De Libero, L., Die archaische Tyrannis […]

De Libero, L., Die archaische Tyrannis, Stuttgart: Steiner 1996, 44-78.

 

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Der vorliegende Ausschnitt stammt aus der überarbeiteten Habilitation von de Libero aus dem Jahr 1996. Das Werk setzt sich über Athen hinaus mit dem Phänomen der archaischen Tyrannis in griechischen Stadtstaaten auseinander. Der Fokus liegt auf den individuellen Phänomenen der Tyrannis in den einzelnen Poleis. De Libero setzt sich auf mikrogeschichtlicher Ebene mit dem Thema auseinander. Die Monographie wurde einerseits teilweise wegen mangelnden Erkenntnisgewinns und andererseits wegen partiell fehlender Tiefe hinsichtlich der Quelleninterpretation kritisch betrachtet. Gleichzeitig wird jedoch hervorgehoben, dass das Werk den ersten modernen Versuch darstellt, das veraltete, aber immer noch grundlegende Standardwerk von Helmut Berve „Die Tyrannis bei den Griechen“ aus dem Jahr 1967, zu ergänzen. Trotz der Kritik an der Habilitation, bietet das Werk einen guten Überblick und vor allem eine verständliche und nachvollziehbare Einführung in die Thematik der „archaischen Tyrannis“.
Leitfragen

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Josephine Lesniak
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1) Athen kennt mehrere Aristokraten, die versuchten eine Vormachtstellung als Tyrannen zu erlangen. Nennen Sie die zwei Tyrannenaspiranten Athens vor Peisistratos und kennzeichnen Sie deren Versuche, die Vormachtstellung im Stadtstaat Athen zu erlangen (Textseiten 45-50).

2) Peisistratos bemühte sich mehrmals darum, die Tyrannis zu erlangen. De Libero beschreibt insbesondere zwei Aspekte im Leben des Peisistratos, die wegweisend waren, um die Tyrannis erlangen zu können (Textseiten 52-55). Fassen Sie diese beiden Aspekte in wenigen Sätzen zusammen.

3) Wie erreichte es Peisistratos 561/560 und 546/45 v. Chr., Tyrann von Athen zu werden (Textseiten 56-62)? Beschreiben Sie in Stichpunkten den Verlauf der Ereignisse.

4) Warum ist Peisistratos beim ersten Versuch laut de Libero gescheitert und was machte den zweiten Versuch effektiver?

5) Analysieren Sie die Mittel der Machterhaltung von Peisistratos (Textseiten 67-78). Welches politische Handeln stärkte seine persönliche Macht und welches die Strukturen der Polis, die in Richtung einer größeren Bürgerbeteiligung zielten? Welches Handeln wirkte stärker auf die Machterhaltung? Begründen Sie Ihre Entscheidung!

Kommentar

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Autor_in: Josephine Lesniak
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Forschungstradition des Autors

Prof. Dr. Loretana de Libero ist seit 2006 außerplanmäßige Professorin an der Universität Potsdam. Weiterhin lehrt sie in Hamburg an der Führungsakademie der Bundeswehr. Libero ist außerdem Mitglied der SPD und war von 2012 bis 2015 Mitglied der Hamburger Bürgerschaft. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Verfassungs- und Militärgeschichte.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Den archaischen Begriff „Tyrannis“ erläutert de Libero bereits zu Beginn ihrer Habilitation (Textseiten 23-38). Der Begriff „Tyrannos“ war kein offizieller Titel mit dem der Herrscher angesprochen wurde. Ebenso war die „Tyrannis“ kein offizielles Amt zu dem jemand gewählt wurde. Vielmehr beschrieb der Begriff „Tyrannis“ eine uneingeschränkte Herrschaft eines einzelnen bzw. eine herausragende Stellung einer Person innerhalb des bestehenden Herrschaftssystems. In der archaischen Zeit hat der Begriff sowohl eine positive als auch eine negative Konnotation. Positiv meint der Begriff eine beneidenswerte Stellung, sagenhaften Reichtum und enorme militärische Potenz. Negativ umfasst er aber auch Machtbesessenheit, Extravaganz und Besitzgier.

Die „Tyrannis“ war eine Herrschaftsform, die aus einem verworrenen politischen Klima entstanden war. In Athen herrschte eine Rivalität der Aristokraten. Insbesondere junge Aristokraten sammelten sich zu beständig fluktuierenden Stasis-Gruppen. Als „Stasis“ werden Auseinandersetzungen mehrerer sozialer Gruppen in einer Gemeinde bezeichnet. Die Gruppierungen verbinden sich durch ein gemeinsames Ziel, z.B. die Erlangung oder den Sturz einer Tyrannis. Innerhalb dieser Rivalitäten schaffte es Peisistratos, in mehreren Anläufen seine Vormachtstellung zu erhalten, ohne dabei das bestehende System weitreichend zu beschränken (Textseiten 72-78). Insbesondere wegen dieser Art der Machtausübung konnten sich unter Peisistratos teilweise politische Strukturen verfestigen.
Peisistratos ermöglichte es, dass Ämter wie die der Archonten turnusmäßig besetzt werden konnten und nicht aufgrund aristokratischer Machtstreitigkeiten vakant blieben. Ebenso blieb auch der Rat, später der Areopag, wieder beschlussfähig. Jedoch muss selbstverständlich darauf hingewiesen werden, dass Peisistratos ihm nahe stehende Aristokraten förderte und ihnen zu diesen Ämtern verhalf. Dabei handelte es sich vor allem um Angehörige des niederen Adels. Seinen Gegnern hingegen soll er die Kinder entführt haben, um sie so zum Schweigen zu bringen.

Das Versagen seiner Söhne Hippias und Hipparchos führte zum Sturz der Tyrannen in Athen Ende des 6. Jhs. v. Chr. Durch politische und möglicherweise private Streitigkeiten kam es zur Ermordung des Hipparchos. Sein Bruder Hippias versuchte anschließend ohne Rücksicht auf das bestehende System, die Macht offen durch ein Söldnerheer zu erhalten. Die Athener holten sich jedoch militärische Unterstützung aus Sparta und vertrieben den Tyrannen.

In der Forschung wird die tragende Säule der archaischen Tyrannis unterschiedlich definiert. Zusammenfassend ist zu sagen, dass sowohl die soziale Vormachtstellung und das beständige Ringen um eine hohe Zahl an Befürwortern, als auch die permanente Präsenz von Söldnern und einer Leibgarde wichtige Elemente der Herrschaft waren. Zusätzlich war es von Bedeutung, dass neben dem bestehenden politischen System auch eine breite bzw. geregelte politische Teilhabe anderer Aristokraten gewährleistet wurde. Dies galt natürlich nur für die dem Tyrannen wohlgesinnten Aristokraten. Das wichtige Amt des Archon eponymos war für die Fälle, die uns überliefert sind, in drei von vier Fällen von Aristokraten besetzt, die mit Peisistratos sympathisierten.

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Stein-Hölkeskamp, E., Das Archaische Griechenland […]

Stein-Hölkeskamp, E., Das archaische Griechenland. Die Stadt und das Meer, München: Beck 2015, 96-119.

 

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1) Stein-Hölkeskamp erörtert die unterschiedlichen Gründe für die Kolonisation von Mittelmeergebieten durch griechische Poleis. Nennen Sie die Gründe, die auf den Textseiten 100-103 erläutert werden.

2) Nennen Sie drei grundlegende archäologische Quellen, auf die sich Stein-Hölkeskamp bei ihrer Untersuchung stützt. Beschreiben Sie in wenigen Sätzen, welche Schlüsse sich aus den Quellen für die Charakterisierung der Kolonisation ziehen lassen.

3) Die Kolonisation verlief in zwei Phasen. Wie unterscheiden sich diese zwei Phasen für die Orte Metapont, Siris und Incoronata voneinander (Textseiten 110-119)?

