06 – Religiöse Entwicklungen im Hellenismus

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Griechische Geschichte III: Der Hellenismus

06 – Religiöse Entwicklungen im Hellenismus

Wir wollen uns heute im abschließenden Podcast dieser Vorlesung den religiösen Entwicklungen in der hellenistischen Zeit zuwenden. Durch die enorme Ausweitung des griechischen Horizontes kamen die Griechen nun mit neuen, fremden Völkern und Religionen in Berührung. Östliche Religionen versprachen mehr Innerlichkeit, gerade weil sie fremd und exotisch anmuteten. Im Hellenismus wird der Grundstein gelegt für den Synkretismus der Kaiserzeit, in der die alten Polisreligionen des Westens mit den Mysterien- und Erlösungsreligionen des Ostens verschmolzen. Gleichzeitig erlebten die Menschen eine enorme Unsicherheit in ihren persönlichen Lebenslagen. Die Dinge waren schnelllebiger und unsicherer geworden, sobald man die schützende heimatliche Polis verließ. Das Schicksal, die unvorhersehbaren Wechselfälle des Lebens, wurden als Tyche umschrieben, die dann selbst als Göttin verehrt wurde, so war sie z. B. Stadtgöttin in Antiochia.
Bezüglich der Verehrung von Herrschern gibt es zwei Tendenzen, einmal die Einrichtung von Kulten von oben und persönliche Frömmigkeit von unten. Beides ging nicht unbedingt Hand in Hand, konnte sich jedoch ergänzen. Gehen wir also auf die Dynastiegottheiten und den städtischen Herrscherkult kurz ein.
Die Herrscher mussten sich legitimieren und brauchten Schutzgötter, die sie im Bereich der Olympier suchten und fanden: Die Antigoniden behaupteten, von Herakles abzustammen und prägten die Keule auf ihre Münzen. Sie betonen auch ihre fiktive Verwandtschaft mit Philipp II. und Alexander dem Großen. Die Seleukiden leiten sich von Apollon ab. Seleukos I. Nikator sah sich als Sohn Apollons und wird auch in Inschriften so angesprochen und verehrt. Die Ptolemäer verbinden sich mit Dionysos, was ja auch Alexander selbst getan hatte.
Außer in Makedonien, war die Annahme dieser Schutzgötter oft mit der Einrichtung des Herrscherkults für die verstorbenen und später auch für die lebenden Herrscher verbunden. Sie bekamen Altäre, Opfer, Preislieder und Feste, die nach ihnen benannt wurden. Lysander, der spartanische König, der den Peloponnesischen Krieg für Sparta siegreich beendet hatte, wurde als erster wie ein Gott verehrt. Alexander wurde auch schon zu Lebzeiten wie ein Gott verehrt, was das aber genau bedeutete, ist in der Forschung stark umstritten.
Die direkte Vergöttlichung geht bei den Ptolemäern am weitesten, dann folgen in absteigender Reihenfolge die Seleukiden, die Attaliden und schließlich die Antigoniden, die in Makedonien natürlich andere Voraussetzungen hatten.
Wieder sehen wir, wie immer in der Alten Welt, die Verquickung von Religion und Politik. Die Herrscher initiierten die Kulte nicht nur, sondern kamen auch einem gewissen Bedürfnis der Untertanen entgegen, die oft von sich aus gottähnliche Ehrungen für ihre Herrscher beschlossen. Die Athener richten 307 einen Kult für Antigonos und Demetrios ein, 294 oder 291 bekommt Demetrios seinen eigenen Kult mit Hymnen, ziemlich unglaublich und das alles in Athen! Offenbar herrscht geistige Orientierungslosigkeit, ein Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins (ein grundsätzliches Lebensgefühl im Hellenismus), und wer die Position eines hellenistischen Herrschers mit seiner fast unbegrenzten Machtfülle innehatte, der musste wohl von den Göttern oder zumindest von Tyche besonders begünstigt, begnadigt erscheinen, so dass seine Verehrung schon Sinn machte.
Bei den Seleukiden war die Entwicklung langsamer und uneinheitlich und geschah lange nur auf Initiative der Städte. Seleukos I. wurde in Ilion als von Apoll abstammend anerkannt, er wurde aber nicht wirklich als Gott bezeichnet, war aber nah dran: Es gibt ein Fest, einen heiligen Bezirk, Altar, Opfer, Prozession, Spiele, Hymnen, goldene Kränze für ihn. Antiochos I. macht seinen Vater zum Gott, aber Antiochos III. (223-187) ging viel weiter: Er richtete einen Kult für sich selbst und für alle seine Vorfahren ein sowie für seine Frau Laodike.
Anders als die Seleukiden erfuhren die Attaliden zu ihren Lebzeiten keine Vergöttlichung, wurden aber kultisch in vielen Städten Kleinasiens anerkannt.
Der Grad der Religiosität bei den Herrscherkulten ist nur schwer zu messen. Oft ging die Initiative von den Städten aus, das ist also die Bewegung von unten. Sie wollten sich des Wohlwollens des Herrschers in besonderer Weise versichern, oft aber sind diese städtischen Kulte Ausdruck wahrer Dankbarkeit.
Die Reichskulte wurden von den Herrschern initiiert. Aber das war nicht nur Strategie und Berechnung. Der Beiname lautet oft „Theos“, was aber nicht nur Gott bedeutet, sondern auch als Adjektiv, „göttlich“ aufgefasst werden kann.

Religion des Individuums
Die alten Poliskulte leisteten für die Menschen in der Fremde, die wohl oft unter sozialer Isolation und Entwurzelung litten, nicht mehr das, was sie früher einmal leisteten. Die Menschen wandten sich nun verstärkt Erlösungsreligionen zu. Die Mysterienkulte boten geheime Initiationsriten an, was die Eingeweihten aneinanderschweißte und so zu festen Sozialkontakten führte. Der Kult von Eleusis (Demeter), die Riten der Kabiren auf Samothrake, der Asklepios-Kult in Epidauros erreichen jetzt ihren Höhepunkt. Die Offenbarung sollte irrational und emotional ansprechend sein. Es geht bei den Mysterienkulten immer um Tod und Auferstehung, also um Erlösung vom Irdischen. Die Teilnehmer betrachten sich als egalitär, also Bürger, Frauen und Sklaven standen auf einer Stufe. Die geheimen Initiationen vermittelten ein Gefühl der Exklusivität. Gesucht wurden wohl ekstatische Erfahrungen und Trance-Zustände. Das war bei den Bacchantinnen des Dionysos der Fall und auch im Kybele-Kult. Der Kybele-Kult wurde immer populärer, der Höhepunkt war dann in der römischen Kaiserzeit erreicht.
Die Philosophen banden die Götter in ihre Systeme ein, als oberstes Gut, als Tugend oder Weisheit oder Weltprinzip. Sie waren peinlich darum bemüht, die Existenz der Götter nicht ganz zu leugnen. Auch gab es die Tendenz hin zur Verehrung von abstrakten Prinzipien, am wichtigsten die bereits erwähnte Tyche, die weithin verehrt wurde. Wie weit die Personalisierung aber emotional wirksam wurde, können wir nicht sagen.
Immer mehr Menschen wenden sich den ägyptischen Göttern zu, die offenbar mehr Hilfe versprachen als die einheimischen. Wir sehen ein massives Vordringen der östlichen Kulte auch nach Griechenland hinein. Sarapis war sehr beliebt, den Ptolemaios I. Soter einführte, der Sarapis-Kult war also eigentlich ein ptolemäischer Reichskult.
Der Isiskult verbreitet sich v.a. im 2. Jh. v. Chr., bekommt unter Sulla sogar schon in Rom einen Tempel, und Isis wird in der Kaiserzeit zu einer der führenden Gottheiten. Schon zu Herodots Zeiten war sie so etwas wie eine Hauptgöttin in Ägypten. Die Griechen identifizierten Isis sinnvollerweise mit Demeter, Osiris mit Dionysos. Isis konnte viele andere Götter in sich vereinigen, was der Ausbreitung ihres Kultes natürlich zum Vorteil gereichte. Der synkretistische Prozess ist hier also sehr wichtig. Weil Isis nicht ortsgebunden war, konnte sie bald Demter den Rang ablaufen, da ihre Mysterien nur in Eleusis stattfanden.
Auch andere orientalische Gottheiten wurden nun in Griechenland verehrt und mit griechischen, später mit römischen Göttern gleichgesetzt:
Kybele, magna mater, eine anatolische Muttergöttin, wird von Attis begleitet,
Atargatis und Hadad aus Assyrien (Aphrodite und Zeus),
Melqart (Herakles),
Astarte (Aphrodite).
All diese Götter umranken natürlich Mythen. Es kam zu einer interpretatio graeca; diese schillernden Gottheiten wurden v.a. in den kosmopolitischen Metropolen verehrt, später auch im Westen, v.a. in Rom und Karthago. Wichtig für die Menschen wird das Weiterleben nach dem Tode und die persönliche Bindung. In diese Welt hinein stößt später das Christentum vor, das schließlich Isis und Mithras ausstechen kann, aber das sind Entwicklungen, mit denen wir uns dann in der Vorlesung über die Römische Kaiserzeit befassen werden.
Mithras war ursprünglich ein iranischer Gott, der Licht- und Sonnengott der Krieger, die für das Gute kämpfen. Die Tötung des Stiers ermöglicht das Leben. Wichtig ist dieser Kult in Pontos, Kappadokien und Kommagene. In der röm. Kaiserzeit wurde der Mithras-Kult dann eine Soldatenreligion, in der es nach einem Blutopfer um Erlösung ging. Auch in dieser Religion waren alle Kultteilnehmer gleich, wieder sehen wir also das egalitäre Element. Mithras stammt wohl ursprünglich aus der iranischen Mysterientradition; hellenisierte Magier haben dann den Kult langsam nach Westen gebracht, vieles liegt hier im Dunkeln und ist daher sehr umstritten.
Zu den Gemeinsamkeiten der Mysterienreligionen: Die Kultgemeinschaft war nicht mehr auf eine Polis beschränkt, sondern international, es gibt Vereinssatzungen, hauptamtliche Priester, die die komplizierten Kultrituale erlernen, pflegen und bewahren. Die Eingeweihten oder Mysten bekleiden verschiedene Ränge je nach Grad der Einweihungsstufe, also auch hier ist wieder Raum für den Agon, für einen Aufstieg, der in der Gesellschaft so nicht zu leisten war. Die Eingeweihten nannten sich Brüder, es entsteht also ein Gemeinschaftsgefühl; soziale Schranken im Kult werden weitgehend abgebaut. Was in den Initiationen geschah, wissen wir nicht, aber es muss zu kathartischen Wirkungen gekommen sein, die entlastend auf den Einzelnen wirkten. Auf Fasten, sexuelle Enthaltsamkeit, Schatten, folgten Jubel, Tanz, Ausgelassenheit, Licht, ein Festschmaus, Tanzen, Hymnen-Singen usw.. Ein extremer Wandel, eine Peripatie, wurde also in Szene gesetzt, was emotional sehr eindrucksvoll gewesen sein muss und die Menschen affektiv und spirituell ansprach. Hinzu kam die Aussicht auf Erlösung im Jenseits. Reinheit war ganz wichtig für die Initiation, hier werden alte griechischen Vorstellungen wieder aufgriffen und nun verinnerlicht. Die Sünde wird nun beschmutzend, befleckend, eine ethische Verfehlung wird also materialisiert und in die Metaphorik der Verunreinigung und Reinheit gebracht.

