30 Tyrannen

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Aristoteles
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Arist. Ath. Pol. 35-37 -Original

οἱ μὲν οὖν τριάκοντα τοῦτον τὸν τρόπον κατέστησαν ἐπὶ Πυθοδώρου ἄρχοντος.γενόμενοι δὲ κύριοι τῆς πόλεως, τὰ μὲν ἄλλα τὰ δόξαντα περὶ τῆς πολιτείας παρεώρων,πεντακοσίους δὲ βουλευτὰς καὶ τὰς ἄλλας ἀρχὰς καταστήσαντες ἐκ προκρίτων ἐκ τῶν χιλίων, καὶ προσελόμενοι σφίσιν αὐτοῖς τοῦ Πειραιέως ἄρχοντας δέκα, καὶ τοῦ δεσμωτηρίου φύλακας ἕνδεκα, καὶ μαστιγοφόρους τριακοσίους ὑπηρέτας κατεῖχον τὴν πόλιν δι᾽ ἑαυτῶν. [2][…][3] κατ᾽ ἀρχὰςμὲν οὖν ταῦτ᾽ ἐποίουν, καὶ τοὺς συκοφάντας καὶ τοὺς τῷ δήμῳ πρὸς χάριν ὁμιλοῦντας παρὰ τὸ βέλτιστον καὶ κακοπράγμονας ὄντας καὶ πονηροὺς ἀνῄρουν, ἐφ᾽ οἷς ἔχαιρεν ἡ πόλις γιγνομένοις, ἡγούμενοι τοῦ βελτίστου χάριν ποιεῖν αὐτούς. [4] ἐπεὶ δὲ τὴν πόλιν ἐγκρατέστερον ἔσχον, οὐδενὸς ἀπείχοντο τῶν πολιτῶν, ἀλλ᾽ ἀπέκτειναν τοὺς καὶ ταῖς οὐσίαις καὶ τῷ γένει καὶ τοῖς ἀξιώμασιν προέχοντας, ὑπεξαιρούμενοί τε τὸν φόβον καὶ βουλόμενοι τὰς οὐσίας διαρπάζειν. Καὶ χρόνου διαπεσόντος βραχέος, οὐκ ἐλάττους ἀνῃρήκεσαν ἢ χιλίους πεντακοσίους.
[36]οὕτως δὲ τῆς πόλεως ὑποφερομένης, Θηραμένης ἀγανακτῶν ἐπὶ τοῖς γιγνομένοις, τῆς μὲν ἀσελγείας αὐτοῖς παρῄνει παύσασθαι, μεταδοῦναι δὲ τῶν πραγμάτων τοῖς βελτίστοις. Οἱ δὲ πρῶτον ἐναντιωθέντες, ἐπεὶ διεσπάρησαν οἱ λόγοι πρὸς τὸ πλῆθος καὶ πρὸς τὸν Θηραμένην οἰκείως εἶχον οἱ πολλοί,φοβηθέντες μὴ προστάτης γενόμενος τοῦ δήμου καταλύσῃ τὴν δυναστείαν,καταλέγουσιν τῶν πολιτῶν τρισχιλίους, ὡς μεταδώσοντες τῆς πολιτείας. [2]Θηραμένης δὲ πάλιν ἐπιτιμᾷ καὶ τούτοις, πρῶτον μὲν ὅτι βουλόμενοι μεταδοῦναι τοῖς ἐπιεικέσι τρισ χιλίοις μόνοις μεταδιδόασι, ὡς ἐν τούτῳ τῷ πλήθει τῆς ἀρετῆς ὡρισμένης, ἔπειθ᾽ ὅτι δύο τὰ ἐναντιώτατα ποιοῦσιν, βίαιόντε τὴν ἀρχὴν καὶ τῶν ἀρχομένων ἥττω κατασκευάζοντες. Οἱ δὲ τούτων μὲν ὠλιγώρησαν, τὸν δὲ κατάλογον τῶν τρισχιλίων πολὺν μὲν χρόνον ὑπερεβάλλοντο καὶ παρ᾽ αὑτοῖς ἐφύλαττον τοὺς ἐγνωσμένους, ὅτε δὲ καὶ δόξειεν αὐτοῖς ἐκφέρειν, τοὺς μὲν ἐξήλειφον τῶν ἐγγεγραμμένων, τοὺς δ᾽ἀντενέγραφον τῶν ἔξωθεν. [37] [1] […] [2] ἀναιρεθέντος δὲ Θηραμένους, τά τε ὅπλα παρείλοντο πάντων πλὴν τῶν τρισχιλίων, καὶ ἐν τοῖς ἄλλοις πολὺ πρὸς ὠμότητα καὶ πονηρίαν ἐπέδοσαν. Πρέσβεις δὲ πέμψαντες εἰς Λακεδαίμονα τοῦ τε Θηραμένους κατηγόρουν, καὶ βοηθεῖν αὑτοῖς ἠξίουν. Ὧν ἀκούσαντες οἱ Λακεδαιμόνιοι Καλλίβιον ἀπέστειλαν ἁρμοστὴν καὶ στρατιώτας ὡς ἑπτακοσίους, οἳ τὴν ἀκρόπολιν ἐλθόντες ἐφρούρουν.

