Zanker, P., Augustus […]

Zanker, P., Augustus und die Macht der Bilder, München 52009, 85-106.

 

Leitfragen

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

1) „Das Forum [Romanum, Anm. JS] bekam durch diese von und für Octavian errichteten Denkmäler ein neues Gesicht“ (Textseite 87). Betrachten Sie die Skizze des Forum Romanum auf Textseite 86 und erklären Sie Zankers These im Hinblick auf die verschiedenen baulichen Veränderungen, die von Octavian am Forum vorgenommen wurden (Textseiten 85-87).

2) Nennen Sie die „symbolischen Siegeszeichen“ (Textseite 88) des Augustus und skizzieren Sie deren Rezeption in den anderen Städten des römischen Imperiums (Textseiten 88-90).

3) Stellen Sie Augustus‘ religiöses Bildprogramm nach dem Sieg von Actium dar (Textseiten 90-91) und erklären Sie es mindestens an einem der dargestellten Beispiele Zankers (Textseiten 91-96).

4) Nennen Sie die Ehrenzeichen des Augustus (Textseite 97) und erläutern Sie die Symboliken des Lorbeerkranzes und der corona civica (Textseiten 98-99).

5) Charakterisieren Sie abschließend die Herrschaftsinszenierung des Augustus anhand des clipeus virtutis (bes. die Textseiten 100-101) und des Selbstbildnisses (Textseiten 103-104).

Kommentar

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Forschungstradition des Autors

Prof. Dr. em. Paul Zanker ist Professor für Klassische Archäologie. Neben Professuren in Göttingen (1972-1976) und München (1976-2002) war Zanker in seinem Berufsleben auch Direktor des Archäologischen Instituts in Rom und Direktor des Münchner Museums für Abgüsse Klassischer Bildwerke (1995-2002). Zankers Forschungen zur politischen Symbolik antiker Kunst in der augusteischen Zeit werden in der Alten Geschichte als wegweisend betrachtet, um die Herrschaftsrepräsentation im frühen Prinzipat nachzuvollziehen.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Die Selbstdarstellung und Herrschaftsrepräsentation des Augustus gehört zu den Kernthemen der Alten Geschichte, die auch im Schulunterricht immer wieder behandelt werden. Namhafte Professoren wie Géza Alföldy, Paul Zanker, Matthias Gelzer und Hermann Strasburger widmeten sich in den vergangenen Jahrzehnten der Erforschung der späten Römischen Republik und der frühen Kaiserzeit, die auch Prinzipat genannt wird. Filme, Serien und Computerspiele greifen vielfach auf die Strukturen, Figuren und politischen Konzepte dieser Zeit im ersten Jahrhundert v. Chr. zurück, die aufgrund der guten Quellenlage vielleicht die am besten bekannte Epoche in der Alten Geschichte ist.

Anschaulich lassen sich die Veränderungen von der späten Republik zur frühen Kaiserzeit am politischen Bildprogramm erklären, dem sich P. Zanker in dem vorliegenden Auszug widmet. Zanker setzt dabei nach der Schlacht von Actium (31 v. Chr.) ein, die den Wendepunkt in den blutigen Bürgerkriegen markiert, die die Römische Republik in ihren letzten Jahrzehnten erlebte: Nach dem Sieg des Octavian über seinen Widersacher Antonius war militärische Dominanz und Überlegenheit des Octavian unbestritten. Nun sollte sich zeigen, wie Octavian mit der gewonnenen Macht umgehen sollte.

Zanker beginnt mit der Umgestaltung des Forum Romanum, die „aus dem politischen Zentrum des alten Staates endgültig ein[en] Repräsentationsplatz der Julier“ (Textseite 87) machte. Anhand verschiedener baulicher Maßnahmen lasse sich erkennen, wie Octavian das Forum zur Selbstdarstellung seiner Gens (Geschlecht), der Familie der Julier, gemacht habe: Zunächst habe er den Tempel für den Divus Iulius eingeweiht (Textseite 85), den vergöttlichten Caesar, dessen Großneffe er war und dessen Ermordung im Jahre 44 v. Chr. er gerächt hatte. Der Curia, dem Sitzungssaal des römischen Senats, habe er ebenfalls den Beinamen Iulia gegeben (Textseite 85). Darüber hinaus sei zu beachten, wie die Curia im Inneren ausgestattet worden sei: Octavian habe eine Marmorstatue der Siegesgöttin Victoria aus Tarent aufgestellt, die seine persönliche Siegesgöttin gewesen (Textseite 85) und dazu noch mit erbeuteten Waffen aus dem Kampf mit Antonius ausgestattet worden sei (Textseiten 85-87).

Auf den Folgeseiten fährt der Autor fort: Neben der Curia sei auch der Caesartempel mit dem Beutegut geschmückt worden, dabei habe auch die bauliche Einbindung der bronzenen Schiffsschnäbel (rostra) aus der Seeschlacht Actium eine Rolle gespielt, die den vollständigen Sieg des Octavian über Antonius einmal mehr verdeutlicht habe (Textseiten 86-87). Weitere Ehrungen des Octavian auf dem Forum stellten das bereits 43 v. Chr. errichtete Reitermonument und der Ehrenbogen des Augustus dar (Textseiten 86-87).

Zanker unterlässt es jedoch nicht, die ebenfalls symbolisch zu verstehende Demut des Octavian zu erwähnen, die ebenfalls performativ inszeniert wurde. Nach den Siegesfeiern begann alles mit einem Staatsakt in einer Senatssitzung im Januar 27 v. Chr., in der er alle Macht an den Senat und das Volk zurückgab. In einer direkten Folge sei Octavian vielfach geehrt worden; er habe etwa eine corona civica (einen Kranz aus Eichenlaub) und den berühmten clipeus virtutis (Tugendenschild) erhielten, der die Tugenden des Octavian rühmt (Textseite 97). Insbesondere der Tugendenschild sei von großem Interesse, da mit den vier Tugenden der virtus (Macht), clementia (Milde), iustitia (Gerechtigkeit) und pietas (Frömmigkeit) gleichsam Herrschertugenden geschaffen worden seien, die im Falle der pietas den „wichtigste[n] kulturpolitische[n] Programmpunkt des neuen Herrschers“ (Textseite 101) umschrieben hätten: Octavian, dem schon bald der Ehrentitel Augustus (der Erhabene) verliehen wurde, erließ strenge Moral- und Sittengesetze, was Zanker an dieser Stelle jedoch nicht weiter ausführt.