Das Judentum im Hellenismus
Zentral wichtig ist die Entwicklung des Judentums im Hellenismus und v.a. der Aufstand der Hasmonäer/Makkabäer gegen die Seleukidenherrschaft um ca. 150 v. Chr. aus religiösen und politischen Gründen. Die Juden waren bereits im ganzen Vorderen Orient verteilt und hielten streng an ihrer monotheistischen und doch recht exklusiven Religion fest. Das Zusammenleben mit den Griechen fiel ihnen oft schwer, zu unterschiedlich waren die Riten, der allgemeine Lebensvollzug und die Einstellung zu den hellenistischen Herrschern, mit denen sie aufgrund des Herrscherkultes irgendwann in Konflikt kommen mussten. Zumindest für die Orthodoxen traf dies zu, weniger für die liberalen Strömungen, die es v.a. in der Diaspora auch gab. Viele Juden in Alexandria waren zum Teil von Alexander angesiedelt worden, zum Teil hatten sie sich als ptolemäische Söldner dort niedergelassen, zum Teil waren sie schon vorher dort, v.a. in Elephantine. Ab ca. 150 schlossen sich die Juden in Alexandria in einem Ghetto ein. Die meisten Juden in Alexandria waren hellenisiert und sprachen Hebräisch kaum mehr. Für sie wurde die Übersetzung der Thora entscheidend. Diese Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische, die in Alexandria geleistet wurde, nennen wir Septuaginta und stellt eine der größten Leistungen des Hellenismus dar. Viele Juden konnten nun wieder die heiligen Schriften lesen.
Antiochos III. erobert 200 Jerusalem, vorher war ganz Palästina bei den Ptolemäern. Zunächst gab es wenig Unterschied zu vorher. Es kam zu einer gewissen Hellenisierung, doch die Orthodoxen leisteten fanatischen Widerstand und hielten strikt am Wortlaut der mosaischen Gesetze fest. Wir haben es also mit einer kulturellen und religiösen Widerstandsbewegung gegen die Seleukiden zu tun. Judas Makkabaios erhob sich schließlich, als Seleukos IV. versuchte, sich der Einnahmen des Tempels zu bemächtigen. Antiochos IV. machte den hellenisierten Juden Iason für Geld zum Hohepriester, der einen grundlegenden Hellenisierungsschub vornahm, ein Gymnasion und ein Ephebeion gründen und aus Jerusalem eine griechische Polis machen wollte.
Viele hellenisierte Juden waren sehr dafür, es gab also sehr heterogene Gruppen innerhalb des Judentums, eine Spannung zwischen dem Willen, die jüdische Identität zu bewahren, und der Anziehungskraft der griechischen „Leitkultur“. Antichos IV., der 168 v. Chr. von dem Römer Caius Popilius Laenas gedemütigt und zum Rückzug aus Ägypten gezwungen und damit entscheidend geschwächt worden war, übte nun Druck aus und wollte sein verbliebenes Reich verstärkt hellenisieren. Er brauchte Geld und griff daher auf die Tempelschätze zu. Menelaos, der neue Oberpriester, erwies sich als eifriger Handlanger des Antiochos. Die Plünderung und Entweihung des Tempels, das Verbot der Beschneidung, des Sabbats und der traditionellen Opfer für Jahwe waren die Folge. Stattdessen wurden die Juden gezwungen, Schweine zu opfern, das war ganz und gar verabscheuenswürdig, auch zur Einführung heidnischer Kulte kam es. Diese Vorgänge führten dann direkt zum Aufstand gegen die seleukidische Oberhoheit. Zuerst war es ein Guerilla-Krieg der niederen Priester und der Landbevölkerung, dann stellen die Juden unter Makkabaios ganze Heere auf und gewinnen 164 den Tempel wieder zurück, den sie reinigen mussten, weil Antiochos darin, aus böswilliger Absicht, ein Schwein geopfert hatte. Die seleukidischen Gesetze wurden annulliert. Der Krieg ging trotzdem weiter. Orthodoxe Juden radikalisierten sich und hatten schließlich auch die hellenisierten Juden gegen sich, d.h. eine tiefe Spaltung ging jetzt quer durch das Judentum, die man im Prinzip noch heute beobachten kann. Aus den Makkabäern entwickelt sich die Dynastie der Hasmonäer heraus, ein eigener jüdischer Staat entsteht, aber trotz all der Widerstände in hellenistischer Manier. Schon hier wird deutlich: Bald wurde dieser weiterschwelende Konflikt eine Angelegenheit der römischen Expansion. Die orthodoxen Juden machten weiterhin Aufstände, 70 n. Chr. wurde Jerusalem schließlich von den flavischen Truppen zerstört, Bar Kochba unternahm dann unter Hadrian den letzten Versuch, der in einer Katastrophe mündete. Hier beginnt die jüdische Diaspora.
Neben den orthodoxen Fanatikern gab es aber auch die hellenisierten Juden und in diesem Umfeld entstanden die griechisch verfassten Schriften des Neuen Testaments. Dies war ein großes Glück für das Christentum, denn das Griechische war die Kultursprache, in der alles ausgedrückt werden konnte, die griechische Sprache bot das philosophische Vokabular, mit dem Paulus seine unerhörte Theologie entfalten konnte. Über das philosophische Griechisch gewannen die Christen schließlich die gebildeten Hellenen und konnten so das Christentum nach Westen tragen. So wurde das Christentum intellektuell und für die griechischen Eliten attraktiv. Ohne zu telelogisch werden zu wollen, denke ich, dass es nicht falsch ist zu sagen, dass es ohne die Hellenisierung des Nahen Ostens das Christentum nicht gegeben und es den Aufstieg zur Staatsreligion in der Spätantike nicht geschafft hätte.

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05 – Das Alltagsleben und das Leben am Hof

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Griechische Geschichte III: Der Hellenismus

05 – Das Alltagesleben und das Leben am Hof

Die griechische Kultur, obwohl bis nach Indien reichend, gravitierte doch zum Mittelmeer hin. Schon Seleukos gab die östlichsten Gebiete auf, auch Baktrien löste sich aus dem Seleukidenreich. Antiocheia wurde schließlich wichtiger als Seleukeia am Tigris. Die Zentren des hellenistischen urbanen Lebens blieben Athen, Alexandria, Pergamon und Antiocheia, das Mittelmeer bildete also das Zentrum, um den herum sich urbanes, d.h. griechisches Leben abspielte.
Die hellenistische Zeit zeichnet sich durch höhere Mobilität aus als je zuvor, v.a. Söldner sind in großen Zahlen unterwegs. Sie kommen aus allen Himmelsrichtungen; unter den Griechen sind v.a. die Kreter als Söldner begehrt, die oft ihren Lebensunterhalt als Piraten verdingten. Piraterie und Söldnerwesen sind die wichtigsten Einnahmequellen für viele und wohl auch austauschbar.
Außerdem sind ständig viele Gesandte unterwegs in den unterschiedlichsten Missionen, v.a. aber korrespondierten die Städte untereinander und mit den Königen, später verhandelte man ständig mit Rom. Man löste so Konflikte und tauschte natürlich die vielfältigen Ehren aus, die oftmals inschriftlich erhalten sind.
Ebenfalls unterwegs sind die professionellen Schauspieler, die im Rahmen der großen religiösen Feste Theateraufführungen darboten. Die dionysischen Techniten, wohl die berühmteste Gruppe, reisten von Einsatzort zu Einsatzort. Offiziell waren sie religiöse Körperschaften und nicht sehr angesehen, weil sie immer unterwegs waren.
Ebenfalls unterwegs sind Ärzte; die werden von Städten manchmal an andere Städte ausgeliehen, manche Städte setzen Steuern fest (iatrikon), um gute Ärzte bezahlen zu können. Viele Ärzte wurden auf Kos ausgebildet, am dortigen Asklepieion.
Eine bedeutende Rolle spielten auch Sportler, die in der ganzen hellenischen Welt an internationalen Wettkämpften teilnahmen. Bei Siegen wurden sie hoch geehrt und auf vielfältige Art und Weise gefeiert. Ruhm erwarben sie nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre Heimatpolis, sie wurden also als Superstars verehrt.
Auch Künstler, Lehrer, Musiker, Dichter, Ingenieure und Baumeister ziehen durch die Lande und hoffen auf Aufträge, v.a. suchen sie natürlich die großen Höfe auf, wo immer Bedarf an fähigen Leuten bestand. Auch Richter, Schiedsmänner und Pilger, die zu den Orakelstätten reisten, fuhren umher.

Griechische Vereine
Vereine und Assoziationen prägten schon das Leben in den Mutterstädten, nun aber, in der Fremde mit gemischter Bevölkerung sind sie noch notwendiger als vorher. Eranoi oder Thiasoi heißen die Vereinsmitglieder, die sich an eine bestimmte Gottheit anschließen. Mitgliedsbeiträge finanzieren verschiedene soziale Zwecke, wie anständige Beerdigungen, das Clubhaus, gemeinsame Feiern; hier konnte man gleich soziale Kontakte schließen, wenn man neu zuzog. Die Vereine prägten also entscheidend das soziale wie private Leben. Sie waren weniger exklusiv und griechisch als die Gymnasien. Sie nahmen Männer und Frauen, Griechen wie Barbaren, Arme wie Reiche auf, Freie wie Sklaven. Die Oberschichten blieben rein griechisch und makedonisch. Wenn man hier von Homogenität spricht, dann meinen wir nur die dünne graeco-makedonische Oberschicht. Hier gab es in der Tat soziale Vermischung. Landsmannschaftliche Verschiedenheiten spielten in der Fremde keine große Rolle mehr. Man fühlte sich nun griechisch und nicht mehr thebanisch, athenisch, milesisch oder ephesisch. Damit grenzte man sich von den Mehrheiten vor Ort bewusst ab. Die Könige rekrutierten nur diese Oberschichtgriechen für die gehobenen Posten und die Zentralverwaltung. Sie zeichneten sich durch ein weiteres kulturelles Merkmal aus, nämlich den Besuch eines mehrjährigen Gymnasion. Und auf das Gymnasion und seine Rolle müssen wir nun kurz eingehen.

Gymnasion
Die Philosophenschulen wären ohne städtische Bildung nicht möglich gewesen, so sehr die Intellektuellen auch an den Höfen gefördert wurden. Die Erziehung fand für die Oberschichten-Jungen in den städtischen Gymnasien statt. Zunächst waren sie erst einmal wichtig für die sportliche Ertüchtigung, aber die Musen wurden nie vernachlässigt. Das Gymnasion von Pergamon hatte drei Ebenen, eine für die Knaben, eine für die Epheben und eine für junge Männer. Es gab Lesezimmer, Säulenhallen, wo man diskutierte, und Bibliotheken. In Teos gab es Koedukation, hier waren auch Mädchen zum Gymnasion zugelassen. Es ging vornehmlich um literarische Bildung, d.h. Rhetorik und das Studium Homers und Euripides‘. In Teos gab es drei Lehrer, zwei paidotribai, also Sportlehrer, und einen Lyraspieler, der für die musikalische Unterweisung verantwortlich war. Die Lehrer waren sozial nicht hochstehend, aber die Bürger schätzten ihre Gymnasien sehr. Paidonomoi passten auf die Schüler auf, der Gymnasiarch war eine Art Direktor. Die höheren Beamten in den Städten waren unbezahlt und damit aus den Oberschichten selbst, sie waren sehr angesehen. Der Gymnasiarch, also der Direktor, war für die gesamte Organisation der Einrichtung und auch für die Opfer und die Wettkämpfe verantwortlich. Nun wurden nicht mehr die städtischen Beamten so oft geehrt, weil ihre politische Bedeutung abgenommen hatte, sondern die Gymnasiarchen. Das war also ein neues Betätigungsfeld für die Elite, die ja immer nach Distinktion und Auszeichnung strebt. Auch die Könige unterstützten die Gymnasien. Aus Inschriften kennen wir die Gewinner bei den Wettkämpfen, eine Art Sportfeste mit verschiedenen, eben auch musischen Disziplinen, wie etwa die Komposition von Liedern, das Spielen auf der Kithara, das Singen zur Kithara, Malerei, Arithmetik usw. Hier wurden die griechischen Bildungswerte, der Bildungskanon vermittelt, der eben von Athen über Pergamon, Alexandria, Antochia und Seleukeia bis nach Indien der gleiche war. Körperliche und geistige Übungen inklusive Literatur machten den Menschen zum Gebildeten, zum hellenischen Menschen, zum pepaidomenos, ein ganz wichtiges Konzept dann in der Zweiten Sophistik der römischen Kaiserzeit. Die pepaidomenoi, die diese Schulung durchlaufen hatten, sahen sich im Verhältnis zu allen anderen Völkern als überlegen an und betrachteten diese als Barbaren. Man konnte nun auch außerhalb Griechenlands Kulturgrieche werden, indem man an ein Gymnasion ging, dort perfekt Griechisch lernte, griechische Umgangsformen annahm und den Bildungskanon verinnerlichte, also dem ganzen Habitus nach Grieche wurde. Somit war man Hellene und hatte Zugang zur griechischen Kultur.

Landwirtschaft
Die Griechenstädte waren im Osten eigentlich Fremdkörper. Das Land gehörte im Prinzip dem König. Wir sehen wenige Innovationen in der Landwirtschaft. Allerdings kam nun viel Geld in Umlauf, weil Alexander die Schatzkammern des Großkönigs öffnete. Das führte aber auch zur Inflation. Anfangs gab es verschiedene regionale Währungssysteme, langsam kam es aber zu einer Harmonisierung, Antigoniden und Seleukiden prägten und benutzten die beliebte Tetradrachme mit 17g. Die Ägypter machten nicht mit, da die Ptolemäer ein monetarisches Monopol anstrebten. Die Monetarisierung war aber nur in den Städten stark. Auf dem Land herrschten weiterhin Tauschhandel und Steuerabgaben in Naturalien vor, was den Herrschern nur Recht war. Städte richteten eigene Fonds ein, um Getreide auch in mageren Zeiten kaufen zu können, z. B. Samos. Die Könige sahen aber diese Sparwünsche nicht gern und verwiesen auf ihre königlichen Güter, die auch zur Versorgung der Stadtbevölkerung bei Engpässen beitragen konnten.