4) Was unterscheidet nach Stein-Hölkeskamp die Kolonisation in der Archaik maßgeblich von den Kolonisationsbewegungen der frühen Neuzeit (Textseite 116)? Erläutern Sie den Unterschied in wenigen Sätzen.

5) Stein-Hölkeskamp erörtert zu Beginn und zu Anfang des Kapitels den Zusammenhang zwischen der archaischen Kolonisation und dem Epos „Odyssee“ von Homer. Fassen Sie in eigenen Worten zusammen, welche Aspekte der literarischen Darstellung für die Charakterisierung der archaischen Kolonisation übernommen werden können und warum.

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Forschungstradition des Autors

Apl. Prof. Dr. Elke Stein-Hölkeskamp lehrt seit 2016 als außerplanmäßige Professorin an der Universität Duisburg-Essen das Fach Alte Geschichte. Ihre Forschungsschwerpunkte sind insbesondere die Sozialgeschichte der griechischen Archaik und Klassik, wobei Sie sich vor allem der Adelskultur widmet. Weiterhin forscht sie zur Kultur- und Erinnerungsgeschichte Griechenlands und Roms. Sie ist zusammen mit ihrem Mann Karl-Joachim Hölkeskamp Trägerin des Karl-Christ-Preises, welcher herausragende wissenschaftliche Verdienste für die Alte Geschichte prämiert und auszeichnet.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Stein-Hölkeskamp erörtert zu Beginn des Kapitels, dass die Beschreibungen in der Odyssee von Homer in der heutigen Forschung in das 8. Jh. v. Chr. datiert werden (Textseite 97). Diese Datierung basiert auf folgenden Überlegungen: Überliefert ist uns, dass die Epen unter dem Tyrannen Peisistratos Mitte des 6. Jhs. v. Chr. in Athen von Sängern vorgetragen wurden. Gesungen wurde von Odysseus und seinen Abendteuern aber nicht so, als seien es Zeitgenossen, sondern gesungen wurde von grauen Vorzeiten. Antike Autoren wie Diodor haben uns überliefert, dass es sich dabei vermeintlich um das 12. Jh. v. Chr. handle. Diese These gilt aber weithin als revidiert. Die Lebensbeschreibungen der Akteure in den Epen stimmen mit denen im 8. Jh. v. Chr. überein. Allgemein wird daher das 8., teilweise auch das 7., Jh. v. Chr. als zu datierender Zeitraum für die Handlung angenommen. Aufgrund dieser Datierung werden die Epen von Stein-Hölkeskamp als literarische Quellen für die Untersuchung der archaischen Kolonisation genutzt. Die Epen sind damit die wichtigsten schriftlichen Quellen. Selbstverständlich werden Sie durch die archäologischen Quellen ergänzt.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, der im vorliegenden Auszug nicht weitreichend erörtert wird, betrifft die grundsätzliche Begrifflichkeit von „Kolonisation’“. Als „Kolonisation“ wird eine Besiedlung bezeichnet, die über den angestammten Lebensraum hinaus erfolgt. Der Begriff ist nicht inhärent mit einer Form von gewaltsamer Landnahme verbunden, jedoch kann eine Kolonisation auch gewaltsam vorgenommen werden. Einen Sonderfall der Kolonisation umschreibt der Begriff „Kolonialisierung“. Er umfasst die durch eine moderne Staatsmacht vollzogene gewaltsame Landnahme in der Frühen Neuzeit, welche mit Columbus Ende des 15. Jhs. n. Chr. begann. Hinter dem Begriff „Kolonisierung“ steht vor allem eine gewaltsame Unterdrückung, Umerziehung oder Ausrottung der indigenen Bevölkerung. Die Legitimation zur Unterdrückung findet sich vor allem in der Vorstellung einer kulturellen Überlegenheit seitens der Unterdrücker. Der Begriff „Kolonialisierung“ ist folglich nicht zutreffend für die archaischen Kolonisationsbewegungen. Sie können nicht als protostaatliche, geplante, gewaltsame und ideologisch begründete Landnahme bezeichnet werden (Textseite 116).

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Pfeilschifter, R., Die Spätantike […]

Pfeilschifter, R., Die Spätantike. Der eine Gott und die vielen Herrscher, München: Beck 2014, 121-149.

 

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Der vorliegende Textausschnitt stammt aus Pfeilschifters Einführungswerk „Spätantike. Der eine Gott und die vielen Herrscher“. Als Überblicksdarstellung ist das Werk informativ, leicht verständlich und unterhaltsam geschrieben. Es bietet für Interessierte und Studenten einen hervorragenden Einblick in die Thematik. Für tiefer gehende Analysen oder zu Forschungszwecken ist das Werk aus der Natur der Sache als Einführungswerk verständlicher Weise weniger geeignet
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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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1) Pfeilschifter erörtert mehrere Einfälle von barbarischen Stämmen in das Römische Reich. Versu-chen Sie, die Einfälle chronologisch zu ordnen (Textseiten 121-133). Erstellen Sie eine knappe Über-sicht in Stichpunkten. Nutzen Sie zur Übersicht auch die Karte auf Textseite 122.

2) Auf der Textseite 123 stellt Pfeilschifter die leitende Fragestellung des Kapitels. Warum konnte Rom den feindlichen Heeren nicht Stand halten? Mögliche Antworten liefert er auf den Textseiten 123-141. Fassen Sie die Antworten zusammen. Unterteilen Sie dabei in die drei folgenden Katego-rien: 1. militärische Leistungsfähigkeit der Barbaren; 2. militärische Leistungsfähigkeit des römi-schen Heeres; 3. Herrschaftsstrukturen im Römischen Reich.

3) Erläutern Sie in wenigen Sätzen,warum der Begriff „Völkerwanderung“ nach Pfeilschifter nicht zutreffend ist (Textseite 133).

4) Die Westgoten hatten es als erster germanischer Stamm erreicht, dass ihnen Land im Römischen Reich zugesprochen wurde, welches sie besiedeln durften (Textseiten 139-144). Was waren Ihrer Meinung nach die größten Konfliktfelder bei der Integration eines riesigen wandernden Heeres mit Tross in die bestehende römische Ordnung? Nennen Sie die Konfliktfelder nach Pfeilschifter und wählen Sie zwei besonders problematische Felder aus. Begründen Sie Ihre Entscheidung.

5) Fassen Sie in Stichpunkten die Kernelemente der beiden uns überlieferten Gesetzescodices Roms, Codex Iustinianus und Codex Theodosianus, in wenigen Sätzen zusammen (Textseiten 146-149). Heben Sie dabei auch die Unterschiede hervor.

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Forschungstradition des Autors

Prof. Dr. Rene Pfeilschifter wurde 1971 geboren und lehrt seit 2012 als ordentlicher Professor das Fach Alte Geschichte an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Seine Forschungsschwerpunkte liegen zeitlich betrachtet insbesondere in der Römischen Republik und der Spätantike. Inhaltlich befasst er sich u.a. mit den sich verändernden Herrschaftsstrukturen sowie auch mit dem Einfluss des Christentums auf eben diese Strukturen. Wie auch in dem vorliegenden Kapitel zieht er die Grenze der Spätantike nicht abrupt im Jahre 500, sondern greift weiter bis ins Frühmittelalter des 6. und 7. Jahrhunderts.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Pfeilschifter beschreibt in dem vorliegenden Kapitel unterschiedliche Einfälle von Stämmen in das Römische Reich. Er bezeichnet die Stämme grundsätzlich als „Barbaren“. Mit diesem Begriff greift Pfeilschifter auf den von den Römern selbst genutzten Begriff, der bereits von den Griechen für Völker verwendet wurde, die nicht mit dem eigenen identisch waren. Den Unterschied machte vor allem die fehlende griechisch-römische Bildung, durch welche sich Griechen und später die Römer definierten. Wenn Pfeilschifter folglich von Barbaren in der Spätantike spricht, so meint er Völker und Stämme, welche außerhalb der Römischen Reichsgrenzen lagen.