Die formale Rückgabe der Macht an Senat und Volk darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Augustus jedoch weiterhin ganz konkrete Grundlagen für seine Herrschaft besaß, die in der jahrzehntelangen Erforschung dieser Epoche gleichsam als ein Kaschieren seiner eigentlichen Macht gedeutet wurden: Er besaß die tribunicia potestas, die Amtsgewalt des Tribunen, mithilfe der er ein Veto gegen Senatsbeschlüsse einlegen konnte, ein riesiges Vermögen und die Kontrolle über das Heer.

 

Welwei, K.-W., Die griechische Polis […]

Welwei, K.-W., Die griechische Polis. Verfassung und Gesellschaft in archaischer und klassischer Zeit, Stuttgart: Steiner² 1998, 35-54, 60-72 (Auszüge aus Kapitel II).

 

 

Leitfragen

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

1) Auf den ersten Seiten dieses Auszuges schildert Welwei die unterschiedlichen Faktoren, die zur Polisbildung beitrugen. Geben Sie in eigenen Worten die politische Entwicklung wie die Herausbildung der sozialen Gruppierungen wieder, die in diese Zeit zu situieren sind (Textseiten 35-41).

2) Skizzieren Sie die Grundpfeiler des archaischen Wirtschaftswesens im archaischen Griechenland (Textseiten 41-45). Gehen Sie dabei besonders auf das Agrarwesen ein.

3) Definieren Sie die drei sozialen Gruppierungen der griechischen Archaik, die Welwei benennt (bes. die Textseiten 46-53).

4) In einem weiteren Teil seiner Ausführungen kommt der Autor auf die verschiedenen Institutionen zu sprechen, die sich in der Polis herausbildeten (Textseiten 60-68). Erläutern Sie diese Institutionen und gehen Sie auch auf die Bedeutung des Adelsrats und der Volksversammlung für die Entwicklung der Polis ein (Textseite 68).

5) Betrachten Sie abschließend Welweis Ausführungen zum Recht im archaischen Griechenland: Beschreiben Sie das Gericht bei Homer und die Gesetzeskodifikation Drakons (Textseiten 68-71) und arbeiten Sie die Unterschiede beider Rechtssysteme heraus.

Kommentar

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Forschungstradition des Autors

Prof. Dr. Karl-Wilhelm Welwei (†) war Professor für Alte Geschichte an der Universität Bochum. Nach dem Studium und der Promotion in Köln habilitierte sich Welwei 1970/71 in Bochum, woraufhin er 1972 auf den althistorischen Lehrstuhl in Bochum berufen wurde. Welweis Forschungsschwerpunkte bewegten sich in der Geschichte des antiken Griechenlands, er publizierte vor allem zur archaischen und klassischen Zeit und der Geschichte Spartas.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Mit seinem Beitrag zeichnet Welwei den Prozess der Polisbildung während der griechischen Archaik nach. Für eine grundsätzliche Klärung des Begriffs ‚Polis‘ (Plural: Poleis) muss man verstehen, dass es sich hierbei um die Bezeichnung für griechische Stadtstaaten der Antike handelt, die nach einem sehr ähnlichen Muster im ganzen Mittelmeerraum gegründet wurden. Durch den späteren Asienfeldzug Alexanders des Großen fand die Polis sogar im Vorderen Orient eine weite Verbreitung. An Welweis Beitrag lässt sich vor allem die Vielfalt der Polisformen erkennen, die es in der griechischen Antike gab.

Beachtlich ist dabei, dass sich die Polis stets durch ähnliche Konstituenten auszeichnet, die Welwei in seinem Beitrag nennt: Neben Tempeln (Textseite 36), die den Göttern geweiht seien, unter deren Schutz sich die Polis gestellt habe, sei die Agora (Textseite 37) das Zentrum des öffentlichen Lebens gewesen. Wie Welwei nun herausarbeitet, sei in von Polis zu Polis unterschiedlicher Weise das Königtum von den Adligen beseitigt und eine Adelsherrschaft in den Poleis errichtet worden; ausgenommen natürlich von Sparta, das ein Doppelkönigtum bis in die hellenistische Zeit besessen habe (Textseiten 38-39). So sei es in der Frühphase der Polisbildung zur Herausbildung der sozialen Gruppierungen des Adels, des Demos und der Unfreien gekommen. Der Adel habe Herrschaftsbefugnisse inngehabt und ausschließlich die unbezahlten öffentlichen Ämter bekleidet, die den Vorsitz im Adelsrat, die Einberufung der Volksversammlung, den Oberbefehl über das Heer, juristische und sakrale Kompetenzen betroffen hätten (Textseite 39). Dem Demos (Volk), worunter die wehrfähigen freien Polisbürger zu verstehen sind, hätten diese Ämter nicht zugestanden. Trotzdem habe er ein politisches Gewicht gehabt, das sich in der Ilias zeige, wenn der Demos sich etwa gegen Amtsmissbrauch adliger Richter erhoben habe (Textseite 37). Nur selten habe es in der Frühzeit hingegen Volks- und Heeresversammlungen gegeben (ebd.). Die Unfreien, die nicht zum Demos gehörten, seien stets am Rand der Polisgemeinschaft geblieben (Textseite 40).

Nach der Herausbildung dieser sozialen Gruppierungen geht der Autor genauer auf ihr Aussehen ein. Für ein Verständnis der griechischen Geschichte der Antike ist dies von großer Bedeutung, da die Einteilung in diese Gruppierungen bis in die hellenistische Zeit fortwirkte.