Auch im Gewerbe und im Handel gab es keine fundamentalen Änderungen. Manche Städte schafften es, durch einen blühenden Handel reich zu werden, so z.B. die Kaufmannsaristokratie auf Rhodos. Bis 168 v. Chr., dem Zusammenstoß mit Rom, sicherte Rhodos sich in der Außenpolitik ab und institutionalisierte eine gewisse Wohltätigkeit im Inneren. Die rhodische Oligarchie gab den Armen bewusst, um Unruhen zu verhindern. In Tyros und Sagalassos gab es berühmte Färbereien. In Sidon war die Glasproduktion berühmt, Tarsos produzierte Leinen. Aber es gab keine Produktionssteigerungen zu vorher, nirgends kam es zu einer wirklichen Massenproduktion. Der Handel fühlte sich massiv eingeschränkt durch die ständig virulente Piraterie, für die v.a. Kreta berühmt-berüchtigt war. Die Piraten versorgten den Sklavenmarkt mit immer neuen gefangengenommenen Menschen. Vor allem in den alten Griechenstädten des Mutterlands und in Kleinasien war die Wirtschaft auf Sklaven angewiesen, weniger im Osten. Piraterie und Söldnerwesen waren, wie vorhin dargelegt, die Haupterwerbsquelle für die Männer, die kein landwirtschaftliches Grundstück erbten. Der Weg von der Piraterie zum Söldnerwesen war nach beiden Seiten hin offen, sehr typisch für die Vormoderne.

Wirtschaft der Städte
Die Städte waren nun nicht mehr selbständig, die meisten müssen Tribute an die Könige zahlen, außer diejenigen, die davon expressis verbis per Dekret ausgenommen waren. Immer wieder wurden die Städte auch wegen der Kriege zur Kasse gebeten oder mussten verschiedene Leistungen erbringen. Oft konnten diese Summen nur mit Hilfe der örtlichen Euergetai, der reichen Wohltäter, aufgebracht werden. Diese hatten ihren Reichtum meist im Sklavenhandel erworben und paktierten mit den skythischen und thrakischen Barbarenfürsten. Sie bekamen Sklaven, die Städte zahlten Schutzgelder, die z.T. aber von den Euergetai selbst aufgebracht wurden. Also eine Hand wäscht die andere, ein sehr korruptes System. Manchmal erwiesen sich die hellenistischen Könige aber auch großzügig, um ihr Image etwas aufzupolieren, indem sie Schenkungen an Städte machten und Geld bereitstellten für Bauten, Tempel, Säulenhallen, Bäder und Theater. Gelder wurden also auch zu Prestigezwecken ausgegeben, zur ostentativen Zurschaustellung des eigenen Reichtums, also wieder sehen wir die Wichtigkeit der Performanz. Reichtum wurde nicht in die Wirtschaft gesteckt, um diese anzukurbeln, ein wirtschaftspolitisches Denken fehlte.

Problem der Entvölkerung
Viele heirateten nicht mehr, auch der Kindsmord war allgemein üblich. Die Folge war die Entvölkerung ganzer Städte und Landstriche, angeblich, so Polybios, in Wahrheit war die Kinderlosigkeit wohl ein Phänomen der Oberschicht. Es gab wohl zu wenig Land, nicht zu wenig Menschen. Indizien dafür sind etwa die Piraterie und das Söldnerwesen auf Kreta sowie die ständige Forderung nach einer Neuverteilung des Landes, also wollen die Bauern pflügen, aber sie haben zu wenig Land zur Verfügung. Der Geburtenrückgang in der Oberschicht erklärt sich wohl dadurch, dass das Leben allgemein als sehr unsicher empfunden wurde. Not und Elend herrschten durch Kriege, Landknappheit und Verschuldung bei gleichzeitiger Verprassung der Ressourcen durch die Reichen, also ein Dritte Welt-Szenario. Wenn die Bauern nicht mehr konnten, wie oft in Ägypten belegt, liefen sie weg, wurden Söldner oder gleich Piraten und Banditen oder suchten Zuflucht in den großen Städten, wo sie als Bettler noch eher auf die Munifizenz der Könige hoffen konnten als auf dem flachen Land. Diese Entwicklungen erklären also die Entvölkerung vieler kleiner Städte und dass sie dringend Neubürger brauchten, denen dann auch gleich das Bürgerrecht verliehen wurde.

Gesellschaftliche Konflikte:
Sozialrevolutionäre Unruhen sind v.a. für Griechenland und Kleinasien belegt, von den Weiten des Ostens haben wir wenig Zeugnisse. Die alten Städte profitierten von der Ausbreitung nach Osten eigentlich kaum. In Ägypten war der Widerstand gegen die Obrigkeiten oft „nationalistisch“ angehaucht, weil die Oberschichten eben Makedonen und Griechen waren. Die Formeln „Neuverteilung des Landes“ (anadesmos ges) und „Aufhebung der Schulden“ wurden oft in die Bürgereide mit aufgenommen, dass man danach nicht trachten dürfe. Die Formel begegnet uns schon bei Solon, d.h. die sozialen Probleme Griechenlands waren eigentlich nie gelöst worden. Tatsächlich gab es immer wieder Unruhen, staseis, wobei man oft nicht sagen kann, ob die Ursachen allein in den desolaten inneren Verhältnissen zu suchen sind oder auch von außen befördert wurden. Beides blendet ineinander, Innen- und Außenpolitik sind oftmals unentwirrbar miteinander verwoben. Ätoler z. B. fördern gerne Umstürze in achäischen Städten. In den meisten Fällen verliefen die Erhebungen ohne Erfolg, sie verschlimmerten nur die ohnehin schon prekäre Situation, es gab Ermordungen, Verbannungen, Enteignungen wie eh und je. Die Sklaven waren von diesen Bewegungen ausgeschlossen, denn um sie ging es den freien Griechen nicht. Dass es nicht mehr Revolten gab, ist der „freiwilligen“ Wohltätigkeit der Reichen geschuldet, die mir ihren Almosen den schlimmsten Zorn der Armen eindämmen konnten.

Die Höfe
Der griechische Geist und die griechische dynamis verbreiteten sich gen Osten, aber natürlich gab es auch Konzentrationsprozesse an den Höfen, wie Pergamon und Alexandria. Die energischste Kulturpolitik betrieben die ersten drei Ptolemäer durch die Gründung des Museion und der Bibliothek. Es ist unklar, wann genau die Bibliothek gegründet wurde, vielleicht unter Ptolemaios I. Soter oder durch Ptolemaios II. Philadelphos. Unsummen wurden für Bücher ausgegeben und um die besten Köpfe nach Alexandria zu holen. Zuletzt besaß die Bibliothek 500.000 Schriftrollen. Das Museion war das an die Bibliothek angegliederte Forschungsinstitut, wo v.a. Philologie betrieben wurde. Der erste Leiter des Mueseion war Philitas von Kos. Zenodotos von Ephesos (ein Schüler des Philitas) ist der erste Bibliotheksleiter, er besorgt die erste Edition Homers. Auch Aristophanes von Byzanz und Aristarchos von Samothrake widmeten sich v.a. Homer, hier entsteht die Homerphilologie. Manche heutige Forscher wie z. B. Greg Nagy vermuten, dass die homerischen Epen eigentlich erst hier ihre endgültige Gestalt bekamen. Hier liegen die Grundlagen für die philologischen Forschungen ab der Renaissance. Alexander aus Aitolien und Lykophron von Chalkis, beide Dichter, beschäftigen sich philologisch mit der Tragödie und Komödie.
Theokrit von Syrakus, der große Hirtendichter, verweilte nur kurz in Alexandria, wir wissen nicht warum. Sein Idyll 15, ein Dialog zweier Syrakusanerinnen, die ausgehen, um am Adonis-Fest teilzunehmen, vermittelt den Flair einer kosmopolitischen Urbanität. Kallimachos wird der Meister der Kleinform und ist der Vertreter der Alexandrinischen Dichterschule; Wortwitz und Kürze, Prägnanz sind hier wichtig. Im Gegensatz dazu steht Apollonios Rhodios, der sein Epos über die Argonauten in Alexandria schreibt, eine Zeitlang war er der Chefbibliothekar. Er propagierte genau das Gegenteil einer Kleinform, weswegen er in Konflikt mit Kallimachos geriet und schließlich Alexandria verließ.
In Pergamon gab es im 2. Jahrhundert v. Chr. einen ähnlichen Musenhof. Die Bibliothek dort war die zweitgrößte der Alten Welt nach Alexandria. Krates von Mallos ist der große Homergelehrte in Pergamon, der oft eine allegorische Deutung schwieriger Passagen vorschlägt. Bei einer Reise nach Rom brach er sich dort ein Bein, musste dann einige Zeit in Rom bleiben, hielt dort Vorträge und erweckte ein gewisses Interesse an der Homer-Philologie. Die Historiker schrieben überall, nicht nur an den Höfen: Hieronymos von Kardia schreibt in Pella, Timaios in Athen, Polybios notgedrungenerweise als Geisel in Rom und auch zu Hause in Megalopolis.

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04 – Die Seleukiden und die Ptolemäer

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Griechische Geschichte III: Der Hellenismus

04 – Die Seleukiden und Ptolemäer

Ich möchte heute versuchen, die Reiche der Seleukiden und Ptolemäer in aller Kürze etwas zu charakterisieren. Bei den Seleukiden gibt es drei Kategorien von Untertanen:
1. Die Dynasten, hohe weltliche und geistliche Herren, die faktisch unabhängig sind.
2. Die griechischen Poleis (de facto sind sie relativ autonom, sie stehen außerhalb der Territorialverwaltung, ihr Verhältnis zum Reich regelt formal ein Vertrag).
3. Die Völkerschaften; nur sie unterstehen den Seleukiden direkt (durch Statthalter).
Alle drei Gruppen sind aber steuerpflichtig. Die Größe des Gesamtgebiets schwankte enorm zwischen 312, als Seleukos I. Baylon an sich riss und 129, als nur noch ein kleines Gebiet in Nordsyrien übrig war. Das Seleukidenreich zeichnet sich durch eine enorme Vielfalt an Völkern und Kulturen aus, ganz im Unterschied zum Reich der Antigoniden und Ägypten, wo nur zwei Kulturen aufeinander prallten. In Kleinasien lebten an den Küsten die Griechen in ihrer Poliskultur, im Zentrum die Kelten, mehr oder weniger in Clans organisiert. In Palästina lebten die Juden mit ihrer ganz eigenen, distinkten Kultur und Religion, im Süden die Araber; das Zweistromland war immer noch von den uralten Hochkulturen geprägt. Im Osten lebten iranische Reiternomaden, aber es gab auch vereinzelt griechische Neugründungen, die gewissermaßen isoliert im Niemandsland lagen.
Auch die Seleukdien regieren mit ihren philoi, Freunden, und einer griechisch-makedonischen Oberschicht. Zwei Generationen lang waren Einheimische ganz von Verwaltungsämtern ausgeschlossen, dann machen sie im Verwaltungspersonal nur 2,5% aus. Alexanders Idee einer Verschmelzung war von seinem direkten Umfeld wohl nie verstanden worden.
Das Seleukidenreich war in 25-30 Satrapien gegliedert, darunter gab es Hyparchien und Toparchien. Die Satrapen regierten wie kleine Könige. Den makedonischen kam die volle Militärgewalt zu, den einheimischen wurde ein makedonischer Militärbefehlshaber zur Seite gestellt (so in Babylonien, Kappadokien, Kilikien).
An der Spitze der Finanzverwaltung stand ein epi ton prosodon, ihm unterstanden Finanzfunktionäre in den Satrapien und deren Untergliederungen, also auch hier gab es ein großes Interesse am Füllen der Staatskasse, aber nicht so einheitlich und durchgeplant wie im Ptolemäerreich. Bei den Seleukiden gibt es einen Stellvertreter des Königs, einen Großwesir, epi ton pragmaton, also Geschäftsführer. Diese Struktur spiegelte sich auf der Ebene der Satrapien wieder. Der Satrap war also ziviles und militärisches Oberhaupt seiner Provinz und stand damit ganz in der Tradition des Achaimenidenreiches. Antiochos III. war dann der große Reorganisator, er stellte das gesamte Reich auf Strategien um. Der Stratege ist deren oberster Militär- u Zivilbefehlshaber. Ihm zur Seite steht ein Finanzminister, der dioiketes.
Die Könige hatten riesige Domänen, auf denen Scharen von „hörigen“ Bauern (laoi) und Sklaven (oiketai) arbeiteten, allerdings war die Sklaverei auf dem Land nicht weit verbreitet. Die laoi lebten in Dörfern und unterstanden manchmal einem Komarchen oder einem Grundherren, um dessen Wehrturm herum sie siedelten. Sie mussten dem Grundherren Abgaben und Dienste leisten. Bei einem Besitzwechsel der Ländereien gehörten sie einfach mit zum Inventar, selbst wenn sie schon weggezogen waren. Den Verpflichtungen am alten Wohnort war aber immer noch nachzukommen.
Aus inschriftlich erhaltenen Briefen wissen wir, dass es verschiedene Rechte an Grundstücken gab: Privateigentum, Erbpacht, Schenkungen vom König. Offenbar gab es viele Formen und Möglichkeiten des Grundbesitzes. Der Seleukidenkönig wuchs hier in die gewachsenen orientalischen Strukturen hinein, d.h. theoretisch gehört alles Land ihm, weil speergewonnen, aber faktisch kann er dann doch Land in unterschiedlicher Art und Weise vergeben. Letztendlich lag jedoch der Vorbehalt eines letzten Eigentumsrechts beim König.