Besonders bedrohlich für das Römische Reich waren die Germanen (Goten, Sueben, Vandalen) und die Hunnen, wobei Hunnen aus Zentralasien nach Rom drangen. Die Germanen kamen aus heutigen osteuropäischen Gebieten (Polen, Ungarn, Kroatien, Rumänien), aus südwestlichen Teilen Russlands sowie aus der Ukraine (Schwarzes Meer). Beide Einfälle sind jedoch voneinander zu trennen. Die Hunneneinfälle in die Gebiete der Germanen bis an die Grenze des Römischen Reiches waren selbst eine Mitursache für den Einfall der Germanen in das Römische Reich (Textseite 121).

Auf den Textseiten 123-125 erläutert Pfeilschifter die Bedingungen für germanische Soldaten innerhalb der Römischen Armee. Er weist er darauf hin, dass bereits in der Römischen Republik Germanen als Hilfstruppen, u.a. unter Caesar, Teil der Römischen Armee waren. Pfeilschifter erörtert hier Strukturen, die seit der Republik bis in die Spätantike gewachsen waren. Einem Nichtrömer war es möglich, durch einen Armeedienst von 25 Jahren römischer Bürger zu werden. Wenn nicht von Geburt an das Bürgerrecht vererbt wurde, so konnte es zumindest durch den Armeedienst erlangt werden. Die Germanen waren damit wie viele andere Nichtrömer über mehrere Jahrhunderte ein gewachsener Teil des römischen Heeres.

Ein weiter wichtiger Punkt hinsichtlich der rechtlichen Strukturen im Römischen Reich, ist die Rechtsprechung und Gesetzgebung, die Pfeilschifter auf den Textseiten 144 bis 149 erörtert. Pfeil-schifter erklärt, dass lediglich der Kaiser die Institution darstellt, die bestehendes Recht interpretieren und neues Recht schaffen durfte. Der Kaiser erließ Gesetze, sogenannte Kaiserkonstitutionen in Form von allgemeinen Erlassen, Dienstanweisungen, Gerichtsentscheidungen und Rechtsgutachten für den Einzelfall. Entgegen der Darstellung bei Pfeilschifter, dass all diese Gesetze nicht allgemein kund getan wurden, sondern nur einzelnen Amtsträgern zugingen, ist zu betonen, dass Kopien angefertigt und verteilt wurden. Die sogenannten Prätorianerpräfekten, die obersten Verwaltungsbeamten des Römischen Reiches, waren häufig Adressaten der verschiedenen Codices, sodass ein Kommunikationsweg für Gesetz und Recht allgemein gegeben war. Den Präfekten oblag nach dem Kaiser die höchste richterliche Instanz für die Ihnen zugeteilten Reichsteile.

Zuletzt sollte erörtert werden, dass der religiöse Unterschied zwischen Homöern und Nizänern (Textseite 142-143) historisch gewachsen war. Die Goten waren bereits im 4. Jh. n. Chr. durch den Bischof Wulfia im Sinne der homöischen Theologie christianisiert worden. Diese Glaubensrichtung war während der Missionierung der Goten auch im römischen Kaiserhaus populär. Sie hielt sich jedoch nicht im gesamten Römischen Reich. Bereits Ende des 4. Jh. n. Chr. wurde auf dem zweiten ökumenischen Konzil das nicänische Dogma festgelegt, wonach Gottvater und Gottes Sohn wesensgleich seien. Die Homöer hingegen nahmen an, dass sie nur wesensähnlich seien. Entsprechend unterschied sich die Glaubensrichtung der germanischen Christen von der Glaubensrichtung der römischen Bürger in den gallischen und hispanischen Provinzen erheblich.

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Nolte, P., Was ist Demokratie? […]

Nolte, P., Was ist Demokratie. Geschichte und Gegenwart, München: Beck 2012, 9-49.

Gelzer, M., Cicero […]

Gelzer, M., Cicero. Ein biographischer Versuch. Mit einer Einleitung von W. Riess, Stuttgart: Steiner 2014², 9-27, 67-96.

 

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Matthias Gelzer stellte sich mit seinen Forschungen zu Cicero erstmals gegen das durch Theodor Mommsen rein negativ geprägte Urteil über Cicero. Gelzer analysierte unter zur Hilfenahme aller verfügbaren Quellen Cicero sowohl als Philosoph als auch als Redner und Politiker. Insbesondere den Briefen von Cicero an seinen Bruder Atticus und den philosophischen Schriften schenkte Gelzer neben Ciceros Reden große Aufmerksamkeit. Gelzer trug maßgeblich zum heute noch vorherrschenden Bild Ciceros bei. Der Redner und Philosoph Cicero, als die am besten bekannte Persönlichkeit der Antike, wird durchweg positiv bewertet. In den zahlreichen Biographien und Spezialabhandlungen wird hingegen noch heute sein politisches Schaffen kontrovers diskutiert.
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1) Rieß erläutert im Vorwort drei große Forschungstendenzen zur Person Cicero, die rein negative, die abwägende und die überhöhende Forschungspostion (Textseiten XV-XXVII). Fassen Sie den Inhalt der drei Tendenzen in wenigen Stichpunkten zusammen. Nennen Sie dabei für jede Tendenz mindestens einen Autor und ein Beispiel.

2) Rieß erläutert, dass Ciceros Karriere immer an der von Caesar gemessen wird (u.a. Textseiten, XII-XV). Erläutern Sie, warum Ihrer Meinung nach insbesondere diese beiden Personen einander permanent gegenüber gestellt werden.

3) Nennen Sie drei wichtige politische Auseinandersetzungen, denen sich Cicero während seines Konsulats stellen musste. Nennen Sie den Streitpunkt und die Akteure.

4) Beschreiben Sie Ciceros Konfliktlösung der Catilinarischen Verschwörung in wenigen Sätzen (Textseiten 76-96).

5) Was war nach Gelzer Ciceros größter Fehler während seines Konsulats (Textseiten 93-96)? Teilen Sie die Meinung von Gelzer? Erläutern Sie Ihre Position!

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Forschungstradition des Autors

Prof. em. Dr. Matthias Gelzer (*1886; †1974) lehrte in Greifswald, Straßburg und von 1919 bis 1955 an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/M.. Er habilitierte sich zu den Treueverhältnissen und dem Klientelwesen der späten Republik. Gelzer erforschte 1912 damit erstmals die Funktionsweise der römischen Republik unter dem Blickpunkt von Personenkreisen und nicht von Einzelpersönlichkeiten.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Rieß fasst in der forschungsgeschichtlichen Einleitung die Kritikpunkte von Gelzer an Cicero als Politiker und Staatsmann zusammen (Textseite XXVII). Im vorliegenden Kapitel widmet sich Gelzer dem Höhepunkt einer Karriere als römischer Politiker, dem Konsulat. Das Konsulat Ciceros zeichnet Gelzer als ein beständiges Abwägen und Gegeneinaderausspielen von Interessen. Wichtig war es immer, nicht nur als Konsul, über Informationen und Kontakte zu verfügen, um die politischen Bemühungen anderer Politiker zu verhindern oder zu unterstützen.