Der Adel, der sich im Plural selbst als ‚Aristoi‘ (die Besten) bezeichnete und in Stammbäumen bis auf die Götter zurückführte, sei in Abgrenzung zur älteren Forschung dabei nicht in Geschlechterverbänden organisiert gewesen (Textseite 46). Vielmehr sei die Zugehörigkeit eines Adligen zu einem Oikos (pl. Oikoi) von Bedeutung gewesen, womit der Familienhaushalt eines Adligen beschrieben werde (Textseite 47). Darüber hinaus müsse man das Gefolgschaftswesen als wesentlichen Teil des griechischen Adels beachten: Einzelne Adlige hätten sich Oikosherren angeschlossen und seien vorübergehend seine Gefährten (Hetairoi) geworden, ohne aber ihren Anschluss zum Oikos zu perpetuieren (Textseite 47-48). Die sich so herausbildenden Hetairien, also gewissermaßen verbündete adlige Gruppierungen, seien als Kennzeichen des archaischen Adels ebenso bedeutsam gewesen wie das agonale Prinzip der Adelsmitglieder, im Zuge dessen um die Bekleidung der öffentlichen Ämter gerungen wurde (Textseite 48).

Welwei kommt in diesem Zusammenhang nur sehr kurz auf die Freien zu sprechen (Textseiten 49-51), die im Gegensatz zum römischen Bereich nicht in Abhängigkeitsverhältnisse wie im römischen Klientelwesen eingebunden, sondern durch die Zugehörigkeit zu genossenschaftlichen Vereinigungen (z.B. Phylen) organisiert gewesen seien. Etwas mehr Raum widmet der Autor der Darstellung der Unfreien (Textseiten 51-54). Die Verfügungsgewalt des Oikosherren über seine oftmals als Douloi (Sklaven) bezeichneten Unfreien sei nahezu unbegrenzt gewesen (Textseiten 51-52). Eine Besonderheit der griechischen Unfreien sei die kollektive Unterwerfung ganzer Bevölkerungsteile, die Welwei für verschiedene Poleis beschreibt: In Sparta hätten die hörigen Bevölkerungsteile der Heloten und in Thessalien die der Penesten außerhalb der Rechtsordnung gestanden (Textseiten 52-53), womit Welwei auf die grausame Behandlung hinweist, die insbesondere den Heloten seitens der Spartiaten zuteil wurde. Die entscheidende Trennlinie in der gesellschaftlichen Pyramide der Archaik sei so nicht zwischen Adel und Freien, sondern zwischen Freien und Unfreien verlaufen (Textseite 52).

Weiß, P., Die Vision Constantins […]

Literatur: Weiß, P., Die Vision Constantins, in: J. Bleicken (Hg.), Colloquium aus Anlass des 80. Geburtstages von Alfred Heuss, Kallmünz: Verlag Michael Lassleben 1993, 143-169.

 

Leitfragen

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

1) Auf den ersten Seiten seines Artikels führt Weiß in die Thematik und Quellenlage ein. Fassen Sie in eigenen Worten die drei antiken Quellen, die von Konstantins Vision berichten, zusammen (Textseite 145) und stellen Sie die Ausgangsthese von Weiß dar (Textseiten 146-147).

2) Erklären Sie, wie Weiß aus den drei antiken Quellen schließen kann, dass Konstantin einen Halo am Himmel sah (Textseiten 155-159). Beziehen Sie dabei den Wortlaut der Quellen ein.

3) Geben Sie in eigenen Worten bündig wieder, was der gemeinsame Nenner der drei Quellen ist, den Weiß definiert (Textseite 160).

4) Weiß ist der Überzeugung, auf der Grundlage seiner Quelleninterpretation Schlussfolgerungen für den religiösen Glauben Konstantins ziehen zu können. Erläutern Sie auf der Grundlage von Weiß‘ Quelleninterpretation diese Schlussfolgerungen (Textseiten 161-163).

5) Erklären Sie anhand der fünf Stichpunkte der Textseiten 164-165, warum Konstantin die Hinwendung zum Christentum vollzog. Gehen Sie dabei besonders auf die Ineinssetzung des Sol Invictus und des Christengottes ein.

Kommentar

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Forschungstradition des Autors

Peter Weiß war bis zu seiner Emeritierung 2008 Professor für Alte Geschichte an der Universität Kiel. Nach einem Studium der Fächer Geschichte, Klassische Philologie und Archäologie an den Universitäten München und Würzburg promovierte er 1975 über den spätantiken römischen Kaiserhof. Seine im griechischen Bereich angesiedelte Habilitation beschäftigte sich mit epigraphischen Zeugnissen des südlichen Kleinasiens. Die Forschungsschwerpunkte von Weiß liegen im römischen Prinzipat und der frühen Spätantike.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Mit seinem vielbeachteten Aufsatz ‚Die Vision Constantins‘ entfachte Weiß die Debatte um die Vision Konstantins neu. Diese Vision bezeichnet ein in den antiken Quellen unterschiedlich geschildertes transzendentes Offenbarungserlebnis des Herrschers, mit der Unterstützung des Christengottes die Schlacht an der milvischen Brücke im Jahre 312 n. Chr. gegen seinen Widersacher Maxentius gewinnen zu können, was sich dann auch bewahrheitete. Die Quellen sind allerdings so heterogen und vieldeutig in ihren Aussagen, dass ihnen verschiedene Interpretationen von Konstantins Vision abgerungen werden können.