Katoikiai sind Militärsiedlungen für Soldaten und Reservisten. Kleroi heißen die Parzellen, die dafür vorgesehen sind. Manchmal sind diese kleroi erblich. Katoikiai sind ganze Siedlungen von Veteranen auf kleroi. Katoikoi sind die Soldaten, die dort siedeln. Katoikoi sind also die Inhaber von kleroi. Die katoikoi haben drei Funktionen:
Reservisten für den Notfall
Wehrbauern als eine Art Garnison, die die Ordnung aufrechterhielt.
Landbebauung.

Städte:
Bei Städtegründungen wurde das Stadtland aus dem Königsland herausgenommen; hier war dann wirklich Erwerb von Grundeigentum möglich. Die Städtegründungen bleiben in griechischer Tradition, die die Herrscher nicht nur respektieren, sondern immer wieder implementieren. D.h. es gibt völlig verschiedene Eigentumsstrukturen und damit auch verschiedene Untertanengruppen. An eine Vereinheitlichung war überhaupt nicht gedacht. Städte wurden bis an den Indus gegründet, eine große zivilisatorische Leistung des Seleukidenreiches. Vor allem die ersten drei Seleukiden betätigten sich als Städtegründer, Seleukos I. (312-281), Antiochos I. (281-261) und Antiochos II. (261-246). Die meisten Städtenamen sind makedonisch oder nordgriechisch. Von diesen Orten im Mutterland kamen wohl die meisten neuen Einwohner, die eben zur Erinnerung an die alte Heimat den Namen mitnahmen, wie viele Europäer, die als Auswanderer in den USA ihr Glück suchten.
Es gibt vier Großstädte in Nordsyrien, das Seleukos sich als Kernland wählte: Antiochia am Orontes, Seleukeia in Pierien (am Anfang die zweitwichtigste Stadt nach Seleukeia am Tigris), Laodikeia am Meer und Apameia am mittleren Orontes, wo die Reiterei und die Kriegselefanten stationiert waren. Wir sehen also ein großes Bemühen um die Infrastruktur und Förderung des Handels. Dabei gab es sehr unterschiedliche Typen von Städten:
Alte griechische Städte an der kleinasiatischen Westküste, wie Smyrna oder Ephesos.
Neugründungen wie Seleukeia am Tigris.
Einheimische Städte, die dynastische Namen bekamen; Jerusalem heißt dann auch einmal Antiocheia.
Einheimische Städte, die völlig hellenisiert wurden, werden zu Verwaltungszentren und Garnisonen.
Selbst die Neugründungen waren mehr oder weniger makedonisch, je nachdem wie viele einheimische Orientalen die Könige dort ansiedelten.
Alle Städte hatten Beamte und die typischen Verfassungsorgane einer griechischen Stadt, Phylen, Rat, Volksversammlung, Magistrate, Demen, Stadtrecht, Finanzverwaltung sowie eine Stadtmauer.
Nach außen agierten sie frei, erließen Dekrete und schickten Gesandte hin und her, doch waren sie in Wirklichkeit ganz von den Herrschern abhängig, die in absolutistischer Manier schalteten und walteten. Dennoch pochten sie immer wieder auf ihre Befreierrolle und betonten die Freiheit der Städte, was meist lediglich Propaganda war. Die Schlagworte „Freiheit“, „Demokratie“ und „Selbständigkeit“, die immer wieder in den Dekreten auftauchen, sind austauschbar und sagen nicht mehr viel, auf alle Fälle weniger als im 5. und 4. Jh. v. Chr. Normalerweise übten die Herrscher unumschränkte Macht über die Städte aus. Nur der Grad an Abhängigkeit variierte. Wenn eine Stadt keine Steuern zahlen musste und auch keine Garnison hatte, dann war sie am besten dran. Andere Städte zahlten Steuern, hatten aber keine Garnison. Ganz arm dran waren die Städte, die tributpflichtig waren und eine Garnison beherbergen mussten. Das Verhältnis zwischen König und Stadt ist sehr komplex. Der König brauchte den goodwill der Städte, um überhaupt regieren zu können; es gibt gegenseitige Verpflichtungen und Loyalitäten. Er finanziert viel, die Städte erweisen sich im Gegenzug loyal und dankbar und errichten ihm Ehrenstatuen und richten Kulte für ihn ein. Antiochos III. bat die Städte sogar, alle seine Anordnungen zu ignorieren, falls sie mit den städtischen Gesetzen in Widerspruch stünden. Seine Anordnung wäre dann nur aus Unkenntnis der lokalen Gegebenheiten erlassen worden, nach dem Prinzip „Stadtrecht bricht Reichsrecht“. Hier sehen wir wieder, in welchem Ausmaß die hellenistische Monarchie ein Akzeptanzsystem war. Die Könige respektieren bewusst die lokale Vielfältigkeit, sie machten aus der Not eine Tugend, anders wäre der Vielvölkerstaat mit sehr disparaten Kulturen nicht zu regieren gewesen.
Da die Hellenisierung ein urbanes Phänomen war, wurde die Kluft zwischen hellenisierten Städten und dem flachen Land, wo die oben beschriebenen Katöken oder Periöken saßen, immer tiefer. Diese Bauern gehörten noch dazu meist anderen Ethnien an. Dazu kommt eine zunehmende Aristokratisierung der Reichen in den Städten, die immer reicher wurden, indem sie vom zunehmenden Handel profitierten und immer mehr Land an sich brachten. Die soziale Schere ging also auseinander. Ein dringendes Forschungsdesiderat ist die Untersuchung der Kommunikation zwischen den Königen und der Bevölkerung der Hauptstädte (ähnlich wie bei Rom zwischen Kaiser und plebs von Rom).

Das Ptolemäerreich
Ptolemaios I. wollte Ägypten zu seiner Basis ausbauen und hatte offenbar, anders als Antigonos, nie das Ziel, das Gesamtreich für sich zu gewinnen. Der Ptolemäer sah sich als Nachfolger des Pharao, Ägypten als seinen persönlichen oikos. Das Ptolemäerreich war viel einheitlicher als das Seleukidenreich, viel straffer organisiert. Eine makedonisch-griechische Oberschicht herrschte über die einheimischen Fellachen. Die griechische Bürokratie verband sich sehr erfolgreich mit pharaonischen Traditionen. Städtegründung waren kaum nötig, nur in Oberägypten, in der Thebais, gründet Ptolemaios I. Ptolemais, das Verwaltungszentrum für die Thebais wurde. Er selbst verlegt die Hauptstadt von Memphis nach Alexandria und schließt hier sehr bewusst an das Erbe Alexanders an.
Die Verwaltung war ganz auf die Generierung von Geld ausgerichtet: „Zentralismus“ und „Merkantilismus“, extreme „Planwirtschaft“ sind die besten Termini, um das wirtschaftliche Verhalten der Ptolemäer zu beschreiben. In Ägypten durften nur ptolemäische Münzen benutzt werden. Ziel war ein geschlossenes monetäres System. Es gab eine strenge Produktions- und Steuerkontrolle, um die Schatzkammern des Königs zu füllen. Die Steuerpacht wurde hier im großen Stil eingesetzt und später von den Römern übernommen (publicani, die Zöllner stehen im Neuen Testament für „Sünder“). Sie war neu in Ägypten und gegen dieses neue System der Steuerpacht regte sich auch massiver Widerstand von Seiten der Fellachen.
Verwalter des Reiches war an der Spitze der dioiketes. Das Land war in ca. 40 Gaue (nomoi) unterteilt, an der Spitze jeden Nomos´ steht der Stratege (militärischer Befehlshaber, später waren die epistrategoi fürs Militär verantwortlich; die Strategen unterstanden direkt dem König, hatten auch Aufgaben in der Rechtspflege, wurden im 2. Jh. v. Chr. zu den Häuptern der Nomos-Verwaltung und waren dann fast nur noch mit zivilen Dingen befasst) mit dem oikonomos, der für die Finanzen verantwortlich ist, und dem nomarch, der die Aufsicht über das Ackerland hat. Neben ihnen stehen der antigrapheus (ein Kollege des oikonomos) und der basilikos grammateus (verantwortlich für Registrierung und Buchführung), jeder mit einer Vielzahl von Untergebenen.
Es gab jede erdenkliche Art von Steuern, Ägypten war wohl die am besten organisierte Region der Antike.
Unter den Gauen waren die Toparchien (toparchos, topogrammateus) und darunter die Dörfer (komarchos, komogrammateus). Die unteren Ämter waren alle von Ägyptern besetzt, da sie ja mit den Fellachen in deren Muttersprache kommunizieren mussten.
Zwei Rechsordnungen waren parallel in Kraft: Es gab Gerichtshöfe für die Einheimischen und die Griechen.
Das Heer bestand aus Makedonen und Söldnern. Starke Garnisonen standen in Alexandria, Pelusion und Elephantine (Grenzen). Um die Söldner ans Land zu binden, hat man sie als Kolonisten im Fajum angesiedelt (als Kleruchen, später katoikoi genannt). Erst Ende des 3. Jahrhunderts werden auch Einheimisch aufgeboten. Sie werden selbstbewusster, so dass im 2. Jh. die Eingeborenenaufstände nicht mehr abreißen.
Diese Aufstände liegen wohl nicht in ethnischen oder gar „nationalen“ partikularen Tendenzen begründet, sondern haben meist soziökonomische Ursachen; die meisten Armen waren eben einheimische Ägypter, die meisten Reichen waren Griechen, so dass diese soziökonomischen Ursachen dann auch von ethnischen Ressentiments überlagert werden konnten.

Es gibt sechs Kategorien von Land; der König betrachtet alles Land als sein persönliches Eigentum; das machen auch die anderen hellenistischen Herrscher so.
Pachtland, das königliche Bauern (Kronbauern) bestellen; sie wirtschaften unter Aufsicht königlicher Funktionäre, meist ist dieses Land nur kurzfristig verpachtet.
Konzediertes Land, dort waren keine Abgaben an die Krone nötig, es handelte sich also um geschenktes Land an Tempel, aber auch an verdiente Einzelpersonen.
Tempelland: Priester verhalten sich wie bodensässige Adelige, ab dem 2. Jh. wurden sie immer mächtiger, konnten ihr Tempelland sogar vergrößern. Der König war immer auf den goodwill der Priester angewiesen, denn sie verkörperten die alten, indigenen Eliten, sie hatten das kulturelle Gedächtnis Ägyptens gespeichert; es war unmöglich, ohne einen Konsens mit ihnen über Ägypten zu regieren.
Kleruchenland für Reservesoldaten und Veteranen (ab 217 wurden sie als katoikoi bezeichnet). Sie mussten das Land bebauen und im Notfall auch im Heer dienen. Der Kleruch konnte seine Parzelle auch wieder verpachten, v.a. wenn er zum Kriegsdient einberufen wurde. Allmählich wurden die Landparzellen (kleroi) erblich, blieben also innerhalb der Familie. Das Kleruchenland wird also immer mehr zum Privateigentum. Auch die Kleruchen zahlen natürlich dieselben Steuern und Abgaben wie die Kronbauern. Allerdings zahlen die Kleruchen, die ja meist Griechen waren, kaum Pacht, weil sie Militärdienst leisteten; sie hatten wohl ein etwas erträglicheres Los als die Kronbauern, die Fellachen waren.
Lehnsland für hohe Würdenträger des Königs.
Privatland.
Alle Kategorien werfen reiche Erträge für den König ab; die Ptolemäer sind daher die reichste Dynastie im Osten (Landwirtschaft, Wirtschaft, Handel). Beschwerden der arbeitenden Bevölkerung an die Behörden sind überliefert: Es gab also massive Probleme und drückende Armut. Durch die Papyri gewinnen wir hier einen besseren Einblick in das Alltagsleben antiker Menschen als in jeder anderen Region der antiken Welt. Der rigorose Zentralismus interessierte sich nicht für diese Menschen, sondern nur für das Füllen der Staatskasse, so dass die kostspieligen Kriege finanziert werden konnten.

Griechenstädte: Alexandria, Naukratis, Ptolemais (in der Thebais), später Antinuopolis.
Alexandria: Die herrschende Schicht bestand aus Griechen und Makedonen. In Ägypten gab es sowieso nur wenige Städte. Alexandria wurde durch die Verlagerung der Hauptstadt durch Ptolemaios I. zur kosmopolitischen Weltstadt, einer Verwaltungszentrale und zu einem Handelsknotenpunkt, wo sich Menschen aus aller Herren Länder ansiedelten, Griechen, Makedonen, einheimische Ägypter, Juden und andere. Die Verkehrssprache war Griechisch. Alexandria wurde durch den Hof auch zum geistigen, literarischen und kulturellen Zentrum der östlichen Mittelmeerwelt. Hier konzentrierten sich die Intellektuellen, hier entstand die antike Philologie in der Auseinandersetzung mit den alten Homertexten und den Texten der athenischen Tragiker und Redner, die hier zum ersten Mal ediert und kommentiert wurden. All dies geschah im Umfeld der großen und in der Antike einzigartigen Bibliothek von Alexandria. Ptolemaios war ein Buchbesessener, er ließ jedes ankommende Schiff in Ägypten auf Bücher hin untersuchen. Wenn welche gefunden wurden, wurden sie sofort konfisziert und der Bibliothek einverleibt.
Naukratis war eine alte Griechenstadt, über die die Pharaonen mit der Mittelmeerwelt Handel trieben.
Ptolemais in Oberägypten ist die einzige ptolemäische Stadtgründung, insgesamt gab es also nur drei wirkliche griechische Städte.