Ein Beispiel von vielen ist ein erneutes Ackergesetz, rogatio agraria, eingebracht 64 v. Chr. von Servilius Rullus. Es sollte von den Volkstribunen in der Volksversammlung, dem zweiten großen gesetzgebenden Organ in der Römischen Republik, durchgesetzt werden. Gezler schildert jedoch geheime Absprachen und Manipulationen des republikanischen Systems, um die eigentliche Intention des Gesetzes vor der Öffentlichkeit und dem Senat zu verschleiern (Textseiten 67-70). Das Gesetz war dem äußeren Anschein nach zur Versorgung von Veteranen mit Ackerland gedacht. Großgrundbesitzern sollte zu einem fairen Preis Land abgekauft werden, ohne, dass es einer Enteignung gleich käme. Hinter diesem Gesetz stand jedoch nach Gelzer ein großer Plan von Ciceros Gegenspieler Caesar, der dann 59 v. Chr. nach dem Scheitern des Gesetzes, selbst ein Gesetz, die lex Iulia agraria, im Senat durchbrachte. Ziel war es, durch staatliche Mittel die eigene Anhängerschaft, die zum großen Teil aus einem Heer bestand, zu sichern. Die große militärische Schlagkraft, über die Caesar, Pompeius und Crassus verfügten, machten diese Personen einerseits gefährlich, aber andererseits für die Sicherheit der Republik auch unabdingbar.

Vor allem an einer Entscheidung wird Cicero bis heute gemessen. Die sogenannte Catilinarische Verschwörung schildert Gelzer ganz aus den chronologischen Ereignissen (Textseiten 77-96). Lucius Sergius Catilina war einer der vielen jungen Aristokraten, die in der Politik das oberste Amt erreichen wollten. Cicero hatte Glück, er wurde gleich beim ersten mal zum Konsul gewählt. Catilina war jedoch, nach mehrmaligen Misserfolgen bei den Wahlen verzweifelt, denn ohne das Amt des Konsuls war eine politische Karriere nie vollendet. Catilina griff zu militärischen Mitteln und bemühte sich um eine eigene Armee. Er plante zunächst einen Putsch oder zumindest wollte er damit drohen; ein Krieg war nicht zwingend erforderlich. Catilina sah in Cicero jedoch einen sehr ernsten Gegner und wollte ihn und einige weitere daher ermorden lassen.

Die Reaktion Ciceros auf den Anschlag, d.h. die Hinrichtung Catilinas und seiner Anhänger ohne Gerichtsverfahren, machte Cicero angreifbar und schwächte dauerhaft seine politische Handlungsfähigkeit. Catilina und seine Mitverschwörer entstammten hoch angesehen Familien. Sie waren Adlige, die nicht ohne weiteres zur Todesstrafe hätten verurteilt werden dürfen. Zwar stimmte der Senat der Hinrichtung zu, jedoch ersetzte dies im Fall der Todesstrafe für einen adligen Römer keinesfalls ein Gerichtsverfahren.

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Zanker, P., Augustus […]

Zanker, P., Augustus und die Macht der Bilder, München 52009, 85-106.

 

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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1) „Das Forum [Romanum, Anm. JS] bekam durch diese von und für Octavian errichteten Denkmäler ein neues Gesicht“ (Textseite 87). Betrachten Sie die Skizze des Forum Romanum auf Textseite 86 und erklären Sie Zankers These im Hinblick auf die verschiedenen baulichen Veränderungen, die von Octavian am Forum vorgenommen wurden (Textseiten 85-87).

2) Nennen Sie die „symbolischen Siegeszeichen“ (Textseite 88) des Augustus und skizzieren Sie deren Rezeption in den anderen Städten des römischen Imperiums (Textseiten 88-90).

3) Stellen Sie Augustus‘ religiöses Bildprogramm nach dem Sieg von Actium dar (Textseiten 90-91) und erklären Sie es mindestens an einem der dargestellten Beispiele Zankers (Textseiten 91-96).

4) Nennen Sie die Ehrenzeichen des Augustus (Textseite 97) und erläutern Sie die Symboliken des Lorbeerkranzes und der corona civica (Textseiten 98-99).

5) Charakterisieren Sie abschließend die Herrschaftsinszenierung des Augustus anhand des clipeus virtutis (bes. die Textseiten 100-101) und des Selbstbildnisses (Textseiten 103-104).

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Autor_in: Jan Seehusen
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Forschungstradition des Autors

Prof. Dr. em. Paul Zanker ist Professor für Klassische Archäologie. Neben Professuren in Göttingen (1972-1976) und München (1976-2002) war Zanker in seinem Berufsleben auch Direktor des Archäologischen Instituts in Rom und Direktor des Münchner Museums für Abgüsse Klassischer Bildwerke (1995-2002). Zankers Forschungen zur politischen Symbolik antiker Kunst in der augusteischen Zeit werden in der Alten Geschichte als wegweisend betrachtet, um die Herrschaftsrepräsentation im frühen Prinzipat nachzuvollziehen.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Die Selbstdarstellung und Herrschaftsrepräsentation des Augustus gehört zu den Kernthemen der Alten Geschichte, die auch im Schulunterricht immer wieder behandelt werden. Namhafte Professoren wie Géza Alföldy, Paul Zanker, Matthias Gelzer und Hermann Strasburger widmeten sich in den vergangenen Jahrzehnten der Erforschung der späten Römischen Republik und der frühen Kaiserzeit, die auch Prinzipat genannt wird. Filme, Serien und Computerspiele greifen vielfach auf die Strukturen, Figuren und politischen Konzepte dieser Zeit im ersten Jahrhundert v. Chr. zurück, die aufgrund der guten Quellenlage vielleicht die am besten bekannte Epoche in der Alten Geschichte ist.

Anschaulich lassen sich die Veränderungen von der späten Republik zur frühen Kaiserzeit am politischen Bildprogramm erklären, dem sich P. Zanker in dem vorliegenden Auszug widmet. Zanker setzt dabei nach der Schlacht von Actium (31 v. Chr.) ein, die den Wendepunkt in den blutigen Bürgerkriegen markiert, die die Römische Republik in ihren letzten Jahrzehnten erlebte: Nach dem Sieg des Octavian über seinen Widersacher Antonius war militärische Dominanz und Überlegenheit des Octavian unbestritten. Nun sollte sich zeigen, wie Octavian mit der gewonnenen Macht umgehen sollte.

Zanker beginnt mit der Umgestaltung des Forum Romanum, die „aus dem politischen Zentrum des alten Staates endgültig ein[en] Repräsentationsplatz der Julier“ (Textseite 87) machte. Anhand verschiedener baulicher Maßnahmen lasse sich erkennen, wie Octavian das Forum zur Selbstdarstellung seiner Gens (Geschlecht), der Familie der Julier, gemacht habe: Zunächst habe er den Tempel für den Divus Iulius eingeweiht (Textseite 85), den vergöttlichten Caesar, dessen Großneffe er war und dessen Ermordung im Jahre 44 v. Chr. er gerächt hatte. Der Curia, dem Sitzungssaal des römischen Senats, habe er ebenfalls den Beinamen Iulia gegeben (Textseite 85). Darüber hinaus sei zu beachten, wie die Curia im Inneren ausgestattet worden sei: Octavian habe eine Marmorstatue der Siegesgöttin Victoria aus Tarent aufgestellt, die seine persönliche Siegesgöttin gewesen (Textseite 85) und dazu noch mit erbeuteten Waffen aus dem Kampf mit Antonius ausgestattet worden sei (Textseiten 85-87).

Auf den Folgeseiten fährt der Autor fort: Neben der Curia sei auch der Caesartempel mit dem Beutegut geschmückt worden, dabei habe auch die bauliche Einbindung der bronzenen Schiffsschnäbel (rostra) aus der Seeschlacht Actium eine Rolle gespielt, die den vollständigen Sieg des Octavian über Antonius einmal mehr verdeutlicht habe (Textseiten 86-87). Weitere Ehrungen des Octavian auf dem Forum stellten das bereits 43 v. Chr. errichtete Reitermonument und der Ehrenbogen des Augustus dar (Textseiten 86-87).