Die Debatte um die Vision Konstantins ist deshalb von großer Bedeutsamkeit, da sie in der Regel als das zentrale Element der ‚konstantinischen Wende‘ gesehen wird, die den gesamten Lauf der Spätantike veränderte: Konstantin privilegierte nun nach 312 n. Chr. das Christentum gegenüber den anderen antiken Religionen, was die Christenverfolgungen endgültig beendete und zu einer schnellen Ausbreitung des Christentums im Römischen Reich führte. Wie Weiß betont, konzentriert sich der große Forschungsdiskurs um die Vision Konstantins weniger auf die Tatsache, dass die konstantinische Wende als Umschlagpunkt in der spätantiken Religionsgeschichte gesehen wird, sondern die Diskussion kreist vielmehr um die Motive des Kaisers, die ihn zur Förderung und Begünstigung des Christentums ab 312 bewogen (Textseite 144). Hier ordnet sich schließlich Weiß ein, der unter anderem die Frage aufwirft, was Konstantin nach seiner Vision denn nun tatsächlich bewogen habe zu behaupten, „er habe seine Erfolge dem Walten einer höchsten, mit dem Christengott gleichgesetzten Gottheit zu verdanken“ (Textseite 144).

Die Antwort von Weiß, die er seinem Artikel vorwegnimmt, ist überraschend und von Vornherein durch eine außergewöhnliche Herangehensweise geprägt: Konstantin habe vor der Schlacht an der milvischen Brücke einen Halo gesehen, also eine selten stattfindende Lichterscheinung um die Sonne herum (Textseite 146). Diese habe jener als Vision gedeutet, als deren Urheber er letzten Endes den Christengott identifiziert habe.

Weiß versucht diese These nun in seinen Betrachtungen zu stützen. Dafür deutet er zunächst die drei literarischen antiken Quellen aus, die von der Vision berichten. In der Darstellung des Lactanz ist für ihn besonders die Formulierung caeleste signum dei (Zeichen Gottes am Himmel) von Bedeutung, die er ausdrücklich nicht in metaphorischem Sinn, also ein Zeichen, das durch den Himmel gegeben werde, interpretiert (Textseite 155). Vielmehr handele es sich um eine „Himmelserscheinung“ (ebd.), die eben der Halo gewesen sei. Diese Beobachtung wiederhole sich im Bericht des Eusebios. Hier sei die Formulierung von Bedeutung, der Kaiser habe „‘mit eigenen Augen oben am Himmel über der Sonne das Siegeszeichen des Kreuzes, aus Licht gebildet, und dabei die Worte gesehen: Durch dieses siege!‘“ (Textseite 155). Das Lichtkreuz, das hier explizit die Wahrnehmung des Kaisers beschreibe, ähnele stark Halo-Abbildungen (als Abbildungen wiedergegeben auf Abb. 1,1 und 1,2), und die zwei Lichtkränze, die sich bei dieser Erscheinung um die Sonne befunden hätten, habe Konstantin als die in antiker Motivik so häufig auftauchenden Siegeskränze interpretiert (Textseite 156). Der letzte Bericht, der anonyme Panegyricus, bestätige diese Ergebnisse implizit, da dem dort geschilderten Tempelbesuch die visio Konstantins in der Erzählzeit voranginge (Textseite 158). Diese Übereinstimmungen bewegen Weiß zu der Folgerung, dass Konstantin im Frühjahr 310 n. Chr. tatsächlich einen Halo sah, der überdies das komplexe Aussehen eines doppelten Ringhalos mit Nebensonnen und möglicherweise einem Lichtkreuz besaß (Textseite 160).

Diese Beobachtungen sind von großer Bedeutung, da sie laut Weiß einige Folgen für das religionspolitische Handeln des Kaisers nach sich ziehen, von denen hier abschließend einige skizziert werden sollen. Die zunächst naheliegende Schlussfolgerung ist, dass die Vision nicht als fiktionales Element der Quellen zu verstehen ist, sondern tatsächlich in der Realität des Kaisers im Jahr 310 stattfand (Textseite 161). Der Kaiser müsse durch dieses Erlebnis den militärstrategisch riskanten Zug nach Italien und zur milvischen Brücke erst gewagt haben, da er durch den Halo, die als Siegeskränze interpretierten Lichtkränze und das Lichtkreuz auf die Unterstützung des Christengottes hoffte und durch den Halo an Siegesgewissheit gewann (Textseiten 163-164). Bezieht man die Tatsache ein, dass Konstantin ohnehin Anhänger des Sol Invictus-Kultes war, der einen antiken Sonnengott in enger Verbindung zum römischen Kaiserhaus verehrte, so habe Konstantin Sol Invictus und Christengott durch die Erfahrung des Haloeffekts, also durch „das siegbringende Kreuz des Heilsbringers am Himmel“ (Textseite 165), ineins gesetzt. Daher kam es schließlich zu der Entscheidung Konstantins, das Christentum als antike Religion zu privilegieren, womit er in letzter Konsequenz das religiöse Antlitz Europas bis heute prägte.

 

 

Schwarte, K.-H., Diokletians Christengesetze […]

K.H. Schwarte, Diokletians Christengesetz, in: R.Günther, S. Rebenich (Hrsg.), E fontibus haurire, Paderborn: Schöningh 1994, 203-240.

 

Riess, W., Apuleius und die Räuber […]

Riess, W., Apuleius und die Räuber: ein Beitrag zur historischen Kriminalitätsforschung, Stuttgart 2001, 45-94.

 

Leitfragen

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

1) Rieß legt im Kapitel dieses Auszuges das Sozialprofil derjenigen Gruppe dar, die er als die antiken Räuber (latrones) bezeichnet. Hierfür nimmt der Autor insbesondere zwei soziologische Theorien zu Hilfe, die Anomietheorie (Textseiten 46-47) und die Theorie des ‚labeling approach‘ (Textseiten 48-49). Beschreiben Sie diese beiden Theorien in eigenen Worten in jeweils höchstens drei Sätzen.

2) Auf den Folgeseiten benennt Rieß auf der Grundlage des ‚labeling approach‘ verschiedene Gruppen der als Räuber Etikettierten (Textseiten 52-62). Erklären Sie, was man unter den Gruppen der Boukoloi (Textseiten 55-58) und Hirten (Textseiten 58-62) versteht und wie sie in den Augen der Römer als Räuber bezeichnet werden konnten.