Ein grundsätzliches Problem stellte das Miteinander der beiden großen Volksgruppen der einheimischen Ägypter und der zugewanderten Griechen und Makedonen dar, die immer in der Minderheit waren. Die Ägypter behielten ihre eigenen Gesetzte und Gerichte. Die Griechen gingen vor griechische Gerichte. Es ist interessant zu sehen, wie hier zwei Rechtskreise und Rechtskulturen nebeneinander bestanden.
Im Laufe der Zeit konnten Ägypter auch die Verwaltungslaufbahn einschlagen, wenn sie Griechisch konnten; es gab also eine verstärkte Integration des einheimischen Elements. Trotz Konflikten und Reibungsflächen kann man schon in einem gewissen, begrenzten Maße von einem Zusammenwachsen der Kulturen sprechen. Die Inschriften zeigen auch, dass verstärkt griechische und ägyptische Götter gleichgesetzt wurden, also eine interpretatio graeca stattfand. Nun kam es auch verstärkt zu Mischehen, die aber eher begrenzt auf die Unterschichten blieben. Die Oberschichtgriechen hielten sich nach wie vor von Ägypterinnen fern. Kleopatra VII., die letzte ptolemäische Herrscherin, war eine große Ausnahme: Sie war die erste Ptolemäerin, die die einheimische Sprache beherrschte, was nicht verwundert, da sie angeblich neun Sprachen gesprochen haben soll.

Schon früh gab es massive Auflösungstendenzen. Die Korruption blühte, und die einheimische Bevölkerung lehnte den makedonischen Zwangsapparat immer ab. Die Könige verloren immer mehr Macht an die Priester und an lokale strongmen, die den Armen Schutz geben konnten. Der Untergang hat viele Gründe:
Eine verfehlte Außenpolitik mit ständigen Kriegen und, damit verbunden, katastrophalen ökonomischen Folgen.
Zu wenige auswärtige Märkte, der Staatsdirigismus war eine große Fessel für die Wirtschaft.
Innere Unruhen und Bürgerkriege, wie der Abfall von Oberägypten und die Unruhen im Delta. Es handelte sich nicht nur um ethnische Konflikte, sondern sie wurden immer auch von sozio-kulturellen Konflikten überlagert.
Eine repressive Regierung, die auch aus einem kulturellen Überlegenheitsgefühl heraus die Mehrheit der Bevölkerung beinahe in einen Hörigenstatus hinabdrückte.
Korrupte Beamte.
Inflation.

Mit dem Selbstmord Kleopatras nach der Schlacht von Actium (31 v. Chr.) und der Einverleibung Ägyptens in das römische Reich durch Octavian war die Geschichte des letzten hellenistischen Teilreiches beendet.

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03 – Die Antigoniden und die Bünde

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Griechische Geschichte III: Der Hellenismus

03 – Die Antigoniden und die Bünde

Im Gegensatz zum Reich der Ptolemäer und v.a. zum Seleukidenreich, ist das Reich der Antigoniden ethnisch einheitlich. Von 276, also von Antigonos II. Gonatas, bis 168 v. Chr. wird Makedonien von der Antigonidendynastie regiert. Die Feudalstruktur, die die Argeaden geschaffen hatten, lebte fort. Nach wie vor waren die vielen kleinen Landbesitzer wichtig, die als Pezhetairen in der Landwirtschaft eingesetzt wurden und die in der makedonischen Heeresversammlung gewisse Mitspracherechte hatten. Diese makedonische Heeresversammlung ist eine Art Volksversammlung. Wie oft sie einberufen wurde, wissen wir nicht, es sind auch keine Dekrete epigraphisch erhalten, was wohl kein Zufall ist.
Das Heer bestimmt theoretisch den neuen König. Und jeder König war seinerseits auf den goodwill des Heeres angewiesen, das auch über Fälle von Hochverrat richtet. Die philoi, die Freunde des Königs, rekrutierten sich anders als bei den Seleukiden und Ptolemäern nicht aus den fähigen Leuten der ganzen griechischen Welt, sondern ausschließlich aus dem einheimischen Adel. Manchmal erwähnen Inschriften ein koinon der Makedonen, also einen Bund, aber der war nur schwach ausgeprägt. Der makedonische König regierte autoritär. Der König schloss Verträge allein. Erwähnenswert ist auch, dass die Makedonen niemals einen Herrscherkult für einen ihrer Könige einrichteten.
316 gründete Kassander Kassandreia auf der Halbinsel Pallene am Ort des alten Poteidaia, das von Philipp II. zerstört worden war, sowie Thessaloniki. Kassandreia hat einen Rat, Thessaloniki einen Rat und eine Volksversammlung, hier werden also die Polisstrukturen des Südens nachgeahmt. Dennoch kontrollieren königliche Vorsteher, epistatai, alles im Namen des Königs, wobei Finanzbeamte ihnen dabei halfen. Die Städte übten aber eine lokale Selbstverwaltung aus, hatten eigene Geldmittel und konnten das Bürgerrecht ihrer Stadt an andere Makedonen verleihen. Die Zentralverwaltung spielte bei den Antigoniden eine weniger wichtige Rolle als bei den Ptolemäern und Seleukiden. Die obersten Magistrate rekrutierten sich nicht aus dem Verwaltungsapparat. D.h. es gab keinen Aufstieg in die Spitzenämter. Diese blieben den philoi, den Freunden des Königs vorbehalten, der seine Getreuen damit auszeichnete. Er konnte sie aber natürlich auch jederzeit wieder absetzen.
Den Antigoniden gelang es nicht, die Außenbesitzungen mit dem Mutterland zu verschmelzen. Die Griechen empfanden die makedonische Suprematie immer als Zwangsherrschaft. 196 war sie mit der Freiheitsdeklamation des Titus Quinctius Flamininus zu Ende, dennoch blieb das makedonische Volksheer ein wichtiger Machtfaktor bis zum Untergang Makedoniens in der Schlacht von Pydna 168 v. Chr.
Eine Betrachtung der Wirtschaft Makedoniens muss bei Philipp II. ansetzen. Er unternahm gewaltige Anstrengungen, um die Infrastruktur zu verbessern. Er machte aus den Makedonen erst Bauern und auch Städter. Er integrierte Thraker, Skythen und Illyrer, er ließ Dämme bauen und viele Gebiete entwässern und roden. Allerdings stellten die Abwanderung großer Bevölkerungsteile in den Orient und die ständigen Kriege einen gewaltigen Aderlass für Makedonien dar. Unter Antigonos Gonatas kam es zu einem gewissen, bescheidenem Wohlstand. Als Philipp V. jedoch im Zweiten Makedonischen Krieg gegen die Römer verlor, musste er 1000 Talente Reparationszahlungen leisten, was ihn zwang, neue Geldquellen zu erschließen: Er führte die Bodensteuer ein, Hafenzölle, legte mehr Bergwerke an und siedelte Thraker an, also eine ganz ähnliche Politik, wie sie Philipp II. betrieben hatte. Perseus setzte dann die Politik seines Vaters fort. Die Urbanisierung schritt rasch voran, was die Archäologie belegt. Zwischen 200 und 150 wird Demetrias in Thessalien eine blühende Hafenstadt. Sie war 293 von Demetrios I. gegründet worden und genoss daher immer das besondere Wohlwollen der Antigoniden. Der Königsplast dort ist auch archäologisch gut belegt. Abgesehen von Haussklaven scheint die Sklaverei in Makedonien nicht sehr verbreitet gewesen zu sein. Makedonien war niemals so reich wie Ägypten oder das Seleukidenreich.
Makedoniens Verhältnis zum südlichen Griechenland war immer komplex. Einerseits war es Bollwerk gegen die Balkanvölker im Norden, ein Schutzschild für die im Süden lebenden Griechen. Andererseits war das südliche Griechenland für die Makedonen das Tor zur Welt. Man wollte es von den Ätolern, Ptolemäern und auch vom Einfluss Pergamons freihalten. Nach wie vor war im südlichen Griechenland umstritten, wie man sich zu Makedonien stellen sollte, mit Makedonien gegen die eigenen Nachbarn oder mit den Nachbarn gegen die Makedonen. Die Geschichte des 3. und 2. Jahrunderts zeigt, dass diese Grundsatzfrage nicht gelöst war, Demosthenes und seine Gegner fanden Nachfolger in der hellenistischen Zeit!
Die makedonische Oberhoheit wurde immer wieder von verschiedenen Völkern als etwas Fremdartiges und als von außen aufoktroyiert empfunden. Nach dem Chremonideischen Krieg, den ein Bündnis der südlichen Griechen gegen die Makedonen verloren hatte, formierte sich die Opposition in Gestalt des Achäischen Bundes, der einen Tyrann nach dem anderen vertrieb; ab dem 3. Jh. wurde dieser Bund so stark wie der Ätolerbund in Mittelgriechenland. Antigonos hatte nicht die Mittel, die Tyrannen von seinen Gnaden zu schützen. Ab 239 war der Ätolische Bund mit dem Achäischen Bund gegen Makedonien verbündet, eine sehr mächtige Koalition. Als Demetrios II. (239-229) starb, war sein Sohn Philipp erst acht Jahre alt, Makedonien damit in großen Schwierigkeiten. Die Granden Makedoniens wählen in dieser prekären Situation Antigonos III. Doson zum König, der machtvoll wieder viel wettmachen kann. Er hatte das große Glück, dass ein neuer König in Sparta, Kleomenes III., eine soziale Revolution anzetteln und massiv auf der Peloponnes auf Kosten des Achäischen Bündes expandieren wollte. Dies konnte Aratos nicht zulassen. Er fühlte sich von Kleomenes stärker bedroht als von Makedonien und vollzog nun eine in den Augen vieler Zeitgenossen schändliche Kehrtwendung seiner bisherigen Politik: Er rief nun die Makedonen, die er zeit seines Lebens bekämpft hatte, auf die Peloponnes, um gegen die spartanischen Expansionsgelüste vorzugehen.
