, swore separately at the herald’s stone in the market-place, vowing that if he transgressed the statutes in any way, he would dedicate at Delphi a golden statue of commensurate worth.

Text zum downloaden

 

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Tobias Nowitzki
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Plut. Sol. 25, 1-2

Leitfragen:

1) Wieso wurden die Gesetze Solons auf Holztafeln geschrieben?

2) Welche Bedeutung hatte diese Kodifikation von Gesetzen für das Rechtssystem?

3) Welche Rückschlüsse auf den Bildungsgrad der attischen Bevölkerung können daraus gezogen werden?

Kommentar:

Solon, Archon in Athen am Anfang des 6. Jahrhunderts v. Chr., war der berühmteste Gesetzgeber der Stadt schlechthin. Mit der Zeit wurde die Zuschreibung von Gesetzen zu Solon beinahe eine Art Topos: War ein Gesetz alt, musste es wohl von Solon stammen und demnach hatte man auch großen Respekt davor.

Die solonischen Gesetze wurden niedergeschrieben und auf Holztafeln auf der Agora angebracht. Der Zweck war einfach ersichtlich: Statt wie bisher Urteile nach Sitte und Brauch zu fällen, sollten Urteile jetzt stets nach denselben, schriftlich erfassten Gesetzen erfolgen. Für Bürger moderner Staaten mag ein schriftlich kodifiziertes Gesetz eine Selbstverständlichkeit sein – für die Griechen der archaischen Zeit war es das nicht. Ab sofort musste sich jedes Urteil auf diese Gesetze gründen. Das Recht sollte für alle gleich gelten und gleich erreichbar sein, eine für die archaische Welt geradezu revolutionäre Vorstellung. Diese hatte denn auch immense Folgen für die Poliswelt. Da nun Gesetze öffentlich festgehalten worden waren, waren die Richter, die sich aus der Oberschicht rekrutierten, gezwungen, sich an diese zu halten und konnten weit weniger als vorher nach ihrem Gutdünken urteilen. Die Verfügung einer begrenzten sozialen Schicht über die Rechtsauslegung war im Wesentlichen gebrochen worden.

Ein weiterer Rückschluss lässt sich aus dieser Quellenstelle ziehen: Ein relativ großer Prozentsatz der attischen Bevölkerung, zumindest derjenigen, die sich regelmäßig auf der Agora aufhielt, musste literat genug gewesen sein, um diese Texte lesen zu können. Das ist für die damalige Zeit keine Selbstverständlichkeit. Wäre nur eine kleine Oberschicht lesefähig gewesen, hätte die Kodifikation wenig geändert. Nein, die Bevölkerung musste zu einem guten Teil zumindest rudimentär lesen können. Schreiben wiederum war eine ganz andere Sache, und wahrscheinlich konnten viel mehr Menschen lesen als schreiben – die beiden Fähigkeiten gingen in der Antike nicht unbedingt miteinander einher wie es heute der Fall ist. 

Text zum downloaden

Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Krise und Entstehung der Polis“. Um einen breiteren Einblick in die Archaik zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Griechische Geschichte I – Archaik“.
Hier geht’s zum Podcast

 

Siehe zu den „krummen Urteilen“ vor der Kodifikation auch den Beitrag zu Hesiod (http://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/zu-den-krummen-urteilen/) und die Schildbeschreibung aus der Ilias (http://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/archaische-gerichtsprozesse/).