3) Schließlich gibt es laut Rieß auch Räuber aus Anomiegründen, die also aus Verzweiflung Eigentumsdelikte begingen. Der Verfasser zählt als sozialgeschichtliche Gründe hierfür Armut (Textseiten 63-64), Verschuldung (Textseiten 64-67), Hunger (Textseiten 67-72), sowie die Gruppen der Deserteure (Textseiten 72-76) und der Gladiatoren (Textseite 76) auf. Wählen Sie zwei dieser Felder aus und legen Sie dar, inwiefern sie das Räuberwesen hervorriefen.

4) Erläutern Sie, wie sich die sesshaften Randgruppen (Textseiten 83-85) von den mobilen Randgruppen (Textseiten 85-88) unterschieden.

5) Am Ende dieses Auszugs postuliert Rieß zwei Großgruppen von latrones (Textseiten 89-91). Skizzieren Sie in jeweils höchstens drei Sätzen diese Gruppen.

Kommentar

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Forschungstradition des Autors

Prof. Dr. Werner Rieß ist seit 2011 Professor für Alte Geschichte an der Universität Hamburg. Nach seiner Promotion in Heidelberg lehrte und forschte er von 2004 bis 2011 am Department of Classics an der University of North Carolina at Chapel Hill (USA). Rieß‘ Schwerpunkte liegen vor allem im Bereich der römischen Sozialgeschichte, v.a. der Randgruppen- und Außenseiterforschung, mit der er sich in diesem Auszug aus seiner veröffentlichten Dissertationsschrift auseinandersetzt, und in der Erforschung Athens im vierten Jahrhundert v. Chr. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt in der Gewaltforschung, die Rieß sowohl für die Antike als auch epochenübergreifend betreibt.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Mit seiner veröffentlichten Dissertationsschrift schließt Werner Rieß eine Lücke in der Alten Geschichte: Die umfassende Erforschung der antiken Räuber (latrones) innerhalb der historischen Randgruppen- und Außenseiterforschung wurde lange für unmöglich gehalten, da die antiken Quellen meistens von Eliten, zum Beispiel Senatoren, verfasst wurden und die Sichtweise der am Rande der Gesellschaft Stehenden selten abbilden. Rieß gelingt es nun, mithilfe soziologischer Theorien, eines Kulturvergleichs mit der Epoche der Frühen Neuzeit und des Einbezuges der Metamorphosen, eines Romans des lateinischen Schriftstellers Apuleius, ein umfassendes Bild der antiken Räuber zu zeichnen. Sein Buch ist in vier Großkapitel geteilt; der hier wiedergegebene Abschnitt ist der Beginn des zweiten Kapitels (II.1), das das Sozialprofil der Räuber darlegt.

Zentral für das Vorgehen des Autors ist dabei der Rückgriff auf die soziologischen Theorien der Anomietheorie und des ‚labeling approach‘, die sich im späteren Verlauf des Kapitels in ihrer Aussagekraft für das Bild der antiken Räuber gegenseitig ergänzen (vgl. bes. die Textseiten 89-91). Die Anomietheorie frage nach den „Ursachen des abweichenden Verhaltens“ (Textseite 46) und werde durch den amerikanischen Soziologen Merton in eine kulturelle Struktur, die die kulturell bestimmten Ziele einer Gesellschaft beschreibt, und eine soziale Struktur, die die Zugangschancen sozialer Gruppen zu diesen Zielen bedeutet, gegliedert (vgl. ebd.). Dahingegen thematisiere die Theorie des ‚labeling approach‘ die ‚Etikettierung‘ sozialer Gruppen, die von den Machthabenden einer Gesellschaft aufgrund existierender Normvorstellungen vollzogen wird (vgl. Textseiten 48-49). Einige Gruppen bekämen so durch die Deutungshoheit der römischen Reichsaristokratie von Vornherein das Prädikat ‚Räuber‘ verliehen und seien damit gewissermaßen a priori stigmatisiert.

Das Verständnis dieser Theorien ist für diesen Textausschnitt von großer Bedeutung, da Rieß auf dieser Grundlage den Weg von Randgruppen in die Kriminalität wechselseitig darstellen kann. Zieht man die Theorie des ‚labeling approach‘ heran, so seien nicht nur als mögliche „Sonderfälle“ (Textseite 58) erscheinende Gruppen der Isaurier, Dardaner, Juden und Boukoloi als Räuber ‚gelabelt‘, sondern auch Hirten im Allgemeinen, denen oft Viehdiebstähle zur Last gelegt wurden (Textseite 58): Rieß zeigt, dass in den Augen der römischen Machthaber das Umherziehen der Hirten, also das Abweichen von der römischen Norm der Sesshaftigkeit, bereits verdächtig war und ein Vorwurf des Räuberwesens dadurch bereits hinreichend erschien.

Berücksichtigt man daneben die Anomietheorie, so führt Rieß dem Leser vor Augen, dass gerade Bevölkerungsgruppen aus der Unterschicht nahezu in die Kriminalität getrieben wurden: Betrachte man die ausgeprägte Armut (Textseiten 63-64) in diesem Teil der römischen Bevölkerung (oftmals hätten sich große Teile der Bevölkerung lediglich ein Kleidungsstück pro Jahr leisten können), seien die Gründe eines sozialen Abstiegs etwa aufgrund von Arbeitsunfähigkeit oder Arbeitslosigkeit leicht nachvollziehbar. Von hier sei es mit Blick auf ähnliche Verhältnisse in der Frühen Neuzeit vermutlich nur ein verhältnismäßig kleiner Schritt in die Kriminalität gewesen (Textseiten 71-72). Abweichendes Verhalten, also in diesem Kontext das Begehen von Eigentumsdelikten, ist nach Rieß vor dem Hintergrund der Anomietheorie also als die fehlende Zugangschance römischer Unterschichten am aristokratischen Konsens römischer Werte (Reichtum, eine große Klientel) zu erklären.