224 v. Chr. war Antigonos Doson wieder Herr über Korinth. Er starb 221, Nachfolger wurde nun Philipp V., den er sozusagen vertreten hatte. Philipp V. kehrt nun zur alten Bündnispolitik seiner Vorfahren zurück; nun aber schließt er Bündnisse mit Konföderationen, nicht mehr nur Stadtstaaten. Eine neue Symmachie geht er ein mit Achaiern, Thessalern, Epiroten, Akarnaniern, Boiotern und Phokern. Die Entscheidungen mussten von allen Mitgliedsstaaten gebilligt werden, das ist bereits ein Gründungsfehler, denn damit war diese Symmachie immer kraftlos. Zwar war das ein Verzicht auf das Tyrannensystem des Antigonos Gonatas, aber eben nur ein schwacher Kompromiss zwischen dem Freiheitsdenken der Griechen und dem Kontrollwunsch der Makedonen.
Die Symmachie schaffte es, den Ätolischen Bund zu umzingeln, führte dann jedoch einen ergebnislosen Krieg gegen ihn 220-217. Philipps Niederlage gegen die Römer in der Schlacht von Kynoskephalai 197 warf ihn dann ganz auf Makedonien zurück. Philipp begreift die Zeitläufte und kämpft dann auf Seiten Roms gegen Antiochos III., so dass er einige Gebiete in Thessalien inklusive Demetrias wieder zurückgewinnen kann, allerdings nehmen ihm die Römer diese Gebiete nach und nach wieder ab. Im Dritten Makedonischen Krieg zwischen Perseus und den Römern endet in der Schlacht von Pydna 168 v. Chr. das Reich der Antigoniden als erstes der drei hellenistischen Großreiche.
Die Bünde waren schon mehrmals angesprochen worden, auf sie gilt es jetzt näher einzugehen. Die Bünde sind eine Form des Föderalismus, mehrere Städte schließen sich zu einem größeren Bund zusammen und übertragen einige ihrer Rechte an diesen Bund. Die wichtigsten Bünde der hellenistischen Zeit sind der Ätolische und der Achäische Bund. Ziel war es, ein Gegengewicht zu den Monarchien zu bilden. Den Teilnehmern war klar, dass sie als einzelne Poleis nur noch schwach waren. Der Ätolische Bund ist seit 367, der Achäische seit 280 v. Chr. bezeugt. Es gibt ein Bundesbürgerrecht und daneben natürlich immer noch das Bürgerrecht der Heimatpolis, d.h. Grunderwerb ist auch woanders möglich, auch Eheschließungen sind möglich.
Es gibt aktives und passives Wahlrecht im ganzen Bund, dennoch bildet sich keine Zentralgewalt aus, keine richtige Hauptstadt. Auf die Bedeutung der Zentralorte werden wir gleich noch eingehen. Es gibt immer eine Bundesversammlung als Primärversammlung, wo die Teilnehmer direkt mitreden konnten, abgestimmt wird aber korporativ, also nach Mitgliedsstaaten. Durch die Abtretung der Außenpolitik an den Bund kann man durchaus von Bundesstaaten sprechen. Der Ort der Primärversammlung wechselte. Es gab dann immer auch einen Bundesrat (Synhedrion, Boule, Mitglieder unterlagen keinem Kontinuations- oder Iterationsverbot, hier sind oligarchische Strukturen deutlich) und Bundesmagistraten, proportional aus den Mitgliedsstaaten zusammengesetzt. Die Magistraturen werden jedes Jahr neu besetzt. Der Bundesrat als Repräsentativorgan (proportional aus den Mitgliedspoleis zusammengesetzt) wurde im Verhältnis zur Bundesversammlung immer wichtiger.
Im Achäischen Bund gab es eine Verlagerung der Kompetenzen nach oben: Alle Bundesbeschlüsse inklusive Gesetzgebung, außer der Entscheidung über Krieg und Frieden, wurden von der Bundesversammlung an den Bundesrat delegiert. In allen Bünden werden die Räte (und Magistrate) gestärkt auf Kosten der Primärversammlungen, das ist ein Trend hin zur Oligarchisierung und Aristokratisierung der Politik.
Aus Zeitgründen können wir hier nur etwas näher auf den Achäischen Bund eingehen. Die Städte an der Nordküste der Peloponnes bildeten schon früh einen Verbund, der aber unter Alexander zerfiel. Um 280 kam es zur Neugründung. Eine prägende Gestalt wurde Arat von Sikyon, der 251 den Tyrann aus seiner Heimatstadt vertrieb und sie an den Bund anschloss. 243 luchste man Antigonos Gonatas Korinth ab. Und weil Arat eine sehr dynamische Politik betrieb, wurden auch andere Staaten am Isthmos und Arkadien und Argos zu Mitgliedern. Dann aber wurde der Bund vom Spartanerkönig Kleomnes III. bedroht, weswegen Arat den höchst umstrittenen Seitenwechsel hin zu Makedonien vollzog.
Damit war der Achäische Bund von 224 bis 199 eigentlich unter der Kontrolle Makedoniens und nahm auch am Ersten Römisch-Makedonischen Krieg gegen Rom teil. Beim Ausbruch des Zweiten Römisch-Makedonischen Krieges stand der Bund klugerweise dann auf Seiten Roms und erhielt von Rom die Erlaubnis, alle Staaten der Peloponnesischen in den Achäischen Bund aufzunehmen. Dann gab es aber Streit mit den Römern um Sparta. Einem Ultimatum von Seiten Roms folgte 147 ein kurzer Vernichtungskrieg. Korinth wurde von den Römern zerstört, der Bund aufgelöst. Polybios, der in Megalopolis in Arkadien aufgewachsen war und treu in den Diensten des Bundes gestanden hatte, stand ihm natürlich sehr wohlwollend gegenüber und schildert uns in seinem großen Geschichtswerk die Ideale des Bundes in geradezu enkomiastischer Weise.
Noch einige Charakteristika des Bundes: Ab 255 gab es einen gemeinsamen Feldherrn sowie gemeinsame Beamte, ab 190 gab es gemeinsame Bundesmünzen. Die Kompetenzen der Bundesversammlung, die viermal im Jahr zusammenkam, sind umstritten. Auch eine Boule für Männer ab dreißig Jahren gab es. Zu den Vollversammlungen hatten alle erwachsenen Männer Zutritt. Die Magistrate kamen allerdings aus wenigen Familien und auch aus wenigen Städten, hier ist also ein gewisser oligarchischer Zug erkennbar. Wichtige Fragen der Außenpolitik, v.a. zum Verhältnis mit Rom, wurden auf Sondervollversammlungen diskutiert. Mehr als hundert Jahre lang war der Achäische Bund also bedeutsam für die Geschichte Griechenlands.
Neben dem Achäischen und dem Ätolischen Bund gab es aber noch andere Bünde, die z.T. wesentlich älter waren:
447 Böotischer Bund; seine Verfassung ist beschrieben in der Hellenika von Oxyrhynchos,
spätes 5./frühes 4. Jh: Chalikidischer Städtebund und
nach 371 Arkadischer Bund (koinon).
Wichtig sind auch noch der Nesiotenbund (meist unter ptolemäischem Protektorat), der Euböische Bund sowie der Lykische Bund in Kleinasien, aus 23 Poleis bestehend.
Die Tendenz, sich zu Bundesstaaten zusammenzuschließen, deutet gerade nicht auf einen Niedergang der Pols hin, die Polis blieb ja unterste Organisationseinheit, sondern auf den Realitätssinn, sich zu größeren Entitäten zusammenschließen zu müssen, um den Monarchien ein Gegengewicht entgegensetzen zu können. Gerade die steigende Urbanisierung förderte den bundesstaatlichen Prozess. Die Stammesstrukturen wandelten sich um in Polisstrukturen. Nun entstehen auch in Stammesgebieten städtische Zentren mit urbanem Stadtbild (Gymnasien, Agorai, Säulenhallen, Verwaltungsgebäuden, Tempeln, Theatern usw. das, was wir als griechische Polis bezeichnen).
Die Balance zwischen Bundesebene, also der Zentralgewalt, und den Mitgliedspoleis, musste immer wieder neu austariert werden; die Lösung sah in den verschiedenen Bünden immer ein wenig anders aus, aber es gibt feste Grundprinzipien, die überall in Geltung waren: Alle Mitgliedspoleis waren grundsätzlich gleichgestellt. Die Zentralgewalt durfte nicht zu stark werden und die Polisebene dominieren. Oft wurde die Bundeshauptstadt gerade nicht der Hauptort einer Gegend. Die Arkader lösten das Problem ganz radikal, indem sie Megalopolis als Hauptstadt des Arkadischen Bundes ganz neu gründeten, das Konzept scheiterte aber. Aigion wird Hauptort des Achäischen Bundes, Thermon mit seinem Apollon Heiligtum zum Hauptort des Ätolischen Bundes. Onchestos wird Hauptort des Böotischen Bundes und eben nicht Theben (nach 338). Bundesversammlungen finden manchmal auch in wechselnden Städten statt.
Diese Form des Föderalismus durch die Bünde war eine interessante Entwicklung, die die Vereinzelung der individuellen Polis aufhob und sich wesentlich durch ihre viel demokratischeren Strukturen von den hellenistischen Monarchien unterschied. Leider scheiterten diese Bünde letztlich an Rom, so dass sie keine eigentliche Wirkmächtigkeit entfalten konnten.

