05 – Die Gesellschaft in der Spätantike

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
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Autor_in:
Werner Rieß
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Römische Geschichte III: Die Spätantike

05 – Die Gesellschaft der Spätantike

Im Vergleich zur kaiserzeitlichen Gesellschaft ist die Gesellschaft der Spätantike ausdifferenzierter. Nach wie vor gibt es Sklaven und Bauern, aber schon im Bereich der städtischen Eliten und vor allem innerhalb der Oberschichten kam es zu zahlreichen Rangabstufungen. Am unteren Ende der Gesellschaft bildeten die Kolonen, Bauern, die schollengebunden waren, eine wichtige Schicht, aber im Endeffekt misslang dem spätantiken Staat die Berufsbindung gründlich; es entwickelte sich kein Kastensystem, im Gegenteil, die soziale Mobilität war höher als je zuvor in der Antike. Es gab viele vertikale Gruppen, die zum Teil unverbunden nebeneinander standen: Nach wie vor hatten reiche Senatoren eine große Klientel. Aber auch die Germanenkönige bzw. die Heermeister bauten sich große Hausmachten auf. Heilige scharten Gemeinden um sich. Der Hof mit seinen hunderten Bediensteten und kaiserlichen Sklaven im ganzen Reich bildete ein eigenes System.
Grundsätzlich unterscheiden die Rechtsquellen zwischen honestiores und humiliores. Zu den honestiores, vielleicht übersetzbar als die Ehrbaren, diejenigen, denen mehr Ehre zukommt, zählten die städtischen Oberschichten sowie der Reichsadel, aber auch Priester, Amtsträger, Soldaten, Ärzte, Professoren und Architekten. Sie genossen steuerliche Privilegien, wurden aber bei Geldstrafen auch höher veranlagt. Am bedeutendsten erscheint jedoch, dass sie von Folter und Todesstrafe ausgenommen waren und keine niederen Dienste, also munera sordida, verrichten mussten. Der Rest der Bevölkerung gehörte den humiliores an, die eben gefoltert und hingerichtet werden konnten. Da es seit der Constitutio Antoniniana 212 n. Chr. keinen Unterschied mehr zwischen römischen Bürgern und Nichtbürgern gab (alle Bewohner des Reiches waren zu römischen Bürgern geworden), gehörten nun also auch die meisten Bewohner des Reiches zu den humiliores.
Kommen wir zunächst zu den Senatoren: Sie verschwägerten sich kaum mit den militärischen Familien, da diese ja germanisch waren, sondern blieben als Angehörige eines exklusiven Kreises lieber unter sich. Da Gallienus sie vom Militärdienst ausgeschlossen hatte, was einen Aufstieg des Ritterstands bedingte, mussten sie sich ganz auf den zivilen Bereich konzentrieren. Mit der Verlagerung der Hauptstadt unter Diocletian zunächst nach Nikomedien, dann unter Constantin nach Konstantinopel, büßten die Senatoren deutlich an Prestige ein, zumal Constantin in Konstantinopel einen zweiten Senat aufbaute! Das Verhältnis zwischen Senatoren und Kaisern schwankte und war sehr von den Kaiserpersönlichkeiten abhängig. Die meisten Stadtpräfekten Roms waren Senatoren und bis weit ins 4. Jh. hinein Heiden.
Der Besuch des Senats, der etwa fünfundzwanzig Mal im Jahr tagte, wurde im Laufe der Zeit immer schlechter. Am Ende war er nur noch eine Art kultureller Club von gebildeten, konservativen alten Männern, den niemand mehr brauchte und der jede politische Bedeutung eingebüßt hatte. Irgendwann schlief der Senatsbesuch einfach ein, es ging niemand mehr hin. Erst Gregor der Große merkte dann, dass der Senat fehlte! Die Ämter, welche die Senatoren noch zu bekleiden hatten, waren bedeutungslos, aber verknüpft mit der Pflicht, prächtige Spiele zu veranstalten. Im rudimentären cursus honorum, der noch übrig war, bekamen die Senatoren nach Bekleidung der ersten Ämter eine der Statthalterschaften in Italien, anschließend das Prokonsulat von Asia, Africa oder Achaia. Höhepunkt der Karriere war die schon erwähnte Stadtpräfektur.