Die Differenzierung in die als Räuber ‚Gelabelten‘ und die aus Anomiegründen Kriminellen sowie seine Unterscheidung von sesshaften und mobilen Randgruppen (Textseiten 83-88) führt Rieß schließlich zu zwei Typen von Großgruppen, die er als römische ‚Räuber‘ postuliert (Textseiten 89-91).

Lüdtke, A., Alltagsgeschichte […]

Lüdtke, A., Alltagsgeschichte, Mikro-Historie, historische Anthropologie, in: H.-J. Goertz (Ed.), Geschichte. Ein Grundkurs, Reinbek ² 2001, 557-578.

 

Vorbemerkung

In diesem Artikel werden drei Methoden der Geschichtswissenschaft definiert und erklärt: die Alltagsgeschichte, die Mikro-Historie und die historische Anthropologie. Unter ‚Methode‘ ist ein bestimmter Erkenntnisweg desjenigen gemeint, der Geschichtswissenschaft betreibt. Weniger kann man sich darunter eine konkrete Anleitung vorstellen, wie man historische Texte zu schreiben hat. Vielmehr rücken Forscherinnen und Forscher, die eine Methode vertreten, einen Blick auf bestimmte Bereiche der Vergangenheit, oftmals in Abgrenzung zu älteren Methoden; salopp gesprochen könnte man davon sprechen, dass sie eine ‚Brille‘ aufsetzen. Man kann das folgendermaßen verdeutlichen: Das Interesse der marxistischen Geschichtsschreibung ist es, die Geschichte des Proletariats als gesellschaftlicher Klasse sowie ihre Beherrschung durch die anderen Klassen zu erforschen. Dieser geschichtswissenschaftlichen Methode ist damit eine konkrete politische Ansicht inhärent, also eine bestimmbare ‚Brille‘. Heute herrscht allerdings ein Methodenpluralismus in der Geschichtswissenschaft vor. Das heißt nicht nur, dass Historikerinnen und Historiker ihre Methoden frei wählen, sondern auch, dass Methoden oftmals unweigerlich miteinander vermengt werden: Derjenige, der sich für marxistische Geschichtsschreibung interessiert, wird sich zwangsweise mit Sozialgeschichte beschäftigen, d.h. mit den Organisationsstrukturen, dem Zusammenleben, der sozialen Zusammensetzung und anderen sozialgeschichtlichen Aspekten des Proletariats.

Leitfragen

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

1) Lüdtke meint, es sei „eine der Absichten“ der ‚Alltagsgeschichte‘ gewesen, „die verächtliche Ignoranz von Fachhistorikern gegenüber der Laiensicht zu überwinden“ (Textseite 628). Definieren Sie vor dem Hintergrund dieses Zitats den unter Kapitel 1 geschilderten Begriff der ‚Alltagsgeschichte‘ und erklären Sie ihn anhand der von Lüdtke beispielhaft genannten Aufarbeitung der NS-Geschichte.

2) Auf den Textseiten 632-634 schildert Lüdtke die Auseinandersetzung der Alltagsgeschichte mit dem Marxismus. Beschreiben Sie diese Auseinandersetzung anhand des von Lüdtke genannten Beispiels des Proletariats.

3) ‚Mikrohistorie‘ ist neben der Alltagsgeschichte eine zweite Methode, deren verschiedene Definitionen Lüdtke in seinem Artikel beschreibt. Definieren Sie ‚Mikrohistorie‘ anhand der vorgestellten Theorie des Jacques Revel (Textseite 638) und geben Sie das danach geschilderte Beispiel der Angiolina Arru in eigenen Worten wieder.

4) Die letztgenannte Methode dieses Aufsatzes ist die ‚Historische Anthropologie‘. Beschreiben Sie die verschiedenen Herangehensweisen, die mit diesem Begriff verbunden sind (Textseite 640).

5) Für die Methode der Historischen Anthropologie ist die Definition wie Beschäftigung mit dem Begriff des ‚Symbols‘ (Textseite 642) zentral. Erläutern Sie die von Lüdtke genannte Definition des in den Geisteswissenschaften im Allgemeinen einflussreichen Forschers Clifford Geertz (Textseiten 642-643) und geben Sie ein Beispiel für solch ein Symbol an (Textseite 643).

Kommentar

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Forschungstradition des Autors

Prof. Dr. Alf Lüdtke ist Honorarprofessor für Historische Anthropologie an der Universität Erfurt. Lüdtke hat sich im Fachgebiet Neuere Geschichte und Zeitgeschichte habilitiert und definiert als eigene Forschungsschwerpunkte „Formen des Mitmachens und Hinnehmens in europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts“, „Arbeit als soziale Praxis: zur Verknüpfung von Produktion und Destruktion durch ‚Arbeit‘“ und „Erinnern und Mahnen – Vergessen und Verdrängen. Die Formen der Auseinandersetzung mit Krieg und Genozid in der Neuesten Zeit“. Herauszustellen ist, dass Lüdtke eine große Expertise in den Methoden der Geschichtswissenschaft besitzt; das wird bereits aus seiner Stellenbezeichnung deutlich. Darüber hinaus gilt er als führender Vertreter der Alltagsgeschichte.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Lüdtkes Artikel ist gemäß der Überschrift in die drei Methoden eingeteilt, die behandelt werden: Kapitel 1-4 erläutern die Alltagsgeschichte, Kapitel 5 die Mikrohistorie und Kapitel 6-7 die Historische Anthropologie. Kapitel 8 stellt den Schluss des Artikels dar.