Zanker unterlässt es jedoch nicht, die ebenfalls symbolisch zu verstehende Demut des Octavian zu erwähnen, die ebenfalls performativ inszeniert wurde. Nach den Siegesfeiern begann alles mit einem Staatsakt in einer Senatssitzung im Januar 27 v. Chr., in der er alle Macht an den Senat und das Volk zurückgab. In einer direkten Folge sei Octavian vielfach geehrt worden; er habe etwa eine corona civica (einen Kranz aus Eichenlaub) und den berühmten clipeus virtutis (Tugendenschild) erhielten, der die Tugenden des Octavian rühmt (Textseite 97). Insbesondere der Tugendenschild sei von großem Interesse, da mit den vier Tugenden der virtus (Macht), clementia (Milde), iustitia (Gerechtigkeit) und pietas (Frömmigkeit) gleichsam Herrschertugenden geschaffen worden seien, die im Falle der pietas den „wichtigste[n] kulturpolitische[n] Programmpunkt des neuen Herrschers“ (Textseite 101) umschrieben hätten: Octavian, dem schon bald der Ehrentitel Augustus (der Erhabene) verliehen wurde, erließ strenge Moral- und Sittengesetze, was Zanker an dieser Stelle jedoch nicht weiter ausführt.

Die formale Rückgabe der Macht an Senat und Volk darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Augustus jedoch weiterhin ganz konkrete Grundlagen für seine Herrschaft besaß, die in der jahrzehntelangen Erforschung dieser Epoche gleichsam als ein Kaschieren seiner eigentlichen Macht gedeutet wurden: Er besaß die tribunicia potestas, die Amtsgewalt des Tribunen, mithilfe der er ein Veto gegen Senatsbeschlüsse einlegen konnte, ein riesiges Vermögen und die Kontrolle über das Heer.

 

Welwei, K.-W., Die griechische Polis […]

Welwei, K.-W., Die griechische Polis. Verfassung und Gesellschaft in archaischer und klassischer Zeit, Stuttgart: Steiner² 1998, 35-54, 60-72 (Auszüge aus Kapitel II).

 

 

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Jan Seehusen
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1) Auf den ersten Seiten dieses Auszuges schildert Welwei die unterschiedlichen Faktoren, die zur Polisbildung beitrugen. Geben Sie in eigenen Worten die politische Entwicklung wie die Herausbildung der sozialen Gruppierungen wieder, die in diese Zeit zu situieren sind (Textseiten 35-41).

2) Skizzieren Sie die Grundpfeiler des archaischen Wirtschaftswesens im archaischen Griechenland (Textseiten 41-45). Gehen Sie dabei besonders auf das Agrarwesen ein.

3) Definieren Sie die drei sozialen Gruppierungen der griechischen Archaik, die Welwei benennt (bes. die Textseiten 46-53).

4) In einem weiteren Teil seiner Ausführungen kommt der Autor auf die verschiedenen Institutionen zu sprechen, die sich in der Polis herausbildeten (Textseiten 60-68). Erläutern Sie diese Institutionen und gehen Sie auch auf die Bedeutung des Adelsrats und der Volksversammlung für die Entwicklung der Polis ein (Textseite 68).

5) Betrachten Sie abschließend Welweis Ausführungen zum Recht im archaischen Griechenland: Beschreiben Sie das Gericht bei Homer und die Gesetzeskodifikation Drakons (Textseiten 68-71) und arbeiten Sie die Unterschiede beider Rechtssysteme heraus.

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Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Forschungstradition des Autors

Prof. Dr. Karl-Wilhelm Welwei (†) war Professor für Alte Geschichte an der Universität Bochum. Nach dem Studium und der Promotion in Köln habilitierte sich Welwei 1970/71 in Bochum, woraufhin er 1972 auf den althistorischen Lehrstuhl in Bochum berufen wurde. Welweis Forschungsschwerpunkte bewegten sich in der Geschichte des antiken Griechenlands, er publizierte vor allem zur archaischen und klassischen Zeit und der Geschichte Spartas.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Mit seinem Beitrag zeichnet Welwei den Prozess der Polisbildung während der griechischen Archaik nach. Für eine grundsätzliche Klärung des Begriffs ‚Polis‘ (Plural: Poleis) muss man verstehen, dass es sich hierbei um die Bezeichnung für griechische Stadtstaaten der Antike handelt, die nach einem sehr ähnlichen Muster im ganzen Mittelmeerraum gegründet wurden. Durch den späteren Asienfeldzug Alexanders des Großen fand die Polis sogar im Vorderen Orient eine weite Verbreitung. An Welweis Beitrag lässt sich vor allem die Vielfalt der Polisformen erkennen, die es in der griechischen Antike gab.

Beachtlich ist dabei, dass sich die Polis stets durch ähnliche Konstituenten auszeichnet, die Welwei in seinem Beitrag nennt: Neben Tempeln (Textseite 36), die den Göttern geweiht seien, unter deren Schutz sich die Polis gestellt habe, sei die Agora (Textseite 37) das Zentrum des öffentlichen Lebens gewesen. Wie Welwei nun herausarbeitet, sei in von Polis zu Polis unterschiedlicher Weise das Königtum von den Adligen beseitigt und eine Adelsherrschaft in den Poleis errichtet worden; ausgenommen natürlich von Sparta, das ein Doppelkönigtum bis in die hellenistische Zeit besessen habe (Textseiten 38-39). So sei es in der Frühphase der Polisbildung zur Herausbildung der sozialen Gruppierungen des Adels, des Demos und der Unfreien gekommen. Der Adel habe Herrschaftsbefugnisse inngehabt und ausschließlich die unbezahlten öffentlichen Ämter bekleidet, die den Vorsitz im Adelsrat, die Einberufung der Volksversammlung, den Oberbefehl über das Heer, juristische und sakrale Kompetenzen betroffen hätten (Textseite 39). Dem Demos (Volk), worunter die wehrfähigen freien Polisbürger zu verstehen sind, hätten diese Ämter nicht zugestanden. Trotzdem habe er ein politisches Gewicht gehabt, das sich in der Ilias zeige, wenn der Demos sich etwa gegen Amtsmissbrauch adliger Richter erhoben habe (Textseite 37). Nur selten habe es in der Frühzeit hingegen Volks- und Heeresversammlungen gegeben (ebd.). Die Unfreien, die nicht zum Demos gehörten, seien stets am Rand der Polisgemeinschaft geblieben (Textseite 40).

Nach der Herausbildung dieser sozialen Gruppierungen geht der Autor genauer auf ihr Aussehen ein. Für ein Verständnis der griechischen Geschichte der Antike ist dies von großer Bedeutung, da die Einteilung in diese Gruppierungen bis in die hellenistische Zeit fortwirkte.

Der Adel, der sich im Plural selbst als ‚Aristoi‘ (die Besten) bezeichnete und in Stammbäumen bis auf die Götter zurückführte, sei in Abgrenzung zur älteren Forschung dabei nicht in Geschlechterverbänden organisiert gewesen (Textseite 46). Vielmehr sei die Zugehörigkeit eines Adligen zu einem Oikos (pl. Oikoi) von Bedeutung gewesen, womit der Familienhaushalt eines Adligen beschrieben werde (Textseite 47). Darüber hinaus müsse man das Gefolgschaftswesen als wesentlichen Teil des griechischen Adels beachten: Einzelne Adlige hätten sich Oikosherren angeschlossen und seien vorübergehend seine Gefährten (Hetairoi) geworden, ohne aber ihren Anschluss zum Oikos zu perpetuieren (Textseite 47-48). Die sich so herausbildenden Hetairien, also gewissermaßen verbündete adlige Gruppierungen, seien als Kennzeichen des archaischen Adels ebenso bedeutsam gewesen wie das agonale Prinzip der Adelsmitglieder, im Zuge dessen um die Bekleidung der öffentlichen Ämter gerungen wurde (Textseite 48).

