Weiß, P., Die Vision Constantins […]

Literatur: Weiß, P., Die Vision Constantins, in: J. Bleicken (Hg.), Colloquium aus Anlass des 80. Geburtstages von Alfred Heuss, Kallmünz: Verlag Michael Lassleben 1993, 143-169.

 

Leitfragen

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Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

1) Auf den ersten Seiten seines Artikels führt Weiß in die Thematik und Quellenlage ein. Fassen Sie in eigenen Worten die drei antiken Quellen, die von Konstantins Vision berichten, zusammen (Textseite 145) und stellen Sie die Ausgangsthese von Weiß dar (Textseiten 146-147).

2) Erklären Sie, wie Weiß aus den drei antiken Quellen schließen kann, dass Konstantin einen Halo am Himmel sah (Textseiten 155-159). Beziehen Sie dabei den Wortlaut der Quellen ein.

3) Geben Sie in eigenen Worten bündig wieder, was der gemeinsame Nenner der drei Quellen ist, den Weiß definiert (Textseite 160).

4) Weiß ist der Überzeugung, auf der Grundlage seiner Quelleninterpretation Schlussfolgerungen für den religiösen Glauben Konstantins ziehen zu können. Erläutern Sie auf der Grundlage von Weiß‘ Quelleninterpretation diese Schlussfolgerungen (Textseiten 161-163).

5) Erklären Sie anhand der fünf Stichpunkte der Textseiten 164-165, warum Konstantin die Hinwendung zum Christentum vollzog. Gehen Sie dabei besonders auf die Ineinssetzung des Sol Invictus und des Christengottes ein.

Kommentar

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Forschungstradition des Autors

Peter Weiß war bis zu seiner Emeritierung 2008 Professor für Alte Geschichte an der Universität Kiel. Nach einem Studium der Fächer Geschichte, Klassische Philologie und Archäologie an den Universitäten München und Würzburg promovierte er 1975 über den spätantiken römischen Kaiserhof. Seine im griechischen Bereich angesiedelte Habilitation beschäftigte sich mit epigraphischen Zeugnissen des südlichen Kleinasiens. Die Forschungsschwerpunkte von Weiß liegen im römischen Prinzipat und der frühen Spätantike.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Mit seinem vielbeachteten Aufsatz ‚Die Vision Constantins‘ entfachte Weiß die Debatte um die Vision Konstantins neu. Diese Vision bezeichnet ein in den antiken Quellen unterschiedlich geschildertes transzendentes Offenbarungserlebnis des Herrschers, mit der Unterstützung des Christengottes die Schlacht an der milvischen Brücke im Jahre 312 n. Chr. gegen seinen Widersacher Maxentius gewinnen zu können, was sich dann auch bewahrheitete. Die Quellen sind allerdings so heterogen und vieldeutig in ihren Aussagen, dass ihnen verschiedene Interpretationen von Konstantins Vision abgerungen werden können.

Die Debatte um die Vision Konstantins ist deshalb von großer Bedeutsamkeit, da sie in der Regel als das zentrale Element der ‚konstantinischen Wende‘ gesehen wird, die den gesamten Lauf der Spätantike veränderte: Konstantin privilegierte nun nach 312 n. Chr. das Christentum gegenüber den anderen antiken Religionen, was die Christenverfolgungen endgültig beendete und zu einer schnellen Ausbreitung des Christentums im Römischen Reich führte. Wie Weiß betont, konzentriert sich der große Forschungsdiskurs um die Vision Konstantins weniger auf die Tatsache, dass die konstantinische Wende als Umschlagpunkt in der spätantiken Religionsgeschichte gesehen wird, sondern die Diskussion kreist vielmehr um die Motive des Kaisers, die ihn zur Förderung und Begünstigung des Christentums ab 312 bewogen (Textseite 144). Hier ordnet sich schließlich Weiß ein, der unter anderem die Frage aufwirft, was Konstantin nach seiner Vision denn nun tatsächlich bewogen habe zu behaupten, „er habe seine Erfolge dem Walten einer höchsten, mit dem Christengott gleichgesetzten Gottheit zu verdanken“ (Textseite 144).