Zentral für das Verständnis des Artikels ist, dass zumeist nicht eine Definition dieser Methoden geliefert wird, sondern auch die Kontroversität der drei Methoden in der Geschichtswissenschaft dargestellt wird. So soll das Schlagwort ‚Politik der Geschichte‘ (Kapitel 1) „das Durchsetzen bestimmter Sichtweisen und Fragestellungen“ (Textseite 628) verdeutlichen, die Alltagsgeschichte gerade nicht aus dem Blickwinkel der historischen Fachwissenschaft, sondern aus Laiensicht betreiben. Anhand der Aufarbeitung der NS-Geschichte werde so deutlich, dass nicht mehr nur etwa die „Macht- und Herrschaftsapparate“ (Textseite 629) der Nationalsozialisten betrachtet würden, sondern auch die Frage nach der Mittäterschaft der Vielen im Vordergrund stände (Textseite 629). Zugleich hieße Alltagsgeschichte nach Lüdtke aber etwa auch, Kritik an der Hermeneutik als zentraler und konventioneller geistes- und geschichtswissenschaftlicher Textdeutungsmethodik zu üben (Textseite 630-631).

Diese Vorgehensweise des Autors setzt sich in der Beschreibung der anderen Methoden fort. ‚Mikro-Historie‘ nach Carlo Ginzburg habe z.T. die Rekonstruktion der „Einzelstimme eines frühneuzeitlichen Müllers“ (Textseite 636) geheißen, andere Forscher wie Poni, Levi und Grendi fokussierten sich im Gegensatz dazu auf ‚Wiederholungen‘ im Lebensablauf von Personen, also die Frage, ob es eine „(unterbewusst-)untergründige Struktur einzelner Lebensäußerungen“ (Textseite 637) gibt, die letztlich zu ähnlichem Handeln von Menschen in bestimmten historischen Situationen führt. Andere umfassendere mikrohistorische Untersuchungen konzentrierten sich laut Lüdtke daran anschließend auf sogenannte „Ensembles von Verhaltensweisen – von Heiratsstrategien und Gebürtlichkeit über Arbeitsorientierungen bis zu Bücherbesitz und Lektüreverhalten“ (Textseite 637). Als weitere Variante von Mikro-Historie nennt Lüdtke zuletzt die Definition von Jacques Revel (Textseite 638), die diese Methode als „Zoom“ (Textseite 638) beschreibt, also die Vergrößerung und Heraushebung eines bestimmten historischen Sachverhalts oder einer Persönlichkeit.

Die Historische Anthropologie ist eine in den Geschichtswissenschaften vielbeachtete Methode, die Lüdtke in den letzten Kapiteln des Artikels beschreibt. Gemein haben die auf Textseite 640 vorgestellten Ansätze, dass die conditio humana, also die Frage nach dem Urgrund des Menschseins, in verschiedenen Facetten menschlichen Handelns untersucht wird. Dies kann zum Beispiel die „Rekonstruktion von Körperlichkeit“ (Textseite 640) oder die Beschäftigung mit „instinktive[n] (Re-)Aktionsweisen“ (Textseite 640) heißen. Die Notwendigkeit der Methode der Historischen Anthropologie zeigt sich nach Lüdtkes Meinung auch in der Frage, welches menschliche Motiv hinter „Ausrottungs- und Raubkriegen“ (Textseite 641) steht und welcher Antrieb die Menschen zu der Zeit des Nationalsozialismus dazu gebracht haben mag, in den Konzentrationslagern mitzuarbeiten.

Kolb, A., Wege der Übermittlung politischer Inhalte […]

Kolb, A., Wege der Übermittlung politischer Inhalte im Alltag Roms, in: G. Weber – M. Zimmermann (hgg.), Propaganda – Selbstdarstellung – Repräsentation im römischen Kaiserreich des 1. Jhs. n. Chr., Stuttgart: Steiner 2003, S. 127-143.

 

Kommentar folgt in Kürze.

Kolb, F., Herrscherideologie […]

Kolb, F., Herrscherideologie in der Spätantike, Berlin 2001, 24-46.

 

Hansen, M., Die Athenische Demokratie […]

Hansen, M., Die Athenische Demokratie im Zeitalter des Demosthenes, Berlin: Akademie Verlag 1995 (Kapitel 6, 10).

 

Leitfragen

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

1) Skizzieren Sie zunächst die Rahmenbedingungen, innerhalb derer die Volksversammlung tagte: die soziale Zusammensetzung, den Versammlungsort und dessen Größe, die Zulassung und Anzahl der Teilnehmer sowie die Einberufung und Anzahl der Sitzungen (insges. Textseiten 128-138).

2) Fassen Sie nun die Eröffnung der Volksversammlung, die Art und den Ablauf der Reden, die Rolle und Ausbildung der Redner, die Reaktion der Zuhörer und das Abstimmungsverfahren zusammen (Textseiten 146-153).

3) Lenken Sie Ihren Blick nun auf den Rat der 500: Beschreiben Sie dessen Macht, Befugnisse und sein Aussehen (Textseiten 255-256), die Sitzungen (Textseiten 260-262) sowie das Verfahren in den Ratssitzungen (Textseiten 262-263).

4) Vergleichen Sie die Betätigungsfelder der Volksversammlung (Textseiten 161-166) und des Rates der 500 (Textseiten 269-275) miteinander.

5) Hansen schreibt: „Dieses ‚probuleumatische Verfahren‘, wie Historiker es gerne nennen, wirft die Frage auf, ob die athenische Politik wirklich vom Volk in freier Debatte in der Volksversammlung gemacht wurde, oder ob die Versammlung nur Entschlüsse billigte (oder zurückwies), die schon vom Rat getroffen worden und als (konkrete) probuleumata weitergereicht waren“ (Textseite 143). Beschreiben Sie das ‚probuleumatische Verfahren‘ nach der Darstellung von Hansen, erörtern Sie die aufgeworfene Frage Hansens in Bezug auf die Volksversammlung und den Rat der 500 (besonders unter Zuhilfenahme der Textseiten 142-144 und 266-267) und geben Sie abschließend ein Sachurteil für diese Frage ab.