Welwei kommt in diesem Zusammenhang nur sehr kurz auf die Freien zu sprechen (Textseiten 49-51), die im Gegensatz zum römischen Bereich nicht in Abhängigkeitsverhältnisse wie im römischen Klientelwesen eingebunden, sondern durch die Zugehörigkeit zu genossenschaftlichen Vereinigungen (z.B. Phylen) organisiert gewesen seien. Etwas mehr Raum widmet der Autor der Darstellung der Unfreien (Textseiten 51-54). Die Verfügungsgewalt des Oikosherren über seine oftmals als Douloi (Sklaven) bezeichneten Unfreien sei nahezu unbegrenzt gewesen (Textseiten 51-52). Eine Besonderheit der griechischen Unfreien sei die kollektive Unterwerfung ganzer Bevölkerungsteile, die Welwei für verschiedene Poleis beschreibt: In Sparta hätten die hörigen Bevölkerungsteile der Heloten und in Thessalien die der Penesten außerhalb der Rechtsordnung gestanden (Textseiten 52-53), womit Welwei auf die grausame Behandlung hinweist, die insbesondere den Heloten seitens der Spartiaten zuteil wurde. Die entscheidende Trennlinie in der gesellschaftlichen Pyramide der Archaik sei so nicht zwischen Adel und Freien, sondern zwischen Freien und Unfreien verlaufen (Textseite 52).

Weiß, P., Die Vision Constantins […]

Literatur: Weiß, P., Die Vision Constantins, in: J. Bleicken (Hg.), Colloquium aus Anlass des 80. Geburtstages von Alfred Heuss, Kallmünz: Verlag Michael Lassleben 1993, 143-169.

 

Leitfragen

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Autor_in: Jan Seehusen
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1) Auf den ersten Seiten seines Artikels führt Weiß in die Thematik und Quellenlage ein. Fassen Sie in eigenen Worten die drei antiken Quellen, die von Konstantins Vision berichten, zusammen (Textseite 145) und stellen Sie die Ausgangsthese von Weiß dar (Textseiten 146-147).

2) Erklären Sie, wie Weiß aus den drei antiken Quellen schließen kann, dass Konstantin einen Halo am Himmel sah (Textseiten 155-159). Beziehen Sie dabei den Wortlaut der Quellen ein.

3) Geben Sie in eigenen Worten bündig wieder, was der gemeinsame Nenner der drei Quellen ist, den Weiß definiert (Textseite 160).

4) Weiß ist der Überzeugung, auf der Grundlage seiner Quelleninterpretation Schlussfolgerungen für den religiösen Glauben Konstantins ziehen zu können. Erläutern Sie auf der Grundlage von Weiß‘ Quelleninterpretation diese Schlussfolgerungen (Textseiten 161-163).

5) Erklären Sie anhand der fünf Stichpunkte der Textseiten 164-165, warum Konstantin die Hinwendung zum Christentum vollzog. Gehen Sie dabei besonders auf die Ineinssetzung des Sol Invictus und des Christengottes ein.

Kommentar

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Jan Seehusen
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Forschungstradition des Autors

Peter Weiß war bis zu seiner Emeritierung 2008 Professor für Alte Geschichte an der Universität Kiel. Nach einem Studium der Fächer Geschichte, Klassische Philologie und Archäologie an den Universitäten München und Würzburg promovierte er 1975 über den spätantiken römischen Kaiserhof. Seine im griechischen Bereich angesiedelte Habilitation beschäftigte sich mit epigraphischen Zeugnissen des südlichen Kleinasiens. Die Forschungsschwerpunkte von Weiß liegen im römischen Prinzipat und der frühen Spätantike.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Mit seinem vielbeachteten Aufsatz ‚Die Vision Constantins‘ entfachte Weiß die Debatte um die Vision Konstantins neu. Diese Vision bezeichnet ein in den antiken Quellen unterschiedlich geschildertes transzendentes Offenbarungserlebnis des Herrschers, mit der Unterstützung des Christengottes die Schlacht an der milvischen Brücke im Jahre 312 n. Chr. gegen seinen Widersacher Maxentius gewinnen zu können, was sich dann auch bewahrheitete. Die Quellen sind allerdings so heterogen und vieldeutig in ihren Aussagen, dass ihnen verschiedene Interpretationen von Konstantins Vision abgerungen werden können.

Die Debatte um die Vision Konstantins ist deshalb von großer Bedeutsamkeit, da sie in der Regel als das zentrale Element der ‚konstantinischen Wende‘ gesehen wird, die den gesamten Lauf der Spätantike veränderte: Konstantin privilegierte nun nach 312 n. Chr. das Christentum gegenüber den anderen antiken Religionen, was die Christenverfolgungen endgültig beendete und zu einer schnellen Ausbreitung des Christentums im Römischen Reich führte. Wie Weiß betont, konzentriert sich der große Forschungsdiskurs um die Vision Konstantins weniger auf die Tatsache, dass die konstantinische Wende als Umschlagpunkt in der spätantiken Religionsgeschichte gesehen wird, sondern die Diskussion kreist vielmehr um die Motive des Kaisers, die ihn zur Förderung und Begünstigung des Christentums ab 312 bewogen (Textseite 144). Hier ordnet sich schließlich Weiß ein, der unter anderem die Frage aufwirft, was Konstantin nach seiner Vision denn nun tatsächlich bewogen habe zu behaupten, „er habe seine Erfolge dem Walten einer höchsten, mit dem Christengott gleichgesetzten Gottheit zu verdanken“ (Textseite 144).

Die Antwort von Weiß, die er seinem Artikel vorwegnimmt, ist überraschend und von Vornherein durch eine außergewöhnliche Herangehensweise geprägt: Konstantin habe vor der Schlacht an der milvischen Brücke einen Halo gesehen, also eine selten stattfindende Lichterscheinung um die Sonne herum (Textseite 146). Diese habe jener als Vision gedeutet, als deren Urheber er letzten Endes den Christengott identifiziert habe.

Weiß versucht diese These nun in seinen Betrachtungen zu stützen. Dafür deutet er zunächst die drei literarischen antiken Quellen aus, die von der Vision berichten. In der Darstellung des Lactanz ist für ihn besonders die Formulierung caeleste signum dei (Zeichen Gottes am Himmel) von Bedeutung, die er ausdrücklich nicht in metaphorischem Sinn, also ein Zeichen, das durch den Himmel gegeben werde, interpretiert (Textseite 155). Vielmehr handele es sich um eine „Himmelserscheinung“ (ebd.), die eben der Halo gewesen sei. Diese Beobachtung wiederhole sich im Bericht des Eusebios. Hier sei die Formulierung von Bedeutung, der Kaiser habe „‘mit eigenen Augen oben am Himmel über der Sonne das Siegeszeichen des Kreuzes, aus Licht gebildet, und dabei die Worte gesehen: Durch dieses siege!‘“ (Textseite 155). Das Lichtkreuz, das hier explizit die Wahrnehmung des Kaisers beschreibe, ähnele stark Halo-Abbildungen (als Abbildungen wiedergegeben auf Abb. 1,1 und 1,2), und die zwei Lichtkränze, die sich bei dieser Erscheinung um die Sonne befunden hätten, habe Konstantin als die in antiker Motivik so häufig auftauchenden Siegeskränze interpretiert (Textseite 156). Der letzte Bericht, der anonyme Panegyricus, bestätige diese Ergebnisse implizit, da dem dort geschilderten Tempelbesuch die visio Konstantins in der Erzählzeit voranginge (Textseite 158). Diese Übereinstimmungen bewegen Weiß zu der Folgerung, dass Konstantin im Frühjahr 310 n. Chr. tatsächlich einen Halo sah, der überdies das komplexe Aussehen eines doppelten Ringhalos mit Nebensonnen und möglicherweise einem Lichtkreuz besaß (Textseite 160).