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02 – Grundzüge der Ereignisgeschichte bis ca. 200 v. Chr.

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Werner Rieß
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Griechische Geschichte III: Der Hellenismus

02 – Grundzüge der Ereignisgeschichte bis ca. 200 v. Chr.

Alexander der Große hatte bei seinem Tode die Nachfolge nicht geregelt. Viele fühlten sich berufen das Erbe anzutreten, so dass heftige Kriege, die sogenannten sechs Diadochenkriege die Folge waren. „Diadochos“ heißt Nachfolger. Es ist in der Kürze einer Podcast-Aufnahme nicht möglich, die komplizierte Ereignisgeschichte von 323 bis ca. 200 v. Chr. nachzuzeichnen, weswegen ich mich nur auf die groben Züge beschränken werde.
In den Diadochenkriegen geht die Reichseinheit verloren, allmählich bilden sich die drei großen Territorialreiche der Antigoniden in Makedonien und Griechenland, das Reich der Ptolemäer in Ägypten und das Reich der Seleukiden in Kleinasien und im Vorderen Orient aus. Wichtig ist, dass die hellenistischen Könige ihre Herrschaft als rein personal verstanden, es war ein Heerkönigtum, das man ständig gegen die Konkurrenten verteidigen bzw. gegen sie erweitern musste. Die Krone wurde auf dem Schlachtfeld gewonnen; die Fähigkeit ein Heer zu führen, musste ständig unter Beweis gestellt werden. Diese Ausgangssituation war in gewisser Hinsicht ein Fehler im System, der Kriege immer wieder „notwendig“ machte. Kriege gehörten also intrinsisch zu diesem System.
Man versteht die raschen Koalitionswechsel der hellenistischen Geschichte, wenn man sich vor Augen hält, dass kein Herrscher stark genug war, die anderen zu überwinden. Und: Sobald ein König übermächtig zu werden drohte, verbündeten sich die anderen gegen ihn. Damit entstand allmählich ein gewisses Gleichgewicht der Mächte, wenn auch ein stets fragiles. Immer wieder traten auch charismatische Herrscher auf, die aufgrund ihrer Energie, ihrer weit gespannten Ambitionen, ihrer Skrupellosigkeit, diplomatischen Raffinesse und militärischen Kunst die Kräfteverhältnisse eine Zeit lang zu ihren Gunsten beeinflussen konnten und die Welt durch ihren rastlosen Tatendrang in Atem hielten. Zu diesen berühmten Herrschern zählt der Antigonide Demetrios Poliorketes, der eine Zeit lang sogar ohne Reich als eine Art freier Satellit die Ägäiswelt beunruhigte, aber immer wieder zu Macht und Einfluss kam. Bedeutende Gestalten sind auch Antigonos Gonatas, der ca. 40 Jahre lang als gebildetster Herrscher seiner Zeit die Geschichte Makedoniens gestaltete, Ptolemaios III. von Ägypten und natürlich der Seleukide Antiochos III., der Große.
Am Ende des 3. Jahrhunderts geriet die hellenistische Außenwelt immer mehr ins außenpolitische Fahrwasser Roms, das die Spielregeln der Politik rasch zu seinen Gunsten veränderte. Am Ende sollte Rom alle hellenistischen Dynastien vernichten und die riesigen Landmassen des Ostens seinem Imperium Romanum einverleiben.
Von den sechs Diadochenkriegen um das Erbe Alexanders war schon die Rede. Syrien war stets ein Zankapfel zwischen dem Ptolemäer- und dem Seleukidenreich. Dieser nicht enden wollende Territorialstreit löste insgesamt sechs Syrische Kriege aus. Drei makedonisch-römische Kriege besiegelten schließlich 168 v. Chr. in der Schlacht von Pydna das Ende der Antigonidendynastie, indem der Makedonenkönig Perseus vernichtend geschlagen wurde. Rom rang dann noch in drei Kriegen gegen Mithridates von Pontos auch diesen Herrscher nieder.
Nun zu den allerwichtigsten Ereignissen, die die Geschichte des Hellenismus entscheidend beeinflussten: Im Lamischen Krieg 323/2 versuchten die Athener noch einmal erfolglos, die makedonische Oberhoheit abzuschütteln. Der Versuch misslang: Das Jahr 322 markiert das Ende der athenischen Demokratie. 321/0 kam es zu den Regelungen von Triparadeisos, die die Interessenssphären der führenden Männer absteckten. 317 wird Philipp III. Arrhidaios, der geisteskranke Halbbruder Alexanders ermordet. Der gebildete Demetrios von Phaleron wird makedonischer Statthalter in Athen. Unter ihm erlebt die Stadt bis zu seiner Absetzung 307 durch Demetrios Poliorketes eine Nachblüte. Menander soll mit ihm befreundet gewesen sein. 316 tötet Kassander Alexanders Mutter Olympias, gründet Kassandreia und Thessaloniki.
Der dritte Diadochenkrieg endet 311 im sogenannten Diadochenfrieden, in dem sich die Diadochen gegenseitig als Herrscher anerkennen. Damit ist die Reichseinheit endgültig begraben. 313 verlegt Ptolemaios die Hauptstadt Ägyptens von Memphis nach Alexandria. Da er die mumifizierte Leiche Alexanders an sich bringen und in Alexandria ausstellen kann, beansprucht er für seine Herrschaft ein ganz besonderes Prestige. Nach weiteren Kämpfen erklären sich 306/5 alle Diadochen zu Königen, keiner wollte hinter dem anderen zurückstehen, man spricht vom Jahr der Könige. 305/4 belagert Demetrios, der Sohn des Antigonos Monophthalmos, Rhodos erfolglos, woraufhin er den Spitznamen „Poliorketes“ erhält, der Städtebelagerer.
In der berühmten Schlacht von Ipsos 301 kämpfen Lysimachos und Seleukos (Ptolemaios nominell auch, doch er hält sich im Hintergrund) gegen Antigonos Monophthalmos und seinen Sohn Demetrios Poliorketes. Antigonos fällt achtzigjährig im Kampf, Demetrios muss fliehen und verliert erst einmal seine Herrschaft. Die großen Gewinner sind Lysimachos und Seleukos. 283 stirbt Ptolemaios I., ebenso Demetrios in der Gefangenschaft des Seleukos. Dieser geht nun gegen seinen Rivalen Lysimachos vor. In der Schlacht von Kurupedion 281 siegt Seleukos, Lysimachos findet den Tod. Seleukos kann sich jedoch seines Kriegsglücks nicht lange erfreuen, er wird schon kurz später ermordet. Sein Sohn Antiochos I. Soter ist nun alleiniger König im Seleukidenreich.
Antigonos II. Gonatas besiegt bei Lysimacheia die Kelten, die von Norden eingefallen waren. Er wird 272 König von Makedonien und wird jahrzehntelang die Großmachtpolitik prägen. Auch Antiochos siegt über die Kelten in Kleinasien (275), muss jedoch viele von ihnen im Inneren Kleinasiens ansiedeln, hier liegen die Anfänge des Galaterreiches. Ab 274 kämpfen Ptolemäer und Seleukiden in sechs Syrischen Kriegen um Syrien.
Im sogenannten Chremonideischen Krieg versuchen Athen und Sparta mit Hilfe des Ptolemaios II. noch einmal, die makedonische Oberhoheit loszuwerden, sie verlieren jedoch gegen Antigonos II. Gonatas, der Athen sogar erobert, vielleicht 261. Vergessen wir nicht, dass Rom zu dieser Zeit im Ersten Punischen Krieg gegen die Karthager steht.
Im Jahre 251 befreit Aratos von Sikyon seine Heimatstadt von den Makedonen und schließt sie dem Achäischen Bund an, der unter seiner Führung zu einem gewichtigen Machtfaktor in Mittel- und Südgriechenland wird. Schon 243 erobert Arat Korinth von den Makedonen, die Antigoniden verlieren in Folge die Kontrolle über viele Städte in Mittelgriechenland. 239 folgt Demetrios II. von Makedonien Antigonos II. Gonatas nach. Sogleich bricht der sogenannte Demetrios-Krieg aus, Makedonien gegen den Achäerbund, der sich 10 Jahre bis 229 hinzieht.
In Kleinasien erringt Attalos I. von Pergamon in Kämpfen gegen die Kelten und den Seleukiden Antiochos Hierax allmählich die Herrschaft über einen großen Teil Kleinasiens. 227 führt Kleomenes III. von Sparta eine Art Staatstreich durch. Sparta träumt noch einmal den Traum von der Großmacht. Die Achäer fühlen sich dadurch so unter Druck, dass sie eine außenpolitische Kehrtwendung vollziehen und sich mit den Makedonen verständigen (225/4). Antigonos III. Doson wird somit zum Oberbefehlshaber eines gesamtgriechischen Heeres, er initiiert wieder einmal einen Hellenenbund und besiegt Sparta 222 in der Schlacht von Sellasia.
Ein Jahr zuvor hatte Antiochos III. die Herrschaft im Seleukidenreich angetreten, ein äußerst fähiger und dynamischer Herrscher, der bedeutende Territorialgewinne für das Seleukidenreich erringt.
Das Bündnis zwischen Philipp V. von Makedonien mit Hannibal führt 215 zum ersten Römisch-Makedonischen Krieg, den Rom parallel zum Zweiten Punischen Krieg führt, der sich ja überwiegend in Italien abspielte. Während Philipp V. also Richtung Westen gebunden ist, kann sich Antiochos III. in seiner berühmten Anabasis nach Osten wenden und in den Jahren 212-204 verloren gegangene Gebiete im Osten zurückerobern, was jedoch nur von befristetem Erfolg war. Zurück im Westen setzt sich Antiochos in den Besitz der Territorien von Pergamon und verbündet sich, offenbar in einem Geheimvertrag, mit Philipp V. gegen Ägypten. Während Philipp in der Ägäis gegen die Ptolemäer agiert, führt Antiochos III. einen fünften Syrischen Krieg gegen Ptolemaios V. Er siegt im Jahre 200 am Paneion und erobert auch Koilesyrien, aber auch Ägypten kann Teile Syriens gewinnen.
Im zweiten Römisch-Makedonischen Krieg fällt Philipp in Attika ein, das von den Römern und den Attaliden verteidigt wird. Man merkt jetzt, wie sich Rom allmählich in die Auseinandersetzungen der hellenistischen Welt einmischt. Der römische Sieg über Philipp 197 bei Kynoskephalai bedeutet das Ende der makedonischen Vorherrschaft in Griechenland. Ein Jahr später übernimmt der römische Feldherr Titus Quinctius Flamininus die propagandistische Rhetorik der hellenistischen Könige und verkündet die Freiheit der griechischen Städte am Isthmos von Korinth. Philipp hält sich in der Folgezeit zurück und konzentriert sich auf den Wiederaufbau Makedoniens. Um diese Zeit festigt Antiochos III. seine Machtbasis in Kleinasien, indem er ehemals ptolemäische Territorien gewinnt, Karien, Lykien und Kilikien. Der Achäische Bund unter der Führung des Philopoimen besiegt Sparta und zwingt die traditionsreiche Polis in den Achäischen Bund. Die Souveränität Spartas ist hier zu Ende, 188 wird die alte Verfassung Spartas abgeschafft!
Auch weiter im Osten zeichnen sich große Kräfteverschiebungen ab. Antiochos verliert gegen Rom 191 an den Thermopylen und 189 bei Magnesia am Berg Sipylos, 188 sieht er sich gezwungen, mit den Römern den Frieden von Apameia zu schließen: Er verliert Kleinasien; Pergamon und Rhodos werden von Rom als Mittelmächte aufgebaut. In Makedonien folgt 179 Perseus auf Philipp V. Er ist beliebt, charismatisch, und die Griechen sehen in ihm einen Hoffnungsträger gegen Rom. Rom reagiert neurotisch und sieht sich unbegründeterweise vom neuen Makedonenkönig bedroht. Im dritten Römisch-Makedonischen Krieg, dem sogenannten Perseus-Krieg, besiegt Lucius Aemilius Paullus Perseus in der Schlacht von Pydna 168 v. Chr. Dieser römische Sieg besiegelt das Ende der Antigonidenherrschaft. Das erste hellenistische Teilreich ist damit gefallen. Makedonien wird in vier Teile zerschlagen, achäische Geiseln, unter ihnen Polybios, werden nach Rom deportiert. In Epirus hinterlassen die Römer eine Einöde, es kommt zu Massenversklavungen. Wie sehr sich die Kräfteverhältnisse geändert hatten, zeigt ein Vorfall ganz symptomatisch: Im sechsten Syrischen Krieg war Antiochos IV. Epiphanes in Ägypten eingefallen. Bei Eleusis in Ägypten traf der hellenistische Herrscher auf den römischen Bevollmächtigten, Quintus Popilius Laenas, der von Antiochos IV. die sofortige Räumung Ägyptens verlangte. Als dieser sich Bedenkzeit ausbat, zog Laenas mit einem Stock einen Kreis um Antiochos. Er müsse sich entscheiden, bevor er den Kreis verlasse. Antiochos verstand, was dies bedeutete und willigte in dieses demütigende Ultimatum ein. Noch nie zuvor war ein hellenistischer Herrscher, der sich in der Nachfolge Alexanders als Beherrscher des Seleukidenreiches bis weit in den Osten hinein sah, so schimpflich von einer auswärtigen Macht behandelt worden. So konnte Rom also mit den hellenistischen Königen umspringen! Der Prestige- und Gesichtsverlust für Antiochos IV. war immens. Nicht nur durch den Makkabäeraufstand in Judäa gegen Antiochos, auf den hier nicht weiter eingegangen werden kann, desintegrierte das Seleukidenreich in der Folge immer mehr. Auch im Ptolemäerreich kam es immer häufiger zu Thronstreitigkeiten und damit zu einer zunehmenden Labilität der Herrschaft. Die Endphase der hellenistischen Teilreiche war eingeleitet.

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01 – Alexander der Große

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Werner Rieß
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Griechische Geschichte III: Der Hellenismus