Ab Valentinian gab es durch eine Abstufung von Ehrentiteln eine Rangfolge unter den Senatoren. Im Prinzipat waren Senatoren viri clarissimi. Die meisten Provinzstatthalter hießen jetzt so. Niedere Hofbeamte, vicarii, comites rei militaris und duces sowie Senatoren nach einer prokonsularischen Statthalterschaft hießen nun viri spectabiles. Reichs- und Stadtpräfekten, Heermeister und Hofminister waren viri illustres. In der Spätantike ist die Tendenz zu einer Titelinflation erkennbar, ab 450 waren alle Senatsmitglieder illustrissimi! Das Adjektiv nobilissimus war für das Kaiserhaus reserviert. Es gab auch noch das ordentliche Konsulat, immer noch das höchste Amt, das der Kaiser selbst bekleidete; gleichzeitig war es auch die höchste Würde, die er verleihen konnte.
Constantin hat den Patriziat ins Leben gerufen, der besonderen Männern aufgrund ihrer Leistungen verliehen wurden. Patricius wurde ab Flavius Constantius der Titel des ersten Heermeisters im Westen, also des Reichsfeldherrn.
Vergehen von Senatoren werden vor Standesgerichten verhandelt, sie waren als honestiores, wie gesagt, von Folter und Hinrichtungen ausgenommen. Sie bleiben auch von Einquartierungen verschont und unterstehen keiner städtischen Verwaltung. Nach wie vor waren die Senatoren die größten Grundbesitzer des Reiches. Da Verkehrswege nun öfter unterbrochen sind, kommt es zu regionalen Besitzkonzentrationen und der Ausbildung einer Hausmacht in einem Gebiet, in dem senatorische Familien über Jahrzehnte präsent und angesehen sind. Nach wie vor verfügen sie auch über eine gewaltige Klientel. Als sich die politischen Strukturen des Imperiums auflösten, waren sie immer noch die Bildungsträger, die nun als Geistliche, oft als Bischöfe, die sich weiter um die Belange vor Ort kümmerten, antike Bildungsinhalte an das Mittelalter vermittelten. Symmachus sammelte geradezu einen Kreis von gelehrten Gleichgesinnten um sich, man spricht vom Symmachus-Kreis. Er kämpfte 384 um die Wiederaufstellung der Victoria-Statue in der Curie, verlor aber gegen den streitbaren Bischof von Mailand, Ambrosius. Im Laufe dieses Streites verfasste er eine sehr lesenswerte Rede, die sogenannte Dritte Relatio, die eines der letzten großen Zeugnisse des Heidentums darstellt und ein Plädoyer für Toleranz abgibt. Symmachus und sein Kreis sammelten lateinische Klassiker und gaben sie heraus. Allmählich wurden die Rollen in Buchform umgeschrieben, also in Codices, womit sie die Zeiten überdauerten. Und es waren Senatoren, welche die Aufträge hierfür erteilten.
Im Westen des Reiches stand der alte Senatsadel für die Romanitas. Bedeutende Gestalten sind, auch aufgrund der Literatur, die sie hinterließen, Ausonius, der sich mit seinem Gedicht auf die Mosel, Mosella, verewigt hat, dann die Lyriker Rutilius Namatianus, Sidonius Apollinaris, Venantius Fortunatus und schließlich Gregor von Tours, der im Frankenreich seine berühmte Geschichte der Franken schrieb. Während der Senat in Byzanz weiterexistierte, endete seine Existenz im Westen im sechsten Jahrhundert. Aus dem Jahr 533 stammen die letzten Senatsbeschlüsse, 579 ersuchen römische Senatoren mit einer Gesandtschaft um Hilfe in Byzanz wegen des Langobardeneinfalls. Formell wurde der Senat nie abgeschafft, Gregor der Große stellte 593 lapidar fest, senatus deest, es fehlt der Senat; irgendwann also zwischen 579 und 593 hat er aufgehört zu tagen. Die Curie wurde in eine Kirche umgewandelt.