Diese Beobachtungen sind von großer Bedeutung, da sie laut Weiß einige Folgen für das religionspolitische Handeln des Kaisers nach sich ziehen, von denen hier abschließend einige skizziert werden sollen. Die zunächst naheliegende Schlussfolgerung ist, dass die Vision nicht als fiktionales Element der Quellen zu verstehen ist, sondern tatsächlich in der Realität des Kaisers im Jahr 310 stattfand (Textseite 161). Der Kaiser müsse durch dieses Erlebnis den militärstrategisch riskanten Zug nach Italien und zur milvischen Brücke erst gewagt haben, da er durch den Halo, die als Siegeskränze interpretierten Lichtkränze und das Lichtkreuz auf die Unterstützung des Christengottes hoffte und durch den Halo an Siegesgewissheit gewann (Textseiten 163-164). Bezieht man die Tatsache ein, dass Konstantin ohnehin Anhänger des Sol Invictus-Kultes war, der einen antiken Sonnengott in enger Verbindung zum römischen Kaiserhaus verehrte, so habe Konstantin Sol Invictus und Christengott durch die Erfahrung des Haloeffekts, also durch „das siegbringende Kreuz des Heilsbringers am Himmel“ (Textseite 165), ineins gesetzt. Daher kam es schließlich zu der Entscheidung Konstantins, das Christentum als antike Religion zu privilegieren, womit er in letzter Konsequenz das religiöse Antlitz Europas bis heute prägte.

 

 

Schwarte, K.-H., Diokletians Christengesetze […]

K.H. Schwarte, Diokletians Christengesetz, in: R.Günther, S. Rebenich (Hrsg.), E fontibus haurire, Paderborn: Schöningh 1994, 203-240.

 
Leitfragen

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Autor_in: Josephine Lesniak
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1) Schwarte erläutert mehrere Quellen zu Fragen nach Anzahl, Umfang, Inhalt und Intention der Bestimmungen gegen Christen unter Diokletian. Nennen Sie die drei Quellen, die dafür maßgeblich in der Forschung herangezogen werden. Nennen Sie außerdem deren Autor sowie die Datierung.

2) Schwarte diskutiert detailliert die Berichte von zwei Autoren (Textseiten 206-215 und 215-221). Erläutern Sie jeweils die äußeren Umstände der Texte. Wer waren die Autoren, was haben Sie beschrieben und aus welcher Motivation haben sie die Texte möglicherweise verfasst?

3) Was unterscheidet die beiden Autoren voneinander und welche Auswirkungen könnten diese Unterschiede auf die Darstellung der Ereignisse in den Quellen haben?

4) Schwarte beschreibt auf den Textseiten 222-229 die Verfolgungsmaßnahmen. Fassen Sie die Maßnahmen zusammen und beschreiben Sie die Auswirkungen der Maßnahmen für die Betroffenen.

5) Schwarte erläutert in Ansätzen den konkreten Ablauf der Verfolgung unter Diokletian. Beschreiben Sie das Zusammenspiel von öffentlich-staatlicher und privater Verfolgung. Von welcher Seite war die Verfolgung Ihrer Meinung nach effektiver? Begründen Sie Ihre Entscheidung.

Kommentar

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in: Josephine Lesniak
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Forschungstradition des Autors

Prof. em. Dr. Karl-Heinz Schwarte (* 1934; † 2008) lehrte Alte Geschichte an der Universität zu Köln. Er forschte u.a. zur Geschichte der Punischen Kriege und zur Römischen Kaiserzeit. Sein Schwerpunkt war vor allem die antike Rechtsgeschichte. Schwarte revolutionierte mit dem vorliegenden Aufsatz die gängige Forschung zur Christenverfolgung. Er stellte eine seit Jahrzehnten gängige Textinterpretation in Frage. Seine Arbeit ist noch immer Forschungskonsens.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Schwarte interpretiert in seinem Aufsatz die drei in der Forschung grundsätzlich verwendeten Quellen, welche Auskunft über die Christenverfolgung Anfang des 4. Jhs. n. Chr. geben. Um seiner Argumentation besser folgen zu können, sei auf die zwei Quellen von Eusebius verwiesen. Die Lektüre der beiden Quellen sowie die Lektüre der dazu gehörigen Quelleninterpretationen erleichtert das Textverständnis.

Schwarte stellt in seinem Aufsatz eine rechtshistorische Frage, die in der Forschung bereits als beantwortet galt. Er fragt nach dem Umfang der Christenverfolgung per Gesetz bzw. per Edikt durch Diokletian. Wie viele Edikte, das heißt Erlasse mit Gesetzeskraft durch den Kaiser, gab es tatsächlich (Textseite 204)? Schwarte plädiert dafür, dass es nur ein einziges Edikt gab, welches unterschiedliche Lebensbereiche der Christen stark beschränkte und letztlich ein Todesurteil darstellen konnte (Textseiten 229 und 232). Aus dieser eher rechtstheoretischen Frage leitet Schwarte weitreichende Überlegungen zur Intention der Christenverfolgung ab. Schwarte postuliert, dass das Christengesetz eine gezielte politische Maßnahme war, welche der Untermauerung der ritualisierten Herrscherehrungen diente. Diese Ehrungen waren direkt mit dem höchsten Gott Jupiter und dem Halbgott Herkules verbunden. Gläubige Christen waren im Sinne Diokletians nicht staats- und kaisertreu, wenn Sie sich den staatskultischen Handlungen verweigerten. Sie stellten eine Gefahr für die Herrschaftslegitimation des Kaisers dar (Textseiten 233-240).

Diese Argumentation von Schwarte beruht auf einer Neuinterpretation des uns erhaltenen Berichts durch Laktanz, der, so Schwarte, in der Forschung nicht ausreichend berücksichtigt worden war (Textseite 206). Die ausführliche Textinterpretation lässt sich auf zwei Kernargumente beschränken. Neben der Frage der Chronologie, die Schwarte zugunsten von Laktanz entscheidet, eruiert er die Frage, ob der Text selbst für eine Welle von Edikten spricht oder für ein einziges Edikt. Schwarte kommt zu dem Schluss, dass es ein einziges Edikt von Diokletian gegeben hat (Textseiten 208-215). Aber erst im Vergleich mit der Darstellung bei Euseb wird diese These unterstützt. Schwarte untersucht die Verfolgungen inhaltlich und stellt logische Fehler seitens des Autors fest.
Er weist darauf hin, dass Euseb von weiteren Edikten für seine eigene Geschichte der verfolgten Christen berichtet, obwohl diese Folge-Edikte im ersten Edikt bereits inhaltlich enthalten seien (Textseiten 215-221).

Im zweiten Teil des Textes beleuchtet Schwarte die Maßnahmen inhaltlich. Eine Maßnahme gegen Christen, d.h. ein Teil des Edikts, beschränkte Christen in ihrem Klagerecht vor römischen Gerichten. Das Edikt schloss Klagen wegen iniuria, einer rechtswidrigen Tat wie Körperverletzung, Sachbeschädigung sowie Rufschädigung, und adulterium, Ehebruch, aus (Textseiten 206, 226-229).
Beide Klagen mussten wie nahezu alle Klagen vom Opfer selbst oder der Familie des Opfers angestrengt werden. Eine strafrechtliche Verfolgung von staatlicher Seite gab es grundsätzlich nicht, auch nicht bei Mord. Folglich war es Christen, Männern und Frauen, nicht mehr gestattet, wegen einer Körperverletzung auf eine Bußzahlung oder eine Körperstrafe zu klagen. Diejenigen, die das Opfer folglich zwangsweise durchsetzten, blieben, egal mit welchen Mitteln Sie andere dazu zwangen, straffrei.