01 – Alexander der Große

Alexander der Große war schon in der Antike eine hochumstrittene Figur und ist es noch heute in der Forschung. Im Folgenden möchte ich nur kurz auf die Ereignisgeschichte eingehen. Stattdessen rücke ich zwei Fragenkomplexe in den Mittelpunkt der heutigen Betrachtungen, die uns eine Annäherung an diese enigmatische Figur erleichtern sollen. Zum einen betrifft dies die alte Frage, ab welchem Zeitpunkt Alexander die Weltherrschaft ins Auge gefasst hat. Hier werde ich zwischen Maximalisten und Minimalisten einen vermittelnden Standpunkt einnehmen.
Die zweite Frage wurde in den letzten Jahren von Hans-Joachim Gehrke angestoßen, der Alexanders Handlungen aus einer ritualtheoretischen Perspektive deutet, ein sehr fruchtbarer Ansatz, wie ich meine. Innerhalb dieses Problemkreises weist Gehrke zu Recht auf die Neigung Alexanders hin, immer wieder Grenzen zu überschreiten. Die Sehnsucht (griechisch: pothos) nach überragenden, ja übermenschlichen Leistungen bestimmte in ganz essentieller Weise Alexanders Denken und Handeln. Diesen Gedankengang möchte ich hier ein wenig weiterverfolgen.
Die Grundlagen für Alexanders Erfolg hat sein Vater Philipp II. von Makedonien gelegt. Philipp hinterließ Alexander ein relativ stabiles Makedonien mit einer für damalige Verhältnisse modernen Infrastruktur. Philipp konnte den makedonischen Adel domestizieren, äußere Feinde dauerhaft abwehren, die Armee reformieren und bedeutende Territorialgewinne erzielen. Als Lehrer und Erzieher für seinen Sohn Alexander holte er den Philosophen Aristoteles an seinen Hof, mit dem Alexander v.a. die Ilias, die drei großen attischen Tragiker, Herodot und Pindar las, Bildungsanregungen, die für den jungen Alexander prägend werden sollten. Von Aristoteles stammt auch Alexanders Interesse an Geographie und Botanik, Wissensgebiete, die Alexander während seines Zuges nach Osten von mitgeführten Wissenschaftlern erweitern ließ.
Alexander trat erstmals in der Schlacht von Chaironeia (338), damals war er erst 18 Jahre alt, aus dem Schatten seines Vaters heraus. Als Befehlshaber der Reiterei rieb er die Elitetruppe der Thebaner, die Heilige Schaar der Dreihundert auf. Nach Gründung des Korinthischen Bundes durch Philipp gab dieser die neue Stoßrichtung für eine aggressive Außenpolitik vor, nämlich die Invasion Persiens, ein Vorhaben, das auch dazu dienen sollte, die Griechen nach Innen zu vereinen. Kurz vor dem Übersetzen nach Kleinasien wurde Philipp bei einer Hochzeitsfeier 336 v. Chr. in aller Öffentlichkeit ermordet. Die Drahtzieher des Attentates sind bis heute nicht bekannt, Philipp hatte viele Feinde und musste um sein Lebens stets fürchten, doch ist nicht von der Hand zu weisen, dass Alexander und seine Mutter Olympias handfeste Motive hatten, um Philipp zu beseitigen. Philipp hatte kurz vorher eine Makedonin geheiratet, eine Tochter des Attalos, während Olympias Epirotin war. Ein Sohn aus dieser neuen Ehe hätte Alexanders Herrschaftsanspruch untergraben können. Noch wichtiger scheint mir aber, dass Alexander den geplanten Feldzug nach Asien selbst leiten wollte, von Anfang an, und nicht weiter gewillt war, im Schatten seines Vaters zu stehen. Ich behaupte hier nicht, dass Alexander und seine Mutter hinter dem Attentat standen, doch spielte der Tod Phillips Alexander zu einem sehr günstigen Zeitpunkt in die Hände.
Alexander eröffnet 334 v. Chr. den Feldzug mit einer hochsymbolischen Handlung: Bevor er als erster vom Schiff ans Land springt, schleudert er seinen Speer an die Küste Kleinasiens und markiert so das Land von vornherein als speererworben. Damit erhebt er einen Besitzanspruch. Die Kriegsziele sind zu diesem Zeitpunkt für uns noch völlig unklar. Die persische Armee erwartet Alexander schon am Fluss Granikos, östlich der Troas. Die Perser wählen den Ort günstig, dort wo sich ihre Reiterei am besten entfalten kann. Trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit erringt Alexander hier in einer Reiterschlacht einen ersten fulminanten Sieg. Durch sein unstrategisches, ja hochriskantes Verhalten (er griff sofort den stärksten Punkt der Gegner persönlich an) hatte er sein Leben gefährdet, aber gerade dadurch enormen Ruhm erworben. Alexander verkündet nun die Freiheit der Griechenstädte an der kleinasiatischen Küste, die seit dem Königsfrieden 386 v. Chr. fest in das Perserreich integriert waren. Alexander marschiert weiter nach Osten, überquert den Taurus und will sich die südkilikischen Hafenstädte sichern. Der Großkönig Dareios muss Alexander nun persönlich entgegentreten. Er massiert seine Truppen in günstigem Gelände, bei Issos, das bis heute nicht sicher identifiziert ist.
Wieder attackiert Alexander sofort das Zentrum, den gut abgeschirmten Dareios. Dieser ist von dieser Aktion so geschockt, dass er in Panik gerät und flieht. Damit war nun auch diese Schlacht für Alexander gewonnen, eine ungeheure Schmach für den Großkönig, der Feigheit zeigte und noch dazu infolge der Schlacht seinen ganzen Tross inklusive seines Harems verlor (bei Damaskus), in dem sich auch seine Hauptfrau befand. Alle phönizischen Küstenstädte öffnen Alexander die Tore bis auf Tyros und Gaza, die von ihm erobert und grausam bestraft werden. Anstatt nun weiter nach Osten zu ziehen und dem Großkönig auf den Fersen zu bleiben, geht Alexander nach Ägypten. Er gründet dort Alexandria, das als Handelszentrum Tyros ersetzen sollte, und zieht, auch aus Gründen der Religiosität, zum hoch angesehenen Orakelheiligtum von Siwa, wo ihn die Priester als Pharao und als Sohn des Sonnengottes Amun Re begrüßen. Da die Griechen Amun Re mit Zeus gleichsetzten, rückte Alexander nun also in göttliche Sphären auf und konnte als Sohn des Zeus verstanden werden, was durch Alexanders fiktive Abstammung von Herakles (über die Familie der Argeaden) ohnehin schon angedeutet war.
Doch schließlich muss sich Alexander Dareios im Osten stellen, der seine Rüstungsanstrengungen noch verstärkt hatte. Bei Gaugamela nun setzte der Großkönig die berühmten Sichelwagen und Kriegselefanten ein. Dareios bereitete das Gelände sogar mit Annäherungshindernissen vor, doch Alexander eröffnete die Schlacht am 1.10.331. Weil er zahlenmäßig nun weit unterlegen war, wählte er wieder die gleiche Strategie wie bei Issos, nämlich den Großkönig sofort und direkt anzugreifen. Wieder floh Dareios, Alexander konnte ihn nicht verfolgen, weil Parmenion mit seinen thessalischen Reitern erheblich unter Druck geraten war und Alexander ihm zu Hilfe eilen musste. Das Ergebnis von Issos war eindrücklich bestätigt worden. Noch auf dem Schlachtfeld wurde Alexander zum König von Asien ausgerufen.
Alexander legt Wert darauf, diesen Sieg als einen panhellenischen zu verkaufen, doch damit reibt sich sein Verhalten, das mehr und mehr die Züge eines persischen Großkönigs annahm. Und hier stellten sich die makedonischen Truppen schon die Frage, warum sie gegen den Großkönig kämpfen mussten, nur um wieder einem neuen Großkönig untertan zu sein. Diese Spannungen im Heer, die Alexander durch sein orientalisierendes Verhalten auslöste, gipfelten schließlich in der Auseinandersetzung um die Proskynese, den Kniefall, den Alexander verlangen wollte, den er aber nicht durchsetzen konnte, sowie in mehreren Verschwörungen, auf die wir hier nicht eingehen können. Alexander entledigt sich der Widersacher, auch enger Freunde, mit äußerster Brutalität und erstickt somit jede Kritik an seinen Herrschaftsformen schon im Keim.
Nach Gaugamela nimmt Alexander die großen Städte Babylon, Susa und Persepolis in Besitz. In Susa besteigt Alexander den Thron der Achaimeniden. In Persepolis lässt er den Großpalast von seinen Leuten plündern. Warum dieser Palast dann in Flammen aufging (330), lässt sich bis heute nicht schlüssig beantworten, vielleicht handelt es sich um Brandstiftung, die Alexander und seine Freunde in völliger Trunkenheit begingen. Ekbatana, die Sommerresidenz des Großkönigs, konnte dann friedlich eingenommen werden. Dareios hatte sich mit einigen Getreuen noch weiter nach Osten zurückgezogen. Er wird, als Alexander schon ganz nahe ist, von seinen eigenen Leuten umgebracht.
Alexander geriert sich nun als direkter Nachfolger, lässt Dareios mit allen Ehren bestatten und tötet die Mörder. Spätestens hier sehen wir nun, dass es Alexander um noch mehr als um die Eroberung des Perserreiches ging, denn die war ja spätestens mit dem Tod des Großkönigs abgeschlossen. Alexander wollte nun zu den Enden der damals bekannten Welt, zu den Grenzen der Oikumene. Unter größten Strapazen überwindet Alexander mit seinen Truppen 329 den Hindukusch. Ständige Kämpfe gegen Bergvölker, die einen Guerilla-Krieg führen, schwächen die Truppen Alexanders. Schließlich gelangt Alexander nach Indien, wo einige Radjas ihm sofort huldigen, andere nicht. Es kommt noch einmal zu einer großen Schlacht (326), gegen König Poros, die Alexander trotz großer eigener Verluste gewinnt. Am Fluss Hyphasis schließlich wollen Alexanders Soldaten nicht mehr weiter, sie meutern, zum ersten Mal. Alexander, dem großen Ziel vermeintlich zum Greifen nah, ist schockiert und tief verletzt, seine Soldaten hätten ihn nun, im entscheidenden Moment im Stich gelassen. Drei Tage zieht er sich schmollend in sein Feldherrnzelt zurück, bevor er den Rückzug befiehlt. Man baut ca. 2000 Schiffe und Kähne und segelt den Hydaspes, dann den Indus hinunter. An der Küste denkt Alexander, er hat den Okeanos, den Weltenrand doch noch erreicht. Um auf Nummer sicher zu gehen, fährt er aufs Meer hinaus, bis er kein Land mehr sieht. Dort opfert er Poseidon Stiere und goldene Gerätschaften, wie es das Orakel in Siwa vielleicht von ihm verlangt hatte. Man erkannte nun, dass der Indus leider doch nicht in den Nil mündete, daher wollte man sowohl die Küstenlinie als auch das Landesinnere erforschen. Zu diesem Zweck teilte Alexander das Heer. Die Flotte sollte an der Küste entlang nach Westen fahren, Alexander selbst suchte den Weg zurück durch die Gedrosische Wüste. Er wusste, was ihm bevorstehen würde, angeblich waren die babylonische Königin Semiramis und Kyros der Große an diesem Unternehmen gescheitert, also eine Herausforderung, gerade groß genug für Alexander, der mit dieser Entscheidung völlig bewusst tausende seiner Soldaten in den Tod trieb. Die meisten verdursteten oder wurden bei starken Regenfällen in den Wadis weggeschwemmt. Nach ca. 60 Tagen erreichte ein kläglicher Rest die Hauptstadt von Gedrosien. Als die Flotte in der Straße von Hormus war, konnte sie mit Alexander im Inland Kontakt aufnehmen. Flotte und Fußtruppen vereinigten sich schließlich in Susa, der Indienfeldzug war abgeschlossen. Alexander plant nun von Babylon aus einen großen Feldzug nach Arabien, um sein Reich nach Süden hin zu arrondieren. Kurz vor dem Aufbruch bekam Alexander hohes Fieber, wahrscheinlich Malaria. Rasch verschlechterte sich sein Zustand. Dem Leibwächter Perdikkas übergibt Alexander seinen Siegelring, ohne die Nachfolge wirklich zu klären. Nach drei Tagen Bewusstlosigkeit stirbt Alexander am 10. Juni 323 im Alter von 32 Jahren. Er hinterließ ein noch wenig gefestigtes Weltreich, das auch infrastrukturell nicht erschlossen war.
Doch es stellt sich die Frage, wann Alexander das Maximalziel der Welteroberung ins Auge fasste, ob es von Anfang an geplant war, so die Maximalisten Droysen, Tarn und Schachermeyer oder ob er nur von Erfolg zu Erfolg dachte und die Ziele immer höher schraubte, sich also das Konzept der Herrschaft über die Oikumene erst peu à peu herausbildete. Diesen Standpunkt nehmen die Minimalisten, wie etwa Hampl, Beloch oder Wilcken ein.
Meines Erachtens liegt der Dreh- und Angelpunkt dieser Frage in den Verhandlungen mit Dareios während der Belagerung von Tyros. Der Briefwechsel zwischen Alexander und dem Großkönig ist bei Arrian erhalten, wenn auch in seiner Historizität stark umstritten. Interessant ist die zweite Verhandlungsrunde, in der Dareios Alexander enorme Zugeständnisse machte, indem er ihm das Reich westlich des Euphrat inklusive Ägypten und seine Tochter zur Ehefrau anbot. Alexander lehnte auch dieses Angebot ab, spätestens jetzt ging es ihm ums Ganze. Ganz gleich, wie man die Glaubwürdigkeit Arrians und seiner Überlieferung einschätzen möchte, Verhandlungen zwischen Alexander und dem Großkönig werden irgendwann vor Gaugamela stattgefunden haben. Vielleicht war der Zug nach Ägypten ein retardierendes Moment, ein gewisses Zögern, sich nicht gleich nach Osten zu wenden. Vielleicht fiel die Entscheidung in der Oase Siwa, bestärkt durch ein günstiges Orakel, das Alexander möglicherweise die Weltherrschaft verhieß. Das ist natürlich reine Spekulation, aber nach dem Besuch der ägyptischen Orakelstätte weiß Alexander, was er zu tun hat und geht energisch nach Osten. Wenn also die Welteroberungspläne nicht von vornherein klar waren, so sind sie spätestens während des Besuches in der Oase Siwa gereift, mit oder ohne Verhandlungen mit dem Großkönig. Wenn dies zutrifft, so würde dem Amun Re-Heiligtum eine ganz besondere Rolle im Leben und Wirken Alexanders zukommen. Darauf könnte auch hindeuten, dass Alexander am Ende der damals bekannten Welt, im Indischen Ozean, Riten vollzog, die offenbar auf Siwa rekurrierten.
Das Weiterdenken eines zweiten Problemkreises, der Aspekt der bewussten Grenzüberschreitungen führt uns ebenfalls tiefer in die Mentalität und den egomanen Herrschaftsanspruch Alexanders hinein. Alexander liebt es, immer wieder Grenzen zu überschreiten, wenn möglich solche, die noch kein Mensch vorher überwunden hat und ihn daher in eine übermenschliche, göttliche Sphäre rücken. Alexander überschreitet als Jugendlicher die Donau, wirft den Speer nach Asien hinüber, durchquert die Kilikische Pforte, den Hindukusch sowie indische Flüsse. Er wagt sich zuletzt auf den Okeanos hinaus und zieht durch die Gedrosische Wüste zurück, um sich mit Semiramis und Kyros dem Großen zu messen. Dass dabei tausende seiner Männer ums Leben kommen, tut für ihn nichts zur Sache und unterstreicht nur seine Rücksichtslosigkeit in der bedingungslosen Verfolgung seiner Ziele.
Wer aber in der griechischen Mentalität Grenzen überschreitet, gerade auch von Gott gesetzte oder solche, die von sozialen Normen definiert waren, begeht Hybris, ein nicht sehr positiver Charakterzug. Hybris ist Arroganz, überzogenes Selbstbewusstsein im Übermaß, die andere Menschen erniedrigt, schädigt und damit zu Opfern macht. Der typische Hybristes für die Griechen ist der Tyrann. Sein Wort ist Gesetz, er nimmt sich alle Freiheit, seine Untertanen zu berauben, nach Belieben sexuelle Gewalt gegen Männer und Frauen zu üben, in Häuser einzudringen und damit Schwellen und Schranken zu überschreiten, in anderen Worten, Tabus zu brechen. Die Griechen, die unter Tyrannen zu leiden hatten, hassten diese und suchten sie zu töten. Tyrannenmord war gerechtfertigt. Auf der anderen Seite war der Begriff natürlich auch schillernd. Selbst konnte man sich gut vorstellen, ein Tyrann zu sein und absolut zu herrschen. Ein Tyrann wurde also gefürchtet, gehasst, aber auch beneidet. Und genau diese Gefühle konnte man auf Alexander projizieren. Man fürchtete, hasste und beneidete ihn. Von ihm ging alle Gewalt aus, er konnte töten und begnadigen, sein Wort war Gesetz. Aber Alexander wurde nicht nur ein Ober-Tyrann im rechtlichen und sozialen Sinne. Seine Hybris war viel umfassender. Er konkurrierte mit den Göttern selbst, sah sich über seine Mutter als Nachfahre des Achilles, über seinen Vater als Nachfahre des Herakles, nach Siwa sogar als Sohn des Zeus. Seine Hybris war also von den Göttern legalisiert, als Sohn des Zeus konnte man sich leisten, was sich Sterbliche eben nicht leisten konnten.
Alexander sah sich sicher nicht als Hybristes oder Tyrann im herkömmlichen Sinn, sondern als einen Menschen jenseits der menschlichen, in einer göttlichen Sphäre, für den menschliche Begrenzungen keine Bedeutung mehr hatten. Losgelöst von menschlichen Schranken gewinnt vor dem Hintergrund des Hybris-Begriffes und seiner Umdeutung durch Alexander der pothos-Begriff, also die Sehnsucht nach Leistung, die ihm von Aristoteles früh eingepflanzt wurde, eine ganz andere, viel grundlegendere Bedeutung.

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Quellen-Hinweise
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