Neben den Senatoren besaßen die Kaiser, die Kirche und die städtischen Eliten, die Mitglieder des Stadtrates waren, die sogenannten Curialen, die meisten Ländereien. Auf diese Curialenschicht und ihre Probleme werden wir nun etwas näher eingehen. Den Curialen kam bei der Steuereintreibung eine bedeutende Rolle zu, denn sie hafteten für den abzuliefernden Betrag. Dadurch, dass viele Steuervergünstigungen genossen, wie etwa Veteranen, Höflinge und v.a. Geistliche, mussten die steigenden Lasten von immer weniger Steuerzahlern geschultert werden. Das Resultat war, dass immer weniger in der Curie dienen wollten. Was einst eine Würde war, dem Dekurionenstand anzugehören, wurde nun zur Belastung, der man entfliehen wollte, zum einen nach oben, indem man selbst in die Schicht der Privilegierten aufrücken wollte, zum anderen nach unten, indem man Kolone wurde oder sich in einer Zunft anschloss. Sehr beliebt war auch der Gang ins Kloster bzw. der Wunsch, Geistlicher zu werden. Die Kaiser versuchten, diese Flucht aus dem Curialenstand zu stoppen, aber alle Maßnahmen, wie die Erblichkeit des Standes, waren vergeblich. Während also die Kirche an Bedeutung gewann, ging die Zahl der Curialen immer weiter zurück. Die städtische Infrastruktur war aber mit den schrumpfenden städtischen Eliten nicht mehr aufrecht zu erhalten, Gebäude und Wasserleitungen verfielen, somit konnten auch irgendwann die Thermen nicht mehr betrieben werden, Tempel wurden nicht mehr restauriert. Die Bischöfe wuchsen in die Rolle von Nothelfern hinein, ganz deutlich kündigen sich hier mittelalterliche Strukturen an. Doch waren dies langsame Prozesse.
Im 4. Jh. blühte das Städtewesen noch. Sie waren in Rang und Ansehen deutlich voneinander unterschieden, während der alte Unterschied zwischen colonia und municpium obsolet geworden war. Gleich nach Rom und Konstantinopel rangierten die Kaiserresidenzen Trier, Paris, Mailand, Aquileia, Ravenna, Serdica, Sirmium, Thessalonike, Nikomedia, Nicaea und Antiochia. Danach kamen die Provinzhauptstädte (Metropolen). Wir gehen heute von einer Gesamtzahl von ca. 5600 Städten in der Spätantike aus. Größte Städte nach Rom und Konstantinopel sind Alexandria mit 250.000, Antiochia mit 200.000 und Lugdunum mit 50.000 Einwohnern.
In den Städten wohnten auch die Senatoren, ihre Landvillen hatten sie außerhalb. Die Angehörigen des Reichsadels hießen honorati. Darunter rangierte der Ratsherrenstand, die Curialen, dann kamen die Händler und Handwerker, die in Zünften organisiert waren. Ganz unten rangierten die Besitzlosen, die sogenannte plebs urbana und die Sklaven. Die Eliten veränderten im Laufe der Zeit auch ihre Selbstdarstellung. Während im Prinzipat die epigraphische Kultur noch sehr wichtig war (Inschriften hielten die Ämter und Würden der Geehrten fest), stifteten die Reichen nun statt Bäder und Bibliotheken Kirchen und statteten sie mit reichen Mosaiken christlicher Motivik aus. Die Bereitschaft zu stiften nahm also im 4. Jh. nicht unbedingt ab, sie verlagerte sich nur in andere Foren der Selbstrepräsentation.
Auf anderen Ebenen gibt es durchaus Veränderungen:
Das Theaterwesen und v.a. die Gladiatur verlieren aufgrund des Christentums an Bedeutung. Aber obwohl Anastasius 498/99 venationes verbot, wurden Tierhetzen bis ins 6. Jh. hinein abgehalten. Noch unter Theoderich, also in ostgotischer Zeit, sind Ehrensitze für Senatoren im Colosseum nachgewiesen.
Während im Prinzipat die Selbstverwaltung der Städte ein grundlegendes Prinzip war (das Reich hatte gar nicht die Mittel, die Städte von der Zentrale aus zu verwalten), wurde die kommunale Selbstverwaltung ab Trajan immer mehr eingeschränkt, weil man eben auch sah, dass die Städte ihre Freiheiten oft auch missbrauchten. Schon Trajan hatte Finanzkommissare (logistai) in einzelne Städte gesandt, die das Finanzgebaren der Städte überprüfen sollten. Plinius den Jüngeren hat er als Sonderbeauftragten in die Provinz Bithynien und Pontos geschickt, um das Verschuldungsproblem dort in den Griff zu bekommen. In der Spätantike hatten die Städte nur noch eine niedere Gerichtsbarkeit.
Ab Constantin haben alle Städte einen curator, der, über den duoviri stehend, die Finanzen im Auge behält.