Ebenso verhält es sich mit Klagen wegen Ehebruchs. Nach der Scheidung konnte der Betrogene Ehemann auf eine Bußzahlung gegen die Ehefrau und den Ehebrecher klagen. Der Frau stand dieses Recht nicht zu. Diese Möglichkeit der Klage wegen Ehebruchs war Christen verwehrt, wenn sie sich weigerten, das von Diokletian vor dem Prozess geforderte Opfer zu vollziehen. Dem Ehemann drohten folglich auch starke finanzielle Einbußen, wenn er weiterhin Christ bleiben wollte.

Text zum downloaden

 

Sehen Sie zu diesem Beitrag auch die Quellen zur Christenverfolgung I und Christenverfolgung II.

Riess, W., Apuleius und die Räuber […]

Riess, W., Apuleius und die Räuber: ein Beitrag zur historischen Kriminalitätsforschung, Stuttgart 2001, 45-94.

 

Leitfragen

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1) Rieß legt im Kapitel dieses Auszuges das Sozialprofil derjenigen Gruppe dar, die er als die antiken Räuber (latrones) bezeichnet. Hierfür nimmt der Autor insbesondere zwei soziologische Theorien zu Hilfe, die Anomietheorie (Textseiten 46-47) und die Theorie des ‚labeling approach‘ (Textseiten 48-49). Beschreiben Sie diese beiden Theorien in eigenen Worten in jeweils höchstens drei Sätzen.

2) Auf den Folgeseiten benennt Rieß auf der Grundlage des ‚labeling approach‘ verschiedene Gruppen der als Räuber Etikettierten (Textseiten 52-62). Erklären Sie, was man unter den Gruppen der Boukoloi (Textseiten 55-58) und Hirten (Textseiten 58-62) versteht und wie sie in den Augen der Römer als Räuber bezeichnet werden konnten.

3) Schließlich gibt es laut Rieß auch Räuber aus Anomiegründen, die also aus Verzweiflung Eigentumsdelikte begingen. Der Verfasser zählt als sozialgeschichtliche Gründe hierfür Armut (Textseiten 63-64), Verschuldung (Textseiten 64-67), Hunger (Textseiten 67-72), sowie die Gruppen der Deserteure (Textseiten 72-76) und der Gladiatoren (Textseite 76) auf. Wählen Sie zwei dieser Felder aus und legen Sie dar, inwiefern sie das Räuberwesen hervorriefen.

4) Erläutern Sie, wie sich die sesshaften Randgruppen (Textseiten 83-85) von den mobilen Randgruppen (Textseiten 85-88) unterschieden.

5) Am Ende dieses Auszugs postuliert Rieß zwei Großgruppen von latrones (Textseiten 89-91). Skizzieren Sie in jeweils höchstens drei Sätzen diese Gruppen.

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Forschungstradition des Autors

Prof. Dr. Werner Rieß ist seit 2011 Professor für Alte Geschichte an der Universität Hamburg. Nach seiner Promotion in Heidelberg lehrte und forschte er von 2004 bis 2011 am Department of Classics an der University of North Carolina at Chapel Hill (USA). Rieß‘ Schwerpunkte liegen vor allem im Bereich der römischen Sozialgeschichte, v.a. der Randgruppen- und Außenseiterforschung, mit der er sich in diesem Auszug aus seiner veröffentlichten Dissertationsschrift auseinandersetzt, und in der Erforschung Athens im vierten Jahrhundert v. Chr. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt in der Gewaltforschung, die Rieß sowohl für die Antike als auch epochenübergreifend betreibt.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Mit seiner veröffentlichten Dissertationsschrift schließt Werner Rieß eine Lücke in der Alten Geschichte: Die umfassende Erforschung der antiken Räuber (latrones) innerhalb der historischen Randgruppen- und Außenseiterforschung wurde lange für unmöglich gehalten, da die antiken Quellen meistens von Eliten, zum Beispiel Senatoren, verfasst wurden und die Sichtweise der am Rande der Gesellschaft Stehenden selten abbilden. Rieß gelingt es nun, mithilfe soziologischer Theorien, eines Kulturvergleichs mit der Epoche der Frühen Neuzeit und des Einbezuges der Metamorphosen, eines Romans des lateinischen Schriftstellers Apuleius, ein umfassendes Bild der antiken Räuber zu zeichnen. Sein Buch ist in vier Großkapitel geteilt; der hier wiedergegebene Abschnitt ist der Beginn des zweiten Kapitels (II.1), das das Sozialprofil der Räuber darlegt.

Zentral für das Vorgehen des Autors ist dabei der Rückgriff auf die soziologischen Theorien der Anomietheorie und des ‚labeling approach‘, die sich im späteren Verlauf des Kapitels in ihrer Aussagekraft für das Bild der antiken Räuber gegenseitig ergänzen (vgl. bes. die Textseiten 89-91). Die Anomietheorie frage nach den „Ursachen des abweichenden Verhaltens“ (Textseite 46) und werde durch den amerikanischen Soziologen Merton in eine kulturelle Struktur, die die kulturell bestimmten Ziele einer Gesellschaft beschreibt, und eine soziale Struktur, die die Zugangschancen sozialer Gruppen zu diesen Zielen bedeutet, gegliedert (vgl. ebd.). Dahingegen thematisiere die Theorie des ‚labeling approach‘ die ‚Etikettierung‘ sozialer Gruppen, die von den Machthabenden einer Gesellschaft aufgrund existierender Normvorstellungen vollzogen wird (vgl. Textseiten 48-49). Einige Gruppen bekämen so durch die Deutungshoheit der römischen Reichsaristokratie von Vornherein das Prädikat ‚Räuber‘ verliehen und seien damit gewissermaßen a priori stigmatisiert.

Das Verständnis dieser Theorien ist für diesen Textausschnitt von großer Bedeutung, da Rieß auf dieser Grundlage den Weg von Randgruppen in die Kriminalität wechselseitig darstellen kann. Zieht man die Theorie des ‚labeling approach‘ heran, so seien nicht nur als mögliche „Sonderfälle“ (Textseite 58) erscheinende Gruppen der Isaurier, Dardaner, Juden und Boukoloi als Räuber ‚gelabelt‘, sondern auch Hirten im Allgemeinen, denen oft Viehdiebstähle zur Last gelegt wurden (Textseite 58): Rieß zeigt, dass in den Augen der römischen Machthaber das Umherziehen der Hirten, also das Abweichen von der römischen Norm der Sesshaftigkeit, bereits verdächtig war und ein Vorwurf des Räuberwesens dadurch bereits hinreichend erschien.

Berücksichtigt man daneben die Anomietheorie, so führt Rieß dem Leser vor Augen, dass gerade Bevölkerungsgruppen aus der Unterschicht nahezu in die Kriminalität getrieben wurden: Betrachte man die ausgeprägte Armut (Textseiten 63-64) in diesem Teil der römischen Bevölkerung (oftmals hätten sich große Teile der Bevölkerung lediglich ein Kleidungsstück pro Jahr leisten können), seien die Gründe eines sozialen Abstiegs etwa aufgrund von Arbeitsunfähigkeit oder Arbeitslosigkeit leicht nachvollziehbar. Von hier sei es mit Blick auf ähnliche Verhältnisse in der Frühen Neuzeit vermutlich nur ein verhältnismäßig kleiner Schritt in die Kriminalität gewesen (Textseiten 71-72). Abweichendes Verhalten, also in diesem Kontext das Begehen von Eigentumsdelikten, ist nach Rieß vor dem Hintergrund der Anomietheorie also als die fehlende Zugangschance römischer Unterschichten am aristokratischen Konsens römischer Werte (Reichtum, eine große Klientel) zu erklären.

Die Differenzierung in die als Räuber ‚Gelabelten‘ und die aus Anomiegründen Kriminellen sowie seine Unterscheidung von sesshaften und mobilen Randgruppen (Textseiten 83-88) führt Rieß schließlich zu zwei Typen von Großgruppen, die er als römische ‚Räuber‘ postuliert (Textseiten 89-91).