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Übersetzung: H.Rackmann
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Text Übersetzung:

So in this manner the Thirty were established, in the archonship of Pythodorus. Having become masters of the state they neglected most of the measures that had been resolved on in regard to the constitution, but appointed five hundred Councillors and the other offices from among persons previously selected from the Thousand, and also chose for themselves ten governors of Peiraeus, eleven guardians of the prison, and three hundred retainers carrying whips, and so kept the state in their own hands. [2] [Die Dreißig reformieren einen Teil des Testamentsgesetzes] [3] At the outset, therefore, they were engaged in these matters, and in removing the blackmailers and the persons who consorted undesirably with the people to curry favor and were evil-doers and scoundrels; and the state was delighted at these measures, thinking that they were acting with the best intentions. [4] But when they got a firmer hold on the state, they kept their hands off none of the citizens, but put to death those of outstanding wealth or birth or reputation, intending to put that source of danger out of the way, and also desiring to plunder their estates; and by the end of a brief interval of time they had made away with not less than fifteen hundred.
[36]While the state was thus being undermined, Theramenes, resenting what was taking place, kept exhorting them to cease from their wantonness and to admit the best classes to a share in affairs. At first they opposed him, but since these proposals became disseminated among the multitude, and the general public were well disposed towards Theramenes, they grew afraid that he might become head of the People and put down the oligarchy, and so they enrolled three thousand of the citizens with the intention of giving them a share in the government. [2] But Theramenes again criticized this procedure also, first on the ground that although willing to share the government with the respectable they were only giving a share to three thousand, as though moral worth were limited to that number, and next because they were doing two absolutely incompatible things, making their rule one of force and at the same time weaker than those they ruled. But they despised these remonstrances, and for a long time went on postponing the roll of the Three Thousand and keeping to themselves those on whom they had decided, and even on occasions when they thought fit to publish it they made a practice of erasing some of the names enrolled and writing in others instead from among those outside the roll.
[37] [Thrasybulos und andere Exilanten besetzen ein Fort außerhalb Athens und Theramenes wird hingerichtet.] [2] Theramenes having been put out of the way, they disarmed everybody except the Three Thousand, and in the rest of their proceedings went much further in the direction of cruelty and rascality. And they sent ambassadors to Sparta to denounce Theramenes and call upon the Spartans to assist them; and when the Spartans heard this message they dispatched Callibius as governor and about seven hundred troops, who came and garrisoned the Acropolis.

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Tobias Nowitzki
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Arist. Ath. Pol. 35-37

Leitfragen:

1) Welchen Gang der Ereignisse beschreibt der Autor der Athenaion Politeia in diesem Abschnitt?

2) Welche Reaktionen ruft die Errichtung einer Oligarchie in Athen hervor und aus welchem Grund?

3) Welche Rückschlüsse lassen sich aus dieser Darstellung der Ereignisse über die Einstellung der athenischen Oberschicht zur Demokratie ziehen?

Kommentar:

Diese Quellenstelle ist der Athenaion Politeia, der „Verfassung der Athener“, entnommen, die unter Aristoteles‘ Namen veröffentlicht ist. Es besteht allerdings keine Einigkeit darüber, ob Aristoteles selbst tatsächlich der Verfasser dieses Werkes ist.