Die Antwort von Weiß, die er seinem Artikel vorwegnimmt, ist überraschend und von Vornherein durch eine außergewöhnliche Herangehensweise geprägt: Konstantin habe vor der Schlacht an der milvischen Brücke einen Halo gesehen, also eine selten stattfindende Lichterscheinung um die Sonne herum (Textseite 146). Diese habe jener als Vision gedeutet, als deren Urheber er letzten Endes den Christengott identifiziert habe.

Weiß versucht diese These nun in seinen Betrachtungen zu stützen. Dafür deutet er zunächst die drei literarischen antiken Quellen aus, die von der Vision berichten. In der Darstellung des Lactanz ist für ihn besonders die Formulierung caeleste signum dei (Zeichen Gottes am Himmel) von Bedeutung, die er ausdrücklich nicht in metaphorischem Sinn, also ein Zeichen, das durch den Himmel gegeben werde, interpretiert (Textseite 155). Vielmehr handele es sich um eine „Himmelserscheinung“ (ebd.), die eben der Halo gewesen sei. Diese Beobachtung wiederhole sich im Bericht des Eusebios. Hier sei die Formulierung von Bedeutung, der Kaiser habe „‘mit eigenen Augen oben am Himmel über der Sonne das Siegeszeichen des Kreuzes, aus Licht gebildet, und dabei die Worte gesehen: Durch dieses siege!‘“ (Textseite 155). Das Lichtkreuz, das hier explizit die Wahrnehmung des Kaisers beschreibe, ähnele stark Halo-Abbildungen (als Abbildungen wiedergegeben auf Abb. 1,1 und 1,2), und die zwei Lichtkränze, die sich bei dieser Erscheinung um die Sonne befunden hätten, habe Konstantin als die in antiker Motivik so häufig auftauchenden Siegeskränze interpretiert (Textseite 156). Der letzte Bericht, der anonyme Panegyricus, bestätige diese Ergebnisse implizit, da dem dort geschilderten Tempelbesuch die visio Konstantins in der Erzählzeit voranginge (Textseite 158). Diese Übereinstimmungen bewegen Weiß zu der Folgerung, dass Konstantin im Frühjahr 310 n. Chr. tatsächlich einen Halo sah, der überdies das komplexe Aussehen eines doppelten Ringhalos mit Nebensonnen und möglicherweise einem Lichtkreuz besaß (Textseite 160).

Diese Beobachtungen sind von großer Bedeutung, da sie laut Weiß einige Folgen für das religionspolitische Handeln des Kaisers nach sich ziehen, von denen hier abschließend einige skizziert werden sollen. Die zunächst naheliegende Schlussfolgerung ist, dass die Vision nicht als fiktionales Element der Quellen zu verstehen ist, sondern tatsächlich in der Realität des Kaisers im Jahr 310 stattfand (Textseite 161). Der Kaiser müsse durch dieses Erlebnis den militärstrategisch riskanten Zug nach Italien und zur milvischen Brücke erst gewagt haben, da er durch den Halo, die als Siegeskränze interpretierten Lichtkränze und das Lichtkreuz auf die Unterstützung des Christengottes hoffte und durch den Halo an Siegesgewissheit gewann (Textseiten 163-164). Bezieht man die Tatsache ein, dass Konstantin ohnehin Anhänger des Sol Invictus-Kultes war, der einen antiken Sonnengott in enger Verbindung zum römischen Kaiserhaus verehrte, so habe Konstantin Sol Invictus und Christengott durch die Erfahrung des Haloeffekts, also durch „das siegbringende Kreuz des Heilsbringers am Himmel“ (Textseite 165), ineins gesetzt. Daher kam es schließlich zu der Entscheidung Konstantins, das Christentum als antike Religion zu privilegieren, womit er in letzter Konsequenz das religiöse Antlitz Europas bis heute prägte.

 

 

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