Interessant ist auch das Amt des defensor civitatis/plebis/gentis und seine Entwicklung. Ursprünglich ein Richter, sollte er die einfachen Stadtbewohner vor den Curialen schützen. Als die Curie 387 das Vorschlagsrecht erhält, geht diese Schutzfunktion vor der Curie natürlich verloren. Schließlich hat er sogar die Aufgabe, die Curialen vor den Magistraten zu schützen. Im 5. Jh. wird der defensor schließlich vom Bischof und Klerus, von den honorati, Grundbesitzern und Curialen, vorgeschlagen, also von der ganzen kommunalen Oberschicht, womit die ursprüngliche Schutzfunktion für den kleinen Mann endgültig obsolet war.
Allmählich änderten sich auch die Lage und Topgraphie der Städte. In der hohen Kaiserzeit waren die Städte unbefestigt, da im Innern des Reiches Frieden herrschte. Viele Städte verlagerten sich auch von Anhöhen in Ebenen hinunter, um sich besser ausbreiten zu können; es gab kein Gefühl der Bedrohung. In der Spätantike werden, bedingt durch ständige Barbareneinfälle insbesondere an den Grenzen, immer mehr Städte befestigt. Berühmt ist die Aurelianische Stadtmauer in Rom, Probus befestigt Athen, Constantin lässt Konstantinopel gleich mit Mauer errichten. Julian und Valentinian errichten große Befestigungsanlagen in Gallien. Gleichzeitig ziehen sich viele Städte wieder auf Anhöhen und Bergrücken zurück. Diese Politik des incastellamento ist heute noch deutlich in Italien zu sehen. Germanen siedelten oft großflächig auf dem Land unter eigenen Anführern. Im letzten Viertel des vierten Jahrhunderts übernehmen die Germanen an der Donau die meisten Städte. Gallien wird jährlich verwüstet, Köln wird mehrfach geplündert, ab 407 war die Rheingrenze offen. Der Wohlstand in den Städten ging drastisch zurück und damit auch die materielle Kultur. Häuser werden nicht mehr renoviert. Thermen können nicht mehr unterhalten werden und werden oft in Kirchen verwandelt, welche die sozialen Zentren der Städte werden. Trampelpfade zu den Kirchen zerschneiden das ehemalige Gitternetz planmäßig angelegter römischer Städte. Stadtvillen werden in kleine Wohnungen unterteilt, Inschriftenblöcke werden für den Bau von Stadtmauern als Spolien wiederverwendet, ganze Circus- und Theateranlagen werden für den Bau von Kirchen und Mauern abgetragen. In Aquileia, einer Residenzstadt, ist vom Circus heute nichts mehr zu sehen. Den Langobarden sagt die antike Mythologie nichts mehr, sie legen Lagerfeuer auf den Mosaikfußböden an. Die Städte werden wesentlich kleiner, ihre Zahl geht zurück.
Auch die Sozialstruktur ändert sich am Ausgang der Spätantike dramatisch. Die Curialenschicht war unter den steigenden Belastungen weitgehend verschwunden. Bischöfe und Geistliche wurden immer reicher und mächtiger, weil sie von Steuern befreit waren, nicht der weltlichen Gerichtsbarkeit unterstanden und immer mehr jurisdiktionelle Rechte bekamen. Als schließlich die römischen Suprastrukturen wegbrachen, waren die Bischöfe die Lokalelite, die vor Ort alles meistern und die drängendsten Probleme pragmatisch lösen musste. Auch die Germanenkönige stützten sich auf diese funktionierenden kirchlichen Strukturen. Der Erfolg der Franken ist wohl auch darauf zurückzuführen, dass sie den administrativen Wert der katholischen Kirchenstruktur verstanden und sich zu Nutze machten. Das Bischofsamt wurde von den Gebildeten bekleidet, sprich von der romanischen, ehemaligen Senatsaristokratie. Gregor von Tours, der berühmte Autor der Frankengeschichte, stammte, wie gesagt, aus dieser Oberschicht. Man kann sich nur schwer vorstellen, wie diese reichen und gebildeten Römer in ihren immer noch relativ gut ausgestatteten Villen mit Bibliothek lebten, während ihre Umwelt sich tiefschneidend veränderte. Sie hatten nach wie vor großen sozialen Einfluss in ihren Gemeinschaften, doch die politischen Geschicke wurden nun von anderen bestimmt.

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