Es wird der Gang der Ereignisse nach 404/3 beschrieben, als eine Clique von dreißig einflussreichen Mitgliedern der Oberschicht die Macht in Athen übernimmt. Dies war eine direkte Folge der katastrophalen Niederlage Athens gegen Sparta im Peloponnesischen Krieg. Die Oligarchie sollte dazu dienen, die athenische Demokratie nicht mehr wieder erstehen zu lassen – Sparta wollte gerne eine Oligarchie in Athen an der Macht sehen, weil diese meist weit positiver gegenüber Sparta eingestellt war als das Volk.

Zu Beginn verabschieden die Dreißig eine Reihe von nicht unpopulären Gesetzen, sehr schnell werden für sie jedoch Machterhalt und persönliche Bereicherung zentrale Motive. In einer Welle der Gewalt sterben nach Angaben der Quelle bis zu 1500 reiche Athener, deren Geld und Besitz sich die Dreißig aneignen. Auch wenn die Zahlen antiker Quellen stets mit Vorsicht zu genießen sind, ist dennoch eindeutig, dass eine große Zahl von Bürgern und Metöken unter den Tyrannen den Tod fand. Da es Schätzungen zufolge nach Ende des Krieges noch etwa 15.000 waffenfähige Bürger in Athen gab, kann man den Blutzoll ermessen, den die Herrschaft der Dreißig der Stadt abverlangte.

Bei der Absicherung ihrer Macht gehen die Tyrannen ebenso skrupellos vor, dabei schalten sie sogar ehemalige Verbündete aus. Theramenes, der einst geholfen hatte, diese Oligarchie einzusetzen und sich für eine milde Form der Oligarchie stark gemacht hatte, wurde wie viele andere hingerichtet. Dazu ging ein großer Teil der Bevölkerung ins Exil bzw. besetzte eine Festung in Attika; ein Bürgerkrieg begann. Wir sind über diese Zeit auch aus anderen Quellen gut unterrichtet, beispielsweise durch die Reden des Lysias, der selbst seinen Bruder durch die Dreißig verloren hatte, oder auch Platon, dessen Verwandter Kritias Anführer der Dreißig war.

An Theramenes‘ Beispiel lässt sich erkennen, dass Teile der athenischen Oberschicht einer Oligarchie nicht abgeneigt waren. Erst als die Oligarchenclique zu brutal vorgeht und auch die reiche Oberschicht ins Visier nimmt, regt sich Widerstand. Dieses Verhalten legt beredt Zeugnis über das gespaltene Verhältnis der Oberschicht zum Volk ab, denn auf der einen Seite nehmen die Mitglieder der führenden Familien große Risiken auf sich, um dem Volk zu gefallen und Ruhm zu erwerben, auf der anderen Seite liebäugeln viele von ihnen beständig mit der Oligarchie.

Der Umsturz der Demokratie hin zu einer Oligarchie oder Tyrannis war denn auch die größte Furcht des athenischen Volkes und nicht wenige, die vom Demos hingerichtet oder exiliert wurden, waren zuvor, ob nun zu Recht oder zu Unrecht, verdächtigt worden, eine Tyrannis errichten zu wollen.

Das Liebäugeln mit autokratischen Regierungsformen „zum Wohle aller und des Staates“ und das Erschrecken darüber, dass Autokraten am Ende immer nach ihrem eigenen Machterhalt streben, sind auch heute überall auf der Welt zu beobachten. Auch in westlichen Demokratien gibt es nicht wenige, die sich eine starke Hand wünschen, die einmal alles „wieder in Ordnung bringt“. Das Beispiel der Dreißig Tyrannen mag jedoch als eines von vielen dafür stehen, was dabei herauskommen kann.

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Podcast-Hinweise
Sehen Sie zu dieser Quelle auch den Podcast „Die athenische Demokratie“. Um einen breiteren Einblick in die griechische Klassik  zu erhalten, sehen Sie auch die Podcastreihe „Griechische Geschichte II – Klassik“.
Hier geht’s zum Podcast

 

Zum Verhältnis der Athener zu ihrer Oberschicht siehe auch den Bericht über Alkibiades‘ Liturgien (http://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/liturgie/), den Ostrakismos des Themistokles (http://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/ostrakismus-des-themistokles/) sowie die Hinrichtung des Theramenes (http://emanualaltegeschichte.blogs.uni-hamburg.de/xenophon-zu-den-30-tyrannen/)