Kommentar

Projekttitel: eManual Alte Geschichte
Modul [optional]:
Autor_in: Jan Seehusen
Lizenz: CC-BY-NC-SA

Forschungstradition des Autors

Prof. Dr. Mogens Herman Hansen ist ein dänischer klassischer Philologe und Althistoriker. Nach seinem Studium und der Promotion in Kopenhagen forscht und lehrt er dort seit 1968. Hansen war von 1993 bis 2005 ebenfalls Leiter des ‚Copenhagen Polis Centre‘. Besonders hervorzuheben sind Hansens Verdienste um die Erforschung der athenischen Geschichte, vornehmlich der athenischen Demokratie und Verfassung. Mehrere seiner Werke wurden in verschiedene Sprachen übersetzt und fanden internationale Anerkennung.

Erläuterung missverständlicher, schwieriger und wichtiger Stellen für das Textverständnis

Die Erforschung der athenischen Demokratie ist eines der zentralen Betätigungsfelder der Alten Geschichte. Bis heute faszinieren die Forscherwelt die direkte Form der Demokratie und der hohe Beteiligungsgrad der Bevölkerung an politischen Abstimmungsprozessen.

Hansen geht in dem hier wiedergegebenen Auszug seines Standardwerkes ‚Die Athenische Demokratie im Zeitalter des Demosthenes‘ auf zwei der drei wichtigsten Institutionen des klassischen Athen ein: die Volksversammlung und den Rat der 500 (auch Boule genannt). Die dritte Institution, die im Auszug nicht zu finden ist, stellt das Volksgericht dar. Da insbesondere die Zusammenarbeit von Volksversammlung und Boule von großer Bedeutung ist, konzentriert sich der folgende Kommentar auf die Zusammensetzung von Volksversammlung und Boule sowie den politischen Bezug dieser Institutionen aufeinander.

Wenn man zunächst die Zusammensetzung der Boule betrachtet, dann fällt auf, dass ihre Bildung direkt aus den Reformen des Kleisthenes hervorgeht, deren Kenntnis Hansen hier voraussetzt: Kleisthenes schuf eine neue soziale Strukturierung Athens, die auf der Einteilung der zehn sogenannten ‚Phylen‘ beruhte. Jede Phyle bestand aus drei Trittyen, die jeweils einen Bevölkerungsteil der Stadt, Küste oder des Inlands Attikas repräsentierten. So gewährleistete Kleisthenes, dass in jeder Phyle ein territorialer Querschnitt der Bevölkerung Attikas vorhanden war. Jede Trittye ihrerseits bestand nun aus einer oder mehreren Demen, den örtlichen Gemeinden. Aus diesen Demen sei nun, so Hansen, eine Auswahl an Kandidaten getroffen worden, die als mögliche Ratsmitglieder entsandt worden seien (Textseite 256). Die endgültigen Ratsmitglieder seien nun aus den vorgeschlagenen Kandidaten der Demen mithilfe des kleroterion, der athenischen Losmaschine, ausgelost worden (Textseite 257).

Auch wenn somit das Vorschlagsrecht für Kandidaten bei den Demen lag, muss herausgestellt werden, dass die Geschäftsführung im Rat der 500 bei den Phylen lag und nicht bei den Demen: Diese seien im Wechsel für jeweils ein Zehntel des zehnmonatigen Ratsjahres als „geschäftsführender Ausschuß des Rates“ (Textseite 259) tätig gewesen.

Neben umfassenden Kompetenzen, wie der Repräsentation nach außen, der Finanzverwaltung (beide Textseite 256), der Inspizierung der Heiligtümer, Veranstaltung religiöser Feste und der militärischen Aufsicht (Textseite 269), habe die Boule vor allem die Aufgabe besessen, die Gegenstände der Volksversammlung zu diskutieren, die Tagesordnungen vorzubereiten und Dekrete vorzubereiten, über die die Volksversammlung entscheiden sollte (Textseite 266).

Wirft man nun einen Blick auf die Volksversammlung, so stellt sie die zentrale Volksvertretung dar und werde auch ekklesia genannt (Textseite 128). Wichtig ist, wie Hansen auch betont, dass als athenische Bürger nur Männer über 20 Jahre zugelassen waren, aber neben Frauen auch Metöken, Sklaven und rechtlose Bürger, die sog. atimoi, von der Volksversammlung ausgeschlossen waren (Textseiten 132-133). Die ekklesia, die auf dem Hügel Pnyx getagt habe, der 400m südwestlich der Agora zu finden und zweimal umgebaut worden sei (Textseiten 131-132), habe für ein beschlussfähiges Quorum wohl in der Regel eine Anzahl von 6.000 Teilnehmern besessen (Textseite 135) und 40 Mal im Jahr getagt (Textseiten 137-138). Abgestimmt worden sei mithilfe von Handzeichen, die von den Aufsehern, den Proedroi, geschätzt worden seien (Textseiten 152-153).

Wichtig ist es zu betonen, dass die Volksversammlung in enger Zusammenarbeit mit der Boule die probuleumata (Sg. probuleuma), Dekrete, verabschiedete (im Folgenden Textseiten 142-144). Es gab sogenannte ‚konkrete‘ und ‚offene‘ probuleumata, von denen die erstgenannten bereits ausgearbeitet worden seien und die zweitgenannten eine Diskussion innerhalb der Volksversammlung nötig gemacht hätten. Hier entzünde sich laut Hansen ein Diskurs innerhalb der Alten Geschichte: Wenn die Boule also die Sitzungen der Volksversammlung vorstrukturieren konnte, sei es dann überhaupt zutreffend, dass das athenische Volk in der Volksversammlung in freier Diskussion über diese Fragen entscheiden konnte oder habe sie nur die Dekrete der Boule gebilligt?

Gschnitzer, F., Griechische Sozialgeschichte […]

Gschnitzer, F., Griechische Sozialgeschichte. Von der mykenischen bis zum Ausgang der klassischen Zeit, Stuttgart: Steiner 22013, 150-208.